Sayaka Murata

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Sayaka Murata (jap. 村田 沙耶香, Murata Sayaka; geboren 14. August 1979 in Inzai) ist eine zeitgenössische japanische Schriftstellerin der sogenannten zero nendai-(Nuller-Jahre)-Generation, die seit den 2000er Jahren erfolgreich publiziert. Mit dem Text Konbini ningen (2016), für den sie 2016 den renommierten Akutagawa-Preis erhielt, hatte sie in Japan ihren ersten Bestseller – er verkaufte sich dort in kurzer Zeit mit über 600.000 Exemplaren. Seither wurden Arbeiten der Autorin in viele Sprachen übersetzt. Murata repräsentiert heute als Schriftstellerin das literarische Japan. Ihr Thema ist das in seiner Eigenart von den Gesellschaftsnormen eingeschränkte Individuum, ihre Texte entwerfen literarisch überzeugende subversive Gegenwelten, in denen sich die Außenseiter auf sehr eigenwillige Art behaupten. Häufige Motive sind Sexualität und Sexualitätsverweigerung, Misogynie und oppressive Beziehungen in Familien.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sayaka Murata wurde 1979 in Inzai in der Präfektur Chiba geboren. Als Kind las sie, wie es kolportiert wird, gerne Science-Fiction- und Mystery-Bücher. In der vierten Klasse versuchte sie handschriftlich einen Roman niederzuschreiben, da kaufte ihr die Mutter einen word processor.[1] Muratas Familie zog nach Tokio, wo sie die an die Nishōgakusha-Universität (二松學舍大学) angeschlossene Kashiwa-Oberschule (柏高等学校) besuchte. Danach studierte sie an der Tamagawa-Universität (玉川大学).[2]

Während sie ihre schriftstellerische Karriere verfolgte, behielt Murata, wie es in den Artikeln über ihre Entwicklung als Autorin betont wird, die Jobs als Aushilfskraft in verschiedenen Konbini-Filialen.[3] 2016 war Murata eine der Frauen des Jahres in der japanischen Vogue.[4]

Auszeichnungen und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Murata erhielt mehrere wichtige japanische Literaturpreise, darunter den Gunzō-Nachwuchspreis 2005 für ihren ersten Roman Junyū (授乳) (2005; Stillen).[5]

Der Text Gin’iro no uta (ギンイロノウタ) (2009; Silberlied) wurde 2009 für den Noma-Literaturpreis nominiert. 2013 gewann sie den Mishima-Preis mit Shiroiro no machi no, sono hone no taion no (しろいろの街の、その骨の体温の) (2012; Von Knochen, Körperwärme, bleicher Stadt) und 2014 für den dystopischen Entwurf Satsujin shussan (殺人出産) (2014; Mordgeburten) den u. a. von Mari Kotani (小谷 真理) (* 1958) gegründeten Sonderpreis des Sense of Gender Award.[6][7]

Für Konbini ningen (コンビニ人間) (2016; Convenience Laden-Mensch) erhielt sie 2016 den renommierten Akutagawa-Preis und wurde zudem für den Großen Preis der Buchhändler nominiert.[8] Konbini ningen wurde in Japan ein Bestseller. Übersetzungsrechte für das Buch vergab man an 26 Länder. Unter dem Titel Die Ladenhüterin (2018) wurde das Werk u. a. ins Deutsche übersetzt, 2020 erschien Chikyū seijin (地球星人) (2018; Erdlinge) als Das Seidenraupenzimmer.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textkommentare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Portal femundo würdigte „Die Ladenhüterin“ als einen kurzen, feinen und außergewöhnlichen Roman:

„Die Autorin, welche selbst lange Zeit in einem Konbini gearbeitet hat, stellt in ihrer Parabel den Leistungsdruck der japanischen Gesellschaft in Frage, der gerade auch Frauen den allerhöchsten Ansprüche unterwirft: Karriere machen, früh heiraten, Kinder bekommen und nebenbei noch den Körper und Freundschaften pflegen. Ihre Protagonistin Keiko fügt sich nicht in das vorgegebene Raster und wird so zu einer unerhörten Provokation für ihr Umfeld.“

femundo.de[9]

„Die Protagonistin und Hilfsarbeiterin in einem Convenient Store Furuhata Keiko aus Konbini ningen erfüllt, wie es in der japanologischen Analyse dargelegt wird, nicht die Hoffnungen ihrer Familie: Sie hat keinen Mann, keine angemessene Stelle, kein Kind, keinen Sex – ist also ein defizitäres Wesen in der Augen der Allgemeinheit. Gerne möchte Keiko ihre Eltern und die Schwester zufriedenstellen. Um den Verwandten zumindest die Illusion von Normalität bieten zu können, nimmt Keiko, als sich zufällig die Gelegenheit ergibt, bei sich in ihrer kleinen Wohnung den ebenfalls ledigen Mittdreißiger Shiraha auf. Jener Shiraha, der kurzfristig bis zu seiner Entlassung mit ihr im Convenient Store tätig war, ist allerdings ein sehr gewöhnungsbedürftiger Mitmensch. In erster Linie zeichnet er sich durch Negativität aus, lässt sich gehen, ist ungepflegt und anmaßend. Durch das Arrangement einer Fake-Zweisamkeit mit seiner Kollegin Keiko möchte er sich ähnlich wie diese dem Druck des Umfelds entziehen, das ihm sozialverträgliche Bindungswilligkeit abverlangt. Sein Ziel ist es, sich „zu verstecken“, um ungestört und ohne Einmischung von außen, einfach nur zu existieren – ein Zustand, den eine sich auf dem Weg in den vorgeschichtlichen Primitivismus befindende harte japanische Gesellschaft seiner Auffassung nach offenbar nicht zuläßt: „Ich möchte mein Leben lang nichts tun. Bis ich sterbe, will ich einfach nur atmen, ohne dass mir jemand reinredet.“ Shirahas Ideologie besteht, fußend auf nihilistischer Regression, aus einem radikalen Hikikomoritum, d.h. einer parasitären Moratoriumsphilosophie. Menschliche Sozialisationsformen lehnt er kategorisch ab, würden sie doch nach wie vor auf Stammesgesetzen beruhen, die die Geschlechtsorgane des Individuums vereinnahmten, um diese in den Dienst der Gemeinschaft zu zwingen. Teil seiner Weltsicht ist zudem die Frauenverachtung, und so bekennt er sich geradezu lustvoll zu seinem Schmarotzertum und seinem Vorhaben, sich an „Frauen“ zu rächen.

Muratas Konbini ningen präsentiert ein hochaktuelles Setting der psychosozialen Zumutungen in den restriktiven, plutokratischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Es beinhaltet die Themen Vereinsamung, Prekarisierung, Kollektivzwang, antinatalistische Verweigerung sowie einen Verweis auf das Transhumanistische bzw. die grundsätzliche Infragestellung der menschlichen Existenzform. Gegeben sind außerdem Bezüge zu einer neuen japanischen „Literatur des Arbeitsplatzes“, die seit den frühen 2000er Jahren die Lebenssituation von Freetern schildert und dabei aktuellen Entfremdungsprozessen, vor allem einer seelischen Prekarität des zeitgenössischen Japan, Ausdruck verleiht. Eine andere Debatte betrifft das, was seit den 2010er Jahren als „Zölibatssyndrom“ (Sekkusu Shinai Shôkôgun セックスしない症候群) in den japanischen Medien adressiert wird. Fast 50 Prozent der Frauen zwischen 16 und 24 Jahren hätten laut offizieller Erhebung kein Interesse an intimen Beziehungen und würden sexuelle Kontakte sogar ablehnen. Über ein Viertel der Männer schlössen sich dem Trend zur Keuschheit an – negative Befunde für den japanischen Staat, der die rückläufigen demographischen Entwicklungen mit Sorge wahrnimmt.“

Lisette Gebhardt: "Murata Sayaka". In: Sonderheft Heisei 1989-2019. Japanische Literatur. 2019: S. 80-87[10]

„Muratas Das Seidenraupenzimmer „führt die japanische Tradition literarisierter kindlicher Totalverweigerung fort, die sich am Ende als heftiger Gewaltausbruch gegen eine die Menschen aggressiv vereinnahmende Gesellschaft richtet. Der Text handelt von der Rückeroberung des durch das Kollektiv missbrauchten Kinderkörpers. Seine Befreiung stellt sich als beispiellos radikales Unterfangen dar, in dessen Verlauf alle gültigen Normen gebrochen werden – bis hin zum Kannibalismus. Während der japanische Originaltitel ‚Erdlinge‘ (2018; Chikyû seijin 地球星人) schon andeutet, dass hier jemand eine Außenperspektive auf den Planeten Erde und seine Bewohner anwendet, verweist Das Seidenraupenzimmer auf einen Ort der Transformation. Tatsächlich beschreibt der Roman eine Umwandlung, nämlich jene hilfloser, ausgelieferter Kinder in mächtige Wesen, die über den Irdischen stehen und eigene Vorstellungen verwirklichen.““

Lisette Gebhardt: Euer Wahnsinn gebiert unseren Wahnsinn. Sayaka Muratas subversive Groteske „Das Seidenraupenzimmer“[11]

„Ein Werk wie Konbini ningen mag zwar autobiographische Elemente enthalten, jedoch findet die eigene Arbeitserfahrung nicht direkt Eingang in den Text, sondern bildet die Basis einer poetischen Verfremdung. Während der zahlreichen Gespräche in Literaturhäusern wird Murata immer wieder auf ihre Biographie angesprochen; sie erklärt einige Charakteristika japanischer Verhaltensnormen, stellt aber stets klar, dass in ihrer Literatur ein literarisches Szenario und ein Spiel mit den beobachteten Mustern entsteht.“

Lesung und Gesprächsrunde Sayaka Murata im Literaturhaus Zürich am 15. September 2021[12]

„Sayaka Murata gehört in eine Reihe junger ostasiatischer Autorinnen, die in ihren Werken weibliche Selbsterfahrungen in patriarchalen Systemen thematisieren.“

Süddeutsche Zeitung[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ronald Düker: Die Uniform in Person. Rezension, in: Die Zeit, 1. März 2018, S. 46
  • Jonas Lages: Endlich Alien. Rezension. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2020, S. 11

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lisette Gebhardt: „Murata Sayaka“. In: Sonderheft Heisei 1989–2019 – Japanische Literatur, S. 80–87. Berlin: EB-Verlag 2019. ISBN 978-3-86893-309-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 村田沙耶香インタビュー「バイトは週3日、週末はダメ人間です. In: Bungeishunjū. 20. August 2017, abgerufen am 14. Juli 2018 (jp).
  2. 印西出身の村田沙耶香さん 入学時文集「いつか理想の自分に」 二松学舎大学付属柏高、母校も喜びに沸く /千葉. In: Mainichi. 21. Juni 2016, abgerufen am 6. November 2021 (jp).
  3. Leo Lewis: Sayaka Murata: ‘My parents don’t want to read my books’. In: Financial Times. 8. Juni 2018, abgerufen am 6. November 2021 (englisch).
  4. Sayaka Murata - Vogue Japan Frauen des Jahres 2016 Awards am 24. November 2016, Tokio, Japan. In: Alamy.de. 24. November 2016, abgerufen am 25. Dezember 2021.
  5. Gunzo Awards. In: Gunzo. Abgerufen am 6. November 2021 (jp).
  6. Anna Specchio: Eutopizing the Dystopia. Gender Roles, Motherhood and Reproduction in Murata Sayaka’s "Satsujin Shussan". In: Metacritic Journal for Comparative Studies and Theory. Band 4, Nr. 1, 5. Juli 2018, ISSN 2457-8827, S. 94–108, doi:10.24193/mjcst.2018.5.06 (englisch).
  7. Mishima Yukio Prize (Offizielle Webseite). Abgerufen am 6. November 2021 (jp).
  8. Kikuchi Daisuke: Convenience store worker who moonlights as an author wins prestigious Akutagawa. 20. Juli 2016, abgerufen am 6. November 2021 (englisch).
  9. Eine Frau jenseits aller Konventionen. femundo.de, 5. April 2018, abgerufen am 12. Mai 2018.
  10. Lisette Gebhardt: Murata Sayaka. In: Sonderheft Heisei 1989-2019. Japanische Literatur. 2019, ISBN 978-3-86893-309-3, S. 80–87.
  11. Euer Wahnsinn gebiert unseren Wahnsinn. Sayaka Muratas subversive Groteske „Das Seidenraupenzimmer“. literaturkritik.de, 15. Juni 2020, abgerufen am 6. November 2021.
  12. Lesung und Gesprächsrunde Sayaka Murata im Literaturhaus Zürich. Literaturhaus Zürich, 15. September 2021, abgerufen am 6. November 2021.
  13. Endlich Alien. sueddeutsche.de, 9. Juli 2020, abgerufen am 28. Juli 2022.