Theory of Mind

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Theory of Mind (ToM) oder „Native Theorie“ ist ein Begriff aus der Psychologie und den Kognitionswissenschaften. Er bezeichnet die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen – d.h. Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen bei anderen zu vermuten.[1]

Alan M. Leslie sieht die Theory of Mind als einen Mechanismus der selektiven Aufmerksamkeit. Hierbei ist das Vorhandensein mentaler Konzepte die Grundlage, die Aufmerksamkeit auf die entsprechenden mentalen Zustände von Akteuren zu legen. Dadurch können diese Eigenschaften erschlossen werden.[2]

Das Konzept der Mentalisierung nach Peter Fonagy und Mary Target, zweier psychoanalytischer Forscher, wurde unter anderem aus dem psychoanalytischen Konzept der Symbolisierung sowie der Theory of Mind abgeleitet.[3] Fonagy definiert den Begriff der Mentalisierung folgendermaßen: Mentalisierung ist die „Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren“.[4] Für den Begriff gibt es bisher keine einheitliche deutsche Entsprechung.

Entwicklungspsychologie der Theory of Mind[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im ersten Lebensjahr reagiert das Kind schon auf soziale Signale, also zum Beispiel auf das Lächeln der Mutter. Damit ist auch das „soziale Referenzieren“ verbunden, also das Orientieren an den Affekten einer Bezugsperson. Auch zeigt sich in dieser Phase bereits eine beginnende Empathiefähigkeit.

Dreijährige können schon recht kompetent auf die subjektive Verfassung („emotional state“) eines anderen Bezug nehmen. Sie können aber ihre eigenen Denkinhalte noch nicht als subjektiv erkennen.

Erst wenn die Meinung eines anderen von der eigenen unterschieden werden kann, und wenn Auffassungen von Sachverhalten als falsch erkannt werden können, ist die Theory of Mind entwickelt. Dies ist ab dem vierten bis fünften Lebensjahr der Fall. Kinder können jetzt die Perspektive Anderer einnehmen und auf den Wissensstand eines Zuhörers Rücksicht nehmen. Mit Eintritt in die Phase der sozialen Perspektivübernahmen wird eine Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein möglich.[1]

Eine Grundlage der Entwicklung einer Theory of Mind ist die Fähigkeit, zwischen Belebtem und Unbelebtem unterscheiden zu können, da nur Belebtem interne Zustände zugeschrieben werden.[5] Hinzu kommt die Fähigkeit, zwischen mentaler und physikalischer Welt differenzieren zu können. Schon Dreijährige sind in der Lage, zwischen beiden Welten zu unterscheiden. So verstehen sie zum Beispiel, dass man einen realen Hund, nicht aber einen vorgestellten Hund, streicheln kann.[6] Des Weiteren verstehen Kinder im Alter von drei Jahren, dass Handlungsentscheidungen von Wünschen und Absichten der handelnden Person abhängen, und sie können Handlungen aus Informationen über die Wünsche und Absichten einer Person vorhersagen.

Ein weiterer Schritt für die Entwicklung einer Theory of Mind ist die Erkenntnis, dass Handlungen anderer Personen nicht nur von ihren Wünschen und Absichten, sondern auch von ihren Überzeugungen geleitet werden können. Diese Unterscheidung wird dann relevant, wenn eine andere Person eine falsche Auffassung von einem Sachverhalt hat. Solange eine Person eine „wahre“ Überzeugung hat, entsteht kein Problem, und man kann gemäß ihren Wünschen vorhersagen, wie sie handeln wird. Geht sie hingegen von einer nicht mit der Realität übereinstimmenden Überzeugung aus, so muss ihre falsche Vorstellung bei der Handlungsvorhersage berücksichtigt werden. Hierzu ein Beispiel von Rolf Oerter und Leo Montada:

Wenn Peter Eis essen will und glaubt, dass Eis im Kühlschrank ist[,] und es ist tatsächlich Eis im Kühlschrank, dann können wir vorhersagen, was er tun wird, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was er glaubt. Wenn er aber fälschlicherweise glaubt, es sei kein Eis da, obwohl tatsächlich noch Eis im Kühlschrank ist, dann müssen wir seinen falschen Glauben berücksichtigen, um zu richtigen Vorhersagen über sein Handeln zu kommen (z. B. um vorherzusagen, dass er Eis kaufen gehen wird).

Kinder lernen im Alter zwischen drei und fünf Jahren, die Überzeugungen einer Person mit einzubeziehen. Davor verstehen sie nicht, dass subjektive Überzeugungen von der Realität abweichen können, und berücksichtigen sie somit auch nicht bei ihrer Handlungsvorhersage.[7] Einer 2010 veröffentlichten Studie zufolge sollen auch wesentlich jüngere Kleinkinder bereits über eine Theory of Mind verfügen.[8] Untersuchungen in China, den USA, Kanada, Peru, Indien, Samoa, Thailand und beim Volk der Baka suggerieren, dass sich die Fähigkeit zum Bestehen der expliziten Version des False-Belief-Tests in allen Gesellschaften herausbildet, wenngleich das Alter zwischen vier und neun Jahren variiert (und Industrieländer sich am extremen unteren Ende befinden).[9][10]

Die Theory of Mind gilt außerdem als eine entscheidende Voraussetzung dafür, Metakognitionen entwickeln zu können, also die Fähigkeit, kognitive Abläufe selbst zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen.[11]

Untersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theory of Mind wird an verschiedenen Paradigmen und Aufgabentypen untersucht, meist handelt es sich hierbei jedoch um die sogenannten „False-Belief“-Aufgaben. Die erste und klassische „False-Belief“-Aufgabe ‚Maxi und die Schokolade’ stammt von Heinz Wimmer und Josef Perner (1983). In dieser Ortswechselaufgabe wird Kindern mit Spielfiguren eine kleine Geschichte vorgespielt: Maxi besitzt eine Schokolade, welche er beim Verlassen der Szene in Box 1 legt. In Maxis Abwesenheit nimmt seine Mutter die Schokolade aus Box 1 heraus und legt sie in Box 2. Anschließend kommt Maxi wieder und möchte gerne seine Schokolade haben. Es folgt die relevante Testfrage („Wo wird Maxi nach der Schokolade suchen?“). Wenn die Kinder angeben, dass Maxi in Box 1 suchen würde, obwohl sie selber wissen, dass die Schokolade sich in Box 2 befindet, sind sie dazu fähig, eine falsche Überzeugung zuzuschreiben. Mit diesem Paradigma lässt sich also testen, ob die Individuen eine explizite und deutliche Repräsentation der falschen Überzeugung anderer haben.[12]

Eine weitere Art von Aufgabe, die häufig genutzt wird um die Theory of Mind zu untersuchen, ist das „unerwarteter Inhalt“-Paradigma. Entworfen wurde es von Josef Perner, Susan Leekam und Heinz Wimmer (1987). Dem Kind wird bei dieser Aufgabe eine Smartiesrolle gezeigt und es wird gefragt, was sich wohl in der Schachtel befinde. Anschließend wird der Deckel aufgemacht und verraten, dass in der Schachtel Stifte sind. Nachdem die Stifte zurück in die Smartiesrolle gelegt und die Packung wieder verschlossen wurde, wird eine Kontrollfrage zum wirklichen Inhalt der Packung gestellt. Im Anschluss folgen zwei Testfragen. Zunächst wird erfragt, was das Kind am Anfang dachte, was sich in der Schachtel befinde. Anschließend soll das Kind sagen, was eine Person, die nicht in dem Raum ist und somit den wahren Inhalt der Schachtel nicht gesehen hat, denken würde, was sich in der Schachtel befindet, wenn diese nur die geschlossene Schachtel sehen würde. Geben die Kinder bei beiden Testfragen „Smarties“ als Antwort, so haben sie laut Perner und Kollegen ein Verständnis für falsche Überzeugungen.[13]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Fokus der ToM-Forschung liegt bislang auf epistemologischen Überzeugungen, weniger auf Repräsentationen motivationaler oder emotionaler Zustände. Neuerdings wird er mit der Bindungstheorie verknüpft, und der repräsentationale Gesichtspunkt fließt in die Forschung ein.

Erforscht wird ToM insbesondere im Rahmen der kognitiven Entwicklungspsychologie, wobei die Forschung zum frühkindlichen Autismus ein wichtiges Spezialgebiet darstellt. Bei autistischen Kindern treten bestimmte Defizite in der Entwicklung der ToM auf. So konnten zum Beispiel Simon Baron-Cohen, Alan M. Leslie & Uta Frith (1985) zeigen, dass autistische Kinder im Vergleich zu durchschnittlich entwickelten Kindern bei einem False-Belief-Test nicht verstehen, dass eine Person eine falsche Überzeugung haben kann. Derartige Befunde haben zu der Theorie geführt, dass die sozialen Defizite, welche ein elementarer Bestandteil der Beeinträchtigung sind, bedingt sind durch die Unfähigkeit autistischer Kinder, sich in die Gedanken und Emotionen anderer Personen hineinzuversetzen. Allerdings muss beachtet werden, dass in der Forschung der Zusammenhang zwischen Autismus und einem ToM-Defizit noch umstritten ist (siehe z. B. Kißgen & Schleiffer, 2002).[14]

Empirische Untersuchungen legen außerdem einen Zusammenhang zwischen ToM und aggressivem Verhalten und zwischen ToM und sozialer Kompetenz nahe. Es gibt Theorien, nach denen Kinder deshalb aggressiv reagieren, weil sie nicht in der Lage sind, die Absichten einer anderen Person richtig einzuschätzen. So wird zum Beispiel ein versehentliches Anrempeln als Provokation gesehen (siehe auch: Störung des Sozialverhaltens). Es konnte ebenfalls ein Zusammenhang zwischen einer sicheren Bindung und der Fähigkeit zur Mentalisierung gefunden werden.[15]

Juristische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

Juristische Bedeutung entfaltet die ToM für die Frage des Vorliegens einer Geschäftsunfähigkeit oder Testierunfähigkeit. Wer nicht in der Lage ist, fremde psychische Zustände im eigenen kognitiven System zu repräsentieren, ist gegenüber verdeckten Motiven seiner Mitmenschen blind. Dies kann zu einer abnorm erhöhten Fremdbeeinflussbarkeit mit der Konsequenz einer Geschäfts- und Testierunfähigkeit führen.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Fonagy, György Gergely, Elliott L. Jurist, Mary Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94384-6.
  • Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 5., vollständig überarbeitete Auflage. Beltz/PVU, Weinheim 2002, ISBN 3-621-27479-0.
  • S. Baron-Cohen, A. Leslie, U. Frith: Does the autistic child have a „theory of mind“? In: Cognition. Band 21, 1985, S. 37–46.
  • R. Kißgen, R. Schleiffer: Zur Spezifitätshypothese eines Theory-of-Mind Defizits beim Frühkindlichen Autismus. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Band 30, Nr. 1, 2002, S. 29–40.
  • L. Capage, A. C. Watson: Individual differences in theory of mind, aggressive behavior, and social skills in young children. In: Early Education & Development. Band 12, Nr. 4, 2001, S. 613–628.
  • H. Wellman, D. Estes: Early understanding of mental entities: A reexamination of childhood realism. In: Child Development. Band 57, 1986, S. 910–923.
  • M. Legerstee: A review of the animate-inanimate distinction in infancy. Implications for models of social and cognitive knowing. In: Early Development and Parenting. Band 1, Nr. 2, 1992, S. 59–67.
  • M. Schrepfer: Ich weiß, was du meinst!: Theory of Mind, Sprache und kognitive Entwicklung. AVM Verlag, München 2013, ISBN 978-3-86924-502-7.

zu Theory of Mind bei Tieren:

  • M. Tomasello, J. Call, B. Hare: Chimpanzees understand psychological states – the question is which ones and to what extent. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 7, Nr. 4, 2003, S. 153–156.
  • Alexandra Horowitz: Theory of mind in dogs? Examining method and concept. In: Learning & Behavior. 39, 2011, S. 314–317, doi:10.3758/s13420-011-0041-7.
  • Perner, J., Leekam, S. R., & Wimmer, H. (1987). Three-year-old’s difficulty with false belief: The case for a conceptual deficit. British Journal of Developmental Psychology, 5(2), 125-137.
  • Wimmer, H., & Perner, J. (1983). Beliefs about beliefs: Representation and constraining function of wrong beliefs in young children's understanding of deception. Cognition, 13(1), 103-128.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b F. Resch u. a.: Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters. Ein Lehrbuch. Belz, Weinheim 1999.
  2. A. M. Leslie: ‚Theory of Mind‘ as a mechanism of selective attention. In: M. S. Gazzangia (Hrsg.): The New Cognitive Neurosciences. The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2000, S. 1235–1247.
  3. Lois W. Choi-Kain, John G. Gunderson: Mentalization: Ontogeny, Assessment, and Application in the Treatment of Borderline Personality Disorder. In: The American Journal of Psychiatry. Band 165, Nr. 9, 2008, S. 1127–1135, doi:10.1176/appi.ajp.2008.07081360, (Volltext)
  4. P. Fonagy, G. Gergely, E. Jurist, M. Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett-Cotta, Stuttgart 2004.
  5. M. Legerstee: A review of the animate-inanimate distinction in infancy. Implications for models of social and cognitive knowing. In: Early Development and Parenting. Band 1, 1992, S. 59–67.
  6. Henry M. Wellman, David Estes: Early Understanding of Mental Entities: A Reexamination of Childhood Realism. In: Child Development. Band 57, 1986, S. 910–923.
  7. Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. BeltzPVU, Weinheim 2001.
  8. Ágnes Melinda Kovács u. a.: The Social Sense: Susceptibility to Others’ Beliefs in Human Infants and Adults. In: Science. Band 330, Nr. 6012, 2010, S. 1830–1834, doi:10.1126/science.1190792
  9. Joseph Henrich, Steven J. Heine, Ara Norenzayan: The Weirdest People in the World? In: Behavioral and Brain Sciences. Band 33, 2010, S. 61–135, doi:10.1017/S0140525X0999152X, Volltext (PDF; 1,2 MB)
  10. Jutta Kienbaum, Bettina Schuhrke: Entwicklungspsychologie des Kindes Von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2010, S. 183–184.
  11. M. Dornes: Die Seele des Kindes. Entstehung und Entwicklung. Fischer, Frankfurt am Main 2006.
  12. Heinz Wimmer, Josef Perner: Beliefs about beliefs: Representation and constraining function of wrong beliefs in young children’s understanding of deception. In: Cognition, 13 (1983) 103-128. Abgerufen am 22. Mai 2017 (englisch).
  13. Perner, J., Leekam, S. R., & Wimmer, H.: Three-year-old’s difficulty with false belief: The case for a conceptual deficit. In: British Journal of Developmental Psychology. Band 5, Nr. 2, 1987, S. 125–137.
  14. R. Kißgen, R. Schleiffer: Zur Spezifitätshypothese eines Theory-of-Mind-Defizits beim frühkindlichen Autismus. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Band 30, Nr. 1, 2002, S. 29–40, Volltext (PDF; 389 kB)
  15. Horst Kächele, Anna Buchheim: Psychoanalytischer Befund und das AAI. (Memento vom 25. Mai 2006 im Internet Archive) (PDF; 268 kB) Materialien zu einem Vortrag während der Lindauer Psychotherapiewochen 2002.
  16. vergl. Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns. (ICD-10 F 07.-)