Gendersternchen

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Gendersternchen (ein Asterisk im Schriftfont Times New Roman)

Genderstern(chen), auch Gender-Sternchen oder Gender Star (von englisch gender „soziales Geschlecht“), bezeichnet ein Schriftzeichen in Sternform (Asterisk), das als Methode der geschlechtergerechten Sprache in der geschriebenen Form des Deutschen eingesetzt wird. Das Zeichen wird zwischen dem eigentlichen Wortstamm und der movierten weiblichen Endung einer Personenbezeichnung eingefügt („Kolleg*innen“) oder zwischen männlicher und weiblicher Endung („Verkäufer*in“). Um in Fließtexten die richtige Grammatik und Syntax zu gewährleisten, werden dazu auch Pronomen und Artikel mit Sternchen gegendert: „jede*r Leser*in … sein*e Mitarbeiter*in … der*die Besitzer*in“.

Der Stern soll im Rahmen des geschlechterbewussten Umgangs mit Sprache sowohl männliche und weibliche wie auch nichtbinäre Geschlechtsidentitäten zum Ausdruck bringen (vergleiche divers).[1] Das Wort „Gendersternchen“ wurde 2018 zum Anglizismus des Jahres gekürt,[2] aber auch begrüßt.[3] In einigen Behörden empfehlen Gleichstellungsbeauftragte die Verwendung des Gendersterns, beispielsweise die Universität Wien 2019,[4] der skandinavische Streamingdienst Spotify führte es Anfang 2020 ein.[5]

Ähnlich zur Verwendung des Sternchens wird der Gendergap („Kolleg_innen“) oder der Gender-Doppelpunkt eingesetzt („Mitarbeiter:innen“).

Wortherkunft [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gendersternchen war anfänglich Teil der feministischen Bemühungen um eine geschlechtersensible oder geschlechtergerechte Sprache. Das Zeichen soll es ermöglichen, auf das generische Maskulinum zu verzichten und im Gegensatz zum Binnen-I, das nur männliche und weibliche Personen umfasst, auch weitere Geschlechter mit einzubeziehen.[6] So soll der sprachliche Gender-Gap geschlossen werden.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Genderstern wird häufig in Zusammenhängen verwendet, in denen nicht nur von zwei Geschlechtern ausgegangen wird. 2010 erwähnt ein Gutachten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes die Schreibweise in Zusammenhang mit transgender und intersexuellen Personen: „Trans* ist ein recht junger, im deutschsprachigen Raum inzwischen verbreiteter, weit gefasster Oberbegriff für eine Vielfalt von Identitäten und Lebensweisen. Dabei dient der Stern * als Platzhalter für diverse Komposita.“[7]

War das Sternchen zunächst im hochschulischen Umfeld gebräuchlich, wird es seit 2015 zunehmend in anderen Bereichen verwendet,[8] etwa in öffentlicher Verwaltung und Institutionen.[9] Um transgender, transsexuelle und intersexuelle Personen nicht zu diskriminieren, ist der Genderstern seit einem Parteitagsbeschluss von 2015 der „Regelfall“ in Dokumenten der deutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen.[10][8] Bei offiziellen Schriftstücken des Berliner Senats ist er seit 2017 die Norm[11][12] und wurde bereits in der Koalitionsvereinbarung 2016 eingesetzt.[13][14]

Im Dezember 2019 empfiehlt die „Dienstleistungseinrichtung Personalwesen und Frauenförderung“ der Universität Wien: „Um die Realität geschlechtlicher Vielfalt sprachlich sichtbar zu machen, sollte mit Sternchen * gegendert werden.“[15]

Rechtschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Rat für deutsche Rechtschreibung beschäftigte sich 2018 mit dem Genderstern. In seinen Beschluss vom 16. November 2018 wollte er noch keine Empfehlung für die Aufnahme in die amtliche Rechtschreibung aussprechen. Er konstatierte jedoch: „Der Rat für deutsche Rechtschreibung stellt fest, dass der gesellschaftliche Diskurs über die Frage, wie neben männlich und weiblich ein drittes Geschlecht oder weitere Geschlechter angemessen bezeichnet werden können, sehr kontrovers verläuft. Dennoch ist das Recht der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, auf angemessene sprachliche Bezeichnung ein Anliegen, das sich auch in der geschriebenen Sprache abbilden soll. Die Beobachtung der geschriebenen Sprache zeigt dazu derzeit […] verschiedene orthographische Ausdrucksmittel wie Unterstrich (Gender-Gap), Asterisk (Gender-Stern) […].“[16][17] Der Rat begründete: „Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv. Sie soll nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats für deutsche Rechtschreibung beeinflusst werden.“[16][17] Der Genderstern und andere Symbole geschlechtergerechter Sprache sind ebenso wie das generische Maskulinum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten über die Rolle der Sprache und die damit verbundenen oder auch losgelösten Gesellschaftsverhältnisse.[18]

Aussprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie bei der Form Gender-Gap („Busfahrer_in“) wird das Gendersternchen von manchen bei der Aussprache mit einem Glottisschlag markiert. Dieser Laut ist im Deutschen nicht bedeutungsunterscheidend.[19] Er kommt häufig am Wortanfang und manchmal in der Wortmitte, aber bisher normalerweise nie vor Suffixen vor.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Feministin Luise F. Pusch – Unterstützerin des Binnen-I als Lösung – kritisierte 2019 den Genderstern, da er die „sprachliche Unsichtbarkeit der Frau“ nicht abschaffe. Er symbolisiere, wie der Schrägstrich oder die Klammer, dass Frauen „die zweite Wahl“ seien.[20] Dann fügt sie noch hinzu: „Es zerreißt die Wörter in drei Teile: Maskulinum – Genderstern – weibliche Endung. […] Männer bekommen den Wortstamm und somit den ersten Platz, Transgender-Personen bekommen den zweiten Platz, Frauen wird mit der Wortendung der letzte Platz zugewiesen. Das ist für Frauen nicht akzeptabel.“ Um den „femininen Gesamteindruck“ zu erhalten, schlägt Pusch „das »i« mit Sternchen bisher nur handschriftlich“ vor; für Tastaturen gäbe es Ersatzvorschläge: „das Ausrufezeichen: »Leser!nnen«, das Trema: »Leserïnnen«, den Circumflex: »Leserînnen«, die Eins: »Leser1nnen« und das Fragezeichen: »Leser?nnen«.“[21]

Als grundsätzlicher Kritikpunkt wird angeführt, dass von Sehbehinderten genutzte Vorleseprogramme (Screenreader) den Genderstern nicht fehlerfrei ausgeben und zum Beispiel Formulierungen wie „Pilot*innen“ übersetzen zu „Pilot-Stern-Innen“. Der Genderstern gilt aus diesem Grund als nicht barrierefrei. Er wird seit 2018 unter anderem von der Berliner Universitätsklinik Charité eingesetzt – ihre Internet-Kommunikation ist jedoch aufgrund der unzureichenden Barrierefreiheit des Gendersterns ausdrücklich davon ausgenommen: „Daher auf Websites kein Gender-Sternchen anwenden.“[22]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuelle Materialsammlung Portal Frauen: Gendersprache – aktuelle Materialien

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: Gendersternchen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag: Gendersternchen. In: Neologismenwörterbuch. Abgerufen am 20. Januar 2020.
  2. Korpusanalysemethoden: Anglizismus des Jahres 2018. In: IDS-mannheim.de. Abgerufen am 20. Januar 2020.
  3. Anatol Stefanowitsch: Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2018: Gendersternchen. In: Sprachlog.de. 20. Januar 2019, abgerufen am 20. Januar 2020; Zitat: „[…] ob das Gendersternchen eine Bereicherung für die deutsche Sprache ist, bleibt abzuwarten – das Wort Gendersternchen ist es auf jeden Fall.“
  4. Universität Wien, Personalwesen und Frauenförderung: Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch in der Administration der Universität Wien: Leitlinie und Empfehlungen zur Umsetzung. Wien, 3. Dezember 2019, S. 3 (PDF: 150 kB, 3 Seiten auf univie.ac.at); Zitat: „Um die Realität geschlechtlicher Vielfalt sprachlich sichtbar zu machen, sollte mit Sternchen * gegendert werden. Der sogenannte Genderstern * wird in der mündlichen Kommunikation als kurze Pause gesprochen.“ Im Anschluss wird auf die Probleme von Vorleseprogrammen (Screenreadern) hingewiesen.
    Portalseite der Frauenförderung: Geschlechterinklusive Sprache.
  5. Meldung: Gender-Sternchen: Bei Spotify gibt es jetzt Künstler*innen. In: RedaktionsNetzwerk Deutschland. 21. Januar 2019, abgerufen am 20. Januar 2020. Ansichtsbeispiel auf Twitter.
  6. a b Anatol Stefanowitsch: Gendergap und Gendersternchen in der gesprochenen Sprache. In: Sprachlog. 9. Juni 2018, abgerufen am 4. April 2019 (deutsch).
  7. Jannik Franzen, Arn Sauer: Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben. Hrsg.: Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Berlin Dezember 2010, S. 7 (PDF: 900 kB, 118 Seiten auf antidiskriminierungsstelle.de).
  8. a b Anja Steinhauer, Gabriele Diewald: Richtig gendern: Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Dudenverlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-411-74357-5, S. 46.
  9. AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ des Rats für deutsche Rechtschreibung: Bericht und Vorschläge der AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ zur Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung am 16.11.2018 (Revidierte Fassung aufgrund des Beschlusses des Rats vom 16.11.2018). 28. November 2018 (rechtschreibrat.com [PDF]).
  10. Matthias Kohlmaier: Kommentar: Gendern in der Sprache – Ein Sternchen für alle. In: Süddeutsche.de. 22. November 2015, abgerufen am 27. November 2019.
  11. Wolfgang Schultheiß: Umgangsformen. Lit, Berlin 2019, ISBN 978-3-643-14132-3, S. 14.
  12. Gunnar Schupelius: Der Senat führt heimlich, still und leise das Gendersternchen ein. In: BZ-Berlin.de. 19. Juni 2019, abgerufen am 27. November 2019.
  13. Melanie Berger: So wird das Gendersternchen bisher gesetzlich und politisch gehandhabt. In: Tagesspiegel.de. 17. Mai 2018, abgerufen am 27. November 2019.
  14. Patricia Hecht: Gendersternchen auf dem Prüfstand. In: taz.de. 7. Juni 2018, abgerufen am 27. November 2019.
  15. Universität Wien, Personalwesen und Frauenförderung: Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch in der Administration der Universität Wien: Leitlinie und Empfehlungen zur Umsetzung. Wien Dezember 2019 (PDF: 150 kB, 3 Seiten auf personalwesen.univie.ac.at; Überblicksseite).
    Kurze Meldung dazu von Hans Rauscher: Der Genderstern: Die Universität Wien versucht eine „geschlechtergerechte und inklusive Sprache“ in ihrer Kommunikation umzusetzen. In: DerStandard.de. 6. Dezember 2019, abgerufen am 7. Dezember 2019.
  16. a b Pressemeldung: Empfehlungen zur „geschlechtergerechten Schreibung“ – Beschluss des Rats für deutsche Rechtschreibung vom 16. November 2018. (PDF: 422 kB) Rat für deutsche Rechtschreibung, 16. November 2018, abgerufen am 10. Mai 2019.
  17. a b Meldung: Rechtschreibrat: „Genderstern wird noch nicht empfohlen“. In: Spiegel Online. 16. November 2018, abgerufen am 10. Mai 2019.
  18. Monika Dittrich: Er, sie, * - Die Genderfrage im Rechtschreibrat. In: Deutschlandfunk. 15. November 2018, abgerufen am 10. Mai 2019.
  19. Klaus J. Kohler: German. In: Handbook of the International Phonetic Association. A guide to the use of the International Phonetic Alphabet. Cambridge University Press, 1999, ISBN 978-0-521-63751-0, S. 86 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche): “The table of consonants lists phonemes with the exception of [...] [ʔ].”
  20. Luise F. Pusch: Debatte Geschlechtergerechte Sprache: Eine für alle. In: taz.de. 8. März 2019, abgerufen am 24. November 2019.
  21. Luise F. Pusch: Gendern – gerne, aber wie? Ein Ritt durch die feministische Sprachgeschichte und praktische Tipps von der Linguistin Luise F. Pusch. In: Neues-Deutschland.de. 23. Oktober 2019, abgerufen am 24. November 2019.
  22. Charité, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte: Geschlechtergerechte Sprache an der Charité. In: Frauenbeauftragte.Charite.de. 31. Oktober 2018, abgerufen am 24. November 2019 (Vorstandsmeldung).