Stasi-Schnipselmaschine

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Als Stasi-Schnipselmaschine wird umgangssprachlich ein Computerprogramm bezeichnet, das die virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen ermöglichen soll. Die Software wird im Auftrag der Stasi-Unterlagen-Behörde vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (Fraunhofer IPK) in Berlin entwickelt. Der offizielle Name der Software ist ePuzzler.[1]

Den Begriff „Stasi-Schnipselmaschine“ prägte die CDU-Bundestagsabgeordnete Beatrix Philipp, die sich zusammen mit weiteren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für die Finanzierung der Software zur virtuellen Rekonstruktion der Stasi-Unterlagen einsetzt.

Entstehung der zerrissenen Stasi-Unterlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende 1989 wurden bei der DDR-Staatssicherheit zahlreiche Dokumente heimlich beseitigt. Aufgrund der sich überstürzenden Ereignisse reichte die Kapazität der vorhandenen Feuchtschredder, der so genannten „Verkollerungsanlagen“, nicht aus, um die Masse der Akten zu beseitigen. Die Stasi-Mitarbeiter begannen deshalb, Dokumente in großer Zahl per Hand zu zerreißen, um die Schnipsel anschließend in Garagen und Höfen mit Wasser zu übergießen und zu einem Papierbrei zu verstampfen oder in Papiermühlen abfahren zu lassen. Daneben wurden Akten in gewöhnlichen Reißwolfanlagen geschreddert oder in Heizöfen oder auf Müllhalden verbrannt. Aus der Befehlslage der Stasi Ende 1989 ergibt sich, dass vorrangig Akten vernichtet werden sollten, welche die innere Repression belegen, die Zusammenarbeit mit der SED zeigen oder Informanten der Stasi enttarnen könnten. Ebenso ordneten die Stasi-Offiziere Wolfgang Reuter und Günther Lohr die Vernichtung der Akte über die operative Personenkontrolle gegen Gregor Gysi an, was sie später bedauerten, da die Akte heute angeblich die Vorwürfe entkräften könne, dass Gysi „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) der Stasi gewesen sei.[2]

Die heimlichen Aktenvernichtungen waren der Grund dafür, dass Bürger in der ganzen DDR Stasi-Dienststellen erstürmten und besetzten, zuerst am 4. Dezember 1989 in Erfurt, Rostock und Leipzig, zuletzt am 15. Januar 1990 in Berlin. Die aufgebrachten Bürger stoppten das Vernichtungswerk, so dass noch tausende Säcke mit vorvernichteten, also zerrissenen, aber noch nicht endgültig beseitigten Materialien gerettet wurden. Als Erbe der Friedlichen Revolution verblieben so über 15.000 Säcke zerrissener Materialien in der Obhut der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Manuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1995 wurde im Auftrag der Stasi-Unterlagen-Behörde mit der händischen Rekonstruktion begonnen. Die Arbeit wurde von 1995 bis 2015 hauptsächlich von Angehörigen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Zirndorf bei Nürnberg geleistet. Da das BAMF die Mitarbeiter aufgrund des Flüchtlingsstroms dringender benötigte, beendete die Stasi-Unterlagenbehörde ihre Arbeit in Zirndorf Ende 2015. Die Projektgruppe Manuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen wird jedoch in Berlin und einigen Außenstellen des BStU fortgesetzt[3]. Bisher wurden knapp 1,5 Mio. Blatt aus etwa 500 Säcken rekonstruiert. Schwerpunkte der Rekonstruktion waren einerseits Schriftstücke der Stasi-Hauptabteilung XX, die mit ihrer breiten Zuständigkeit für Staatsapparat, Kirche, Kultur, Bildung, „politischen Untergrund“ (= DDR-Opposition) und Sport die Schaltstelle der inneren Überwachung und Repression in der DDR war. Unter den aus der Hauptabteilung XX wieder hergestellten Materialien befinden sich bspw. die Opferakte Stefan Heyms (OV „Diversant“) sowie Teile der Opferakte von Jürgen Fuchs (ZOV „Opponent“), aber auch die IM-Akten des früheren thüringischen Landesbischofs Ingo Braecklein (IM „Ingo“),[4] des Schriftstellers Sascha Anderson (IM „David Mentzer“, IM „Fritz Müller“),[5] des Theologie-Professors und späteren Rektors der Humboldt-Universität Heinrich Fink (IM „Heiner“)[6] und vieler weiterer Funktionsträger der DDR. Außerdem konnte anhand rekonstruierter Schriftstücke das staatliche Zwangsdoping an Minderjährigen im DDR-Leistungssport durch verdeckte „Offiziere im besonderen Einsatz“ (OibE) der Stasi belegt werden. Die beiden Blätter, welche die Mitnahme des DDR-Dissidenten Thomas Klingenstein im Fahrzeug des IM „Notar“ im Jahre 1979 dokumentieren und zu neuerlichen Vorwürfen gegen Gregor Gysi führten, stammen gleichfalls aus der manuellen Rekonstruktion.[7]

Andererseits wurden bisher vorrangig Schriftstücke der DDR-Auslandsspionage zusammengesetzt. Die Rekonstruktion dieser Unterlagen wird als besonders wichtig eingeschätzt, da es der Stasi-Auslandsspionage („Hauptverwaltung Aufklärung“ – HV A) Anfang 1990 noch fast vollständig gelungen war, ihre Akten zu vernichten. Die zerrissenen Schriftstücke stellen demnach eine beinahe singuläre Überlieferung dar und lassen auf eine wenigstens schmale Quellenbasis zur Organisation und Arbeitsweise der DDR-Auslandsspionage hoffen. Die bisher rekonstruierten Unterlagen belegen bspw. die Steuerung der Gruppe Ralf Forster, einer militärischen Tarnorganisation der DKP, durch die Stasi, das Untertauchen der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt in der DDR oder die Tätigkeit von Agenten der HV A in der alten Bundesrepublik wie IM „Wagner“.

Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angesichts der bisherigen Ergebnisse forderte im Jahr 2000 eine große Mehrheit der Bundestagsabgeordneten, die Rekonstruktion durch den Einsatz geeigneter IT-Verfahren zu beschleunigen.[8] 2003 konnte die Stasi-Unterlagen-Behörde europaweit eine Machbarkeitsstudie für das Projekt ausschreiben. Den Zuschlag bekam ein Konsortium unter Leitung des Fraunhofer IPK. Diesem gelang es 2004, die Machbarkeit der virtuellen Rekonstruktion nachzuweisen. Daraufhin forderten zahlreiche Bundestagsabgeordnete, die virtuelle Rekonstruktion in einem Pilotverfahren real zu erproben.[9] Nach längeren Verhandlungen wurde hierzu im Frühjahr 2007 dem Fraunhofer IPK ein Forschungsauftrag erteilt.

Im Pilotverfahren sollen Schnipsel aus 400 Säcken mit geschätzten 16 Millionen Schnipseln über Hochleistungscanner digitalisiert werden. Die Scan-Abbildungen werden in einem Rechnerverbund nach äußeren Merkmalen (Risskanten), nach ihrer Farbe sowie nach inneren Merkmalen (Schrift) virtuell zusammengesetzt. Mindestens 80 Prozent der Schnipsel-Sequenzen sollen im automatisierten Betrieb virtuell zusammengefügt werden. Ursprünglich sollten die virtuell rekonstruierten Seiten ab dem Jahr 2009 an die Stasi-Unterlagen-Behörde übergeben werden, um im dortigen Archiv erschlossen und schließlich zugänglich gemacht werden zu können. Am 29. April 2009 teilte die Stasi-Unterlagen-Behörde jedoch mit, dass sich die Auslieferung der virtuell rekonstruierten Seiten verzögern wird. Ende 2013 wies das Fraunhofer IPK zwar nach, dass die Software grundsätzlich funktioniert.[10] Da sich der Scanner allerdings als untauglich für die Digitalisierung großer Mengen von Schnipseln erwies, wurde das Verfahren im Laufe des Jahres 2014 angehalten. Die bis zu diesem Zeitpunkt eingescannten Schnipsel aus 23 Säcken werden virtuell rekonstruiert.[11] Im Dezember 2014 genehmigte der Bundestag für das Projekt zusätzlich zwei Millionen Euro.[12] "Mit diesen Mitteln soll eine Scantechnologie errichtet werden, die schneller und präziser als bisher in der Lage ist, Schnipsel zu digitalisieren. Auch der Algorithmus des ePuzzlers soll weiterentwickelt werden", schreibt die Stasi-Unterlagenbehörde über die Verwendung dieser Gelder.[13]

Die Benutzung der rekonstruierten Unterlagen unterliegt den gleichen Bedingungen, die nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) für den Umgang mit Stasi-Akten gelten. Zur Begleitung und Kontrolle des Forschungsauftrages wurde bei der Stasi-Unterlagen-Behörde die Projektgruppe „Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen“ eingerichtet.

Kritik vom Bundesrechnungshof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2016 kam es zu Kritik vor unkalkulierbaren Kosten bei der Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten mit der Stasi-Schnipselmaschine durch den Bundesrechnungshof. Mit der Stasi-Schnipselmaschine konnten in acht Jahren nur Schnipsel aus 23 Säcken digitalisiert und der Inhalt von 11 Säcken rekonstruiert werden. Diese Arbeiten hatten in acht Jahren etwa 14 Millionen Euro gekostet. Dabei lagern rund 15 000 Säcke mit Schnipseln in der Behörde. Wie der Rechnungshof feststellte, „...besteht keine verlässliche Perspektive, mit der vorhandenen Technologie den Gesamtbestand der zerrissenen Unterlagen in absehbarer Zeit und zu überschaubaren Kosten wiederherzustellen“.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Weberling, Giselher Spitzer (Hrsg.): Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi-Unterlagen. (PDF; 7,0 MB) Technologische Machbarkeit und Finanzierbarkeit – Folgerungen für Wissenschaft, Kriminaltechnik und Publizistik, 2. Auflage, Berlin 2007 In: Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Band 21.
  • Jens Schöne: Erosion der Macht. Die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin (PDF; 248 kB) In: Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Band 19, Berlin 2004.
  • Tobias Hollitzer: „Wir leben jedenfalls von Montag zu Montag“. Zur Auflösung der Staatssicherheit in Leipzig. Erste Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, 2. Aufl. In: Die Entmachtung der Staatssicherheit in den Regionen; Bd. 6 = BStU Analysen und Berichte, Berlin 2000, Reihe B; H. 99,1.
  • Roger Engelmann: Zum Wert der MfS-Akten. In: Materialien der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Bd. VIII, Baden-Baden 1995, S. 243–296
  • Die deutsche Maschine. In: Der Spiegel. Nr. 32, 2008, S. 44 (online).
  • Susanne Donner: Zerreißprobe, in: Der Tagesspiegel, 25. Juli 2015, S. 27

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Automatisierte virtuelle Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten, Webseite des Fraunhofer IPK, abgerufen am 1. September 2015
  2. Wolfgang Hübner: „Gregor“ und „Notar“ lebten von zahlreichen Quellen. In: Neues Deutschland, 27./28. Juni 1998, S. 3
  3. Stasi-Aktenschnipsel wandern in den Osten. Abgerufen am 8. Juni 2016.
  4. Olaf Olpitz: Zerrissene Schicksale. In: Focus, Nr. 40/1996
  5. Sascha Anderson – Mehr als tausend Stasi-Seiten aufgetaucht In: Der Spiegel – kulturspiegel, 3. Oktober 1999
  6. Renate Oschlies: Der Denunziant. In: Berliner Zeitung, 16. Juni 2005
  7. Franziska Augstein, Heribert Prantl: Wir berichten, was die Akten sagen. In: Süddeutsche Zeitung, 26. Juni 2008
  8. Bundestags-Dr. 14/4885 (PDF; 47 kB)
  9. Bundestags-Dr. 15/3718 (PDF; 178 kB)
  10. BStU - Rekonstruktion von Unterlagen. In: www.bstu.bund.de. Abgerufen am 22. November 2016.
  11. BStU - Rekonstruktion von Unterlagen. In: www.bstu.bund.de. Abgerufen am 22. November 2016.
  12. Virtuelle Rekonstruktion von Stasi-Unterlagen noch im Test, Heise.de, 2. Januar 2015
  13. BStU - Rekonstruktion von Unterlagen. In: www.bstu.bund.de. Abgerufen am 22. November 2016.
  14. Stasi-Unterlagen: Verschwendung?Der Spiegel vom 30. Januar 2016, abgerufen am 28. Juli 2017