Ratzeburger Gobelin-Zyklus

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Der Ratzeburger Gobelin-Zyklus ist eine Serie von elf großen Tapisserien, die in den Jahren 1914 bis 1919 in der „Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei“ der Bildwirkerin Wanda Bibrowicz entworfen und begonnen und von 1919 bis 1921 in ihren „Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz“ vollendet wurden. Nach zwei Ausstellungen in Berlin und Altona erreichten die Wandteppiche ihr Ziel Ratzeburg am 18. Januar 1922 und wurden am 16. November 1922 im Sitzungssaal des Kreishauses in Ratzeburg feierlich eingeweiht. Der zwölfte Ratzeburger Wandteppich mit dem Bismarckwappen wurde im Jahr 1924 nachgeliefert. Der Ratzeburger Gobelin-Zyklus bestimmt noch heute den Raumeindruck im Sitzungssaal des Alten Kreishauses in Ratzeburg.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Altes) Kreishaus am Ratzeburger Markt; früher: Lauenburgisches Landeshaus

In den Jahren 1909/10 wurde das von 1726 bis 1728 erbaute Lauenburgische Landeshaus[1] umgebaut und erhielt einen neuen Sitzungssaal. Für die innere Ausgestaltung des Raumes wurden 5.000 M ausgegeben, doch die Wände blieben zunächst kahl.

„Neuerdings ist der Wunsch, eine der Bedeutung des Kreises und der Schönheit des Gebäudes entsprechende Ausgestaltung der Innenräume, namentlich des Sitzungssaales vorzunehmen, allgemein lebhaft geworden ... Der Wunsch des Kreistages gipfelt darin, die noch kahlen und des Schmuckes harrenden Wände ausmalen zu lassen, indessen fehlen ihm hierzu die erforderlichen Geldmittel.“[2]

Lebhaft und eindringlich schilderte der Landrat Emil Mathis im weiteren Verlauf des Briefes die Finanznot des Kreises, seitdem dieser unter preußischer Verwaltung stand. Nachdem das Herzogtum Sachsen-Lauenburg nicht nur die Verzinsung und Tilgung der Abfindungssumme an Österreich zu leisten hatte, sondern auch noch auf die Zolleinnahmen, insbesondere auf den Elbzoll, seit 1871 verzichten musste und schließlich die vollen Lasten eines Landeskommunalverbandes zu tragen hatte, schien es durchaus angemessen, für die Ausschmückung des Sitzungssaales eine Staatsbeihilfe zu beantragen. Dafür kamen zwei Wände von 12 m und 6,20 m Länge in Betracht.

Zur Begutachtung und Beratung besichtigte am 7. April 1911 der Regierungsbaurat Schmidt den Saal. Man kam schließlich überein, dass auf der 6,20 m langen Stirnwand, dem Platz hinter dem Vorsitzenden, die Erbhuldigung Lauenburgs an König Wilhelm I. am 26. September 1865 in der Ratzeburger St. Petri-Kirche dargestellt werden sollte, „da der Anschluss des Herzogtums Lauenburgs an die Krone Preußens das bedeutendste Ergebnis seiner Geschichte darstellt.“[3]

Für die lange Seitenwand und die dem Vorsitzenden gegenüberliegende Wand erschien „die Darstellung und bildliche Erhaltung der zeitigen landschaftlichen Schönheiten Lauenburgs für die Nachwelt durch die Wiedergabe der drei lauenburgischen Städtebilder und zweier Dorfbilder ... als besonders geeignet und erwünscht“.[3]

Der Kreis erklärte, dass er sich an den Honorarkosten für das Huldigungsgemälde nicht beteiligen könne. Müsste sich der Kreis an den Kosten beteiligen, so wollte er ein anderes Projekt für diese Wand in Angriff nehmen, das billiger werden würde, da es hierbei nicht auf figürliche Genauigkeit ankomme.

„Es handelt sich hierbei um die bildliche Darstellung der Einführung des Germanentums und Christentums um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Lauenburg und um einen historischen Vorgang, dessen Bedeutung auch die Zeitgenossen schon gewürdigt haben ...!“[3]

Dieses Gemälde sollte folgende historische Komplexe umfassen:

  1. Christianisierung und Germanisierung mit Heinrich dem Löwen
  2. Heinrich von Badewide
  3. „Aussiedlung“ der Slawen
  4. einwandernde Holländer und Westfalen

Als der Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten mitteilte, „daß eine Berücksichtigung des Antrages für die nächste Zeit leider nicht in Aussicht genommen werden kann“,[4] schien das ganze Projekt gescheitert.

Zwei Jahre später, am 7. Mai 1913, wiederholte der Landrat seinen Antrag beim Regierungspräsidenten. Am 14. Februar 1914 teilte der Minister das Ergebnis der Sitzung der Landeskunstkommission vom 20. Januar 1914 mit, „den Saal mit Wandteppichen nach Entwürfen von Fräulein Wanda Bibrowicz zu schmücken; die Künstlerin ist Inhaberin der Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei in Ober-Schreiberhau i. Rsg. und somit in der Lage, auch die Ausführung der Gobelins zu übernehmen. Der Vorschlag der Landeskunstkommission findet meinen vollen Beifall, da er auf die Neubildung eines Kunstzweiges hinzielt, der einst in hoher Blüte stand.“ Wenn der Kreis sich mit einer derartigen Gestaltung einverstanden erklärt, so könnte die Sache weiter verfolgt werden. Der minimale Eigenbeitrag zu den Kunstwerken dürfte 4.000 M zuzüglich der Kosten für die Bespannung allerdings nicht unterschreiten.[4] Der Kreis erklärte sich damit einverstanden.

Entwurf für die Raumausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der Gestaltung des Sitzungssaals im Kreishaus in Ratzeburg im Regierungsbezirk Schleswig[5] der preußischen Provinz Schleswig-Holstein wandte sich 1914 die Bezirksverwaltung mit der Bitte an Hans Poelzig, den Direktor der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau, gemeinsam mit Max Wislicenus und Wanda Bibrowicz einen Entwurf für die Raumausstattung einschließlich einer Gruppe von Wandbehängen auszuarbeiten. Im Hinblick auf die schlichte Architektur des holzverkleideten Saals schlug der Breslauer Akademiedirektor einen Gobelinfries entlang dreier Wände (mit Ausnahme der Fensterwand) mit Darstellungen aus der Geschichte Ratzeburgs und seiner Umgebung vor. Noch im selben Jahr erhielt Wanda Bibrowicz einen entsprechenden Auftrag. Sie unterhielt seit 1911 mit einigen Schülerinnen eine eigene Galerie und Webwerkstatt in Schreiberhau (Szklarska Poręba), arbeitete aber weiter mit Wislicenus zusammen. Dieser war sicherlich an der Vorbereitung der Kartons beteiligt, auch wenn die Werke nur die Signatur von Bibrowicz tragen. So entstand eine äußerst repräsentative Gobelin-Folge auch als Werk der Breslauer Kunstschule. die allerdings erst in den zwanziger Jahren, nach dem Umzug des Künstlerpaars nach Pillnitz bei Dresden, vollendet wurde.[6]

Mit Schreiben vom 15. Juni 1914 äußerte sich Hans Poelzig gegenüber dem Lauenburger Landrat zu der Frage, wie er sich die Ausschmückung des Saales durch Gobelins denke. Er riet von jeglichem Porträtbild ab und schlug einen durchgehenden Fries mit Wandteppichen, geschaffen von Wanda Bibrowicz, zu lauenburgischen Motiven vor:

„Zunächst schicke ich voraus, dass ich es für ganz unmöglich halte, in der durch Gobelins gegebenen Technik ein Bild anzufertigen, das irgendeinen Vorgang der neueren Zeit einigermaßen naturgetreu wiedergibt. Es wird kaum möglich sein, Figuren in Portraitähnlichkeit so zu geben, dass nicht fast eine komische Wirkung eintreten könnte. Hierzu ist wahrscheinlich auch die Fläche, die über dem Paneel zur Verfügung steht, zu niedrig. … Ein durchgehender Gobelin-Wandschmuck würde dagegen dem Saal einen eigenartigen und schönen Schmuck gewähren, und um dem Wunsch des Herrn Ministers, der diesen Gobelinschmuck auf das notwendigste beschränkt sehen möchte, nachzukommen, empfehle ich dringend, einen durchgehenden Fries nach dem Entwurf von Fräulein Bibrowicz, dessen Höhe von Paneeloberkante ungefähr bis zu dem Anfang der Fensterbögen reicht, anzubringen, aber so, dass im Wesentlichen die beiden kurzen Wände und die lange, der Fensterwand gegenüberliegende Wand mit diesem Gobelinfries versehen wird, während die Teile an der Fensterwand gelöst zwischen den Fenstern möglichst davon ausgeschlossen werden, da die Belichtung dort eine zu ungünstige ist. Dieser Fries könnte durch Holztäfelungen, die sich in der Art dem unteren Paneel anschließen, gegliedert werden, und aus der alten Ratzeburger Geschichte werden sich leicht Szenen in diesen Friesen darstellen lassen, da man von den Szenen aus der alten Geschichte nicht diese portraitmäßige Naturtreue verlangt wie von denen aus der neueren Geschichte, bei welchen die Mitwirkenden noch genau bekannt sind. Ich empfehle daher dringend, dem Kreisausschuss die Ausschmückung dieses Saales durch einen Gobelinfries vorzuschlagen, da ich der festen Überzeugung bin, dass der Saal dadurch einen sehr eigenartigen und schönen Schmuck erhalten wird, wie er ähnlich kaum bisher vorhanden ist.“[7]

Beauftragung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. Juli 1914 erfolgte die Auftragserteilung an Wanda Bibrowicz durch den Minister. Am 8. Oktober 1915 wurde das Honorar mit 35.000 M festgelegt, am 14. April 1919 erfolgte eine Erhöhung auf 38.000 M.

Die Arbeit an den Teppichen erstreckte sich über die ganze Kriegszeit und war auch 1920 noch nicht beendet. 1919 sah sich das Unternehmen gezwungen, seine Werkstatt in Schreiberhau aufzugeben und ins „Ausland“ abzuwandern. Auf Vorschlag von Hans Poelzig, der inzwischen Baurat in Dresden geworden war, wurden Wanda Bibrowicz und Max Wislicenus 1919 vom Sächsischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie nach Dresden berufen, wo sie die „Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz“ einrichten sollten.

„Da an der Erhaltung der Gobelinwerkstatt innerhalb Deutschlands ein allgemeines Interesse bestand, hat das Sächsische Wirtschaftsministerium im Herbst des vorigen Jahres die Künstler veranlaßt, mit ihrer Werkstatt nach Sachsen zu übersiedeln, wo ihnen das Gesamtministerium in dem vormals Königlichen Schlosse zu Pillnitz unentgeltlich Räume zur Verfügung gestellt hat.“[8]

Die Sächsische Gesandtschaft betonte, dass das Unternehmen von Anfang an auf schwachen Füßen gestanden hätte und sogar „dem Untergang geweiht“ war.

„Zu der Unterbilanz des Unternehmens hat wesentlich beigetragen der Auftrag des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an Fräulein Bibrowicz zur Ausschmückung des Sitzungssaales des Kreishauses in Ratzeburg mit Wandteppichen, so dankbar an sich Fräulein Bibrowicz damals diesen Staatsauftrag begrüßte, der ihr für eine Reihe von Jahren eine ausreichende Beschäftigung sicherte.“[8]

Im Mai 1920 war noch ein Teppich zu weben, doch die mannigfaltigen Schwierigkeiten ließen dieses Projekt für nicht durchführbar erscheinen.

„Mit Rücksicht auf die gegenüber früher ganz wesentlich veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse sowie darauf, daß an der finanziellen Kräftigung des Unternehmens ein allgemeines Interesse besteht, hält die sächsische Regierung es für ihre Pflicht, die Bitte des Fräulein Bibrowicz um Bewilligung einer namhaften Honorarerhöhung für die in Auftrag gegebenen Wandteppiche zu unterstützen.“[8]

Die Sächsische Gesandtschaft bat daher im Auftrag des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einer Honorarerhöhung von etwa 20.000 M zuzustimmen. Die fertiggestellten Teppiche hätten in der Zwischenzeit ohnehin bereits eine erhebliche Wertsteigerung erfahren. Der pekuniäre Wert wurde mit mindestens 150.000 M beziffert. Danach wollte der Regierungspräsident beim Kreis nachfragen, ob er gewillt wäre, sich an der Honorarerhöhung zu beteiligen.

Anfang Juli 1920 stellte Wanda Bibrowicz eine überschlägige Rechnung über die noch ausstehenden Kosten auf. Danach hatte sie noch 16 qm Teppich zu weben. Für den Quadratmeter wären 800 M Lohnkosten in Anschlag zu bringen, für das Material insgesamt etwa 1.920 M, so dass sich ihre Forderung auf 14.720 M belief, wobei ihre eigene Arbeit aber immer noch unterbezahlt bliebe. Am 21. Juli 1920 teilte Landrat Schönberg mit, dass der „Kreisausschuß vorbehaltlich der Zustimmung durch den Kreistag bereit wäre, sich im Verhältnis unserer bisherigen Bewilligungen zu den veranschlagten Gesamtkosten ... an der bewilligten Honorarerhöhung zu beteiligen“.[8]

Bislang hatte der Kreis etwa 11 %, 4.000 M, für die Kosten bewilligt. Im Oktober 1920 war das Preußische Ministerium dann bereit, das Honorar um 9.000 M zu erhöhen, allerdings müsste der Kreis davon 1.160 M übernehmen, das entsprach 12 %, die der Kreistag am 20. November 1920 auch genehmigte. Die Akten geben keine weiteren Hinweise, ob noch ein weiteres Mal eine Honorarerhöhung stattgefunden hat, so dass davon ausgegangen werden kann: Die im Sitzungssaal des Kreishauses befindlichen Wandteppiche haben 44.000 M gekostet.

Verantwortung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Preußische Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten übertrug mit Schreiben vom 8. Oktober 1915 die Verantwortung für die Ausschmückung des Sitzungssaales des Kreishauses in Ratzeburg mit Wandteppichen dem Landrat „auf Grund der in der Verhandlung vom 22. Juli begutachteten Entwürfe und Webeproben“. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Für die beiden Schmalwände werden die Themen ‚Falkenjagd‘ und ‚Einführung des Christentums‘ angenommen. Die Entwürfe sind unter Beteiligung des Professors Wislicenus aufzustellen, der namentlich für das Figürliche die Mitverantwortung übernimmt.“[9]

Trotz dieser Bevollmächtigung des Landrats wandte sich der Minister mit Schreiben vom 30. August 1918 nochmals an Wanda Bibrowicz:

„Auf das Schreiben vom 25. Mai d. Js. habe ich die von Ihnen eingereichten Entwürfe zu den beiden letzten Wandteppichen für den Sitzungssaal des Kreishauses in Ratzeburg der Landeskunstkommission und Vertretern des Kreises zur Begutachtung vorgestellt. Die Entwürfe haben im allgemeinen Billigung gefunden; es wurde jedoch für notwendig erachtet, bei der Ausführung die Härte der Farben, besonders des Grün, zu mildern und überhaupt eine größere Harmonie der Farben anzustreben. Unter Rücksendung der Entwürfe, der Farbenskizzen der drei fertigen Teppiche und des ersten Teppichs ermächtige ich Sie, hiernach die beiden letzten Wandteppiche auszuführen.“[9]

Die zwölf Wandteppiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während die Themen der zwölf Teppiche bekannt sind, herrscht Uneinigkeit über die Interpretation der Bischofs-Szene im Gobelin „Christianisierung“. Kurt Langenheim beschrieb die Teppiche 1955:

„An der Stirnwand über dem Sitz des Vorsitzenden zeigt der große Mittelteppich die Eindeutschung und Christianisierung des Landes. Dargestellt sind der große Sachsenherzog Heinrich der Löwe, neben ihm stehen einige Ritter. Der Mann mit der betenden Gebärde der Hände soll wohl der erste Graf von Ratzeburg, Heinrich von Badwide (sic!), sein. Außerdem wird rechts auf dem Bild von einer Edelfrau, wohl der Herzogin, dem ersten Bischof Evermodus ein heidnischer Wende zur Taufe zugeführt. Dieses große Mittelstück wird rechts und links durch einen kleineren Teppich begleitet, der einen Knappen bzw. einen Mönch zeigt.

Die Längswand gegenüber den Fenstern trägt 3 große Teppiche, die die Städte Ratzeburg, Lauenburg und Mölln zeigen, mit ihren bezeichnenden Gebäuden in ihrer Lage an See- und Flußufer.

Die der Stirnwand gegenüberliegende Wand über der eigentlichen großen Eingangstür mußte aufgeteilt werden in drei verschiedene Darstellungen, die zusammen eine Reiherbeize darstellen. Die Beizjagd ist eine altertümliche Jagdart, die in der ritterlichen Zeit des Mittelalters viel geübt wurde und heute fast ausgestorben ist. Ein gezähmter Raubvogel, meist ein Falke, wird, auf der Faust des Jagenden sitzend, in das Gelände gebracht und dann auf das zu jagende Wild freigelassen. In diesem Fall sind ein Flug Reiher die Jagdtiere. Links hat ein begleitender Jägerbursche bereits mehrere Reiher am Pferde hängen, rechts ist ein Burgfräulein mit dem Falken auf der Faust zu sehen, begleitet von ihrem Jägerknaben.

In den Wandteilen zwischen den Fenstern sind schließlich noch zwei Teppiche mit Wappen angebracht. Links das Wappen des askanischen Hauses, umgeben von 4 Wappen jetzt im Kreis ausgestorbener Adelsfamilien. Die Namen der Familien sind angegeben. Rechts das jetzt gültige Kreiswappen mit 4 Wappenbildern von 1922 noch im Kreis ansässigen Adelsfamilien. Alle hier durch ihre Wappen vertretenen Familien haben oft durch mehrere Mitglieder tätigen Anteil an der Gestaltung Lauenburgischer Geschichte. Die v. Bülow stellten 1460 bis 1900 den Erblandmarschall, den Vorsitzenden der Ritter- und Landschaft. Die v. Kielmannsegge auf Gülzow waren Landdroste der hannöverschen Regierung bis 1800, oder Statthalter in den Jahren der deutschen Revolution 1848/50. Ein v. Bernstorff war Minister in Hannover und führte die Verhandlungen, als 1739 das Amt Steinhorst an Lauenburg zurückkam. Die Fehden der Ritter v. Scharffenberg gegen Hamburg und Lübeck im 14. Jahrhundert von ihrer Burg Linau aus sind noch heute Erzählgut in Sagen und alten Geschichten. Ulrich von Wackerbarth war der erste Statthalter im Lauenburgischen, als Herzog Georg Wilhelm von Lüneburg-Celle 1689 das Ländchen nach dem Aussterben der Askanier besetzte.

In der Nische neben der Stirnwand ist eine Bismarckecke eingerichtet. Ein kleiner Teppich an der Wand zeigt das große Wappen des Fürsten. Darunter steht einer der sonst im Saal um die lange hufeisenförmige Tafel stehenden Sessel, der durch ein darüber gezogenes wappengeschmücktes Lederband der profanen Benutzung entzogen wird. Auf diesem Sessel hat Fürst Bismarck als Kreistagsabgeordneter gesessen, als er am Kreistag als gewählter Abgeordneter teilnahm.

So vereinigen die Stirnwand des Sitzungssaales und diese Nische ein Gedenken an den Beginn und an das Ende einer eigenen Lauenburgischen Geschichte: am Anfang steht der große Sachsenherzog Heinrich der Löwe und sein Lehnsmann Heinrich von Badwide. Das Aufhören der eigenen Geschichte des Herzogtums und das Aufgehen in Preußen geschieht dann unter dem Walten des großen Kanzlers Otto v. Bismarck.“

Kurt Langenheim: Das Kreishaus, 1955[10]

Christianisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wandteppich von Wanda Bibrowicz im Sitzungssaal des Alten Kreishauses in Ratzeburg, aufgehängt 1922

An zentraler Stelle der Stirnwand des Sitzungssaales sind – auf dem großen mittleren Gobelin, links des Baumes – der sächsische Herzog Heinrich der Löwe sowie Graf Heinrich von Badewide[11] und zwei ihrer Ritter abgebildet.

Rechts des Baumes sieht man den 1154 von Heinrich dem Löwen eingesetzten ersten Bischof seines neuen Bistums Ratzeburg, Evermod. Zwei Deutungsmöglichkeiten für dessen dargestellte Handlungsweise bieten sich an:

  1. Nach Kurt Langenheims Studie über das Kreishaus in Ratzeburg aus dem Jahr 1955 ist an dieser Stelle der Vollzug einer Taufe dargestellt: „Außerdem wird rechts auf dem Bild von einer Edelfrau, wohl der Herzogin, dem ersten Bischof Evermodus ein heidnischer Wende zur Taufe zugeführt.“[12]
  2. Folgt man dagegen der Teppichbezeichnung Belehnung durch Bischoff (sic!) in der Altonaer Transportliste von 1922[13], dann kniet vor dem Bischof ein einfach gekleideter westfälischer Siedler, der eine Umhängetasche trägt und vom Bischof mit einer neuen Landstelle belehnt wird. Der bei einer Belehnung an sich vorgesehene Handgang ist hier bereits abgelöst durch eine andere Geste: Zur Bekräftigung des Lehnseides hält der Bischof eine Reliquie über das Haupt des Lehnsmannes. Der Belehnte wird von einer vornehm gekleideten Frau mitgesegnet, die einen blauen Mantel mit Hermelin-Futter und eine besondere Kopfbedeckung trägt. Es handelt sich vermutlich um Heinrichs des Löwen erste Ehefrau Clementia von Zähringen, die von 1154 bis 1155, als ihr Mann Friedrich Barbarossa auf seiner Krönungsfahrt nach Italien begleitete, mit der Verwaltung Sachsens betraut war.

Schräg hinter der Herzogin steht, eher abwartend und beobachtend, die namentlich unbekannte Ehefrau Heinrichs von Badewide, die eine Verwandte des dänischen Königs Waldemar des Großen war, in ähnlicher Kleidung – freilich ohne Krone auf dem Haupt und ohne Hermelin-Futter des orange-farbigen, zugeknöpften Mantels.

Die weiße Gestalt rechts der Herzogin und der Gräfin ist eindeutig ein Prämonstratenser-Mönch mit allen einschlägigen Attributen: ein Mönch mit Tonsur, Albe, Zingulum und Rosenkranz, der eine Bibel und ein Kreuzesbanner in den Händen hält. Der Mönch trägt Sandalen an den Füßen und das weiße Gewand der Prämonstratenser – des Ordens, dem auch der erste Ratzeburger Bischof Evermod angehörte.

Alle Personen sind unter einem ausladenden Baum angeordnet, der sich mit seinen Ästen zwischen den Gestalten rankt und an dessen Wurzeln die Herzogskrone Heinrichs des Löwen liegt. So wird symbolisiert, welches Wachstum das Lauenburger Land im 12. Jahrhundert durch Christianisierung und Belehnung neuer Siedler erfuhr. Dieses Wachstum in wirtschaftlicher Hinsicht wird auch durch das Emblem symbolisiert, das zwischen Bischof und Siedler sichtbar ist: eine Gans auf einem Zweig.

Wanda Bibrowicz signierte das Werk mit ihren Initialen WB und dem Datum 1918 – zu sehen in der Spitze des Löwenschildes.

Missverständnisse in der Beschreibung und Deutung dieses Teppichs:

  1. Ewa Poradowska-Werszler verschiebt die Bemerkung Kurt Langenheims über den „Mann mit der betenden Gebärde“ von einer betenden Person auf die andere, nämlich vom links stehenden Heinrich von Badewide auf den rechts vor dem Bischof knienden Siedler. Sie kommt deshalb zu dem Schluss: „In der Mitte sieht man den ersten Bischof von Lauenburg (sic!) Evermodus, vor dem der erste Graf Ratzeburgs Heinrich von Baldwiede (sic!) mit bittend gefalteten Händen kniet.“[14]
  2. Kurt Langenheim hatte 1955 an dieser Stelle nicht den Vorgang einer Belehnung, sondern den Vollzug einer Taufe gesehen.[12] Ewa Poradowska-Werszler verschiebt diese Bemerkung Langenheims wieder auf eine andere Person, diesmal von dem „rechts auf dem Bild“ vor dem Bischof Knienden auf den rechts von der Herzogin Stehenden: „Rechts neben einer würdigen Dame, vermutlich einer Fürstin, wird ein Wenede (sic!) zur Taufe geführt.“[14] Das ist aber offensichtlich ein Irrtum. Die weiße Gestalt rechts der Herzogin (und der Gräfin) ist eindeutig ein Prämonstratenser-Mönch.
  3. Ksenia Stanicka-Brzezicka kombinierte beide Missverständnisse und behauptete 2011 sogar, in der Szenerie sei die Taufe des Grafen Heinrich von Badewide dargestellt: „Der Hauptteil der Bildwirkerei ist mit ‚Christianisierung' betitelt und zeigt die Taufe des Ratzeburger Grafen Heinrich von Baldwiede (sic!).“[15] Diese Interpretation ist mit Sicherheit falsch. Heinrich von Badewide war längst getauft und wäre ohne Taufe von Heinrich dem Löwen nicht 1142 als Graf von Ratzeburg eingesetzt worden.

Knappe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Links von dieser Arbeit befindet sich ein kleinerer Teppich, der einen Vögel fütternden Knappen darstellt. Im Zeitungsbericht über die Einweihung 1922 heißt das Motiv „mövenfütternder Ritter“[16]. In der Altonaer Transportliste von 1922 taucht hier der Begriff „Falkenjäger“ auf.[13]

Mönch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechts des Mittelteppichs an der Stirnwand des Saales befindet sich ein kleinerer Teppich mit einem knieenden Mönch, der in der Altonaer Transportliste von 1922 als „Answerus“ bezeichnet wird, was aber wegen der überragenden Bedeutung des Ansverus so nicht angehen kann. Auch die Bemerkung von Ewa Poradowska Werszler, es handele sich um einen Mönch, „der Stimmen von Hasengesprächen lauscht“[14], klingt wenig überzeugend. Die beiden Hasen führen keine Gespräche, sondern schauen und lauschen gemeinsam mit dem Mönch aufmerksam auf das im Mittelteppich „Christianisierung“ dargestellte Geschehen.

Ratzeburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ratzeburg-Gobelin von Wanda Bibrowicz, 1922 aufgehängt im Sitzungssaal des (Alten) Kreishauses in Ratzeburg

An der den Fenstern gegenüberliegende Wand des Saales hängen drei Gobelins, auf denen die Städte Ratzeburg, Lauenburg und Mölln mit ihren jeweils charakteristischen Wirtschaftszweigen und Weichbildern zu sehen sind.

Der Ratzeburg-Gobelin (183 × 150 cm) zeigt im Vordergrund eine spätsommerlich-blühende Landwirtschaft auf den Höhen nordöstlich der Stadt Ratzeburg mit Bauernhaus und Viehhaltung, leuchtendem Getreidefeld und erntendem Bauernpaar, hinter dem ein Obstbaum Früchte trägt. In der Diagonale blitzt die Sense und Vögel fliegen auf. Im Hintergrund ist das Weichbild der Stadt mit dem markanten Domturm auf der Insel im Ratzeburger See zu erkennen. Links oben ist das Wappen der Stadt abgebildet. Im First des Bauernhauses sind Signatur und Datum versteckt: WB 1917.

Die Einzelheiten der Darstellung sind eindrucksvoll und bestätigen das Urteil von Marie Frommer:

„Selbst bei Betrachtung der Abbildungen tritt ein ganz besonders reizvolles Element dieser Arbeiten deutlich hervor, die Verschiedenheit der Wirkung je nach der räumlichen Entfernung. Beim ersten Anblick aus gemessenem Abstand wirkt die Klarheit der Komposition, der Verteilung von Licht und Schatten und der Farben. Je näher das Auge den Arbeiten kommt, um so mehr Einzelheiten lösen sich aus der Bildtiefe, … die jedoch in die Gesamtkomposition zurücktauchen, je mehr der Beschauer sich entfernt. Das Wesen des wahren Kunstwerkes: Zusammenfassung der Einzelelemente in einer Vereinheitlichung der Gestaltung, ist also hier erreicht.“[17]

Lauenburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Lauenburg-Gobelin (183 × 150 cm) sind im Vordergrund zwei Fischer zu sehen, die ihren beachtlichen Fang ausnehmen und ihn so für den Verkauf vorbereiten. Daneben eine Schäferin mit Kind auf dem Arm, den Hütehund an ihrer Seite, inmitten der Schafherde, überwölbt von einem Baum mit allerlei Getier. Auf der Elbe im Mittelgrund fahren Schiffe, darunter ein großer Lastkahn mit Bramsegeln. Im Hintergrund die Stadt Lauenburg/Elbe mit dem spitzen, weithin sichtbaren Kirchturm der Maria-Magdalenen-Kirche und den vielen Fachwerkhäusern entlang der Elbe. Die Stadt ist gegliedert in Unter- und Oberstadt. Das Stadtwappen ist in der linken oberen Ecke dargestellt. Der Teppich trägt Signatur und Datum: WB 1916.

Mölln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mölln-Gobelin (183 × 150 cm) fällt durch eine besondere Raumaufteilung auf: nicht Vorder-, Mittel- und Hintergrund bestimmen ihn, sondern ein Dreieck aus bildnerischer Gestaltung links unten, rechts unten und Mitte oben. Links unten ein Flötenspieler, angelehnt an einen Baum. Hinter ihm eine sehr große grasende Kuh. Rechts unten ein Kälbchen, versteckt zwischen Bäumen. Dazwischen bunte Blumen, Fasanen, auffliegende Enten. In der Mitte oben wie auf einer Insel im See liegend die Stadt Mölln mit ihrer wie eine Glucke über der Stadt thronenden St. Nicolai-Kirche. Die Häuser gruppieren sich im Halbkreis unter dem Kirchberg am Ufer des Stadtsees entlang. Das Möllner Stadtwappen befindet sich in der Ecke oben rechts. Die Arbeit ist mit WB signiert und auf das Jahr 1917 datiert.

Reiherbeize[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Wand mit der Ausgangstür aus dem Sitzungssaal des Alten Kreishauses in Ratzeburg hängen drei Gobelins, die eine Falkenjagd darstellen. Der Zeitungsbericht zur Einweihung des Ratzeburger Gobelin-Zyklus formulierte: „Über der Eingangstür ist eine Reiherbeize dargestellt: in der Mitte ein vorüberstreichender Reiherschwarm, links ein Troß Falkner, rechts Jäger und Jägerin zu Pferde, den Falken auf der Faust.“[16]

Das linke Bild, das stellvertretend für alle drei Bilder die Signatur WB und das Datum 1918 trägt, stellt einen abgesessenen Falkner dar, der seine Jagdhunde zur Nachsuche führt. Am Sattel seines Pferdes hängen bereits erlegte Reiher. Im Vordergrund sind bunte Blumen zu sehen, im Hintergrund ein dichter, geheimnisvoller Wald.

Reiherschwarm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Direkt über der Tür befindet sich ein Wandteppich mit der Bezeichnung „Reiher“[13], der einen vorüberziehenden Reiherschwarm vor der alten Stadtkulisse Ratzeburgs mit dem Magnusturm des Schlosses zeigt.

Jägerin und Jäger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jägerin und Jäger-Gobelin

Auf dem rechten Bild sind eine junge Frau im Damensitz reitend und ein junger Mann auf anspringendem Pferd dargestellt, die sich an der Reiherbeize beteiligen. Die klassisch gekleidete Frau hält den Falken auf handschuhgeschützter Faust.

Die Einzelheiten in der Darstellung von Zaumzeug und Kleidung sind frappierend und belegen, dass Wanda Bibrowicz an der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe zu Breslau nicht nur Bildwirkerei gelernt und ausgeführt hat, sondern auch Kleider- und Möbeldesign sowie Entwurf und Gestaltung von Accessoires verschiedenster Art.[18]

Sächsisches Wappen, umgeben von Adelswappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf den Wandstreifen zwischen den Fenstern befinden sich zwei kleinere Gobelins mit Wappen. Links das Wappen Sachsens mit vier zusätzlichen Wappen inzwischen ausgestorbener Geschlechter: von Schack, von Scharffenberg, von Lützow, von Wackerbarth.

Lauenburgisches Wappen, umgeben von Adelswappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechts das Wappen des Kreises Herzogtum Lauenburg mit vier weiteren Wappen adliger Familien, die wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung der Landesgeschichte hatten: von Bülow, Graf Kielmannsegg, Graf Bernstorff, von Witzendorff.

Bismarck-Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der südwestlichen Ecke des Sitzungssaales ist eine „Bismarck-Ecke“ eingerichtet. Der darin befindliche kleine Gobelin stellt das „Fürstliche Wappen Bismarck nach dem Diplom von 1873“ dar.[19]

Der Raumeindruck insgesamt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raumeindruck des Sitzungssaals des Alten Kreishauses in Ratzeburg

„Durch die Wandteppiche im Verein mit der Täfelung wirkt der ganze Raum eigenartig warm. Der Raumschmuck ist von einer Art, wie wir uns in der Zeit des alten deutschen Kaiserreiches die Kaiserpfalzen und Burgen der Fürsten – etwa der Wartburg beim Sängerkrieg – vorzustellen haben. Der künstlerische Stil der Wandteppiche ist der ‚Jugendstil‘, wie er im Anfang des 20. Jhts. vor dem 1. Weltkrieg üblich war. Die Ausführung ist aber von einer großen Künstlerin gemacht, so daß die Wandteppiche noch heute unseren Ansprüchen an ein Kunstwerk voll genügen. Hinzu kommt die Leuchtkraft der Farben, die zeigen, daß sehr gutes Material verwandt wurde. So vermittelt der Sitzungssaal im Ratzeburger Kreishaus den geschlossenen Eindruck eines Raumes, wie er in unserem Lande wohl kaum an anderer Stelle vorkommt.“

Kurt Langenheim: Das Kreishaus, 1955[20]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstgewerbemuseum Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plakat zur Berliner Ausstellung der Wandteppiche für das Kreishaus in Ratzeburg

Im Oktober 1921 wurden die Wandteppiche des Ratzeburger Gobelin-Zyklus noch vor ihrem Eintreffen in Ratzeburg im Kunstgewerbemuseum Berlin ausgestellt. Darüber berichtete die Tägliche Rundschau in einem Artikel vom 15. Oktober 1921, unterzeichnet von R. Neubauer unter der Überschrift „Aus dem Kunstleben“, nicht eben begeistert:

„Ausstellung der Teppichwirkereien von Schloß Pillnitz. Diese Ausstellung, die heute im alten Kunstgewerbemuseum eröffnet wird, füllt fünf Räume, darunter einen großen Saal, mit meist recht ausgedehnten Teppichwerken von vorzüglicher Technik. Die Entwürfe stammen von Wanda Bibrowicz und Max Wislicenus, und zwei Wappenteppiche von Doepler. Von den Farben, die zur Verfügung standen, haben die hellen, soweit sie gegen grau abschattiert sind, einen Stich ins Fade und Süßliche, den ihnen die Einwirkung des Lichts hoffentlich mit der Zeit nehmen wird. Dagegen sind kraftvolle und klingende dunkle Töne da – Blau, Grün und Purpur, dazu auch hellgelbe. Wislicenus bewegt sich mehrfach recht glücklich in gedämpften Tongruppen –, wenn nur seine Zeichnung etwas forscher wäre. Bei den großen Teppichen von W. Bibrowicz, die das preußische Kultusministerium 1914 für das Kreishaus zu Ratzeburg bestellt hat, waren die Stoffe wohl von vornherein schon sehr bis ins einzelne bestimmt. Nun, das muß nicht notwendig ein Fehler sein. Doch wird bei dieser Sachlage ein besonderer Witz vom Künstler verlangt, daß er glücklich um Illustration und Anschauungs- oder Geschichtsunterricht herumschifft. Diese können getrost dabei sein, aber sie haben an sich noch niemals Augenfreude gewährt, noch auch jenes glücklich-zarte Schwingen in Blut und Nerven, das aus dem wohlabgewogenen Rhythmus der Farbenklänge und der beschwingten Kraft der Linien kommt. Wanda Bibrowicz hat gewiß das, was man von ihr verlangte, brav und tüchtig getan. Da und dort findet sich auch anmutig Feingestimmtes in Einzelteilen – wie etwa die Gruppe mit den Sonnenblumen, den drei Ziegen und dem Häuschen dahinter auf dem Teppich ‚Ratzeburg‘. Aber es fehlt, im Ganzen betrachtet, allzu sehr an der Wohltat durchgreifender Ordnungen, die für so große Flächen unendlich nötig sind. Man sieht streckenweise flache Buntheit sich hinziehen, – der Teppich ‚Friede‘ geht darin besonders weit. An epischer Linienkraft hätten wir gern etwas mehr erlebt. Aus der Vielheit des Gegenständlichen sehnen wir uns nach symbolisch wirkender Form, zu deren Gunsten kann der äußere Naturschein unbekümmert ein wenig zurücktreten.“[21]

Ende Oktober 1921 besichtigte der Kreisausschuss des Kreises Herzogtum Lauenburg die Wandteppiche im Kunstgewerbemuseum Berlin. Darüber wurde am 31. Oktober 1921 ein Aktenvermerk gefertigt.[22]

Altonaer Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wandteppiche wurden anschließend im Altonaer Museum gezeigt und gelangten ausweislich einer Transportliste am 18. Januar 1922 nach Ratzeburg.[23] Anschließend entspann sich eine unerfreuliche Auseinandersetzung um die Finanzierung der Transportkosten von Altona nach Ratzeburg.

Verzögerungen beim Einbau der Wandteppiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Schreiben vom 8. November 1922 an Wanda Bibrowicz reagierte der Kreis auf die mehrfach geäußerten Befürchtungen von Wanda Bibrowicz, der sich hinziehende Umbau des großen Sitzungssaales könnte dessen Schlichtheit und besondere Eignung für die Aufhängung der Wandteppiche gefährden. Der Vorsitzende des Kreisausschusses schrieb u. a.:

„Nachdem ihm (sc. dem Kreis) diese kostbare Stiftung zuteilgeworden ist, betrachtet er es als eine Ehrensache, ihr in seinem Landeshause eine würdige Stätte zu bereiten. Auf welche Weise er das zu tun gedachte, war seine Sache, wobei er für sich in Anspruch nimmt, daß er über ausreichenden Geschmack und Kunstsinn verfügt, um zu verhindern, daß die Schönheit der Kunstschöpfung durch unkünstlerisches Beiwerk beeinträchtigt wird. Bei dieser unserer Auffassung, die wir jederzeit und jedermann gegenüber zu vertreten bereit sind, ist es ohne Belang, wie sich etwa übelwollende Elemente (vergl. die Lauenburger Denunzianten) oder andere Kreise, z.B. das Ministerium, dazu stellen sollte. Es handelt sich hier um eine Angelegenheit der Selbstverwaltung des Lauenburgischen Kommunalverbandes, in die er sich nicht hineinreden lassen kann. Sollte sich herausstellen, daß die von uns nach bestem Wissen und Können getroffenen Maßnahmen den billigen Anforderungen künstlerischen Geschmacks nicht entsprechen sollten, so sind wir gern bereit, uns belehren zu lassen und etwa erforderlich werdende Änderungen vorzunehmen.“[9]

Mit Schreiben vom 9. November 1922 wurde der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein gebeten, die Wandteppiche offiziell dem Kreis Herzogtum Lauenburg zu übergeben.[24]

Einweihung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einladungskarte zur Festsitzung am 16. November 1922

Die räumliche Anordnung und Befestigung der am 18. Januar 1922 in Ratzeburg abgegebenen Arbeiten verzögerte sich aufgrund der Renovierungsarbeiten im Sitzungssaal des Kreishauses. Schließlich wurde der Saal am 16. November 1922 feierlich eingeweiht. Die Gobelins waren am dafür vorgesehenen Platz aufgehängt.

Als Ehrengäste trafen unter anderem ein: Präsident Heinrich Kürbis, der bei dieser Gelegenheit erstmals den Kreis Herzogtum Lauenburg besuchte, Oberregierungsrat Waldemar Abegg, Vizepremier und Lübecker Bürgermeister Johann Martin Andreas Neumann und Landdrost Anton Nahmmacher[25] aus Schönberg. Es erschienen auch Vertreter der „Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz“: die Entwerferin und Autorin der Werke Wanda Bibrowicz selbst und Max Wislicenus. Über das Ereignis wurde ausführlich in der Presse berichtet.[26]

Am 1. Januar 1923 stellte das Unterhaltungsblatt des Lübecker General-Anzeigers „Von Lübecks Türmen“ die Künstlerin und zwei ihrer elf Teppiche vor – freilich in einer schwarz-weißen Wiedergabe, die den Reiz der Farben nicht erkennen lässt.[27]

Fazit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Die im Ratzeburger Sitzungssaal des Rathauses (sic!) erhaltenen Werke haben einen großen Wert und überdauerten glücklicherweise bis heute. Ihr Inhalt ist mit der frühesten Geschichte des Landes verbunden und ihre Ausführung macht sie auch heute noch für jeden lesbar. Die Arbeiten laden mit ihrem ikonographischen Programm zu Studien und zur wissenschaftlichen Beschäftigung aus geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Perspektive ein, sie ermöglichen auch Schlüsse wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art, können aber auch zur Rekonstruktion von Legenden und Fabeln inspirieren. Eine Abhandlung über die Werke von Wanda Bibrowicz stellt die Studie von Dr. Langenheim dar, aus der man die mit der Christianisierung der umliegenden Gebiete und ihrer Eingliederung in den deutschen Staat (sic!) verbundenen historischen Personen erkennen kann.“

Ewa Poradowska Werszler: Im Kreis der Kunst von Wanda Bibrowicz, 2001[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Schaefer: Bildwirkereien von Wanda Bibrowicz-Schreiberhau, in: Dekorative Kunst 1916, S. 397–400 (Online als PDF).
  • Wanda Bibrowicz: Etwas über Bildwirkerei, in: Prometheus 31 (1920) 209–211 (Online als PDF).
  • Felix Zimmermann: Die Wandteppiche der Wanda Bibrowicz, in: Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst, 42. Band: Angewandte Kunst der „Dekorativen Kunst“, XXIII. Jahrgang, München: F. Bruckmann 1920, S. 313–319 (Online als PDF).
  • Alfred Schellenberg: Die Pillnitzer Werkstätten für Bildwirkerei und ihre schlesische Vorgeschichte, in: Schlesische Monatshefte 2, 1925, Nr. 9, S. 473–480.
  • Marie Frommer: Die Bildwirkerei der Pillnitzer Werkstätten, in: Dekorative Kunst. Illustrierte Zeitschrift für Angewandte Kunst, Band XXXIV, München 1925/1926, S. 126–132 (Online als PDF).
  • Kurt Langenheim: Das Kreishaus, in: Lauenburgischer Familienkalender, 6. (127.) Jahrgang 1955, S. 55–58 (Online als PDF).
  • Hansjörg Zimmermann: Kunstwerke hinter verschlossenen Türen, in: Lauenburgische Heimat N. F. Heft 75, August 1972, S. 54–58 (Online als PDF).
  • Hans-Georg Kaack: Von der Regierungskanzlei zum Kreishaus am Markt, in: Kreis Herzogtum Lauenburg (Hrsg.): 1726 Regierungskanzlei – 1982 Kreishaus am Markt, Rondeshagen 1982, S. 4–16.
  • Piotr Łukaszewicz: Die Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe unter dem Direktorat Poelzigs, in: Jerzy Ilkosz, Beate Störtkuhl (Hrsg.): Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900–1916, Wroclaw-Delmenhorst 2000, S. 33–50.
  • Ewa Poradowska Werszler: W kręgu sztuki Wandy Bibrowicz – Im Kreis der Kunst von Wanda Bibrowicz (Übersetzung in die deutsche Sprache: Bernardeta Fleischer), Wroclaw/Breslau 2001 (Online als PDF).
  • Petra Hölscher: Die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe zu Breslau. Wege einer Kunstschule 1791–1932, Kiel: Ludwig 2003.
  • Kerstin Stöver: Wanda Bibrowicz und die „Pillnitzer Werkstätten für Bildwirkerei“, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Berichte, Beiträge 2006/2007, Band 33, Seite 71–80.
  • Ksenia Stanicka-Brzezicka: Die Fluchten von Wanda Bibrowicz. Die Weberin in Schreiberhau (Szklarska Poręba) 1911–1919. In: Malgorzata Omilanowska, Beate Störtkuhl (Hrsg.): Stadtfluchten – Ucieczki z miasta (Das gemeinsame Weltkulturerbe – Wspólne Dziedzictwo, Band 7), Warschau 2011, S. 201–211.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ratzeburger Gobelin-Zyklus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Ewa Maria Poradowska Werszler: Ratzeburger Gobelin-Zyklus (Onlinefassung), Wroclaw/Breslau 2001 (mit den Bildern aller Teppiche des Ratzeburger Gobelin-Zyklus).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Alte Kreishaus – ein Haus der Geschichte (Online als PDF); Hans-Georg Kaack: Von der Regierungskanzlei zum Kreishaus am Markt, in: Kreis Herzogtum Lauenburg (Hrsg.): 1726 Regierungskanzlei – 1982 Kreishaus am Markt, Rondeshagen 1982, S. 4–16.
  2. Brief des Landrats an den Regierungspräsidenten vom 19. Dezember 1910, Landesarchiv Schleswig (LAS) 301/3188
  3. a b c Brief des Landrats an den Regierungspräsidenten vom 19. April 1911, LAS 301/3188
  4. a b Brief des Ministers an den Regierungspräsidenten in Schleswig vom 15. Juni 1911, LAS 301/3188
  5. Der Kreis Herzogtum Lauenburg gehörte damals zum Regierungsbezirk Schleswig: http://www.territorial.de/schleswh/rbschles.htm !
  6. Piotr Łukaszewicz: Die Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe unter dem Direktorat Poelzigs, in: Jerzy Ilkosz, Beate Störtkuhl (Hrsg.): Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900–1916, Wroclaw-Delmenhorst 2000, S. 33–50, hier S. 46.
  7. Schreiben vom 15. Juni 1914 an den Landrat, Kreisarchiv Hzgt. Lauenburg KA 4265.
  8. a b c d Schreiben der Sächsischen Gesandtschaft, Berlin an das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 28. Mai 1920, LAS 309/18739
  9. a b c KA 4265
  10. Kurt Langenheim: Das Kreishaus, in: Lauenburgischer Familienkalender, 6. (127.) Jahrgang 1955, S. 55-58, hier S. 57 f.
  11. Langenheim: Das Kreishaus ..., 1955, S. 57: „Der Mann mit der betenden Gebärde der Hände soll wohl der erste Graf von Ratzeburg, Heinrich von Badewide, sein.“
  12. a b Langenheim: Das Kreishaus ..., 1955, S. 57.
  13. a b c Transportliste des Altonaer Museums vom 18. Januar 1922, im Internet zugänglich unter Transportliste Altona.
  14. a b c d Ewa Poradowska-Werszler: Im Kreis der Kunst von Wanda Bibrowicz …, 2001, S. 110.
  15. Ksenia Stanicka-Brzezicka: Die Fluchten von Wanda Bibrowicz ..., 2011, S. 205.
  16. a b Lauenburgische Zeitung Nr. 272 vom 18. November 1922
  17. Marie Frommer: Die Bildwirkerei der Pillnitzer Werkstätten, in: Dekorative Kunst. Illustrierte Zeitschrift für Angewandte Kunst, Band XXXIV, München: 1925/1926, S. 126-132, hier S. 132.
  18. Petra Hölscher: Die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe zu Breslau. Wege einer Kunstschule 1791–1932, Kiel: Ludwig 2003, S. 112; 118 f.
  19. Zu den elf Ratzeburger Gobelins kam später noch ein von Otto Fürst von Bismarck in Friedrichsruh gestiftetes Bismarck-Wappen in Größe 80 mal 80 cm hinzu – in derselben Ausführung, „ebenfalls angefertigt von Fräulein Bibrowicz …, so daß im Ganzen 12 Wandteppiche im Saal angebracht sind“ (Vermerk vom 4. Februar 1927 in der betr. Akte des Altonaer Museums).
  20. Kurt Langenheim: Das Kreishaus, in: Lauenburgischer Familienkalender 6. (127.) Jahrgang 1955, S. 55-58, hier S. 58.
  21. Zeitungsartikel, KA 4265
  22. „Am 29. Oktober 1921 wurden vom Kreisausschuss die Wandteppiche, welche im Kunstgewerbemuseum in Berlin ausgestellt waren, besichtigt. Fräulein Bibrowicz wurde durch Herrn Professor Wislicenus vertreten. Er erklärte, dass das Kultusministerium seine Verpflichtungen erfüllt habe und mit der Angelegenheit der Teppiche sich weiterhin nicht mehr befassen wolle. Damit ist also das Eigentum und somit auch die Gefahr der angefertigten Teppiche auf den Kreis übergegangen. Herr Professor Dr. Stierling, Altona, am Museum, hat Herrn Professor Wislicenus gebeten, die Teppiche möchten im Altonaer Museum ausgestellt werden. Der Kreisausschuss beschloss, dieser Bitte zu entsprechen. Der Spediteur Warmuth … soll beauftragt werden, 1 oder 2 geeignete Kisten in der Breite der Teppiche herzustellen, um den Transport der Teppiche nach Altona zu besorgen. Herr Professor Wislicenus wird die Teppiche verpacken. Die Anfertigung der Kisten, Transport und Versicherung gehen auf Kosten des Kreises. Das Museum von Altona soll aber die Kosten des Transportes und der Versicherung von Altona bis Ratzeburg und zurück tragen.“ (Aktenvermerk, KA 4265)
  23. Die Transportliste enthält überraschend andere Bezeichnungen für mehrere Wandteppiche:
    • statt „Christianisierung“: Belehnung durch den Bischof
    • statt „Knappe“: Falkenjäger
    • statt „Mönch“: Answerus (sic!)
    • statt „(ziehende) Kraniche“: Reiher; Ewa Poradowska Werszler hat gar: „fliegende Schwäne“ (S. 111) bzw. „Zurawie“ (S. 49).
  24. Im Schreiben vom 9. November 1922 an den Oberpräsidenten der Provinz Schleswig-Holstein heißt es: „Wir bitten Sie deshalb, als Vertreter der Staatsregierung uns die unter namhafter Beteiligung des Staates hergestellten Wandteppiche übergeben zu wollen. Wir gestatten uns dabei, hierunter kurz die Vorgänge über die Beschaffung der Wandteppiche zu schildern. … Es wurden für die Wandteppiche folgende Bilder in Aussicht genommen:
    1. Darstellung der Stadt Lauenburg
    2. Darstellung der Stadt Mölln
    3. Darstellung der Stadt Ratzeburg
    4. Einführung des Christentums in Lauenburg
    5. ein Wappen: sächsisches Wappen der Herzöge von Lauenburg …
    6. ein Wappenschild, in der Mitte das jetzige lauenburgiche Wappen …
    7. 5 verschiedene Bilder: Falkenjagd, Jagdbild usw.
    8. Das Bismarckwappen
    Die ersten 11 Wandteppiche sind sämtlich fertiggestellt und in geschmackvoller Weise angebracht worden. Das Bismarckwappen, welches für die Nische des Saales bestimmt ist, hat noch nicht fertiggestellt werden können. Es soll aber, nachdem Fräulein Wanda Bibrowicz eine Besichtigung des Saales vorgenommen hat, hergestellt und später angebracht werden. Die Herstellung der Wandteppiche selbst hat infolge des Krieges größere Schwierigkeiten bereitet. Es war nicht möglich, sie innerhalb der gestellten Frist fertigzustellen, sondern sie konnten erst am 18. Januar 1922 hier angeliefert werden. Vorher sind die Wandteppiche bereits im staatlichen Kunstgewerbemuseum in Berlin und im Museum in Altona ausgestellt gewesen.“ (KA 4265)
  25. Immatrikulation von Anton Nahmmacher
  26. Lauenburgische Zeitung Nr. 272 vom 18. November 1922 und Nr. 273 vom 20. November 1922 (KA Nr. 2)
  27. SKD | Online Collection