Soziale Interaktion

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Soziale Interaktion bezeichnet das wechselseitig aufeinander bezogene Handeln (oder Beeinflussen) von Akteuren (oder Gruppen), also das Geschehen zwischen Personen, die aufeinander reagieren, miteinander umgehen, einander beeinflussen und steuern.[1] In der Informationswissenschaft ist Interaktion der Dialog von Handlungspartnern.[2] Interaktion wird in der psychologischen Statistik auch im Zusammenhang mit varianzanalytischen Untersuchungen verwendet.[3] Wenn die Wirkungen mehrerer Variablen gleichzeitig untersucht werden, ist die Interaktion ein Maß dafür, wie sehr der Effekt einer unabhängigen Variablen auf die abhängige Variable von den Bedingungen einer oder mehrerer anderer Variablen abhängt.

In der Sozialpsychologie spricht man laut Meyers Lexikon der Psychologie [4] von Interaktion bei der über Kommunikation vermittelten gegenseitigen Beeinflussung von Individuen oder Gruppen im Hinblick auf das Verhalten oder die Einstellungen. Bei der Interaktion einer Schulklasse z. B. beeinflussen sich Lehrer und Schüler gegenseitig, wobei sie sich an ihren jeweiligen Erwartungen (Rollenvorstellungen, Situationsdefinitionen) orientieren. Interaktion kann deswegen nur als Verhalten definiert werden, das im Rahmen von situativen Handlungskonzepten beschrieben wird. Die Interaktionsanalyse (R. F. Bales) versucht, das Handlungsgefüge von interagierenden Partnern zu beschreiben und strukturell offen zu legen. Bales hat dafür zwölf Kategorien vorgesehen (z. B. stimmt zu, zeigt Solidarität, macht Vorschläge, fragt nach Meinungen usw.) Mit Hilfe solcher Interaktionsstrukturen können etwa Gruppen charakterisiert (und von anderen unterschieden) werden. [5]

Detlev Leuten spricht von einem Interaktionsbedarf bei Schülern im programmierten Unterricht und macht dabei die Bedeutung der Interaktion für das individuelle Lernen und die soziale Entwicklung des Individuums deutlich.[6] Die Entwicklung des Individuum ist ohne soziale Interaktion kaum denkbar.[7]

Das Milgram-Experiment zeigt den dramatischen Einfluss auf das Verhalten von Versuchspersonen durch die Interaktion angeblicher Autoritätspersonen.[8]

Begriffsverwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der eigentliche Terminus, der später im amerikanischen als „interaction“ übersetzt wurde, stammt von Georg Simmel und lautete „Wechselwirkung“. Soziale Interaktion ist die aktive Wechselwirkung von wenigstens zwei Akteuren oder sozialen Institutionen wie etwa Organisationen, z. B. zum Zwecke der Abstimmung des Verhaltens der Beteiligten bzw. des konkreten Handelns der Kooperations­partner. Voraussetzung für die Anschlussfähigkeit einer Interaktion ist die wechselseitige kommunikative Bezugnahme der an der Interaktion Beteiligten. Diese Bezugnahme kann Handlungsgründe, Handlungsziele sowie Erwartungen des Gegenübers umfassen. Da solche Interpretation immer auch wechselseitig ist, ist soziale Interaktion zugleich auch Kommunikation.

Die Soziologie unterscheidet drei Ebenen des sozialen Lebens:

Organisationen und Gesellschaften bestehen aus (strukturierten) unzähligen sozialen Interaktionen der beteiligten Menschen. In einigen soziologischen Theorien gilt die Interaktion als die Grundeinheit alles Sozialen.[9]

Soziologische Auffassungen sozialer Interaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit sozialer Interaktion haben sich verschiedene Theorien und Soziologen auseinandergesetzt. Sie weisen jeweils spezifische Aspekte aus.

Symbolischer Interaktionismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interaktion ist im symbolischen Interaktionismus ein permanenter Prozess des Handelns, Beobachtens und Entwerfens weiterer Handlungen, in dem ego und alter wechselseitig die vermuteten Rollenerwartungen des anderen übernehmen oder ablehnen, darauf reagieren und weiteres Handeln antizipieren. Wechselseitige Interpretationen definieren die Situation, bestimmen, worum es geht oder nicht gehen soll, und leiten das Handeln an. Nicht vorgegebene Normen ermöglichen die Interaktion, sondern die gemeinsame Festlegung, welchen Sinn die Interaktion hat. Voraussetzung für das Gelingen von Interaktion ist die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Diese Auffassung von Interaktion vertritt gegen das normative Paradigma das interpretative Paradigma.[10]

Max Weber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Max Weber ist soziales Handeln seinem von den Handelnden gemeinten Sinn nach immer auf das Verhalten Anderer bezogen. Von sozialer Interaktion kann man insofern sprechen, als Handeln in einer sozialen Beziehung erfolgt, d.h. ein fortlaufendes aufeinander eingestelltes und dadurch orientiertes „Sich-Verhalten“ mehrerer ist.[11] Die soziale Interaktion wird durch den individuellen Sozialisationsprozess sowie die individuell unterschiedliche selektive Wahrnehmung bestimmt.

George Herbert Mead[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

George Herbert Mead versteht unter einer sozialen Handlung nicht die Handlung eines Einzelnen. Die soziale Handlung ist auf ein soziales Objekt gerichtet. So ist z. B. das soziale Objekt des Fußballteams, Tore zu schießen bzw. das Spiel zu gewinnen. Das kooperative Zusammenspiel des Teams ist die soziale Handlung. Sie besteht aus sozialen Interaktionen zwischen den Spielpartnern, die dadurch koordiniert sind, erstens ein gemeinsames soziales Objekt zu haben und zweitens durch die Fähigkeit der Interaktionsteilnehmer, die Rolle, welche die anderen für die Erreichung des Zieles spielen, zu antizipieren und entsprechend zu agieren und zu reagieren.

Talcott Parsons[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Talcott Parsons Rollentheorie folgen wir in unserem Verhalten normativen Vorgaben, die sich aus sozialen Strukturen ergeben. Unsicherheit im Verhalten besteht, weil die Interpretation der Verhaltensnormen durch die Interaktionsteilnehmer unterschiedlich sein kann. Dass Interaktion trotzdem funktioniert, erklärt Parsons damit, dass die Teilnehmer durch Sozialisation die gleichen Normen und Werte der Gesellschaft internalisiert haben und daher motiviert sind, so zu handeln, wie sie handeln sollen. Eine solche Auffassung wird unter das normative Paradigma gezählt.[11]

Im Gegensatz zu Parsons Ansatz steht das Interaktionistische Rollenmodell.

Ausgewählte Aspekte der sozialen Interaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedingungen des Gelingens sozialer Interaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soziale Interaktion hängt direkt mit der Kommunikation zusammen. Deswegen gelten für eine erfolgreiche soziale Interaktion dieselben Bedingungen, wie für eine erfolgreiche Kommunikation. Von erfolgreicher Kommunikation und damit erfolgreicher sozialer Interaktion spricht man dann, wenn die Ziele der Interaktion erreicht wurden und die beabsichtigte Wirkung eintritt. Das heißt, dass die Erwartungen der Beteiligten an die Interaktion erfüllt wurden und somit auch deren Bedürfnisse. Als einfaches Beispiel ist das Unterrichtsgeschehen zu betrachten: Ein Schüler stellt eine Frage (sein Bedürfnis / seine Erwartung ist die Antwort) und der Lehrer beantwortet diese. Das Ziel ist dann erreicht, wenn der Schüler es verstanden hat, somit wurden sowohl die Erwartungen des Schülers sowie die des Lehrers erfüllt. Es ist auch wichtig, eine positive Interaktionsatmosphäre zu ermöglichen und seine Kommunikationsbereitschaft zu signalisieren. Wenn man zudem ständig die eigenen Zielsetzungen und Erwartungen an die Interaktion überprüft, läuft man auch nicht Gefahr, eine gestörte Interaktion zu provozieren.

Entwicklungspsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Individuum nimmt von früher Kindheit an Einfluss auf Situationen, die es andererseits selbst beeinflussen. Es beeinflusst die soziale und physische Umwelt. Der Mensch reagiert also nicht nur passiv sondern gestaltet seine Umwelt selbst mit. Insofern bildet der Mensch (nach Leo Montada) [12] ein System, in dem Aktivitäten und Veränderungen miteinander verschränkt sind. Die Veränderungen von Details führen zu Veränderungen des Gesamtsystems - und wirken natürlich wieder zurück. Habe man früher gefragt, wie sich das Kind in einer Familie entwickle, frage man heutzutage eher, wie eine Kind auf eine Familie wirke und welche Wirkungen das Kind wiederum beeinflussten. Zum Beispiel würde nicht nur gefragt, wie sich die Scheidung auf das Kind auswirke, sondern auch, was Kinder zur Ehezufriedenheit beitrügen. Nach Montada [13] haben Kagan und Moss die Situation feindseliger Mütter und aggressiver Kinder untersucht: Sie fanden hohe Korrelationen zwischen beiden Faktoren. Traditionell würde man sagen, dass die Feindseligkeit der Mütter die Aggressivität der Kinder beeinflusse; besser sei aber die Frage nach wechselseitiger Beeinflussung bzw. die Frage nach der Feindseligkeit als Erbanlage, die sich bei Müttern in Kritikbereitschaft und bei Kindern in Aggressivität zeige - und sich damit gegenseitig beeinflusse.

Eine produktive Art, wie Jugendliche quasi als Agenten ihrer eigenen Entwicklung auftreten könnten, ist die Wahl anderer Handlungsräume (außerhalb der Familie). Das sei, so die Autoren, besonders in der frühen Adoleszenz von großer Bedeutung, in der es um zukünftige Handlungsräume gehe und um Peergruppen, die unabhängig von den Eltern seien. Diese Wahl externer Handlungsräume stabilisiere auch eine Existenz in einer sich verändernden Welt. Indem der Jugendliche alternative Situationen der Interaktion wählt, wird er zum Produzenten seiner eigenen Entwicklung - und Sozialisation. [14]

Die überragende Bedeutung früher sozialer Interaktion für die optimale Entwicklung des Kindes haben René Spitz [15] [16][17] und Harry Harlow [18] [19] sehr anschaulich deutlich gemacht. Der Mangel oder gar das Fehlen von Interaktion mit Bezugspersonen habe für das Kind verheerende psychische, motorische und intellektuelle Konsequenzen (siehe Hospitalismus).[20][21]

Soziale Interaktion und Kommunikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soziale Interaktion findet immer auf der Grundlage oder zumindest vor dem Hintergrund gesellschaftsstruktureller Voraussetzungen statt. Die Gesellschaftsstruktur, also das Set dominanter Modi der Vergesellschaftung, beeinflusst somit die konkrete, situationale Interaktion. Beispiel: In einer hierarchisch-differenzierten Gesellschaft ist immer ein hierarchisches Verhältnis der Sich-in-Interaktion-Begebenden gesetzt. Hieraus ergeben sich Interaktions- und Kommunikationsweisen, die auf das Herstellen von Hierarchie ausgerichtet sind.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Goffman, Erving (1986): Interaktion. Spaß am Spiel-Rollendistanz. München: Piper.
  • Goffman, Erving (1999): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
  • Kieserling, André (1999): Kommunikation unter Anwesenden. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie, Beltz Verlags Union, Weinheim, Berlin 2002, ISBN 3-621-27479-0
  • Niklas Luhmann (1975): Interaktion, Organisation, Gesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hg.): Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Opladen: WDV, S. 9–20.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Bd.2, Herder Verlag, Freiburg 1971, S. 216
  2. Der Brockhaus Psychologie, Mannheim, Leipzig 2009, S. 274
  3. Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Bd.2, Herder Verlag, Freiburg 1971, S. 216
  4. Mannheim, Wien, Zürich, 1986, S. 172
  5. Die Interktionsanalyse von N.A. Flanders findet sich beschrieben in: Peter Kick, Hanns Ott: Wörterbuch für Erziehung und Unterricht, Auer Verlag, Donauwörth 1997; S. 333 ff
  6. in: Detlef Rost: Handwörterbuch Pädagogische Psychologie, Beltz Verlags Union, Weinheim 2001, S. 555
  7. siehe auch 3.2 Entwicklungspsychologie in diesem Artikel
  8. Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Rowohlt, Reinbek 1982, ISBN 3-499-17479-0
  9. siehe auch 3.2 Entwicklungspsychologie in diesem Artikel
  10. Abels, H. (2004). Einführung in die Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  11. a b Heinz Abels: Einführung in die Soziologie. Bd. 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft. Wiesbaden 2004, S. 201 ff.
  12. in: Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie, Weinheim, Basel, Berlin 2002; S. 6 f
  13. siehe oben
  14. Rolf Oerter, Eva Dreher: Jugendalter, in: Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie, Weinheim, Basel, Berlin 2002; S. 268 f
  15. Hospitalismus: ein Ergänzungsbericht, in: Otto M. Ewert: Entwicklungspsychologie, Bd. 1, Verlag Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1972, S. 124 ff
  16. Das erste Lebensjahr, in: Erziehung in früher Kindheit, Serie Piper 1985, S. 89 ff
  17. Hospitalismus I; und: Hospitalismus II; in: Erziehung in früher Kindheit, Serie Piper, München 1985; S.89 ff
  18. Das Wesen der Liebe, in: Entwicklungspsychologie, Bd.1, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 1972; S. 128 ff
  19. Aspekte und Probleme früher Entwicklung und Erziehung (1); In: Norbert Kühne: Unterrichtsmaterialien Pädagogik-Psychologie (Nr. 694), Stark Verlag/Mediengruppe Pearson, Hallbergmoos 2012
  20. Lucien Malson: Die wilden Kinder, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt 1976
  21. Aspekte und Probleme früher Entwicklung und Erziehung (1); In: Norbert Kühne: Unterrichtsmaterialien Pädagogik-Psychologie (Nr. 694), Stark Verlag/Mediengruppe Pearson, Hallbergmoos 2012