Tai-Sprachen

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Tai-Kadai-Sprachen in Südostasien, darunter die Tai-Sprachen (gelb, rot und orange)

Die Tai-Sprachen (auch Zhuang-Tai)[1] sind eine in Südostasien und Südchina verbreitete Untergruppe der Familie der Tai-Kadai-Sprachen. Dazu gehören zahlreiche Sprachen und Dialekte. Es wird angenommen, dass sie von einer gemeinsamen Ursprache, dem Proto-Tai, abstammen.

Die Tai-Sprachen sind innerhalb der Tai-Kadai-Familie die Gruppe mit den meisten und auch weitaus sprecherreichsten Sprachen. Dazu gehören die bekannteste und verbreitetste Tai-Kadai-Sprache, das Thailändische. Daneben das Zhuang, die größte Minderheitensprache in der Volksrepublik China (die sich wiederum aus einer Vielzahl teilweise nicht gegenseitig verständlicher Dialekte zusammensetzt), das Laotische sowie die Sprache der Shan, die die größte ethnische Minderheit in Myanmar sind.

Nach der üblichen Kladistik der Tai-Kadai-Familie werden die Tai-Sprachen mit den Kam-Sui-Sprachen sowie Lakkja und Be zur Gruppe der Kam-Tai-Sprachen zusammengefasst.[1] Dieser Einteilung widersprechen jedoch einige Sprachwissenschaftler, die von einer engeren Verwandtschaft der Tai- mit den Hlai-Sprachen ausgehen, während die Kam-Sui-Sprachen gemeinsam mit den Kra-Sprachen zu einem anderen Ast der Tai-Kadai-Familie gehören sollen.[2][3]

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Üblicherweise werden die Tai-Sprachen in drei Untergruppen gegliedert: die Nördlichen, die Zentralen und die Südwestlichen Tai-Sprachen. Dies wurde 1959 von Li Fang-Kuei vorgeschlagen und hat sich in der Fachwelt weitgehend durchgesetzt. Zum Teil wird diese Einteilung insofern abgewandelt, dass zwischen der Zentralen und der Südwestlichen Gruppe eine größere Verwandtschaft angenommen wird als zwischen diesen und der Nördlichen Gruppe, ein kombinierter Zentral-Südwestlicher Zweig also neben den Nördlichen gestellt wird.[4] Der Sprachwissenschaftler Pittayawat Pittayaporn schlug 2009 anhand seiner Studie linguistischer Innovationen innerhalb von 68 Tai-Sprachen bzw. -Dialekten eine wesentlich komplexere Gliederung vor, an deren Ende insgesamt 11 Zweige stehen, die von vier Hauptästen abstammen. Die üblicherweise als Zentrale Gruppe klassifizierten Tai-Sprachen, insbesondere die verschiedenen Zhuang-Varianten ordnet er ganz unterschiedlichen Ästen zu.[5]

Gesprochene Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nördliche Taisprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nördlichen Taisprachen, abgesehen vom abgelegenen Saek,[6] auf jeden Fall aber die nördlichen Zhuang-Dialekte und Bouyei bilden ein Dialektkontinuum.[7][8] Die Unterscheidung zwischen Zhuang und Bouyei ist eher administrativer als linguistischer Art.[9] Saek zeigt gewisse phonologische Besonderheiten, die es von allen anderen – auch den nördlichen – Taisprachen unterscheiden.[10]

Zentral-Taisprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die südlichen Zhuang-Dialekte bilden mit Nung, Tày (Tho) und Caolan ein Dialektkontinuum.[8] Hingegen unterscheiden sich die südlichen Zhuang-Dialekte linguistisch stark von den nördlichen, mit denen sie kaum gegenseitig verständlich sind.[8] Der You-Fluss bildet in Guangxi die diaglossale Grenze zwischen nördlichen und südlichen Zhuang-Dialekten und damit auch zwischen nördlichen und zentralen Taisprachen.[16]

Südwestliche Taisprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften verschiedener südwestlicher Taisprachen. Alle hier abgebildeten zählen zum indischen Schriftenkreis. Der Schriftzug bedeutet in der jeweiligen Sprache „Der gutmütige Elefantenreiter“.

Die Südwestliche Gruppe ist die sprecherreichste, geographisch am weitesten ausgebreitete[17] und am besten untersuchte. Viele südwestliche Tai-Sprachen bilden ein Dialektkontinuum (d. h. es gibt einen fließenden Übergang zwischen benachbarten Sprachen)[18] und sind hochgradig gegenseitig verständlich.[19][20] Zum Teil erfolgt die Abgrenzung der einzelnen „Sprachen“ eher aus politischen, historischen, sozialen und subjektiven Gründen als anhand linguistischer Kriterien, etwa beim Kontinuum von Thai, Isan und Lao.[21] In anderen Fällen sind aber auch geographisch benachbarte Sprachen deutlich verschieden und kaum gegenseitig verständlich, z. B. im Fall von Tai Lü und Tai Nüa.[17] Insgesamt sind die Unterschiede innerhalb dieser Gruppe größer als innerhalb der Nördlichen Taisprachen.[22] Es gibt verschiedene Vorschläge, die Südwestliche Gruppe anhand verschiedener Kriterien nochmals in Unterzweige zu gliedern, von denen sich aber keiner allgemein durchgesetzt hat.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anthony V. N. Diller, Jerold A. Edmondson, Yongxian Luo (Hrsg.): The Tai-Kadai Languages. Routledge, London/New York 2008.
  • N. J. Enfield, Bernard Comrie (Hrsg.): Languages of Mainland Southeast Asia. The State of the Art. De Gruyter, Berlin/Boston, 2015.
  • Yongxian Luo: The Subgroup Structure of the Tai Languages. A Historical-comparative Study. University of California, Berkeley 1997.
  • David Strecker: Tai languages. In: The World's Major Languages. 2. Auflage, Routledge, Abingdon (Oxon)/New York 2009, S. 653–659.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Anthony Diller: Introduction. In: The Tai-Kadai Languages. Routledge, London/New York 2008, S. 7.
  2. Weera Ostapirat: Kra–Dai and Austronesian. Notes on phonological correspondences and vocabulary distribution. In: The Peopling of East Asia. Putting Together Archaeology, Linguistics and Genetics. RoutledgeCurzon, London/New York 2005, S. 107–131.
  3. Peter K. Norquest: A Phonological Reconstruction of Proto-Hlai. Dissertation, University of Arizona, 2007.
  4. John F. Hartmann: The Lue Language. In: The Tai-Kadai Languages. 2008, S. 254–297, auf S. 254.
  5. Pittayawat Pittayaporn: The Phonology of Proto-Tai. Dissertation, Cornell University, 2009.
  6. William J. Gedney: Selected Papers on Comparative Tai Studies. University of Michigan Center for South & Southeast Asian Studies, 1989, S. 230–231.
  7. Yongxian Luo: The Subgroup Structure of the Tai Languages. A Historical-comparative Study. University of California, Berkeley 1997, S. 40.
  8. a b c d David Bradley: Languages of Mainland South-East Asia. In: The Vanishing Languages of the Pacific Rim. Oxford University Press, Oxford/New York 2007, S. 301–336, auf S. 310.
  9. Yongxian Luo: Zhuang. In: The Tai-Kadai Languages. Routledge, London/New York 2008, S. 317–377, auf S. 318–319.
  10. David Strecker: Tai languages. 2009, S. 653.
  11. Thomas John Hudak: William J. Gedney’s Comparative Tai Source Book. Oceanic Linguistics Special Publication No. 34. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 2008, S. 49–53.
  12. M. Paul Lewis, Gary F. Simons, Charles D. Fennig (Hrsg.) Ethnologue. Languages of the World. 19. Auflage, SIL International, Dallas (TX) 2016. Online-Version. Eintrag Bouyei.
  13. Harald Hammarström u. a. (Hrsg.): Glottolog. Version 2.7. Eintrag Bouyei. Abgerufen am 1. Dezember 2016.
  14. Library of Congress Subject Headings. 33. Auflage, Washington (D.C.) 2011, S. 999.
  15. Harald Hammarström u. a. (Hrsg.): Glottolog. Version 2.7. Eintrag Ts'ün-Lao. Abgerufen am 1. Dezember 2016.
  16. Yongxian Luo: Zhuang. In: The Tai-Kadai Languages. Routledge, London/New York 2008, S. 317–377, auf S. 317.
  17. a b Thomas John Hudak: William J. Gedney’s Comparative Tai Source Book. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 2008, S. 5.
  18. Andrew Dalby: Dictionary of Languages. The Definitive Reference to more than 400 Languages. A & C Black, London 2004, S. 605.
  19. Thomas John Hudak: William J. Gedney’s Comparative Tai Source Book. Oceanic Linguistics Special Publication No. 34. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 2008, S. 5.
  20. Paul Sidwell: Southeast Asian mainland. Linguistic history. In Peter Bellwood, Immanuel Ness: The Global Prehistory of Human Migration. Wiley Blackwell, Chichester (West Sussex) 2015, S. 259–275, auf S. 263.
  21. N.J. (Nick) Enfield: How to define 'Lao', 'Thai', and 'Isan' language? A view from linguistic science. In: Tai Culture, Band 7, Nr. 1, S. 62–67.
  22. Yongxian Luo: The Subgroup Structure of the Tai Languages. A Historical-comparative Study. University of California, Berkeley 1997, S. 46.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]