Thin Blue Line

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Thin-Blue-Line-Zeichen

Die Thin Blue Line (dt. „Schmale blaue Linie“) bezeichnet die Vorstellung von der Polizei als vorderster Linie gegen das Abrutschen der Gesellschaft in gewalttätiges Chaos. Die Farbe „blau“ bezieht sich auf die Farbe der Uniformen US-amerikanischer Polizisten. Das Symbol wird häufig als blaue Linie in bestehende Nationalflaggen eingefügt. Es ist insbesondere innerhalb der Blue-Lives-Matter-Bewegung populär. Die Zeichen werden sowohl von jenen verwendet, die erklären, dass sie sich mit der Polizei solidarisch erklären wollen, als auch von Weißen Chauvinisten.

Geschichte

Ölbild „The Thin Red Line“ des schottischen Malers Robert Gibb, 1881

Historisch leitet sich der Begriff von der Bezeichnung „thin red line“ für das Sutherland-Hochländer-Regiment in der Schlacht bei Balaklava 1854 ab. Damals hatte eine schmale Linie rot uniformierter Soldaten einen feindlichen Kavallerieansturm aufgehalten.[1] Das Oxford English Dictionary verzeichnet als frühste Verwendung des Begriffes „Thin Blue Line“ die Sunday Times im Jahr 1962 unter Bezugnahme auf die Anwesenheit der Polizei bei einer Anti-Atom-Demonstration.[2] Der Begriff Thin Blue Line ist auch in einer Broschüre der Regierung von Massachusetts aus dem Jahr 1965 dokumentiert, die sich auf die Staatspolizei bezieht, und in noch früheren Polizeiberichten der New Yorker Polizei. Der Autor und Polizist Joseph Wambaugh machte den Satz mit seinen Polizeiromanen in den 1970er und 1980er Jahren weiter bekannt.[3]

Nach dem Attentat auf Polizisten in Dallas am 7. Juli 2016 wurden Flaggen mit dem Symbol der Thin Blue Line in den USA populärer. Die Idee für die Flagge stammt vom College-Studenten Andrew Jacob.[4] Firmen wie Thin Blue Line USA verkaufen im großen Stil entsprechende Produkte.[5] Die Thin Blue Line findet sich heute zum Beispiel im Emblem des Fraternal Order of Police.[6] Beim Sturm auf das Kapitol in Washington 2021, bei dem auch ein Polizist ums Leben kam, trugen Menschen in der Menge Flaggen mit der Thin Blue Line.[7]

US-Flagge in Schwarz-Weiß, mit dünner blauer Linie
Abgewandelte US-amerikanische Flagge in Schwarz-Weiß mit blauem Streifen

Verwendung bei Blue-Lives-Matter-Gruppen

Blue-Lives-Matter-Gruppen verwenden ihre jeweiligen Nationalflaggen in Schwarz-Weiß beziehungsweise ausgegraut und legen mittig eine blaue Linie auf, die im farblichen Kontrast deutlich hervortritt.

Verwendung in Deutschland

Die AfD-Politikerin Alice Weidel bezog sich in einem Beitrag für die Junge Freiheit positiv auf das Konzept der „dünnen blauen Linie“.[8] Auch Polizisten in Deutschland zeigen das Zeichen. Eine Sprecherin der Berliner Polizei verteidigte in einem konkreten Fall zwar Beamte, die das Abzeichen im Dienst trugen, stellte aber klar, dass es wegen des Neutralitätsgebots nicht an die Uniform gehöre.[8]

Kritik

Der Polizeipräsident von San Francisco verbot Polizisten in der Stadt das Tragen von Masken mit dem Symbol, da er befürchtete, dieses könne als „spaltend und respektlos“ wahrgenommen werden. Flaggen mit dem Symbol wurden u. a. auch bei rechtsextreme Demonstrationen in Charlottesville 2017 gezeigt, weshalb es von schwarzen US-Amerikanern als bedrohlich und rassistisch wahrgenommen wird. Kontroversen über das Symbol sind in den USA verbreitet.[9][10][3] Der Soziologe Tyler Wall zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Konzept der Thin Blue Line und Rassismus auf, der dadurch ausgedrückt werde, dass das Konzept Polizisten erlaube, die Welt in Menschen und Nicht-Menschen/Tiere zu unterteilen.[5] Ähnlich sehen Travis Linnemann und Corina Medley das Konzept. Es trage als Deutungsrahmen durch das Erzeugen von Furcht vor dem Chaos dazu bei, die Polizei gegen berechtigte Kritik zu immunisieren und Polizeigewalt zu legitimieren.[11]

Einzelnachweise

  1. Alice Ristroph: The Thin Blue Line from Crime to Punishment Sammelwerk=The Journal of Criminal Law and Criminology. Band 108, Nr. 2, 2018, ISSN 0091-4169, S. 305–334, doi:10.2307/48572849.
  2. Eintrag thin in: Oxford English Dictionary (3rd ed.), Oxford University Press, September 2005. Abgerufen am 29. Juni 2018.
  3. a b Maurice Chammah, Cary Aspinwall: The Short, Fraught History of the ‘Thin Blue Line’ American Flag. In: Politico, 9. Juni 2020. Abgerufen am 26. Februar 2021.
  4. Talia Lavin: The 'Thin Blue Line' flag sanctions police violence in America. In: MSNBC. Abgerufen am 25. April 2021 (englisch).
  5. a b Tyler Wall: The police invention of humanity: Notes on the “thin blue line”. In: Crime, Media, Culture: An International Journal. Band 16, Nr. 3, Dezember 2020, ISSN 1741-6590, S. 319–336, doi:10.1177/1741659019873757 (sagepub.com [abgerufen am 16. Dezember 2020]).
  6. About the FOP Star. National Fraternal Order of Police, abgerufen am 16. Dezember 2020 (englisch).
  7. Marissa J. Lang, Peter Jamison: Rioters breached the Capitol as they waved pro-police flags. Police support on the right may be eroding, experts warn. In: Washington Post. 8. Januar 2021, abgerufen am 11. Januar 2021 (englisch).
  8. a b Schmale Linie zu den Rechten. In: taz. 26. Februar 2021, abgerufen am 26. Februar 2021.
  9. Thin Blue Line Flags Stir Controversy In Mass. Coastal Community. Abgerufen am 16. Dezember 2020 (englisch).
  10. Michael Gold: What Happened When a School District Banned Thin Blue Line Flags. In: The New York Times. 21. November 2020, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 16. Dezember 2020]).
  11. Corina Medley, Travis Linnemann: Fear the monster! Racialised violence, sovereign power and the thin blue line. In: Murray Lee, Gabe Mythen (Hrsg.): The Routledge International Handbook on Fear of Crime. Routledge, 2017, ISBN 978-1-315-65178-1, S. 65–81, doi:10.4324/9781315651781-6 (taylorfrancis.com [abgerufen am 16. Dezember 2020]).