Franz Ruppert

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Franz Ruppert (2015)

Franz Ruppert (* 28. Mai 1957 in Langensallach) ist ein deutscher Psychotraumatologe. Er ist Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungshochschule München und als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in München tätig. Seit 2015 entwickelt er die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT).

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

München ist Rupperts Lebensmittelpunkt seit 1976. Als Psychotherapeut und Supervisor arbeitet er in ganz Europa, Asien und den USA, wo er Vorträge, Weiterbildungen und Seminare zu der von ihm begründeten Identitätsorientierten Psychotraumatherapie anbietet. Diese von ihm seit dem Jahr 2000 stetig weiterentwickelte Therapieform, die sowohl im Gruppen- als auch im Einzelsetting Anwendung findet, macht traumabedingte Spaltungen sichtbar und fördert die psychische Reintegration. So hilft sie, Identifikationen aufzulösen, sich von Zuschreibungen anderer frei zu machen und trägt zur Förderung einer oftmals schon früh unterbrochenen gesunden Identitätsentwicklung bei.[1]

Seit 1998 ist Ruppert mit Juliane von Krause verheiratet, der 2016 für ihr Engagement gegen Frauenhandel und für Gewaltprävention das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde.[2]

Seit 2012 veranstaltet Ruppert zusammen mit dem Verein zur Förderung einer gesunden Autonomieentwicklung von Menschen alle zwei Jahre einen internationalen Kongress zur Weiterentwicklung der identitätsorientierten Psychotrauma-Theorie und ihrer Anwendung in der Praxis, 2020 mit seinem Kollegen Joachim Bauer, dem Neurobiologen Gerald Hüther und dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz.[3] Seit 2016 setzt Ruppert seine Erkenntnisse über die menschliche Psyche auch mit gesellschaftlichen Fragestellungen in Beziehung.[4]

Beruflicher Werdegang und wissenschaftliche Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur am Gabrieli-Gymnasium in Eichstätt im Jahr 1976 studierte Ruppert bis 1982 Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Promotion zum Dr. phil. erfolgte 1985 an der Technischen Universität München bei Carl Graf Hoyos am Lehrstuhl für Psychologie. 1992 wurde Ruppert zum Professor für Psychologie an die Katholische Stiftungshochschule München berufen, an der er bis heute psychologische Vorlesungen hält und Seminare für Sozial- und Kindheitspädagogen anbietet. 1999 erhielt Ruppert die staatliche Approbation als psychologischer Psychotherapeut. Erste praktische Erfahrungen im Gruppensetting sammelte er bei der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie als Leiter für System- und Organisationsaufstellungen.[5] Deutlich distanzierte er sich ab 1999 vom Ansatz des Familienstellens[6]. Seitdem orientiert er sich in seiner Aufstellungspraxis nicht mehr an der Familie oder dem System, sondern an einem bindungs- und traumazentrierten Theorieansatz, der die Psyche des Klienten in den Mittelpunkt rückt.[7] Weitere Forschungsschwerpunkte sind frühkindliche und pränatale Formen des Psychotraumas und ihre Folgen auf die Persönlichkeitsentwicklung und Psychosomatik.

In seinen Büchern, die in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurden, skizziert Ruppert universell geltende Charakteristika traumatischer Prozesse und deren Konsequenzen für die menschliche Psyche. So kommt er zu einer generellen Traumatheorie, welche die Grundlage seiner praktischen Arbeit bildet. Trauma, so seine Definition, entstehe immer dann, wenn die menschliche Psyche traumatische Lebenserfahrungen nicht integrieren könne, sondern abspalten müsse, um sie aus dem Bewusstsein fernzuhalten.[8]

Schließlich prägte Ruppert den Begriff der Traumabiografie, womit er zum Ausdruck bringt, dass viele Menschen nicht nur an den Folgen einer einmaligen Traumatisierung leiden, sondern ihr ganzes Leben von den Auswirkungen ihrer frühen Psychotraumata bestimmt wird, in der Regel ohne dass ihnen das überhaupt bewusst ist. Wo die Mehrheit der Gesellschaft mit den Folgen ihrer individuellen Psychotraumata lebe, bildeten sich über Generationen hinweg ganze traumatisierte und ihrerseits wiederum traumatisierende Gesellschaften (Ruppert 2018). Seine Therapiemethode richtet sich daher an die breite Masse der von Täter-Opfer-Dynamiken betroffenen Menschen. Der Weg heraus aus diesen Dynamiken führt laut Ruppert über den Kontakt mit unseren frühen Traumaerfahrungen und unterdrückten Gefühlen, um endlich mit dem zum Scheitern verurteilten Versuch unseres Unterbewusstseins aufhören zu können, mit den Überlebensmustern von gestern die Probleme im Heute zu lösen (Ruppert 2019).

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher

  • Verwirrte Seelen. Die Wahrheit heilt den Wahn. Kösel Verlag, München 2002, ISBN 978-3-466-30600-8.
  • Trauma, Bindung und Familienstellen. Seelische Verletzungen verstehen und heilen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-608-89045-7.
  • Seelische Spaltung und innere Heilung. Traumatische Erfahrungen integrieren. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-89206-2.
  • Symbiose und Autonomie. 5. Auflage. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-89215-4.
  • Trauma, Angst und Liebe. Unterwegs zu gesunder Eigenständigkeit. Wie Aufstellungen dabei helfen. Kösel Verlag, München 2012, ISBN 978-3-466-30966-5.
  • Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-96270-3.
  • Liebe, Lust und Trauma: Auf dem Weg zur gesunden sexuellen Identität. Kösel Verlag, München 2019, ISBN 978-3-466-34743-8.

Als Herausgeber

  • Frühes Trauma. Schwangerschaft, Geburt und erste Lebensjahre. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-608-89150-8.
  • Mit Harald Banzhaf (Hrsg.): Mein Körper, mein Trauma, mein Ich. Kösel Verlag, München 2017, ISBN 978-3-466-34644-8.

Ausgewählte Beiträge und Artikel

  • Trauma und symbiotische Verstrickung – von der Familien- zur Traumaaufstellung In: Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Psychologische Medizin. Heft 4/2009.
  • Das Aufstellen des Anliegensatzes. Entwicklungsschritte und methodische Betrachtungen. In: Kirsten Nazarkiewicz, Kerstin Kuschik (Hrsg.): Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-40467-6, S. 327–355.
  • The Effects of Maternal Trauma on Children's Psychological Health. In: John Wilks (Hrsg.): An Integrative Approach to Treating Babies and Children. Singing Dragon, London 2017, ISBN 978-1-84819-219-5, S. 45–57.
  • Identität, Spaltung und Verlust der Ganzheit. In: Peter Bourguin, Kirsten Nazarkiewicz (Hrsg.): Trauma und Begegnung. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-525-40512-3, S. 39–50.
  • Heilung und Prävention früher Traumata. In: Inés Brock (Hrsg.): Wie die Geburtserfahrung unser Leben prägt. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, ISBN 978-3-8379-2718-4, S. 127–139.
  • Mein Beruf als Trauma-Überlebensstrategie und Weg zu mir selbst. In: Stephanie Hartung (Hrsg.): Trauma in der Arbeitswelt. Springer Gabler, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-58621-1, S. 197–214, doi:10.1007/978-3-662-58622-8_9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorträge (Videos)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Michael Paul Gollmer: Der Einfluss von Traumafolgen und frühkindlicher Bindung auf Identitätsfindungsprozesse. Campus Naturalis, Berlin 2016, S. 32 f., 37
  2. vgl. Engagement für Frauenrechte: Gauck ehrt Juliane von Krause Welt-Artikel vom 6. März 2016
  3. Siehe Gesunde Autonomie: 5. Internationaler Kongress „Leben oder Überleben?“
  4. So etwa in seiner Eigenschaft als Beirat des Online-Magazins Rubikon (vgl. Liste der Beiratsmitglieder auf der Website von Rubikon) und vor allem mit der Veröffentlichung seines Buches Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft? (2018).
  5. Theoretisch hat er sich damit befasst in: Berufliche Beziehungswelten. Das Aufstellen von Arbeitsbeziehungen in Theorie und Praxis. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2001, ISBN 3-89670-428-1.
  6. 2007 betont der damalige Oberarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Nürnberg, Jochen Peichl, in einer Rezension von Seelische Spaltung und innere Heilung, dass sich Ruppert insbesondere deutlich von dem guruhaften Gebaren Hellingers distanziere: dieser habe sich dem öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskurs entzogen und sich in die Position eines erleuchteten Heilers gerückt.
  7. vgl. Birgit Assel: Von der Familienaufstellung zur Traumaaufstellung. (Online verfügbar unter http://www.igtv.de/artikel-birgit-assel-29).
  8. vgl. Michael Paul Gollmer: Von der Traumatheorie zur Traumatherapie, in: Der Einfluss von Traumafolgen und frühkindlicher Bindung auf Identitätsfindungsprozesse. Campus Naturalis, Berlin 2016, S. 27 ff.