Paul Schall

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Paul Schall (* 15. Juni 1898 in Straßburg; † 16. Oktober 1981 in Karlsruhe) war ein autonomistischer elsässischer Politiker und Journalist.

Paul Schall

1919–1939: Der elsässische Autonomist[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ausgebildete technische Zeichner interessierte sich schon früh für den Journalismus. Er war von 1918 bis 1925 Redakteur und Karikaturist der politisch-satirischen Wochenschrift D´r Schliffstaan (Der Schleifstein)[1] und seit 1925 Chefredakteur der „Zukunft“, des Presseorgans des Elsaß-Lothringischen Heimatbundes. In dem bis zu seinem Verbot 1927 erscheinenden Blatt beanspruchte Schall für die Bewohner von Elsass und Lothringen den Status einer nationalen Minderheit innerhalb der Dritten Französischen Republik, deren religiöse, sprachliche, kulturelle und letztlich auch politischen Besonderheiten von der französischen Zentralregierung zu respektieren seien.

Zusammen mit Hermann Bickler nahm Schall am 11. September 1927 am ersten Kongress der rechtsgerichteten autonomistischen Gruppe Breiz Atao („Bretagne für immer)“ in Rosporden teil. Auf seine Initiative hin wurde dort am 12. September 1927 ein «Comité des minorités nationales de France» (Komitee der Minderheitenvölker Frankreichs) gegründet, das katalanische, bretonische, flämische und korsische Autonomisten in Frankreich dazu aufrief, „Separatisten“ zu werden und sich von Frankreich zu lösen. Am 25. September gründete Schall zusammen mit Karl Roos und René Hauss die „Unabhängige Landespartei für Elsaß-Lothringen“ (ULP), die ein weitgefasstes Selbstbestimmungsrecht für Elsass-Lothringen forderte. Nachdem am 12. November zunächst die Zukunft verboten wurde, wurde Schall am 30. Dezember 1927 verhaftet, 23 weitere Autonomisten zwischen November 1927 und März 1928 ebenso.[2][3] Schall wurde im nachfolgenden Colmarer Komplott-Prozess am 24. Mai 1928 wegen Verschwörung gegen die Staatssicherheit (atteinte à la sûreté de l'Etat) zu 1 Jahr Gefängnis und 5 Jahren Aufenthaltsverbot im Elsass verurteilt.[4] Allerdings wurde er im nachfolgenden Juli aufgrund einer Amnestie frei gelassen,[5] die Gerichtsurteile 1931 schließlich durch Begnadigung für alle in Colmar verurteilten Autonomisten aufgehoben. Zwischen 1928 und 1931 war Schall einer der Wortführer der Unabhängigen Landespartei. Er wurde jedoch in den folgenden Jahren zunächst durch Karl Roos und später durch Hermann Bickler aus dieser führenden Position verdrängt.

1939 wurde Schall verhaftet, zunächst als einer der Nanziger in Nancy inhaftiert, später nach Südfrankreich verlegt und 1940 von deutschen Truppen wieder befreit.

1940–1945: Der Kollaborateur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ins Elsass zurückgekehrt, unterzeichnete Schall das Manifest von Drei-Ähren (Manifeste des Trois-Épis). Er trat in die NSDAP ein und wurde zum stellvertretenden Chefredakteur der „Straßburger Neueste Nachrichten“ und zum Kreisleiter von Molsheim ernannt. 1942 wurde Schall Nachfolger Hermann Bicklers als Kreisleiter von Straßburg. Anlässlich einer Rede am 14. Februar 1943 behauptete er, bereits in den dreißiger Jahren an nationalsozialistischen Versammlungen in Kehl, Offenburg und Freiburg teilgenommen und damals auch Adolf Hitler getroffen zu haben. Er unterstützte bis zuletzt die Politik des Gauleiters Robert Wagner und richtete noch 1945 von einer Rundfunkstation in Hessen aus tägliche Appelle an die elsässische Bevölkerung.[6]

Nach 1945: Exil in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. September 1947 wurde Schall von einem französischen Gericht (neben Hermann Bickler, Friedrich Spieser und einigen anderen) wegen Staatsverrats in Abwesenheit zum Tode verurteilt.[7] Er war nach Württemberg geflohen und erhielt schließlich 1956 die deutsche Staatsangehörigkeit. Bis 1970 war er Chefredakteur der Zeitschrift „Der Westen“.[8] 1981 verstarb Paul Schall.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ende der Demokratie? Eine zeitgemäße Untersuchung. Neuer Elsässer Verlag, Strasbourg [ohne Jahresangabe, ca. 1935]
  • Gegen Reaktion und Bolschewismus. Die 10 Punkte des Autonomischen Delegiertentags vom 29. November 1936 und die Rede von Redakteur Paul Schall zur politischen Lage. Strasbourg 1936.
  • Der Elsässer-Front entgegen. Verlag der ELZ, Strasbourg 1937.
  • Karl Roos und der Kampf des heimattreuen Elsaß. Alsatia, Colmar 1941.
  • Zwei Jahre nationalsozialistischer Aufbau im Elsaß. Oberrheinischer Gauverlag, Straßburg o. J. [env. 1942]
  • Arnold Lauth (Pseudonym): Mai's Auslandstaschenbücher Nr. 23: Strassburg und das Elsass. Verlag Volk und Heimat, Buchenhain 1962.
  • Eamon de Valera und der Kampf Irlands um seine Freiheit. Zeitbiographischer Verlag, Kreuzweingarten 1964.
  • Arnold Lauth (Pseudonym): Kleine Geschichte des Elsass. Akademischer Verein Kyffhäuser, 1968.
  • Bruno Kray (Pseudonym): Europa gegen, ohne, mit England? Zeitbiographischer Verlag, Kreuzweingarten 1969.
  • Elsaß: gestern, heute - und morgen? Gesellschaft der Freunde und Förderer der Erwin-von-Steinbach-Stiftung, Filderstadt-Bernhausen 1976.
  • Geschichte des Elsaß in Kurzfassung. Erwin-von-Steinbach-Stiftung[9], Frankfurt 1978.
  • Eckartschriften Heft 66: Elsaß-Lothringen.[10] Schutzverein Österreichische Landsmannschaft, Wien 1978.
  • Rätsel Irland. Ein Volk im Zwiespalt. Arndt-Verlag, Vaterstetten 1979.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden Ende der Demokratie?, Der Elsässer-Front entgegen und Karl Roos und der Kampf des heimattreuen Elsaß im Jahr 1946 auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973 (Studien zur Zeitgeschichte. Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte), ISBN 3-421-01621-6 (auch in Französisch verlegt)
  • Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den beiden Weltkriegen. Peter Lang, Frankfurt a. Main 1976 (Europäische Hochschulschriften, 42), ISBN 3-261-01485-7[12]
  • Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919—1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0
  • Kurt Hochstuhl: Zwischen Frieden und Krieg: Das Elsaß in den Jahren 1938–1940. Ein Beitrag zu den Problemen einer Grenzregion in Krisenzeiten. Peter Lang, Frankfurt 1984, ISBN 3-8204-8254-7 (Europäische Hochschulschriften, 250)
  • Christopher J. Fischer: Alsace to the Alsatians? Visions and Divisions of Alsatian Regionalism, 1870-1939 (Studies in Contemporary European History, Vol. 5). Berghahn, New York-Oxford 2010. ISBN 978-1-84545-724-2

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fischer: Alsace to the Alsatians?, S. 159–162. Berghahn, New York-Oxford 2010; auf Grund einer Veröffentlichung in diesem Blatt wurde Schall 1918 durch ein Straßburger Gericht wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (outrages aux bonnes moeurs) verurteilt. Er selbst schätzte seine Darstellung als politische Satire ein. Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919—1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, S. 16.
  2. Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung. Peter Lang, Frankfurt/M 1975. S. 137–138
  3. Elsaß-Lothringische Mitteilungen. Gesamtband 1928. Elsaß-Lothringischer Hilfsbund-Verlag, Berlin. S. 20
  4. Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung. Peter Lang, Frankfurt/M 1975, S. 133, S. 158–162; Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919—1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, S. 28
  5. Elsaß-Lothringische Mitteilungen, Gesamtband 1928, S. 356
  6. Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973 (Studien zur Zeitgeschichte. Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte), S. 287 und S. 315, Anmerkung 72.
  7. Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919—1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, S. 104 und 111.
  8. Der Westen. Mitteilungsblatt der Arbeitsgemeinschaft Der Westen, bestehend aus der Gesellschaft der Freunde und Foerderer der Erwin-von-Steinbach-Stiftung (hervorgegangen aus dem Bund der Elsaesser und Lothringer e.V. und dem Bund Vertriebener aus Elsass-Lothringen und den Weststaaten e.V.) sowie der Erwin-von-Steinbach-Stiftung. Erscheinungsort Bretten 1951ff. ISSN 0179-6100
  9. benannt nach Erwin von Steinbach, dieser stellvertretend für das Straßburger Münster als ein Symbol der alemannischen Kultur
  10. österreichische Ausgabe von Geschichte des Elsaß in Kurzfassung
  11. Datenbank Schrift und Bild 1900-1960
  12. Rothenberger nennt als Quellen mündliche und schriftliche Befragungen u. a. Schalls, Robert Ernsts und Friedrich Spiesers an und gibt an etlichen Stellen deren Sicht auf ein Ereignis unkommentiert als Tatsache wieder