Schwaighof (Hofform)
Schwaighof/Schweighof ist im oberdeutschen Sprachraum ein auf Viehzucht ausgerichteter herrschaftlicher Eigenbetrieb,[1] woraus sich häufiger auch ein Ortsname oder Familienname entwickelte.[2]
Wortherkunft und Wirtschaftsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schwaige, bairisch Schwoag, leitet sich von mittelhochdeutsch sweige für ‚Sennerei, Herde, Viehhof‘ ab. Die Begriffe Sennhof, Grashof, Viehhof, Schwaiglehen haben etwa dieselbe Bedeutung oder bezeichnen Teilaspekte der Schwaige.
Der Begriff der Schwaige ist im 12./13. Jahrhundert in den Nord- und Zentralalpen und deren Vorland entstanden und bezeichnet einen Wirtschaftshof an Berghängen oder in Hoch- und Haupttälern. Der Schwaighof war eine Dauersiedlung als Einzelhof, die hauptsächlich Sennwirtschaft (Viehzucht und Milchwirtschaft) betrieb und sich zumeist ab einer Höhe von ca. 1.200 m verbreitet fand.
“....Trotzdem bestanden offensichtlich seit ältesten Zeiten Weidehöfe, aber sie bildeten keine autonomen Hofstellen und erhielten keine eigene Bezeichnung; sie wurden weder vom Salland (Anm. Salland = Herrenland; Land, das von fronenden Untertanen unmittelbar für den Grundherrn bewirtschaftet wurde) unterschieden, zu dem sie fast immer gehörten, noch von den anderen Hufen. Erst von der Mitte des 11. Jahrhunderts an finden sich eigene Bezeichnungen für solche Höfe, ein Anzeichen für eine neue Wirtschaftsorganisation: Sie heißen nun armentariae, vaccariae, casealia, curtes stabulares oder Stadelhöfe. Am geläufigsten ist die Bezeichnung swaiga, eine latinisierte Form des Wortes Schwaige oder Schwaighof, welche die anderen Bezeichnungen nahezu vollständig verdrängt. ............. Im 12. Jahrhundert bedeutet swaiga eine ganz bestimmte Wirtschaftseinheit. Sie ist von unterschiedlicher Größe, wird ähnlich wie eine curia organisiert, umfaßt aber meist nur eine Viertelhufe. Nicht in allen Fällen wird ausschließlich Weidewirtschaft betrieben; denn die Schwaighöfe müssen dem Grundherrn häufig auch Hühner und Eier, Hafer und verschiedene andere Produkte liefern. Normalerweise gehören zu einer swaiga sechs Kühe, die der Grundherr dem Bauern zur Verfügung stellt. ........Aber das wesentlichste Merkmal des bayerischen Schwaighofes bilden die relativ konstanten Abgaben an Käse. Fast immer sind ohne Rücksicht auf die Anzahl der Kühe 300 Laiber zu entrichten; ......”
Bei näherer Betrachtung lassen sich für den Betriebstyp der Schwaighöfe besondere Merkmale ausmachen, die sie von anderen Betrieben mit vornehmlicher Viehhaltung unterscheiden: Es sind die vom Grundherren bereitgestellten Herden und der darauf bezogene Zins von regelmäßig 300 Käsen, wobei die Herden ebenfalls als Schwaigen bezeichnet werden.[3]
Bereits für die Jahre 1130–1145 sind Schwaigen („swaigas“) im Ötztal in der Ortschaft Niederthai bezeugt, die an das Kloster Ottobeuren jährlich 900 caseos (‚Käse[laibe]‘) abgaben.[4] Im Salbuch des Klosters Benediktbeuern von 1294 sind zum Beispiel für die Jachenau 17 vaccariae (Viehhöfe, von lateinisch vacca ‚die Kuh‘) gelistet, die jährlich 100 bis 200 Käselaibe als Kasgilt leisten mussten.[5] Die Höfe in der Jachenau werden wegen des rauen Klimas, das den Anbau von Feldfrüchten ausschließt, auch heute nur als Viehhöfe betrieben.[6]
Im 15. Jahrhundert verschwanden die Schwaighöfe allmählich wieder und wichen anderen Betriebsformen. Dennoch begründete das Kloster Benediktbeuern erst 1728 in Walchensee einen Schwaighof zur Versorgung der ortsansässigen Taferne.[7] Schwaigen wurden meist als Lehen vergeben. Der Betreiber versorgte in der Regel grundherrliches und eigenes Vieh. Für die Nutzung von Grund und Vieh des Gutsherrn war er diesem abgabenpflichtig.
Verbreitung und Varianten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wort Schwaighof ist vor allem in Österreich, Südtirol und Bayern, Schweighof vor allem in Baden, der Schweiz und im Elsass verbreitet.
Erhalten haben sich zahlreiche Flurnamen und das Wort Schwaige im Ostalpenraum für ‚Bergweide‘ (Alm/Alpe).
Beispiele:
- Schwaig, Schwaige
- Schwaighof, Schweighof
- Schwaighofen, Schweighofen
- Schweighouse (frz. Form von ‚Schwaighaus‘)
analog:
Entsprechend häufig sind auch Herkunftsnamen wie Schwaiger, Schweiger, Schwaighofer oder Schweighofer.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Viehhof, als Schlachthof
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Reinhard Riepl: Wörterbuch zur Familien- und Heimatforschung in Bayern und Österreich. Waldkraiburg 2003, S. 339.
- ↑ Werner Bätzing: Schwaige/Schwaighof in Kleines Alpenlexikon Umwelt, Wirtschaft, Kultur. Beck, 1997, ISBN 3-406-42005-2, S. 206 (google.de).
- ↑ Hannes Obermair, Volker Stamm: Alpine Ökonomie in Hoch- und Tieflagen – das Beispiel Tirol im Spätmittelalter und in Früher Neuzeit. In: Luigi Lorenzetti et al. (Hrsg.): Relire l’altitude : la terre et ses usages. Suisse et espaces avoisinants, XIIe–XXIe siècles. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2019, ISBN 978-2-88930-206-2, S. 29—56, hier: S. 32 (researchgate.net).
- ↑ Martin Bitschnau, Hannes Obermair: Tiroler Urkundenbuch, II. Abteilung: Die Urkunden zur Geschichte des Inn-, Eisack- und Pustertals. Band 1: Bis zum Jahr 1140. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2009, ISBN 978-3-7030-0469-8, S. 185–186, Nr. 204.
- ↑ BHStA München, KL Benediktbeuern 32, fol. 21
- ↑ Gudelius, Jost: Die Jachenau. Jachenau 2008, S. 240
- ↑ BHStA München, Grundbuch Kloster Benediktbeuern vom 25. Oktober 1728
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Otto Stolz: Die Schwaighöfe in Tirol. Ein Beitrag zur Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte der Hochalpentäler (= Wissenschaftliche Veröffentlichungen des DÖAV 5). Innsbruck 1930. (online)
- Susanne Pacher: Die Schwaighofkolonisation im Alpenraum: neue Forschungen aus historisch-geographischer Sicht (= Forschungen zur deutschen Landeskunde 236). Trier: Zentralausschuß für deutsche Landeskunde 1993. ISBN 3-88143-047-4
- Hannes Obermair, Volker Stamm: Alpine Ökonomie in Hoch- und Tieflagen – das Beispiel Tirol im Spätmittelalter und in Früher Neuzeit. In: Luigi Lorenzetti, Yann Decorzant, Anne-Lise Head-König (Hrsg.): Relire l’altitude : la terre et ses usages. Suisse et espaces avoisinants, XIIe–XXIe siècles. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2019, ISBN 978-2-88930-206-2, S. 29–56, Abschnitt S. 32–37 (researchgate.net).
- Susanne Steiner: Der Schwaighof als alpiner Siedlungstyp. Auswirkungen auf die Kulturlandschaftsgenese und Baustruktur im ländlichen Raum. Dargestellt an Beispielen von Bergbauernhöfen aus dem Sellraintal. Innsbruck März 2025 (311 S., uibk.ac.at [PDF] Warnung: PDF ist fast ein halbes Gigabyte groß).