Repräsentierende Wahrnehmung

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Der Begriff repräsentierende Wahrnehmung wurde von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer entliehen – für Phänomene, die im Rahmen systemischer Aufstellungen in Form von „Fremdgefühlen“ bei Stellvertretern (von ihnen unbekannten Personen) auftreten. Sigmund Freud meinte mit repräsentierender Wahrnehmung ursprünglich das Auftreten eines „fremden Gefühls“ als Symptom[1] (Fremdgefühl als Symptom eines Patienten)[2].

Vorläufer zu Gruppen- und Massenpsychologie sowie zu Raum- bzw. Feldwahrnehmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Was im Rahmen der Aufstellungsarbeit als Wissendes Feld (Albrecht Mahr[3] 2003) bezeichnet wird, findet bei Carl Gustav Jung (1912) theoretische Basis, damals als ein über das Individuum hinausgehendes „Gruppenunbewusstes“ verstanden.[4] Während Freud dem nichts abgewinnen konnte, dies zum Ausdruck brachte und damit auch Gustave Le Bon (1895)[5] die Grundlage entzog, ist Gruppenkohäsion und, dass diese nicht als ident mit der Summe ihrer Teile zu verstehen ist, sowohl von Psychologen wie Soziologen heute allgemein anerkannt.

Von Kurt Lewin stammt die Erkenntnis, dass das Verhalten eines Menschen in Kontext zur aktuell gegebenen Gruppe, in jeweils sozialer Abhängigkeit wahrzunehmen ist, worauf die Theorie des gruppendynamischen Feldes basiert. Später entwickelte Raoul Schindler sein Modell der rangdynamischen Positionen, die in Abhängigkeit von der Gruppe auf den jeweiligen Gruppenkontext bezogen zu verstehen sind. Von Lucas Derks stammt die Theorie des sozialen Panoramas, aus dem NLP stammt die Theorie der inneren Organisation auf Basis von (Raum-)Submodalitäten. In einer Studie wurde 2015 die innere Repräsentation sozialer Beziehungen mittels räumlicher Parameter bestätigt[6] und dass die Art der inneren Organisation sozialer Beziehungen sich auf die „Navigation“ durch das tägliche Leben auswirkt.[7]

Das Phänomen des „wissenden Feldes“ und daraus repräsentierender Wahrnehmungen (bei Stellvertretern) ist Psychodramatikern und Familientherapeuten grundsätzlich bekannt.[8]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einer großangelegten Untersuchung (2800 Einzelversuche mit 250 Probanden) im Rahmen seiner Dissertation konnte Peter Schlötter (2005) empirisch nachweisen, dass bestimmte repräsentierende Wahrnehmungen überindividuell reproduzierbar sind.[9]

Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siegfried Rosner: Systemaufstellung als Aktionsforschung. Grundlagen, Anwendungsfelder, Perspektiven. Band 1. München und Mering 2007, S. 14.
  2. Rainer Tölle, Klaus Windgassen: Psychiatrie einschließlich Psychotherapie. Berlin und Heidelberg 2014, S. 79 f.
  3. Albrecht Mahr: Das „wissende Feld“. Familienaufstellungen als geistig-energetisches Heilen (PDF)
  4. Johannes Feichtinger: Die verletzte Autonomie. Wissenschaft und ihre Struktur in Wien 1848 bis 1938. In: Universität, Forschung, Lehre. Themen und Perspektiven im langen 20. Jahrhundert. Göttingen 2015, S. 279.
  5. Gustave Le Bon: Die Psychologie der Massen. 1895.
  6. Tavares/Mendelsohn/Grossman/Williams/Shapiro/Trope/Schiller, 2015: A Map for Social Navigation in the Human Brain
  7. Howard Eichenbaum, 2015: The Hippocampus as a Cognitive Map … of Social Space
  8. Maria Zwack, 2006: Was kann die Psychotherapie von Hellinger lernen? (PDF), S. 2: „Das – oftmals verblüffende – Phänomen der Rückehr der Gefühle ist dementsprechend bekannt. [...] Wer über viele Jahre die Logik der Rollenwahlen verfolgt, ist noch einmal mehr verblüfft. [...] Nicht nur die Gefühle der Aufgestellten kehren zurück, sondern die Gefühle der sie Vertretenden, werden diesen zugänglich.“
  9. Vgl. Peter Schlötter: Vertraute Sprache und ihre Entdeckung. Systemaufstellungen sind kein Zufallsprodukt – der empirische Nachweis. Heidelberg 2005.