Syndrom

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Unter Syndrom (griechisch σύνδρομος sýndromos, deutsch ‚begleitend, zusammentreffend‘; aus συν syn ‚zusammen‘, ‚mit‘ und δρόμος drómos ‚der Weg‘, ‚der Lauf‘) wird in der Medizin und Psychologie im wörtlich ursprünglichen und daher engeren Sinne (i.e.S.) zunächst eine Kombination verschiedener Krankheitserscheinungen verstanden, sogenannter Symptome. Dies geschieht vorderhand rein beschreibend-deskriptiv und unabhängig davon, ob es sich hierbei um kausal oder ggf. um patologisch-anatomisch miteinander verbundene Krankheitserscheinungen handelt. Häufig wird der Begriff dann verwendet, wenn die sichere Diagnose einer konkret vorliegenden Symptomatik nicht möglich ist und zumindest eine vorläufige diagnostische Zuordnung oder Gruppierung versucht wird.[1]

Praktische Anwendung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ursächliche Zusammenhang einer Mehrzahl von Symptomen, speziell die medizinische Ätiologie einer Erkrankung, ist mehr oder weniger unbekannt, solange es nicht zu einer sachgerechten Diagnosenstellung gekommen ist. Der Zusammenhang zwischen einzelnen Krankheitszeichen kann meist nur vermutet werden. Auch die Entstehung und Entwicklung der Krankheit, die Pathogenese, ist häufig unbekannt.[2] Daher kommt einer Mehrzahl auftretender Krankheitszeichen jeweils größere Bedeutung zu. Durch das Herstellen eines rein statistischen Zusammenhangs oder durch Beobachtung einzelner schon „geläufiger“ Krankheitszeichen kann eine Erklärung oder gar Gesetzmäßigkeit in ursächlichem Sinne zumindest hypothetisch für die gesamte Gruppe von Symptomen angenommen werden.

Syndrom in weiterem Sinne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele wissenschaftliche Arbeiten beschreiben Krankheitsfälle, in denen mehrere wichtige Symptome oder gar Leitsymptome zunächst im deskriptiven Sinne eines Syndroms i.e.S. beobachtet wurden. Stellt es sich danach heraus, dass die jeweils anhand von Einzelfällen erfolgten Beschreibungen auch für manch anderen Fall zutreffen, so erweitert sich damit die Gültigkeit der Einzelfallbeobachtung. Es kann dann von einem Syndrom i.w.S. gesprochen werden. Insbesondere in medizingeschichtlicher Hinsicht ist dieses Prinzip bedeutsam, da schon die Vorsokratiker entsprechende Überlegungen beim Feststellen von Krankheitszeichen verfolgt haben.[3] Anlass zu solcher Überlegung ergibt sich insbesondere dann, wenn die Übereinstimmung der Beschreibung infolge eines nahezu identischen Symptomenmusters einen möglichen ursächlichen Zusammenhang auch in anderen Fällen nahelegt.[1] Weitere Zusammenhänge ergeben sich etwa aufgrund von Beschwerden, die pathologisch-anatomischen Befunden zugeordnet werden können. Von einem bekannten Syndrom wird dann gesprochen, wenn es sich um zumindest in gewisser Hinsicht einheitliche und in vergleichbaren Fällen ähnliche Krankheitszeichen handelt, siehe auch den Begriff der Krankheitseinheit. Der deutsche Psychiater Alfred E. Hoche (1865–1943) hat Syndrome als Einheiten zweiter Ordnung zwischen den Elementarsymptomen und den Krankheitseinheiten angesehen.[4] Eine mit dem Begriff Syndrom vergleichbare Bedeutung hat auch die Bezeichnung Symptomenkomplex.[1]

Syndrome im Querschnitt und Längsschnitt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das „Zusammenlaufen“ bzw. „Zusammentreffen“ von Krankheitserscheinungen wird meist als gleichzeitige Präsenz verschiedener Symptome aufgefasst. Diese gleichzeitige Manifestation von Krankheitszeichen wird auch als Querschnittsbild einer Krankheit bezeichnet. Es kann sich bei einem Syndrom aber auch um ein zeitlich versetztes „Nacheinanderlaufen“ und „Aufeinandertreffen“ verschiedener Symptome handeln, die erst im Krankheitsverlauf eines bestimmten Leidens nacheinander als einzelne zusätzliche Krankheitszeichen auftreten. Hierbei spricht man von Präsenz eines Syndroms im Längsschnitt.[5]

Abgrenzung verwandter bzw. ähnlicher Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verwendung des Begriffs Syndrom ist vielfach sinnverwandt mit dem Gebrauch anderer Bezeichnungen wie etwa Symptomenkomplex. Während dem Begriff Symptom, der schon in der Antike in Griechenland gebraucht wurde, eher etwas auf den Einzelfall Bezogenes, beinahe Zufälliges und nicht notwendigerweise etwas Typisches anhaftet, besitzt der Begriff Syndrom besonders in seiner weiteren Bedeutung (i.w.S.) diese einzelfallbezogene Nebenbedeutung nicht so offensichtlich.[3] Es wird daher auch von symptomatischer Behandlung gesprochen, wenn diese auf die einzelnen Erscheinungen abzielt und weniger auf eine Ursache.[6]

Syndrome begleiten oft im Längsschnitt eines Krankheitsverlaufs ein schon zuvor bekanntes Bild. So kann etwa eine Alkoholabhängigkeit im weiteren Verlauf dieser Erkrankung durch ein Korsakow-Syndrom kompliziert werden. Dieses Syndrom läuft sozusagen mit, es tritt im weiteren Verlauf einer schon bekannten Vorerkrankung auf. Dies unterscheidet die Verwendung des Begriffs Syndrom vor allem von der alle Krankheitszeichen pauschal umfassenden Bezeichnung der Symptomatologie. Syndrome stellen bisweilen Kombinationen von bereits bekannten anderen Krankheitseinheiten oder Verhaltensvarianten dar, siehe das DIDMOAD-Syndrom als Kombination von Diabetes insipidus, Diabetes mellitus, Atrophie des Nervus opticus und Taubheit („Deafness“) oder das bekannte sog. ADHS. Dabei ist wie schon in Kap. Syndrom in weiterem Sinne ausgeführt die Frage offen, ob sich zwischen den verschiedenen Krankheitseinheiten ein Zusammenhang ggf. kausaler oder anderer Art zwischen den Einzelsyndromen feststellen lässt. Ähnlich verhält es sich bei den Problemen der Komorbidität.

Benennung von Syndromen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff des Syndroms geht auf J. Spranger zurück.[1][2] Wenn sowohl Ätiologie als auch Pathogenese bekannt sind, handelt es sich um ein typisches bzw. um ein klassifiziertes Krankheitsbild.

Die Benennung von Syndromen erfolgt bisweilen eponymisch nach dem erstmals beschreibenden Autor, siehe das bereits erwähnte Korsakow-Syndrom. Auch pathogenetische Vorstellungen führen zu entsprechenden Bezeichnungen wie etwa beim apallischen Syndrom. Hier wird davon ausgegangen, dass der Ausfall des Neokortex (Pallium = Mantel - des Gehirns) für die Symptomatik des Kranken auslösend und bestimmend für den weiteren Verlauf ist. Bisweilen erfolgt auch eine akronymische Benennung nach den hauptsächlichen Symptomen wie etwa im Falle des DIDMOAD-Syndroms oder der BNS-Krämpfe (Blitz-Nick-Salam-Krämpfe).

Wenn drei Symptome typischerweise gemeinsam auftreten, sprechen Mediziner von einer Trias (zum Beispiel „Merseburger Trias“ beim Morbus Basedow), bei vier von einer Tetralogie (zum Beispiel Fallot-Tetralogie), bei fünf von einer Pentalogie.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pseudosyndrome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leitsymptome werden leicht zu Pseudosyndromen, insbesondere wenn die exakte Diagnose Schwierigkeiten bereitet.[7][8]

Beispielsweise können folgende Syndrome als solche Pseudosyndrome oder als eher phantasiegeleitete Bezeichnungen oder als mehr oder weniger vage Umschreibungen angesehen werden:

Weitere Begriffsverwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In der Soziologie wird eine Gruppe von Merkmalen oder Faktoren, deren gemeinsames Auftreten einen bestimmten Zusammenhang oder Zustand anzeigt, ebenfalls als Syndrom bezeichnet. Beispiele: Syndrom der Adipositas in den USA, Syndrom der Verschuldung privater Haushalte usw.
  • In der Kodierungstheorie, einem Teilgebiet der angewandten Mathematik, steht der Begriff Syndrom für die „Symptome der Fehler“ welche in einem Codewort im Rahmen einer digitalen Datenübertragung bzw. Datenspeicherung auftreten können. Der Begriff wird im Rahmen verschiedener Fehlerkorrekturverfahren verwendet. Ein Syndrom bei einem linearen Code ist definiert als eine Multiplikation eines empfangenen bzw. gelesenen, möglicherweise ungültigen Codewortes am Empfänger (Decoder) mit der Prüfmatrix (Kontrollmatrix) und ist als wesentliche Eigenschaft nur von dem möglicherweise aufgetretenen Fehler und nicht von dem gesendeten Codewort abhängig. Ist kein Fehler vorhanden, ist das Syndrom s daher immer gleich dem Nullvektor. Liegt ein Übertragungsfehler vor, gibt das Syndrom s als Vektor die fehlerhafte Datenstelle an, welche in Folge richtiggestellt werden kann.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Norbert Boss (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin. Hoffmann-La Roche AG und Urban & Schwarzenberg, München, 21987, ISBN 3-541-13191-8; S. 1659 zu Lex.-Lemma „Syndrom“, vgl.a. fernladbaren Text 52003 des Lexikons
  2. a b J. Spranger. In: Monatsschr. Kinderheilkunde, 1989, 137, S. 2.
  3. a b Hans-Georg Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit. Bibliothek Suhrkamp, Band 1135, Frankfurt / M 1993, ISBN 3-518-22135-3; S. 138 zu Stw. „Symptom“.
  4. Degkwitz, Rudolf et al. (Hrsg.): Psychisch krank. Einführung in die Psychiatrie für das klinische Studium. Urban & Schwarzenberg, München 1982, ISBN 3-541-09911-9; Teil II. Beschreibung und Gliederung psychischen Krankseins; Kap. 5.1 Begriffe aus der allgemeinen Krankheitslehre, Spalte nachfolgend mit ~ angegeben: S. 49~2 zu Stw. „Syndrom“.
  5. Jules Angst: Der Verlauf schizoaffektiver Psychosen. In: Andreas Marneros (Hrsg.): Schizoaffektive Psychosen. Diagnose, Therapie und Prophylaxe. Springer Berlin, 1989, ISBN 3-540-51243-8; S. 47 zu Stw. „Längsschnitt- und Querschnitt bei der Präsenz von Syndromen“.
  6. Willibald Pschyrembel: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Walter de Gruyter & Co., Berlin 154-1841964; S. 856 zu Lex.-Lemma „Symptom“.
  7. Rudolf Gross, Markus Löffler: Prinzipien der Medizin: Eine Übersicht ihrer Grundlagen und Methoden. Abgerufen am 10. November 2015.
  8. W. Wölk: [Diagnosis–versus pseudo-syndrome related medicine]. In: Verband der Lebensversicherungs-Unternehmen e. V. und Verband der Privaten Krankenversicherung e. V. (Hrsg.): Versicherungsmedizin. Band 46, Nummer 1, Februar 1994, S. 20–22, PMID 8146947.
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