Reichardsroth

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Reichardsroth
Gemeinde Ohrenbach
Koordinaten: 49° 29′ 9″ N, 10° 11′ 10″ O
Höhe: 392 m ü. NHN
Einwohner: 86 (25. Mai 1987)[1]
Postleitzahl: 91620
Vorwahl: 09865
Reichardsrother „Schlosshaus“ (ehemaliges Ordenshaus)
Reichardsrother Torbogen
Reichardsroth, Dorfansicht
Johanniskirche zu Reichardsroth (1254) mit Grundmauer des ehemaligen Langhauses und animierter Rekonstruktion

Reichardsroth (umgangssprachlich: Röttla[2] oder Räidla) ist ein Gemeindeteil der Gemeinde Ohrenbach im Landkreis Ansbach (Mittelfranken, Bayern). Im Ort befanden sich eine Johanniterkommende und ein Landturm der Rothenburger Landwehr. Damit gehörte Reichardsroth zur Freien Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber. Die Johanniter besaßen allerdings bis 1803 ihren Gutshof mit Wald und die Grundherrschaft über die meisten Bauernhöfe, so dass Reichardsroth ein Johanniterdorf war.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchdorf ist der nördlichste Ort im Landkreis Ansbach. Er liegt zwischen zwei Waldstücken im Nordosten (Heggarten) und Südwesten (Galgenholz) nahe an einem etwa anderthalb Hektar großen See, aus dem der Selbach am westlichen Ortsrand vorbei nach Norden zum rechten Tauber-Zufluss Steinach entwässert.

Neben dem Ort verläuft die Staatsstraße 2419, die nach Oberscheckenbach (2,8 km südlich) bzw. zur Anschlussstelle 106 (Uffenheim-Langensteinach) der A 7 (3 km nördlich) führt. Eine Gemeindeverbindungsstraße führt nach Langensteinach zur Kreisstraße NEA 51 (1,4 km nördlich).[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichardsroth wurde der Sage nach um 990 in einem großen Wald, der die Gegend bedeckte und der in alten Schriften „Rode“ genannt wurde, von einem Einsiedler namens Reichard gegründet. Daraus entstand, aus Reichard und Rode der heutige Ortsname. In der Umgangssprache wird der Ort auch als „Räidler“ bezeichnet.

Im Jahre 1182 ließen Kaiser Friedrich I. und Albert von Hohenlohe ein Spital mit Kirche und Wirtschaftshof erbauen. 1192 gründete der Johanniterorden, nach deren Schenkung, daraus eine Kommende, von denen es in Franken nur sechs gab (Reichardsroth, Rothenburg, Biebelried, Würzburg, Mergentheim und Schwäbisch Hall). Im gleichen Jahr bestätigte Papst Coelestin III. die Schenkung. 1254 wurde die spätromanische Kirche (Vierungsturm mit Chor, Apsis und Langhaus) geweiht. Reichardsroth war im Mittelalter Sitz eines Zent-, eines Blut- oder Halsgerichts, das letzte Todesurteil wurde um 1400 vollstreckt. Das Galgenholz und die Galgenäcker neben der Ortschaft zeugen durch ihre Namen von dieser Zeit.

1387 wurde Reichardsroth durch Verkauf für 415 Jahre rothenburgisch – aber nur herrschaftlich. Der Grundbesitz und die Einkünfte von den Bauern blieben weiter beim Orden. Um 1430 begann die Freie Reichsstadt Rothenburg mit dem Bau einer Landhege und der kleine Ort wurde ein Grenzort zum Markgraftum Brandenburg-Ansbach. Am Ortsrand entstand an der Hauptstraße einer von neun Landtürmen der Rothenburger Landhege, an dem Zoll erhoben wurde und in dem ein Hegereiter wohnte, der die Hege (umgangssprachlich Häich) kontrollierte. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde der Ordenskonvent in Reichardsroth aufgelöst und der letzte Reichardsrother Johanniter-Komtur verließ die Kommende. Reichardsroth wurde mit der Rothenburger Kommende des Ordens zusammengelegt und von dort aus verwaltet. Mit der Reformation 1559 wurde Reichardsroth evangelisch. Der Kirchenbau verfiel in der Folgezeit. Für den noch bestehenden Wirtschaftshof setzte der Komtur der Rothenburger Johanniterkommende, zu der Reichardsroth fortan gehörte, weltliche Pächter ein.

1802 wurde Reichardsroth mit Rothenburg bayerisch. Dem Johanniterorden blieb während der Säkularisation in Bayern 1802/1803 der Besitz, da er als Ritterorden galt. Auch bei der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation 1806 blieb dem Orden zunächst der Besitz, erst 1808 verstaatlichte das Königreich Bayern die Besitzungen. Es wird berichtet, dass die Kommende Reichardsroth (wie auch einige andere) erst bis zum Tode des letzten Komturs des Johanniterordens in Bayern 1819 endgültig an die Krone Bayerns überging. Diese verkaufte 1835 einen Großteil des ehemaligen Ordensbesitzes (Gebäude, Äcker, Wiesen, Wald und See) an acht ortsansässige Bauern (sogenannte Hofbauern). Diese, mittlerweile nur noch sieben, Hofbauern benutzen noch die ehemaligen Wirtschaftsgebäude. Im 19. Jahrhundert wurden Teile des Chores der Kirche und die Apsis zusammen mit dem zum größten Teil eingefallenen, einst prächtig verzierten, Langhaus abgerissen und die Reste des Turmes mit Teilen des ehemaligen Chores renoviert. 1860 wurde aus den beiden kleinen Zeltdächern des Kirchturms ein Dach. Im Ort steht noch ein im Jahre 1700 erbautes Zollhaus, das bis zur Auflösung der Landhege 1806 den einstigen Landturm ersetzte.

Mit dem Gemeindeedikt (frühes 19. Jahrhundert) wurde Reichardsroth dem Steuerdistrikt und der Ruralgemeinde Ohrenbach zugeordnet.

In den 1940ern befand sich um das Dorf ein Teil des Oberscheckenbacher Feldflugplatzes, der als Ausweichplatz des Leithorstes Ansbach benutzt werden sollte. Auch davon sind in den umliegenden Wäldern noch Reste erkennbar.

1982 wurde die damalige Bundesstraße 25, die direkt durch den Ort verlief, auf eine neue Umgehungsstraße verlegt.

Baudenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Haus Nr. 1: Wohnstallhaus mit Nebengebäuden
  • Haus Nr. 2: Hofhaus
  • Haus Nr. 3: Zweigeschossiges Wohnstallhaus
  • Haus Nr. 12: Ehemaliges Ordenshaus der Johanniterkommende
  • Haus Nr. 13: Ehemaliges Zollhaus
  • Haus Nr. 14: Eingeschossiges ansehnliches Fachwerkwohnstallhaus mit Schopfwalmdach. Bezeichnet „Erbaut von J. Simon Ruhl 1851“.[4]
  • Haus Nr. 15: Evangelisch-lutherische Filialkirche St. Johannes der Täufer
  • Diverse Scheunen, Grenzsteine und Bildstock

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr 001818 001840 001861 001871 001885 001900 001925 001950 001961 001970 001987
Einwohner 60 87 94 101 110 94 92 133 103 103 86
Häuser[5] 12 15 15 15 17 19 21 21
Quelle [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [1]

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichardsroth ist heute eine selbstständige Kirchengemeinde, die mit den beiden Kirchengemeinden Großharbach und Langensteinach in einer Pfarrei zusammengefasst ist.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dorfleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im landwirtschaftlich geprägten mittelfränkischen Örtchen findet, trotz der geringen Einwohnerzahl, alljährlich das Aufstellen des traditionellen Maibaumes und das Abbrennen des Osterfeuers statt. In der Vergangenheit wurde eine 1000-Jahr-Feier des Dorfes und die 750-Jahr-Feier der Kirche, die in der alten Schafsscheune veranstaltet wurde, gefeiert. Zudem gibt es eine Freiwillige Feuerwehr, die neben ihren eigentlichen Aufgaben auch die Dorfgemeinschaft fördert und oft auch mit wichtigen Arbeiten zum Erhalt des idyllischen Dorfbildes beiträgt.

Freizeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reichardsrother See
  • „Natur- und Geschichtslehrpfad in Reichardsroth“
  • „Radeln und Wandern im Hegereiterland“ um Reichardsroth
  • „Glaubensweg an der Rothenburger Landhege“ um Reichardsroth
  • Gastwirtschaft und Ferienwohnungen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Reichardsroth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung (Hrsg.): Amtliches Ortsverzeichnis für Bayern, Gebietsstand: 25. Mai 1987. Heft 450 der Beiträge zur Statistik Bayerns. München November 1991, DNB 94240937X, S. 330 (Digitalisat).
  2. J. K. Bundschuh: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Franken, Bd. 4, Sp. 454.
  3. Reichardsroth im BayernAtlas. Entfernungsangaben jeweils Luftlinie.
  4. H. K. Ramisch: Landkreis Rothenburg ob der Tauber, S. 88. Denkmalschutz aufgehoben, Objekt evtl. abgerissen.
  5. Es werden nur bewohnte Häuser angegeben. 1818 wurden diese als „Feuerstellen“ bezeichnet, 1840 als „Häuser“, 1871 bis 1987 als „Wohngebäude“.
  6. Alphabetisches Verzeichniß aller im Rezatkreise nach seiner durch die neueste Organisation erfolgten Constituirung enthaltenen Ortschaften: mit Angabe a. der Steuer-Distrikte, b. Gerichts-Bezirke, c. Rentämter, in welchen sie liegen, dann mehrerer anderer statistischen Notizen. Ansbach 1818, S. 74 (Digitalisat).
  7. Eduard Vetter (Hrsg.): Statistisches Hand- und Adreßbuch von Mittelfranken im Königreich Bayern. Selbstverlag, Ansbach 1846, S. 226 (Digitalisat).
  8. Joseph Heyberger, Chr. Schmitt, v. Wachter: Topographisch-statistisches Handbuch des Königreichs Bayern nebst alphabetischem Ortslexikon. In: K. Bayer. Statistisches Bureau (Hrsg.): Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern. Band 5. Literarisch-artistische Anstalt der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, München 1867, Sp. 1073, urn:nbn:de:bvb:12-bsb10374496-4 (Digitalisat).
  9. Kgl. Statistisches Bureau (Hrsg.): Vollständiges Ortschaften-Verzeichniss des Königreichs Bayern. Nach Kreisen, Verwaltungsdistrikten, Gerichts-Sprengeln und Gemeinden unter Beifügung der Pfarrei-, Schul- und Postzugehörigkeit … mit einem alphabetischen General-Ortsregister enthaltend die Bevölkerung nach dem Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1875. Adolf Ackermann, München 1877, 2. Abschnitt (Einwohnerzahlen vom 1. Dezember 1871, Viehzahlen von 1873), Sp. 1240, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00052489-4 (Digitalisat).
  10. K. Bayer. Statistisches Bureau (Hrsg.): Ortschaften-Verzeichniss des Königreichs Bayern. Nach Regierungsbezirken, Verwaltungsdistrikten, … sodann mit einem alphabetischen Ortsregister unter Beifügung der Eigenschaft und des zuständigen Verwaltungsdistriktes für jede Ortschaft. LIV. Heft der Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern. München 1888, Abschnitt III, Sp. 1175 (Digitalisat).
  11. K. Bayer. Statistisches Bureau (Hrsg.): Ortschaften-Verzeichnis des Königreichs Bayern, mit alphabetischem Ortsregister. LXV. Heft der Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern. München 1904, Abschnitt II, Sp. 1246 (Digitalisat).
  12. Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Ortschaften-Verzeichnis für den Freistaat Bayern nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 und dem Gebietsstand vom 1. Januar 1928. Heft 109 der Beiträge zur Statistik Bayerns. München 1928, Abschnitt II, Sp. 1286 (Digitalisat).
  13. Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Amtliches Ortsverzeichnis für Bayern – Bearbeitet auf Grund der Volkszählung vom 13. September 1950. Heft 169 der Beiträge zur Statistik Bayerns. München 1952, DNB 453660975, Abschnitt II, Sp. 1113 (Digitalisat).
  14. Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Amtliches Ortsverzeichnis für Bayern, Gebietsstand am 1. Oktober 1964 mit statistischen Angaben aus der Volkszählung 1961. Heft 260 der Beiträge zur Statistik Bayerns. München 1964, DNB 453660959, Abschnitt II, Sp. 816 (Digitalisat).
  15. Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Amtliches Ortsverzeichnis für Bayern. Heft 335 der Beiträge zur Statistik Bayerns. München 1973, DNB 740801384, S. 171 (Digitalisat).