Paul Reusch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Paul Reusch (ohne Jahr)

Paul Hermann Reusch (* 9. Februar 1868 in Königsbronn; † 21. Dezember 1956 auf Schloss Katharinenhof bei Backnang) war ein deutscher Industriemanager und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte. Unter seiner Leitung wandelte sich das Oberhausener Montanunternehmen endgültig zu einem gemischtwirtschaftlichen Konzern mit starker Maschinenbausparte. Als einer der einflussreichsten Wirtschaftsfunktionäre der Weimarer Republik versuchte Reusch, die Industrie auf einen antirepublikanischen Kurs festzulegen. Seine Haltung zur NSDAP war dagegen widersprüchlich.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reusch war Sohn des württembergischen Oberbergrats Karl Hermann Reusch (1824–1894) und dessen Frau Marie (geb. Riecke, Tochter des Hofkammerdirektors Christian Riecke). Er selbst heiratete 1895 Gertrude Zimmer, die Tochter eines Amtsgerichtsrats aus Breslau. Aus der Ehe gingen die Söhne Hermann und Paul junior hervor. Beide waren ebenfalls als Industrielle tätig.

Reusch studierte nach Schulbesuch in Aalen und Stuttgart an der Technischen Hochschule Stuttgart. Er studierte Hüttenwesen und schloss als Ingenieur ab. Als solcher war er zwischen 1889 und 1890 bei den Jenbacher Berg- und Hüttenwerken und von 1891 bis 1895 bei der Firma Ganz&Co. in Budapest tätig. Zwischen 1895 und 1901 arbeitete Reusch als Verwalter der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengesellschaft. 1901 wurde er Direktor der „Friedrich-Wilhelms-Hütte“ in Mülheim an der Ruhr.

Leitung der Gutehoffnungshütte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vier Jahre später wurde er in den Vorstand der Oberhausener Gutehoffnungshütte (GHH) berufen. Im Jahr 1909 übernahm Reusch den Vorsitz dieses Unternehmens, das der Familie Haniel gehörte. Dieses Amt hatte er bis 1942 inne. Mit dem Beginn seiner Tätigkeit baute er den Bergbau und Stahlbetrieb zu einem horizontal strukturierten Mischkonzern um.

Im Ersten Weltkrieg war er Mitglied des Industriellen Beirats der Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums und Vorstandsmitglied des Kriegsernährungsamtes.

Im Rahmen seines Mischkonzernkonzeptes war Reusch 1918 an der Gründung der Deutschen Werft in Hamburg beteiligt. In dieser und den meisten anderen Beteiligungen sorgte Reusch für einen Mehrheitsanteil der Gutehoffnungshütte. In der Regel wurden die Investitionen aus Eigenmittel des Unternehmens getragen. Im Jahr 1920 übernahm die GHH die Aktienmehrheit an der Maschinenfabrik Eßlingen, und ein Jahr später erwarb das Unternehmen unter Reusch die MAN AG. Damit wurde der Grundstein zum heutigen MAN-Konzern gelegt. Damit gelang der GHH die Ausdehnung in den für den Absatz des Unternehmens wichtigen süddeutschen Raum.

Verbandsfunktionär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reusch war in der Weimarer Republik nicht nur einer der mächtigsten Industriemanager, sondern auch einer der einflussreichsten Verbandsfunktionäre der Wirtschaft. Zwischen 1919 und 1929 war er Präsident der Industrie- und Handelskammer Duisburg. Damit verbunden war Reusch von 1924 bis 1930 auch Leiter der Arbeitgeberorganisation „Nordwestliche Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller.“ Außerdem hatte er von 1924 bis 1929 den Vorsitz im Langnam-Verein inne. Daneben war Reusch von 1923 bis 1933 Mitglied des Präsidiums des Reichsverband der Deutschen Industrie. Zwischen 1926 und 1933 war er stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Industrie- und Handelstages. Auf internationaler Ebene war Reusch Mitglied des Verwaltungsrates der Internationalen Handelskammer in Paris, und von 1930 bis 1938 auch im Verwaltungsrat der Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Paris vertreten.

Gegner der Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reusch, der bis zum Sommer 1918 Befürworter annexionistischer Kriegsziele des Deutschen Reiches war,[1] gehörte dem rechten Flügel der DVP[2] an und stand der Republik ablehnend gegenüber. Auf der Jahrestagung des Langnam-Vereins, am 3. Juni 1931 forderte er, dass das deutsche Volk „von einer starken Hand geführt“ werden müsse und gemeinsam Opfer bringen müsse, da sonst ein geistiger Zusammenbruch erfolge und damit „die Kultur der weißen Rasse“ dem Untergang geweiht sei.[3] Im November 1927 schrieb er an Alexander Post:

„Sie haben zweifellos Recht, dass eine Ursache der wenig erfreulichen Lage, in der sich Deutschland befindet, darauf zurückzuführen ist, dass wir ein Volk ohne Raum sind.“[4]

Er und andere Führungskräfte der GHH unterhielten enge Kontakte zu Regierungsstellen und Parteien und versuchten diese in ihrem Sinn zu beeinflussen. Im Jahr 1927 gehörte er zu den Initiatoren und führenden Köpfe der Ruhrlade. Dieses war ein informelles Gremium zur Sammlung von Spenden, die unter anderem rechten und konservativen Parteien zugutekamen. Er vermittelte auch Gelder an die Gäa. Im Jahr 1928 war er einer der Gründer des antirepublikanischen Bundes zur Erneuerung des Reiches. In diesem Zusammenhang hat Reusch versucht, die Kontrolle über verschiedene süddeutsche Zeitungen, unter diesen auch die „Münchener Neusten Nachrichten“, zu gewinnen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im Jahr 1929 gehörte Reusch zu den Persönlichkeiten aus dem Unternehmerlager, die den Reichsverband der deutschen Industrie aufforderten, die Abwehrfront gegenüber dem fortschreitenden Marxismus „mit allen Mitteln zu fördern und auf die bürgerlichen Parteien einen Druck dahingehend auszuüben, dass sie sich endlich zu einem wirksamen Widerstand gegen den Sozialismus auf allen Gebieten unserer Innenpolitik aufraffen.“ Gemeint war hiermit die große Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller.[5] Als Mitglied des rechten Flügels der DVP drängte Reusch nach der Umsetzung des Young-Plans auf einen Bruch der Koalition.[6] Seit 1931 war er Mitglied im Stahlhelm. Im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise verlangte Reusch im August dieses Jahres zusammen mit anderen führenden Industriellen von Kanzler Heinrich Brüning, das System der Arbeitslosenunterstützung zu beenden. An die Stelle der Versicherung sollte wieder die Fürsorge im Bedürfnisfall treten. Ebenso abgelehnt wurden das Schlichtungswesen und die Tarifverträge. Damit versuchten die Industriellen, das stille Einvernehmen zwischen Brüning und der SPD zu unterminieren.[7] Der Einfluss von Reusch führte dazu, dass sich 1932 die Beziehung zwischen der Regierung Brüning und der Schwerindustrie verschlechterten. Reusch schrieb am 6. September, er sei der Meinung „dass Herr Brüning, nachdem die Erwartungen, die wir auf ihn gesetzt haben, sich nicht erfüllt haben, und nachdem er nicht den Mut hat, sich von der Sozialdemokratie zu trennen, von der Wirtschaft und vom Reichsverband auf das allerschärfste bekämpft werden muss und dass ihm die Industrie ganz offen ihr Misstrauen aussprechen soll.“[8]

Haltung zur NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reusch plädierte zu Beginn des Jahres 1932 für ein Bündnis der Konservativen mit der NSDAP. Dabei hegten er und Fritz Springorum die Hoffnung, die gemäßigten Elemente zu Lasten der radikalen Elemente in den Reihen der Nationalsozialisten fördern zu können. Ihr Ziel war die Einbindung der NSDAP in Koalitionsregierungen zunächst auf Länder- und schließlich auch auf Reichsebene.[9] Am 21. Februar 1932 traf Reusch sich mit Adolf Hitler und Heinrich Himmler im Büro der Konzernleitung der Gutehoffnungshütte. Dabei gab er Hitler die Zusicherung, dass sich die vom Konzern beherrschten drei süddeutschen Zeitungen, die eigentlich der DVP nahestanden, im Wahlkampf der NSDAP gegenüber „wohlwollend neutral“ verhalten würden.[10] Dies stand im Gegensatz zur Haltung von Karl Haniel. Reusch scheiterte mit seinem Versuch an der Redaktion und dem Verlag der Münchener Neuesten Nachrichten.[11] Am 19. März 1932 traf er sich nochmals mit Hitler und drängte ihn, den wirtschaftspolitischen Kurs der Partei nicht von deren linkem Flügel (etwa der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation) bestimmen zu lassen. Keinen Erfolg hatte er aber mit seinem eigentlichen Hauptanliegen, nämlich Hitler zum Verzicht auf seine Kandidatur gegen Hindenburg bei der bevorstehenden Reichspräsidentenwahl 1932 zu bewegen.

Bereits ein halbes Jahr nach dem Beginn der Zusammenarbeit mit der NSDAP wandte er sich wieder von diesem Kurs ab und unterstützte zeitweise den Plan Franz von Papens, einen autoritären Staat zu errichten. Letztlich war er aber auch von dessen Politik enttäuscht. Ob er im November 1932 seine Zustimmung zu der Industrielleneingabe an den Reichspräsidenten mit dem Ziel Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, gegeben hatte, war in der Forschung lange umstritten. So behauptete die marxistische Forschung lange, Reusch habe sich ebenso wie die Schwerindustriellen Albert Vögler und Fritz Springorum nachträglich mit der Eingabe solidarisiert. Als Beleg wurde ein Brief des nationalsozialistischen Bankiers Friedrich Reinhart an Staatssekretär Otto Meissner vom 21. November 1932 angeführt.[12] Der amerikanische Historiker Henry A. Turner wies dagegen darauf hin, dass Reusch im Herbst 1932 einen Wahlaufruf „Mit Hindenburg für Volk und Reich!“ unterzeichnet hatte, der sich für die Regierung Papen, für die DNVP und damit klar gegen die NSDAP aussprach. Es wurde in diesem Zusammenhang angenommen, dass insofern die Mitteilung Reinharts als interessengeleitete Fehlinformation zu deuten sei.[13]

Drittes Reich und Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reusch und mit ihm Teile der Ruhrindustrie haben den Sturz des als versöhnerisch kritisierten Reichskanzlers Kurt von Schleicher begrüßt. Allerdings bedeutete dies keine vorbehaltlose Zustimmung zum neuen Regime. Gegenüber dem Schriftleiter des von Reusch gelenkten „Fränkischen Kuriers“ schrieb er, unmittelbar nach dem 30. Januar 1933: „Ich bitte nach wie vor, sich der Regierung gegenüber abwartend und nüchtern zu verhalten. Begeisterung ist vorläufig nicht am Platze.“[14] Reusch und andere eher gemäßigte Ruhrindustrielle waren skeptisch, ob der Plan Papens, die Nationalsozialisten in der Regierung „einzurahmen“, gelingen könnte. Andere seiner großindustriellen Bekannten, u.a. Albert Vögler (Vereinigte Stahlwerke AG), Fritz Springorum (Hoesch-Konzern), Krupp von Bohlen und Halbach (Krupp AG), Ernst Tengelmann (GBAG) und Ludwig von Winterfeld (Vereinigte Stahlwerke/Siemens) solidarisierten sich hingegen auf einem Treffen am 20. Februar 1933 mit Hitlers Politik: Vernichtung des Marxismus, Abschaffung der Demokratie und Wiederaufrüstung.[15] Reusch befürchtete vor den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 eine weitere Verschiebung des politischen Gleichgewicht zu Gunsten der NSDAP und zu Lasten der bürgerlichen Parteien. Er meinte, wenn es nicht gelänge diese zu einer großen Partei zu vereinigen, würden das bürgerliche Lager „vorläufig im politischen Leben Deutschlands keine Rolle mehr spielen.“ Einen realisierbaren Plan dafür hatte Reusch aber auch nicht.[16]

Am Beispiel der zum Konzern der GHH gehörenden Zeitung Münchener Neusten Nachrichten zeigt sich, dass Reusch sich rasch den neuen Gegebenheiten anpasste. Die Zeitung wurde gleichgeschaltet und Reusch tat kaum etwas, um die Mitarbeiter vor Repressalien zu schützen.[17] Reusch geriet wirtschaftspolitisch immer stärker in einem Gegensatz zum neuen Regime. Bereits zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft übte er Kritik an den Eingriffen in die inneren Angelegenheiten des RDI.[18] Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste er 1942 seine Vorstands- und Aufsichtsratsposten in der GHH und über 20 Konzernen aufgeben. Der politisch bedingte Rücktritt wurde nach 1945 stark betont, um so einen günstigen Einfluss auf sein Entnazifizierungsverfahren zu nehmen.[19]

Er zog sich auf sein schwäbisches Landgut zurück. Gegen Ende des Krieges gründete er den „Reusch-Kreis“, ein Diskussionkreis, der in engem Kontakt zur Widerstandsbewegung um Carl Goerdeler stand. Er wurde jedoch von den Nationalsozialisten deswegen nicht verfolgt.

Im Reusch-Kreis waren je sechs Landwirte und sechs Industrielle:[20] die Agrarier Graf Borcke, Richard von Flemming-Paatzig, Carl Wentzel, Tilo von Wilmowsky, Zastrow, Zitzewitz-Kottow und die Industriellen Hermann Bücher, Hjalmar Schacht, Carl Friedrich von Siemens, Fritz Thyssen, Albert Vögler und Reusch selbst.

Nach dem Krieg war er für eine aktive Rolle zu alt. Gleichwohl blieb er in vielen Bereichen Berater seines Sohnes Hermann, der 1947 die Leitung der Gutehoffnungshütte übernahm.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul-Reusch-Straße in Aalen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Bührer: Neuerscheinungen zu Paul Reusch (Rezension), in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10, 15. Oktober 2013.
  2. Winkler, Weimar, S. 365.
  3. Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr, Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2000, S. 29.
  4. Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926 – 1943. Berlin 2015, S. 54.
  5. Winkler, Weimar, S. 361.
  6. Winkler, Weimar, S. 365f.
  7. Winkler, Weimar, S. 422.
  8. Winkler, Weimar, S. 427.
  9. Thomas Trumpp: Zur Finanzierung der NSDAP durch die deutsche Großindustrie. Versuch einer Bilanz. In: Karl Dietrich Bracher/ Manfred Funke/ Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Nationalsozialistische Diktatur 1933–1945. Eine Bilanz, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Bonn 1986, ISBN 3-921352-95-9, S. 145.
  10. Winkler, Weimar, S. 452.
  11. Dieter Ziegler (Hrsg.): Großbürgertum und Unternehmer, S. 181.
  12. Eberhard Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht?. Köln 1967, S. 71 f.
  13. Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler, Berlin 1985, S. 365f.
  14. Neebe, Industrie, S. 156.
  15. Czichon, Eberhard, a.a.O., S. 71 ff.
  16. Neebe, Industrie, S.157
  17. Ausführlich: Langer, Paul Reusch und die Gleichschaltung.
  18. Neebe, Industrie, S. 174.
  19. Ziegler (Hrsg.): Großbürger und Unternehmer, S. 60.
  20. Tilo von Wilmowsky: Rückblickend möchte ich sagen … An der Schwelle des 150jährigen Krupp-Jubiläums. Stalling, Oldenburg 1961, S. 182. Mitglieder:
  21. Kindergarten Strümpfelbach erhält neuen Namen

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]