Rat für deutsche Rechtschreibung

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Der Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR) wurde im Jahr 2004 als Nachfolger der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens gemeinsam eingerichtet.

Die Geschäftsstelle des Rats ist am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim angesiedelt. Vorsitzender ist seit Bestehen der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, der am 25. März 2011 für eine weitere Amtszeit wiedergewählt wurde.

Auftrag[Bearbeiten]

Auf der Website des Rats für deutsche Rechtschreibung wird der Auftrag wie folgt beschrieben: »Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist ein zwischenstaatliches Gremium, das vonseiten der staatlichen Stellen damit betraut wurde, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthografischen Regelwerks im unerlässlichen Umfang weiterzuentwickeln. Der Rat ist somit die maßgebende Instanz in Fragen der deutschen Rechtschreibung und gibt als solche mit dem amtlichen Regelwerk das Referenzwerk für die deutsche Rechtschreibung heraus. Der Rat tritt mindestens zweimal im Jahr zu einer Sitzung zusammen.«[1]

Entstehung[Bearbeiten]

Besonders im Sommer 2004 war es wiederum zu einer hitzigen Debatte über den Sinn der Rechtschreibreform gekommen, in der sich z. B. der damalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulff, und mehrere Publizisten (Stefan Aust vom Spiegel-Verlag, Mathias Döpfner vom Axel-Springer-Verlag [2]) öffentlich für die Rückkehr zur traditionellen Rechtschreibung ausgesprochen hatten. Nachdem die deutsche Ministerpräsidentenkonferenz im November 2004 die Reform einstimmig bestätigt hatte, wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung, in dem auch Kritiker der Reform vertreten sind, als Nachfolger der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung gegründet.

Zusammensetzung[Bearbeiten]

Vorsitzender: Hans Zehetmair

Der Rat besteht aus insgesamt 39 Mitgliedern. 18 von ihnen kommen aus Deutschland, neun jeweils aus Österreich und der Schweiz sowie ein Vertreter jeweils aus Liechtenstein, Bozen-Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Beschlüsse werden mit einer Zweidrittelmehrheit gefasst. Der Rat konstituierte sich am 17. Dezember 2004. Dem Rat gehören sowohl Befürworter als auch Kritiker der Rechtschreibreform an. In der Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz vom 15. Oktober 2004 hatte deren damalige Präsidentin Doris Ahnen ausdrücklich betont, der Rat werde „in seiner Zusammensetzung durch ein hohes Maß an Pluralität“ gekennzeichnet sein, und er sei „ein faires Angebot insbesondere an die Kritikerinnen und Kritiker“. Der strikte Reformgegner Theodor Ickler verließ den Rat im Februar 2006.

Luxemburg, das bereits an der Ausarbeitung der Reform nicht teilnahm, die reformierte deutsche Rechtschreibung jedoch durch Regierungsdekret an den luxemburgischen Schulen einführte, beteiligt sich auch nicht am Rat für deutsche Rechtschreibung. Othon Neuen, beigeordneter Inspektor im Bildungsministerium, erklärte hierzu im August 2004, die neue Rechtschreibung werde von den Luxemburger Lehrern und Schülern wegen ihrer Vereinfachungen gut akzeptiert. Luxemburg habe jedoch als „nicht deutschsprachiges Land“ leider kein Recht darauf, mit zu entscheiden, in welche Richtung es nun weitergehe[3], obwohl es im Gegensatz zu dieser Grundeinstellung andererseits sowohl Teil der Francophonie ist als auch Mitglieder in der Académie française hat[4].

Korrekturvorschläge[Bearbeiten]

Zu den inhaltlichen Einzelheiten: → Neuerungen der deutschen Rechtschreibreform von 1996

Im April 2005 hatte der Rat erste Vorschläge zur Korrektur der Rechtschreibreform veröffentlicht, die sich mit der Getrennt- und Zusammenschreibung befassten. So sollen z. B. wieder mehr Verben oder Verben in Kombination mit Adjektiven zusammengeschrieben werden, die zusammen eine andere Bedeutung haben als isoliert. Zum Beispiel: gemäß der Reform von 1996 „heilig sprechen“, laut den Vorschlägen „heiligsprechen“. Auch „kennen lernen“ kann demnach wieder zusammengeschrieben werden. Die mit der Reform eingeführte Schreibweise „Leid tun“ wurde hingegen gestrichen, seitdem gilt allein die Schreibweise „leidtun“, die im Jahre 2004 als Variante eingeführt worden war. Die vor der Reform übliche Schreibweise „leid tun“ soll weiterhin als falsch gelten. Hans Zehetmairs Ankündigung, „krankschreiben“ solle „wieder zusammengeschrieben werden“, ist jedoch dahingehend falsch, als dass „krankschreiben“ erst seit der Reform von 1996 zusammengeschrieben werden soll (traditionelle Rechtschreibung: „krank schreiben“). In diesem Fall wird die reformierte Schreibweise beibehalten.

Am 12. April 2005 wurde außerdem bekanntgegeben, dass „unstrittige“ Teile der Reform laut Beschluss der Kultusministerkonferenz wie geplant zum 1. August 2005 in Schulen und Behörden verbindlich werden sollen, um Schüler und Lehrer nicht unnötig zu verunsichern. Hierzu gehören unter anderem die Schreibung von Doppel-s (ss) und Eszett (ß) gemäß der heyseschen s-Schreibung – zum Beispiel dass anstelle von daß –, die Regelung zum Zusammentreffen dreier gleicher Konsonanten, die Bindestrich-Schreibung, die Groß- und Kleinschreibung sowie die Fremdwortschreibung. Bayern und Nordrhein-Westfalen kündigten jedoch an, sich nicht an diesen Beschluss zu halten, obwohl sie ihn selbst mitgetragen hatten. So haben bis zum August 2006 in diesen beiden Bundesländern weiterhin die Übergangsregelungen gegolten.

Am 4. Juni 2005 verabschiedete der Rat seinen Vorschlag zur Revision der Getrennt- und Zusammenschreibung, der den Usus der traditionellen Rechtschreibung weitgehend wiederherstellen sollte.

Am 25. November 2005 erfolgten schließlich auch Vorschläge des Rates zur Worttrennung am Zeilenende und zur Zeichensetzung, die die ursprünglichen Reformregeln von 1996 teilweise rückgängig machten. So wurde bei der Worttrennung am Zeilenende aus ästhetischen Gründen die Möglichkeit gestrichen, Einzelvokale am Wortanfang oder -ende abzutrennen (A-bend, Bi-o); andererseits wird ck weiterhin so behandelt wie ch und sch (Bä-cker, la-chen, wa-schen), also weiterhin nicht mehr k-k getrennt (Bäk-ker). Bei der Zeichensetzung beschloss man unter anderem, dass zwischen selbstständigen Sätzen, die z. B. mit „und“ oder „oder“ verbunden sind, weiterhin ein Komma zur Gliederung des Satzes gesetzt werden darf, nicht mehr jedoch zwischen solchen Nebensätzen. Auch bei Infinitivgruppen ist die Kommasetzung nicht mehr generell freigestellt (Beispiel: Ich benutze die Wikipedia, um mich zu informieren; dieses Komma muss gesetzt werden).

Am 3. Februar 2006 legte der Rat Korrekturvorschläge zum Thema Groß- und Kleinschreibung vor. So soll beispielsweise die Großschreibung von „Du“ in Briefen sowie von Verbindungen des Typs „Schwarzes Brett“ und „Erste Hilfe“ wieder zulässig sein. Die mit der Reform von 1996 eingeführten Schreibweisen „Pleite gehen“ und „Bankrott gehen“ sollen nun „pleitegehen“ und „bankrottgehen“ geschrieben werden, während man vor der Reform „pleite gehen“ und „bankrott gehen“ schrieb. Die mit der Reform von 1996 eingeführte Großschreibung von Tageszeiten wie „heute Morgen“ und „morgen Abend“ soll beibehalten werden.

Diese Korrekturvorschläge[5] des Rats zu den verschiedenen Gebieten der Rechtschreibung sind Ende März 2006 von den Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer einstimmig angenommen worden und zum 1. August 2006 in Kraft getreten.

Am 22. Juni 2007 traf sich der Rechtschreibrat zu seiner zehnten Sitzung. Es wurden keine Änderungen am Regelwerk beschlossen. Nach Einschätzung des Vorsitzenden des Rates Zehetmair ist die Rechtschreibreform nun nach der weitgehenden Übernahme des Regelwerks durch die FAZ auch bei den Printmedien „eingetütet“. Für die nächste Sitzung ist u. a. die Überprüfung der Laut-Buchstaben-Zuordnung (z. B. Gemse) geplant. [6][7]

Seitdem das modifizierte amtliche Regelwerk 2006 in Kraft trat, beobachtet der Rat den Schreibgebrauch und legte im Dezember 2010 seinen zweiten Bericht vor.[8] Die Kultusministerkonferenz berechtigte den Rat zu eigenständigen kleineren Änderungen des amtlichen Wörterverzeichnisses,[9] sodass die im Bericht vorgeschlagenen Anpassungen einiger weniger Fremdwortschreibweisen direkt eingearbeitet werden konnten.

Gleichnamiger Verein[Bearbeiten]

Von der hier beschriebenen Institution ist der 2004 in München gegründete Verein Rat für deutsche Rechtschreibung e.V. zu unterscheiden.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Über den Rat für deutsche Rechtschreibung, Stand vom 20. Mai 2008.
  2. Pressemitteilung der Axel Springer AG vom 6. August 2004
  3. Luxemburger Wort, 9. August 2004
  4. http://www.francophonie.org/oif/membres.cfm
  5. Ausführlich in einer Extraausgabe (PDF; 377 kB) der Zeitschrift Sprachreport, einen Überblick bietet die Gesellschaft für deutsche Sprache
  6. Originalton der Pressekonferenz des Rechtschreibrates nach der Sitzung vom 22. Juni 2007 (MP3; 47,7 MB)
  7. Transkription der Pressekonferenz des Rechtschreibrates nach der Sitzung vom 22. Juni 2007 (PDF; 36 kB)
  8.  Rat für deutsche Rechtschreibung (Hrsg.): Bericht über die Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung von März 2006 bis Oktober 2010. 2010 (PDF).
  9. Pressemitteilung der KMK vom 9. Dezember 2010, Abschnitt Bericht des Rats für deutsche Rechtschreibung, abgerufen am 28. Oktober 2011