Pavillonstil

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Die begrünte Promenade trennt die rechts und links davon angesiedelten Fachkliniken des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin

Als Pavillonstil oder Pavillonbauweise wird eine Periode bei der Konzeption von Krankenhausbauten Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Diese Bauweise sollte eine Therapie im Krankenhaus in kleinen Gruppen von Patienten in grüner Umgebung ermöglichen.

Stilmerkmale und Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Gebäude sind in sich funktional relativ autark und liegen in einer parkähnlichen Umgebung. Diese dezentrale Struktur entstand mit Blick auf eine angenehme Atmosphäre zur Genesung des Patienten, entsprach genauso dem Autonomiebedürfnis von Chefärzten und Professoren der Zeit um 1900 und galt als modern, richtungweisend sowie unter hygienischen Aspekten vorteilhafter (die Bildung autarker Gebäudeinseln sollte der Ausbreitung von Krankheiten über das ganze Klinikareal entgegenwirken).

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Am 1. Juli 1876 wurde die Provinzial-Irren-Anstalt Rittergut Alt-Scherbitz unter Leitung von Köppe gegründet. Sie besteht heute als Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Altscherbitz in Schkeuditz vor den Toren Leipzigs fort. Insbesondere Köppes Nachfolger, Geheimrat Dr. Paetz, trieb die vom Gründungsdirektor begonnenen Innovationen voran, indem er weitere Pavillons errichten ließ und das Offen-Tür-System, das Wachsaalsystem sowie die Arbeitstherapie einführte.[1]
  • Das 1891 bis 1895 hauptsächlich nach Plänen von Paul Rowald errichtete städtische Nordstadtkrankenhaus in Hannover gilt als eine der ersten Kliniken in Pavillonbauweise
  • 1901 wurde das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden von Stadtbaurat Edmund Bräter in diesem Stil errichtet. Es steht heute unter Denkmalschutz.[2]
  • Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus von 1906 war das letzte in diesem Stil erbaute Krankenhaus in Berlin.[3] Die Gebäude lagen alle an einer langen Allee. Fast jede Station verfügt über ein eigenes Gebäude, in dem jeweils Bettenhaus und Behandlungsräume vereint waren. Die Patienten sollten auf diese Weise in kleine Gruppen aufgeteilt werden, umgeben vom Grün des Krankenhausparks.
  • Die Heilanstalt Heidehaus in Hannover entstand 1907 zur Behandlung von Tuberkulosepatienten.
  • Die Psychiatrische Klinik am Steinhof in Wien-Penzing wurde nach Plänen von Otto Wagner und Carlo von Boog im Jahre 1907 eröffnet.
  • Im Jahr 1908 wurde die „Großherzogliche Landes-Irrenanstalt bei Alzey“ als staatliche Anstalt für Rheinhessen eröffnet, gebaut vom Großherzoglichen Hochbauamt Mainz unter Mitwirkung von Alexander Beer, heute Rheinhessen-Fachklinik Alzey.[4]
  • Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn wurde 1911 eröffnet und genoss seinerzeit Vorzeigecharakter.
  • Das Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg; am 1. Juni 1909 Eröffnung als „Dritte Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt in Homburg“.

Weiterentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei späteren Bauten wurde das Trabantensystem bevorzugt, bei dem mehrere Stationen oder Kliniken in einem Haus zusammengefasst wurden. An diesem System wurde später bemängelt, dass es „mit einem blockartigen Hauptbau und den mehr selbständigen Abteilungen in Pavillonart mit jeweils dahinterliegenden Behandlungsflügeln“ viel zu lange Transportwege für die Patienten der einzelnen Abteilungen aufweise.[5]

Für ein modernes Krankenhaus ist der Pavillonstil wegen der teilweise isolierten Lagen und der langen Transportwege ohne Wetterschutz für Patientenbewegungen und Essensversorgung überholt. Zentrale OP- und Laboreinrichtungen erfordern eher eine horizontal oder vertikal netzartige Struktur der Bettenhäuser und Stationen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1]
  2. uniklinikum-dresden.de
  3. charite.de
  4. 100 Jahre Rheinhessen Fachklinik Alzey, Gründungs- und Baugeschichte, Seite 38 bis 40
  5. Aus der grünen Bibel. In: Der Spiegel. Nr. 13, 1961 (online).