Systemische Strukturaufstellung

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Systemische Strukturaufstellungen (SySt) ist eine Schule im Bereich der systemischen Aufstellungen. Im Unterschied zu Systemaufstellungen wird bei systemischen Strukturaufstellungen davon ausgegangen, dass keine Systeme, sondern nur Strukturen (auch von Systemen) aufgestellt werden können. Daher sind Grundlage der Arbeit Formate, die auf typische Strukturen Bezug nehmen, z. B. Glaubenspolaritätenaufstellung, Tetralemma (Strukturaufstellung) etc. In systemischen Strukturaufstellungen werden neben menschlichen auch abstrakte Systemelemente (z. B. Ziele, Hindernisse, Ideen) berücksichtigt. Personen (Repräsentanten) übernehmen dabei die Rolle der einzelnen Teile und werden so aufgestellt, wie sie aus Sicht des Aufstellers der Position im inneren Bild zu dem aufgestellten Thema entsprechen. Durch die Empfindungen der aufgestellten Personen kann so ein Verständnis für Lösungsmöglichkeiten entstehen. Durch Veränderungen in der Aufstellung (Stellungsarbeit, Prozessarbeit oder Tests) können Lösungen zu Problemsituationen ausprobiert und erarbeitet werden. Anwendungsgebiete für systemische Strukturaufstellungen sind Familienthemen (Familienstrukturaufstellungen) ebenso wie Organisationsthemen (z. B. über Teaminterne Teamaufstellungen oder Teamstrukturaufstellungen.) Für jede dieser Anwendungsgebiete gibt es unterschiedliche Formate und Grammatiken.

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwickelt wurde die Systemische Strukturaufstellung von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer. Es lassen sich sowohl Aspekte interner Systeme (z. B. Körpersysteme, innere Anteile) als auch externer Systeme (z. B. Familien, Organisationen, Projekte) aufstellen. Systemische Strukturaufstellungen können z. B. bei Firmen eingesetzt werden, um Verbesserungen bei der Organisationsstruktur zu finden und auszuprobieren. Sie ermöglichen durch die Transparenz der systemischen Zusammenhänge Lösungsstrategien, die im Unternehmensalltag umsetzbar sind. Systemische Strukturaufstellungen öffnen einen Blick nicht nur für Unstimmigkeiten in formalen Bereichen, sondern zeigen auch informelle Aspekte einer Organisation. Im persönlichen Bereich können sie u. a. bei Entscheidungsproblemen, Konflikten oder Familienproblemen neue Lösungswege aufzeigen.

Bei den Aufstellungen werden die inneren Bilder der Anliegenbringer oder Klienten über das Stellen der Repräsentanten externalisiert (nach außen verlagert). Die Veränderungen im aufgestellten System können Veränderungen bei den inneren Bildern der Klienten bewirken. Dies ist inzwischen in der Psychotherapie und in der systemischen Beratung eine gängige Praxis.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der "Gastgeber" der Aufstellung (bei der Familienaufstellung heißt er der "Aufstellungsleiter") führt ein Vorgespräch, um das Anliegen des Klienten genau zu erfragen und einen Kontrakt mit ihm zu schließen. Dann wählt er eine passende Form der Systemischen Strukturaufstellung aus. Der Anliegenbringer wählt nun die einzelnen Repräsentanten (Personen) aus und stellt sie im Raum auf, so wie es aus seinem intuitiven Empfinden heraus richtig ist. Dadurch werden die Personen symbolisch zu einem Teil des aufgestellten Systems.

Über die Empfindungen der aufgestellten Personen (Phänomen der sog. "repräsentierenden Wahrnehmung") können nun Problembereiche in dem "System", das diese symbolisch verkörpern, erkannt werden. Durch "Stellungsarbeit" (Veränderung der Anordnung der Personen) können die Auswirkungen von Veränderungen im System getestet werden. Durch "Prozessarbeit" (z. B. durch das Aussprechen von Sätzen oder das Durchführen von Ritualen) können weitere Veränderungen erreicht werden.

Nach Beendigung der Aufstellungsarbeit wird ein Nachgespräch durchgeführt. Falls notwendig, kann die Strukturaufstellung in einer der folgenden Sitzungen weitergeführt oder wiederholt werden.

Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufstellungsverfahren wurden vorrangig bekannt durch Familienaufstellungen und die Arbeit von Bert Hellinger, dessen Arbeitsweise sehr kontrovers diskutiert wird. Inzwischen differenzierten sich verschiedene Aufstellungsschulen heraus. Die Systemische Strukturaufstellung – als eine dieser Schulen – weist folgende Besonderheiten auf:

  • Die Leitung einer Systemischen Strukturaufstellung bedeutet, nicht − vorausschauend oder interpretierend − zu wissen, was geschieht, sondern als ein Gastgeber den Prozess für den Auftraggeber zu gestalten. Auf eine Deutung von Seiten der Leiter wird weitgehend verzichtet.
  • Die Ergebnisse der Arbeit entstehen in Kooperation mit den Anliegenbringern, die auch während der Aufstellungsarbeit ihre eigenen Ideen, Sichtweisen und Fragen einbringen können.
  • Die Arbeit in der Systemischen Strukturaufstellung ist geprägt von der wertschätzenden und stützenden Haltung des Therapeuten bzw. Leiters, die insbesondere Virginia Satir den Klienten gegenüber einnahm und befürwortete. Weder haben stärkere Provokationen darin einen Platz, noch wird ein Prozess vom Leiter autoritativ beendet.
  • Es können auch abstrakte Elemente aufgestellt werden, beispielsweise „Das, was noch fehlt“ oder „Das, was dann da wäre“.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Problemaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Form der Aufstellung kann für unterschiedlichste Arten von Problemlösungen eingesetzt werden. Dabei werden folgende Systemelemente aufgestellt:

  • Fokus – Träger des Problems (z. B. eine Person oder eine Gruppe),
  • Ziel – das, was (zur Zeit) nicht erreicht werden kann,
  • Hindernisse – das, was sich der Zielerreichung in den Weg stellt,
  • Ressourcen – das, was nötig ist, um eine Lösung zu erreichen,
  • Gewinn – der Nutzen, der resultiert, wenn das Problem bestehen bleibt (z. B. solange das Problem da ist, braucht man nichts zu ändern),
  • Zukünftige Aufgabe – das, was zu tun ist, wenn das Ziel erreicht ist.

Tetralemmaaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Aufstellungsform kann bei der Lösung von Dilemmas eingesetzt werden. Ein Dilemma zeichnet sich dadurch aus, dass keine Entscheidung zwischen zwei Optionen getroffen werden kann. Diese beiden Optionen werden im Tetralemma (Strukturaufstellung) als „Das Eine“ und „Das Andere“ aufgestellt. Erweitert wird dies durch die weiteren Elemente „Keines von Beiden“ und „Beides“. Hinzu kommt noch ein fünftes Element, die sogenannte „Nicht-Position“. Als Repräsentant für den Klienten wird das Element „Fokus“ aufgestellt.

Während der Aufstellung wird die Sichtweise zum Entscheidungsproblem (zwischen den Elementen „Das Eine“ und „Das Andere“) erweitert, indem die zwei weiteren Elemente („Keines von Beiden“ und „Beides“) einbezogen werden. Dadurch wird die anfängliche „Entweder-oder“-Sichtweise erweitert. Eine Musterunterbrechung ist erreicht, wenn der Fokus durch einen sogenannten „kreativen Schritt“ eine völlig neue Position einnehmen kann – die „Nicht-Position“.

Grundlage für die Tetralemmaaufstellung bildet die indische Argumentationsform des Tetralemmas. Diese wurde bei Gericht verwendet, um eine Klärung zwischen den Positionen des Klägers und des Angeklagten zu erreichen. Neben den Möglichkeiten, dass einer von beiden recht hat, wurde so auch in Betracht gezogen, dass entweder beide oder keiner von beiden recht hat. Diese Argumentationsstruktur wurde von Nagarjuna, einem buddhistischen Gelehrten, um eine fünfte Position erweitert. Diese wird in der buddhistischen Logik als vierfache Verneinung bezeichnet (sie entspricht in der Tetralemmaaufstellung dem Element „Nicht-Position“).

Körperstrukturaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dabei werden Vertreter für Körperelemente (z. B. Körperteile oder innere Organe) aufgestellt. Erweitert werden kann die Aufstellung um äußere Einflüsse und Hilfsmittel (z. B. Medikamente, Behandlungen). Zusammenhänge und Einflüsse können so während der Aufstellungsarbeit besser erkannt werden. Eine Körperaufstellung ist kein Ersatz für eine medizinische Behandlung, kann diese aber unterstützen.

Glaubenspolaritätsaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es werden die Elemente „Erkenntnis“, „Liebe“ und „Ordnung“ in Form eines Dreiecks aufgestellt. Ziel der Aufstellung ist die Nutzung dieser Elemente als Kraftquelle für den Klienten, für den das Element „Fokus“ aufgestellt wird. „Glaubenssätze“, die den Klienten belasten, werden am Beginn der Aufstellung durch den Fokus ausgesprochen. Während der Aufstellungsarbeit wird der Fokus oft zu diesen Glaubenssätzen befragt. Der Klient kann dadurch beobachten, in welchen Situationen und bei welchen Ritualen diese Glaubenssätze besonders stark vorhanden sind und wie sie sich verändern.

Syllogistische Aufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Aufstellungsform kann zur Überprüfung von Vorurteilen und erstarrten Haltungen angewendet werden. Dabei werden zum Beispiel die Elemente „Immer“, „Nie“, „Manchmal“ und „Manchmal nicht“ aufgestellt. Grundlage bildet das syllogische Quadrat der aristotelischen Logik, die dieser Aufstellung auch den Namen gab. Ein anderes Beispiel: „Alle“, „Keine“, „Einige“, „Einige nicht“

Wertequadratstrukturaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abgeleitet aus der Syllogischen Aufstellung zeigt Varga von Kibéd auch die ethische Seite der aristotelischen Logik im sogenannten Wertequadrat auf. Dabei stehen zwei Werten (z. B. „Respektvoller Umgang“ und „Direktes, persönliches Feedback“), die in einem positiven Spannungsverhältnis stehen, zwei Übertreibungen (in diesem Beispiel „Fried-Höflichkeit“ und „Streitlust/destruktive Kritik“) gegenüber.

Vergleiche: Wertequadrat von Nicolai Hartmann, Paul Hellwig bzw. Friedemann Schulz von Thun

Drehbuchstrukturaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Aufstellung wird zur Entwicklung und Überarbeitung von Drehbüchern verwendet. Im Gegensatz zu anderen Aufstellungen ist hier die schnelle Lösung von Konflikten und Problemen nicht vorrangiges Ziel. Bei Drehbüchern sind oft gerade versteckte Probleme und tiefe Konflikte besonders interessant und für die Handlung von großer Wichtigkeit. Speziell bei dieser Aufstellung wird die Methode der „spontanen Veränderung“ der Repräsentanten eingesetzt. Dabei verändern die Repräsentanten zeitgleich ihre Position geringfügig in die Richtung, die ihnen passend erscheint. Danach wird die Veränderung des Gesamtsystems analysiert.

Metaaufstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man spricht von einer Metaaufstellung, wenn ein Aufstellungsformat innerhalb eines anderen Aufstellungsformats stattfindet. Beispielsweise kann im Rahmen einer Tetralemmaaufstellung ein Kontext eröffnet werden, in dem (z. B. eine Familienstrukturaufstellung) stattfindet.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Arbeit an Systemischen Strukturaufstellungen hat vier Quellen:

  • die Arbeit mit "Rekonstruktionen" und "Skulpturen" von Familien bei Virginia Satir (1916–1988),

Darüber hinaus fließen immer wieder zentrale Gedanken der Philosophen und Sprachwissenschaftler Ludwig Wittgenstein, Charles Sanders Peirce, Alfred Korzybski und Gregory Bateson, aber auch kanonische Formen der Psychotherapieform des Psychodramas nach Jacob Levy Moreno in die Arbeit ein.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil: Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. 6., überarbeitete Auflage, Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3896706867.
  • Insa Sparrer: Wunder, Lösung und System. 4. Auflage, Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-3896704580.
  • Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-389670-533-4.
  • Renate Daimler, Insa Sparrer, Matthias Varga von Kibéd: Das unsichtbare Netz. Erfolg im Beruf durch systemisches Wissen. Aufstellungsgeschichten. Kösel-Verlag, München 2003, ISBN 3-466-30624-8.
  • Helmut J. Wresnik: Von Bild zu Bild … Arbeiten mit Systemischen Strukturaufstellungen. Books on Demand, Norderstedt 2006, ISBN 3-8334-6190-X.
  • Renate Daimler: Basics der Systemischen Strukturaufstellungen. Eine Anleitung für Einsteiger und Fortgeschrittene. Mit Beiträgen von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd. Kösel-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-466-30787-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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