Seilrutsche

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Seilrutsche als Rettungsmittel (45 m)

Die Seilrutsche, auch Seilbahn oder Flying Fox, in der Schweiz Tirolienne oder Tyrolienne (wie in Frankreich), in Österreich Guerillarutsche (engl. Zip-line, Ziplining), ist eine Seilverbindung zwischen zwei unterschiedlich hoch gelegenen Punkten zur Überquerung von Schluchten und Flüssen. Damit werden an einer Rolle oder an einem Karabinerhaken hängende Personen oder Lasten transportiert.

Seilrutschen mit Statikseil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hocking Peaks Adventure Park, Logan (Ohio)

Für Seilrutschen dürfen nur geprüfte Statikseile mit geringer Dehnung verwendet werden.

Hauptartikel: Sicherheit und Spannen der Seile im Artikel Seilbrücke.

Sicherheitsrelevante Systeme werden doppelt ausgeführt. Zusätzlich zum Tragseil wird immer ein ebenfalls statisches Sicherungsseil verwendet, das in etwa einem Meter über dem Tragseil gespannt wird. Auf beiden Seilen läuft je eine Seilrolle, die miteinander über eine Bandschlinge und Schraubkarabiner verbunden sind. Dabei werden spezielle geschlossene Doppelrollen verwendet. Alternativ können Schraubkarabiner verwendet werden. Schraubkarabiner werden mit der Schraubhülse nach unten eingehängt, damit sie sich durch Erschütterungen nicht aufschrauben können. Die Last oder Person wird mit einer Bandschlinge an die untere Rolle gehängt. Bei Personentransport ist die Verbindung von Klettergurt und Bandschlinge mit zwei gegenläufig eingehängten Schraubkarabinern auszuführen. Die Person darf nicht ins Seil oder die Rolle greifen können und auch schwere Personen müssen jederzeit frei von Bodenberührung sein.

Gebremst wird mit einem dritten Seil, dem Bremsseil. Dieses wird über eine am Befestigungspunkt angebrachte Umlenkung von einem Helfer geführt. Damit kann auch die Seilrolle, oder bei Schwierigkeiten die Person, wieder zurückgeholt werden.

Für eine Verankerung an einem Baum soll dieser einen Durchmesser von mindestens 20 cm haben. Zur Befestigung der Seile gibt es zwei Systeme:

  • Eine 30 bis 50 mm breite Bandschlinge wird doppelt um den Baum gelegt und in die Schlaufen ein Schraubkarabiner eingehängt
  • Das Seil wird mehrmals um den Verankerungsbaum geschlungen und das Ende an einem zweiten Baum, an einem starken Ast oder am Tragseil selbst gesichert. Die Borke der Bäume ist zu schützen.

Bei einer Verankerung im Fels ist für jede Seilbefestigung jeweils eine eigene Verankerung erforderlich. Mit Bohrhaken wird eine axiale Zugfestigkeit von 1500 daN erreicht. Jedes Seilende wird sicherheitshalber zusätzlich mit der Verankerung des anderen Seiles verbunden. Das Seil wird am Karabiner mit dem Bergrettungsknoten befestigt.

Das Seil wird am Karabiner mit einem HMS-Knoten befestigt und mit einem Schleifknoten und einem Überhandknoten gesichert (Bergrettungsknoten). Dadurch kann die Befestigung auch unter Last jederzeit und auf beiden Seiten entspannt und gelöst werden. Gespannt wird das Seil mit einem Flaschenzug. Die Umlenkungen werden mit einer Bandschlinge mit einem Kreuzklemmknoten befestigt (nie mit einer Reepschnur) und über eine Rolle geführt. Nach dem Spannen wird das Tragseil am Ankerpunkt fixiert, beispielsweise zweimal um den Baum gewickelt und an einem Ast oder am Seil selbst gesichert. Der Flaschenzug muss dann entspannt werden (sonst droht eine Schmelzverbrennung der Bandschlinge, wenn diese auch nur wenige Zentimeter auf dem Seil rutscht).

Seilrutschen mit Stahlseil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für dauerhaft eingerichtete Seilbahnen werden Stahlseile eingesetzt, beispielsweise für Seilbahnen im Hochseilgarten, Kletterwald oder auf Kinderspielplätzen. Bei der Anwendung von Stahlseilen sind ISO-Normen zu berücksichtigen.

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Seilrutsche wird zum Materialtransport in unwegsamem Gelände verwendet, beispielsweise im Gebirge oder über Flüsse. Sie dient auch als Rettungs- und Bergemittel in der Bergrettung. Der Übergang zur Seilbahn ist fließend. Als „Tarzanbahn“ ist sie ein beliebtes Spielgerät auf Kinderspielplätzen und im Outdoortraining.

Unfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2000 starben auf einer Seilrutsche durch eine Schlucht entlang des Caminito del Rey (Provinz Málaga, Spanien)[1] drei junge Männer. Der Vorfall führte zusammen mit zwei weiteren tödlichen Unfällen in der Schlucht zur Sperre des „Königspfades“ im Jahr 2001. Erst nach umfangreicher Sanierung wurde der Steig 14 Jahre später wiedereröffnet.

Am 8. Juni 2000 kam es im Klettergarten Kanzianiberg bei Villach (Kärnten, Österreich) zu einem tödlichen Unfall mit einer Seilrutsche. Unter der Bedienung eines staatlich geprüften Bergführers sollte ein Schüler eine rund 40 Meter tiefe Schlucht zwischen zwei Felsen überwinden. Als „Höhepunkt“ bremste der Bergführer den Schüler etwa in der Mitte der Schlucht ein, wodurch eine Pendelbewegung entstand. Durch diese kurzfristige Be- und Entlastung öffnete die sichernde Bandschlinge den „Twistlock“-Karabinerhaken und führte zum tödlichen Absturz des Schülers. Der Vorfall wurde straf- sowie zivilrechtlich untersucht und führte zu einer Aufarbeitung durch den Alpenverein, den Verband der Österreichischen Berg- und Schiführer und das Kuratorium für alpine Sicherheit mit dem Ergebnis, in Zukunft bei „Flying Fox“ auf Twistlock-Karabiner zu verzichten und zusätzlich einen zweiten Karabiner gegengleich zu verwenden.[2]

Im Sommer 2010 verunglückte eine 21-jährige Britin tödlich am Klettersteig Gorge Alpine bei Saas-Fee (Wallis, Schweiz). An einer bis zu 45 Grad steilen Tyrolienne hatte die Studentin sich mit den Karabinern ihres Klettersteigsets ohne Sicherung eingehängt und war danach ungebremst gegen einen Felsen gerast. Für eine Begehung dieses Steiges wäre ein Bergführer obligatorisch gewesen, worauf am Beginn des Gorge Alpine Hinweise in verschiedenen Landessprachen aufmerksam machen. Bereits 2009 hatte sich ein ähnlicher Unfall am Klettersteig Eggishorn (Wallis) ereignet, wobei eine 27-Jährige den Tod fand.

Am 19. Dezember 2015 prallte eine Frau ungebremst bei Verwendung einer Seilrutsche in die Kaimauer am rechten Ufer der Mur in Graz (Steiermark, Österreich) und erlitt schwere Verletzungen. Die Frau musste notoperiert und in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden. Im März 2016 wurde der verantwortliche Bergführer wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Er gab an, am Unglückstag abgelenkt gewesen zu sein und deshalb auf das Einhängen des Bremsseils vergessen zu haben. Auch Bremsmanöver eines zweiten Bergführers am anderen Ende der Anlage waren daher wirkungslos.

Normen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • EN 1176 „Spielplatzgeräte und Spielplatzböden – Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren“;
  • EN 1177 „Stoßdämpfende Spielplatzböden – Bestimmung der kritischen Fallhöhe“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anton Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action-Sport-Veranstaltungen : Bungee Jumping, Rocket Bungee (Katapult-Bungee), Sky Fly III, Flying Dog, Air Diving III, Devils Fall. BSA Verlag, Dornbirn 1998, ISBN 978-3-9500616-3-5 (Volltext in der Google-Buchsuche).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. El País:Mueren tres jóvenes al despeñarse en el desfiladero malagueño de Los Gaitanes, 12. August 2000
  2. BergundSteigen