Selbstkontrolle

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Dieser Artikel beschreibt ein psychologisches Konzept. Für die Anwendung des Begriffs in der Wirtschaft oder Politik siehe Selbstverpflichtung, freiwillige Selbstkontrolle, für die Anwendung in Philosophie und Theologie siehe Selbst.

Der Begriff Selbstkontrolle bezeichnet die innere Kontrolle eigener Handlungen.

Sie kann, muss jedoch nicht, bewusst erfolgen. Sie lässt sich auch bei kleinen Kindern und Tieren beobachten, und zwar dann, wenn zwischen einer kleineren, sofortigen Belohnung und einer größeren, verzögerten Belohnung gewählt werden muss. Selbstkontrolle wird dabei als Fähigkeit zum Belohnungsaufschub verstanden.

Das in psychologischen Tests ermittelte Ausmaß an Selbstkontrolle in der Kindheit hat eine starke Vorhersagekraft für vielfältigen Erfolg im späteren Leben. Dieser Effekt zeigte sich dabei unabhängig von Intelligenz und sozialem Status.

Marshmallow-Tests[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Experimente zur Selbstkontrolle wurden seit den 1960er Jahren von Walter Mischel und anderen durchgeführt und sind als Marshmallow-Tests bekannt geworden.

Dabei bekamen vierjährige Kinder eine von ihnen begehrte Süssigkeit vorgesetzt (etwa einen Marshmallow) und wurden aufgefordert, diese nicht sofort zu essen. Sondern erst dann, wenn der Versuchsleiter nach einer kurzem Unterbrechung wieder ins Zimmer käme. Wenn sie nicht mehr länger warten konnten, sollten die Kinder eine Glocke läuten. Dann käme der Versuchsleiter sofort zurück und sie dürften das Marshmallow direkt essen. Wenn sie aber solange warteten, bis der Versuchsleiter von alleine zurückkäme (nach ca. 15 Minuten), erhielten sie als Belohnung zwei Marshmallows. Die Dauer des Wartens wurde aufgezeichnet und als Maß für die individuelle Fähigkeit zur Selbstkontrolle aufgefasst.

In späteren Längsschnittstudien wurde festgestellt, dass eine hohe Selbstkontrolle ein verlässlicher Prädiktor für späteren akademischen Erfolg und eine Reihe positiver Persönlichkeitseigenschaften war.[1][2][3][4]

Vorhersagekraft von Selbstkontrolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer umfassenden Längsschnittstudie von 2011 wurde ein Zusammenhang von Selbstdisziplin, Gewissenhaftigkeit und Ausdauer mit späteren Merkmalen wie Gesundheit, materiellem Wohlstand und Zufriedenheit nachgewiesen; und zwar unabhängig von Intelligenz und sozialem Status. Gleichzeitig führten diese Eigenschaften im späteren Leben zu geringeren sozialen Kosten durch medizinische Behandlungen, Sozialleistungen und Strafverfolgung.[5][6][7]

Diese Langzeitstudie ist als The Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study bekannt. Sie umfasst Daten von 1037 Personen, die von 1972 bis 1973 in Dunedin (Neuseeland) geboren und (bislang) im Alter von 3 - 38 Jahren - in festen Intervallen - ausführlich medizinisch und bezüglich ihrer Lebensumstände untersucht wurden. Bei der bisher letzten Untersuchung im Alter von 38 Jahren wurden 96 % der noch lebenden Teilnehmer erreicht.[8]

Neurobiologische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub wurde beim Menschen durch Vergleich von Ausfällen nach Gehirnverletzungen (z. B. Schlaganfall) und durch bildgebende Verfahren bei Gesunden untersucht. Beteiligt ist demnach ein Netzwerk verschiedener Gehirnregionen, bei dem jedoch der mediale orbitofrontale Cortex (mOFC) eine zentrale Rolle spielt. Schäden in diesem Bereich führen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass eine sofortige, kleine Belohnung gewählt wird. Es wird vermutet, dass dieser Gehirnbereich an der Folgenabschätzung oder zukunftsbezogenem Vorstellungsvermögen beteiligt ist.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brian Tracy: Keine Ausreden! Die Kraft der Selbstdisziplin. Gabal, Offenbach 2011, ISBN 978-3-86936-235-9.
  • David Watson, Roland Tharp: Einübung in Selbstkontrolle. Grundlagen und Methoden der Verhaltensänderung.
  • Walter Mischel: Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. Siedler Verlag, München 2015, ISBN 978-3-641-11927-0.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. W. Mischel, Y. Shoda, M. I. Rodriguez: Delay of gratification in children. In: Science. Band 244, Nr. 4907, 26. Mai 1989, S. 933–938, PMID 2658056.
  2. Jonah Lehrer: DON’T! The secret of self-control. In: The New Yorker. 18. Mai 2009 (newyorker.com [abgerufen am 25. Dezember 2014]).
  3. Walter Mischel: The Marshmallow Test: Mastering Self-Control. Little Brown, New York 2014, ISBN 0-316-23085-5. Deutsch: Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. Siedler Verlag, München 2015, ISBN 978-3-641-11927-0.
  4. Tomasz Kurianowicz: Marshmallow-Test: Nimm mich! Rezension in faz.net 5. November 2014.
  5. Terrie E. Moffitt, Louise Arseneault, Daniel Belsky, Nigel Dickson, Robert J. Hancox, Honalee Harrington, Renate Houts, Richie Poulton, Brent W. Roberts, Stephen Ross, Malcolm R. Sears, W. Murray Thomson, Avshalom Caspi: A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 108, Nr. 7, 15. Februar 2011, ISSN 1091-6490, S. 2693–2698, doi:10.1073/pnas.1010076108, PMID 21262822.
  6. Terrie E. Moffitt, Avshalom Caspi, Richie Poulton: Ein besseres Leben dank früher Selbstbeherrschung. In: Spektrum der Wissenschaft. 12-2014, S. 40–47, spektrum.de
  7. Überblicksartikel auf der Website der Dunedin Studie: Children with more self-control turn into healthier and wealthier adults. 25. Januar 2011.
  8. The Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study.
  9. Manuela Sellitto, Elisa Ciaramelli, Giuseppe di Pellegrino: The neurobiology of intertemporal choice: insight from imaging and lesion studies. In: Reviews in the Neurosciences. Band 22, Nr. 5, 2011, ISSN 0334-1763, S. 565–574, doi:10.1515/RNS.2011.046, PMID 21967518.