Perversion

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Dieser Artikel behandelt das abnorme Verhalten. Für Jurij Andruchowytschs Roman siehe Perversion (Roman).
Klassifikation nach ICD-10
F65.0 Fetischismus
F65.2 Exhibitionismus
F65.3 Voyeurismus (Störung der Sexualpräferenz)
F65.4 Pädophilie
F65.5 Sadismus (Störung der Sexualpräferenz)
F65.5 Masochismus (Störung der Sexualpräferenz)
F65.8 Nekrophilie (Sonstige Störungen der Sexualpräferenz)
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Perversion (von lat. perversus ‚verdreht‘, ‚verkehrt‘) bezeichnet eine Verkehrung ins Krankhafte oder Abnorme bzw. ein solches Empfinden und Verhalten.[1] Umgangssprachlich wird der Begriff vielfach für ein stark abweichendes oder tabuisiertes Verhalten oder eine Entwicklung in diese Richtung verwendet.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich war die Verwendung des Adjektivs pervers im medizinischen Sprachgebrauch nicht negativ besetzt.[2] Der Begriff der Perversion ist zunächst mit der Degenerationslehre des ausgehenden 19. Jahrhunderts verknüpft.[3] Wesentliche wissenschaftliche Grundlagen lieferte Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk zur Sexualpathologie. Dort unterschied er auch zwischen Krankheit (Perversion) und Laster (Perversität).[4][5] Homosexuelle Männer wurden damals als erblich belastete Perverse dargestellt. Nach Sigmund Freuds Veröffentlichung der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie im Jahre 1905 hat sich das Begriffsverständnis vor allem in Bezug auf die sexuellen Aspekte verbreitet.[6] Anschließend haben sich in der zeitlichen Reihenfolge weitere Begriffe entwickelt: Deviation, Abweichungen, Spielarten des Sexuellen, Varianten, Paraphilie, Präferenzstörungen.[6] Auch ist die Bezeichnung Dissexualität von Beier in den Jahren 1994, 1995 vorgeschlagen worden.[3]

Bis ins späte 20. Jahrhundert hinein wurden in den meisten Staaten homosexuelle Handlungen unter Männern als pervers eingestuft und teilweise strafrechtlich verfolgt, weil zum Beispiel die Fähigkeit partnerschaftlicher Liebesbeziehungen unter Homosexuellen bestritten wurde. Traditionell wurde in vielen Kulturkreisen insbesondere ein Sexualverhalten als pervers bezeichnet, wenn es nicht der Fortpflanzung diente. Ebenso gelten zum Teil noch heute sexuelle Aktivitäten und Phantasien, deren Objekt kein Partner ist, mit dem ein Kind gezeugt werden kann, als pervers.[7]

Während im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) die Bezeichnung Perversion durch Paraphilie ersetzt wurde, verwendet die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) den Begriff Sexualpräferenzstörungen.[6]

Die Frage der Krankheitswertigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im sexuellen Kontext steht die Bezeichnung für eine stark zeit- und gesellschaftsabhängige Abweichung von den allgemein als angemessen betrachteten soziokulturellen Normen hinsichtlich sexueller Begierde und Handlung. Im Zentrum stehen unübliche sexuelle Praktiken oder Objekte. Gerade im sexuellen Bereich ist es jedoch oft kulturabhängig, was als Abweichung von der Normalität gilt.

In vielen Kulturkreisen werden noch heute z. B. oral-genitale oder anal-genitale Sexualität, Homosexualität, Masturbation als Perversionen bezeichnet, während diese laut ICD-10 normgerechtes Verhalten darstellen. Im ICD-10 und im neueren DSM-5[8] werden stattdessen Störungen der Sexualpräferenz diagnostiziert, wie Fetischismus,[9] fetischistischer Transvestitismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie, bestimmte Formen des Sadomasochismus, Sodomie und vergleichbar starke Abweichungen der Sexualität vom „Normverhalten“.

In Anlehnung an Hans Giese wird die Bezeichnung „sexuelle Perversion“ dann verwendet, wenn es sich um ein krankhaftes Abweichen handelt.[10] Die Krankheitswertigkeit wird von Giese, aber auch von Eberhard Schorsch (1971) und Johann Glatzel[11] an folgenden Kriterien festgemacht:[10]

„Austauschbarkeit der Partner, Anonymität und Promiskuität, Ausbau der Phantasie, Praktik und Rafinement, süchtiger Charakter des Verhaltens, Ritualisierung, Ichbezogenheit, Entlastung nichtsexueller Schwierigkeiten durch Sexualität und Gestaltzerfall, indem das Objekt sexueller Begierde aus dem Kontext personalen Beziehungsrahmen gelöst wird.“

Die Psychoanalytikerin Estela Welldon verwendet den Begriff Perversion „durchweg im Sinne einer anerkannten klinischen Existenzform […], bei der die betroffene Person nicht die Freiheit besitzt, genital-sexuelle Befriedigung zu erlangen und sich stattdessen einem zwanghaften Verhalten unterworfen fühlt, bei dem unbewußte Feindseligkeit eine Rolle spielt.“[12] Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch begründet sein Festhalten am Perversionsbegriff:

„Ich habe mich entschieden, behandlungsbedürftige, süchtige sexuelle Entwicklungen weiterhin Perversion zu nennen. Der Hauptgrund ist: Dieses Wort beschönigt nichts; es ruft die Katastrophe beim Namen. Von dem Ausdruck Paraphilie, den jüngere Sexualwissenschaftler vorziehen, kann das nicht gesagt werden. Dieses Wort sollten wir benutzen, wenn es um ungewöhnliche sexuelle Vorlieben und Verhaltensweisen geht, die keiner Therapie bedürfen und die niemandem Gewalt antun, die also weder den Paraphilen selbst noch eine andere Person schädigen.“

Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten[13]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Ammerer: Krafft-Ebing, Freud und die Erfindung der Perversion. (Versuch einer Einkreisung). Tectum, Marburg 2006, ISBN 3-8288-9159-4.
  • Heinrich Ammerer: Am Anfang war die Perversion. Richard von Krafft-Ebing, Psychiater und Pionier der modernen Sexualkunde. Styria Premium, Wien/Graz/Klagenfurt 2011, ISBN 978-3-222-13321-3 (überarbeitete Dissertation, Universität Salzburg, 2010).
  • Sergio Benvenuto: Perversionen. Sexualität, Ethik und Psychoanalyse. Turia & Kant 2009, ISBN 978-3-85132-549-2
  • Janine Chasseguet-Smirgel: Die Anatomie der menschlichen Perversion. Gießen: Psychosozial-Verlag 2002
  • Eberhard Schorsch, Gerlinde Galedary, Antje Haag, Margret Hauch und Hartwig Lohse: Perversion als Straftat. Dynamik und Psychotherapie. Springer, Berlin 1985, ISBN 3-540-12468-3.
  • Eberhard Schorsch; Perversion, Liebe, Gewalt. Herausgegeben von Volkmar Sigusch und Gunter Schmidt, Beiträge zur Sexualforschung, Bd. 68. Enke, Stuttgart 1993, ISBN 3-432-25391-5.
  • Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Campus, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 3-593-37724-1.
  • Robert Stoller: Perversion. Die erotische Form von Haß. Psychosozial, Gießen 1998, ISBN 3-932133-51-X.
  • Estela V. Welldon: Perversionen der Frau (= Martin Dannecker, Gunter Schmidt, Volkmar Sigusch [Hrsg.]: Beiträge zur Sexualforschung. Band 82). Psychosozial, Gießen 2003, ISBN 3-89806-164-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden, Stichwort Perversion.
  2. Sydney Alrutz: Über die sog. perversen Temperaturempfindungen. In: Skandinavisches Archiv für Physiologie. Band 18, 1906, S. 166–176.
  3. a b Hans-Jürgen Möller, G. Laux, H.-P. Kapfhammer: Psychiatrie und Psychotherapie. Springer-Verlag, 2007, ISBN 978-3-540-27386-8, S. 1537 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Claudia Bundschuh: Pädosexualität: Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen. Springer, 2013, ISBN 978-3-663-10987-7, S. 18 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Andreas Marneros: Intimizid: die Tötung des Intimpartners ; Ursachen, Tatsituationen und forensische Beurteilung ; mit 12 Tabellen. Schattauer, 2008, ISBN 978-3-7945-2414-3, S. 179 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. a b c Ilka Quindeau: Freud und das Sexuelle: neue psychoanalytische und sexualwissenschaftliche Perspektiven. Campus Verlag, 2005, ISBN 978-3-593-37848-0, S. 136 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Weber, Klaudia Luise et al.: Perversionen. Ein Standardwerk der Sexualpsychologie. Edition Liber Specialis. Norderstedt 2015
  8. David Kupfer, Darrel Regier: DSM-5 Implementation and Support. American Psychiatric Association, abgerufen am 4. Mai 2015 (englisch).
  9. John Junginger: Summation of arousal in partial fetishism. In: Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. Bd. 19, Nr. 4, 1988.
  10. a b Norbert Nedopil: Forensische Psychiatrie: Klinik, Begutachtung und Behandlung zwischen Psychiatrie und Recht ; 69 Tabellen. Georg Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-13-103453-3, S. 199 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 20. Februar 2016]).
  11. Johann Glatzel: Forensische Psychiatrie: Der Psychiater im Strafprozess. F. Enke, Stuttgart 1985, ISBN 3-432-94901-4.
  12. Estela V. Welldon: Perversionen der Frau. Psychosozial, Gießen 2003, ISBN 3-89806-164-7, S. 208.
  13. Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten. Zwischenrufe eines Sexualwissenschaftlers. Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4, S. 100.