Umweltsoziologie

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Die Umweltsoziologie ist ein Bereich der Soziologie. Betrachtungsgegenstand ist das Verhältnis der Gesellschaft zur Umwelt und dabei insbesondere gesellschaftliche Eingriffe in die Natur und wie die Folgen dieser Eingriffe in der Gesellschaft wahrgenommen und kommuniziert werden. Sie ist eine so genannte Bindestrichsoziologie, das heißt an den Hochschulen trotz ihres allgemeinen Ansatzes meist eine „Spezielle Soziologie“.

Allgemeines[Bearbeiten]

Besonderes Augenmerk der Umweltsoziologie liegt demnach auf dem Verhältnis von Natur und Gesellschaft. Es lassen sich zwei theoretische Richtungen entscheiden:

  1. Dualismus von Natur und Gesellschaft – die Natur ist die Umwelt der Gesellschaft, und diese entwickelt sich weitgehend endogen, also von der Natur unabhängig (viele Modernisierungstheorien)
  2. Die Gesellschaft ist auf die Natur angewiesen und Natur von Gesellschaft nicht zu trennen. Die Gesellschaft ist nicht nur auf Vor- und Nachleistungsprozesse der Natur angewiesen (ökologische Modernisierung, Leitbild der nachhaltigen Entwicklung), sondern schafft und verändert gesellschaftliche Naturverhältnisse und die Natur.

Theorieansätze[Bearbeiten]

Es lassen sich folgende theoretische und praktische Stränge der Umweltsoziologie unterscheiden:

  1. Modernisierungstheoretische Ansätze – vergleiche dazu Ulrich Becks Risikogesellschaft (die Globalisierung von Risiken binde Gesellschaft und Natur zusammen und hebe Ungleichheiten auf) und die Ökologische Modernisierung nach Joseph Huber, Martin Jänicke , Ernst Ulrich von Weizsäcker u. a., die darauf abzielt, die Umweltproduktivität durch Effizienzsteigerungen sowie neue Technologien und veränderte Alltagspraktiken zu erhöhen.
  2. Systemtheoretische Ansätze – hierzu zählen die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann (v. a. sein Werk Ökologische Kommunikation, wonach Natur als Umwelt soziale Systeme „störe“; wichtig ist hier v. a. der „Resonanz“-Begriff, d. h. der Grad, in dem soziale Systeme von der Umwelt ausgelöste Irritation nach Systemmaßgabe bearbeiten könnten, ohne dass vorhergesagt werden könne, ob zu viel oder zu wenig Resonanz entstehe).
  3. Theorie der rationalen Entscheidung – hierbei geht es vor allem um Anreizstrukturen für umweltverantwortliches oder umweltgerechtes Handeln, u. a. um Regeln zur Lösung eines Allmende-Dilemmas.
  4. Interdisziplinäre Ansätze und Konzepte aus der Wissenschafts- und Technikforschung, die mit dem modernen Dualismus von Natur und Kultur brechen und „relationale“ oder „hybride“ Gesellschaftskonzeptionen entwickeln. Hier haben sich in den letzten Jahren insbesondere die Akteur-Netzwerk-Theorie und die Arbeiten von Bruno Latour bewährt und der Umweltsoziologie wichtige theoretische Impulse verschafft.
  5. Ein an den Gender Studies orientierter, gleichwohl interdisziplinärer, Ansatz: Fragestellungen dieses Ansatzes beschäftigen sich mit Geschlecherverhältnissen und Nachhaltigkeit, sie betonen die verschiedenen Auswirkungen von Umweltzerstörung auf die Lebensverhältnisse der Geschlechter. Geschlechtshierarchien, soziale Kämpfe von Umweltbewegungen im Kontext von geschlechtlicher Benachteiligung, Positionierung und Abgrenzung gegenüber einer westlich verordneten Weltfrauensolidarität, die Forderungen internationaler Frauennetzwerke und ganz allgemein Ideen für einen „geschlechtergerechten Umbau weltwirtschaftlicher und globalökologischer Anliegen“ spielen eine Rolle.[1]
  6. Marxistisch orientierte Ansätze, die mit teils mit Rückgriff auf den historischen Materialismus argumentieren und die sozialen wie ökonomischen Strukturen einer Gesellschaft mit in ihren Analysen berücksichtigen. Die kapitalistischen Produktionsweise findet ebenso eine größere Beachtung.

Praktische Ansätze[Bearbeiten]

Die Umweltsoziologie beschäftigt sich vor allem mit folgenden Anwendungsbereichen:

  1. Umwelteinstellungen: Auf welchen Werten basieren Einstellungen zur Umwelt und zur Natur und in welchen Kontexten und wie überhaupt werden diese Einstellungen verhaltensrelevant?
  2. Umweltverhalten: Wie und aus welchen Einstellungen heraus verhalten sich Menschen umweltverantwortlich/umweltgerecht? Es wird hier vom „langen Weg vom Kopf zur Hand“ gesprochen, also dem Phänomen, dass hohes Umweltbewusstsein nicht zu konsequent umweltgerechtem Handeln führt.
  3. Beobachtung von gesellschaftlichen Diskursen: Wie verändert sich die Gesellschaft unter dem Einfluss von Umwelt- und Naturdiskursen (z. B. durch soziale Bewegungen wie die Ökologiebewegung der 70er und 80er Jahre oder durch das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung)?
  4. Risikosoziologie: Wie nehmen Menschen Umweltrisiken wahr und wie reagieren sie darauf und wie werden Risiken international unterschiedlich kommuniziert (z. B. Waldsterben, dass in Deutschland als hohes Risiko und in Frankreich als geringes eingeschätzt und kommuniziert wurde)?

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einführung[Bearbeiten]

  • Diekmann/ Preisendörfer. (2001) Umweltsoziologie: Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt.
  • Dunlap, Riley E.; Buttel, Frederick H.; Dickens, Peter und August Gijswit, Hg. (2002). Sociological Theory and the Environment. Lanham, MD: Rowman & Littlefield.
  • Goldblatt, David. (1996). Social Theory and the Environment. Oxford: Polity Press.
  • Görg, Christoph. (1999). Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Groß, Matthias und Harald Heinrichs, Hg. (2010): Environmental Sociology: European Perspectives and Interdisciplinary Challenges. Dordrecht: Springer
  • Groß, Matthias (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden 2011
  • Huber, Joseph. (2011). Allgemeine Umweltsoziologie (2. komplett überarbeitete Auflage). Wiesbaden: VS Verlag.
  • Mol, Arthur P. J. (2001). Globalization and Environmental Reform. The Ecological Modernization of the Global Economy. Cambridge, MA: MIT Press.
  • Yearley, Steven. (2009 [2005]). Cultures of Environmentalism: Empirical Studies in Environmental Sociology. Houndmills: Palgrave Macmillan.

Klassiker[Bearbeiten]

  • Bühl, Walter L. (1981), Ökologische Knappheit: Gesellschaftliche und technologische Bedingungen ihrer Bewältigung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Hillmann, Karl-Heinz ([1981], ²1986), Umweltkrise und Wertwandel, Würzburg: Königshausen und Neumann.
  • Huber, Joseph (1982), Die verlorene Unschuld der Ökologie: Neue Technologien und superindustrielle Entwicklung, Frankfurt am Main: Firscher
  • Latour, Bruno (2001), Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Luhmann, Niklas (2004 [1986]), Ökologische Kommunikation, Wiesbaden: VS.

Geschichte[Bearbeiten]

  • Groß, Matthias, Die Natur der Gesellschaft. Eine Geschichte der Umweltsoziologie, Juventa Verlag, Weinheim 2001
  • Mitchell, Ross E. (Hg.), Thorstein Veblen's Contribution to Environmental Sociology. Essays in the Political Ecology of Wasteful Industrialism, Mellen Press, Lewiston, NY 2007

Praktische Anwendung[Bearbeiten]

  • Eisner, Mauel / Graf, Nicole / Moser, Peter, Risikodiskurse. Die Dynamik öffentlicher Debatten über Umwelt- und Risikoprobleme in der Schweiz, Seismo, 2003
  • Hampel / Renn, Gentechnik in der Öffentlichkeit, Campus, Frankfurt am Main 2001
  • Hillmann, Karl-Heinz, Überlebensgesellschaft. Von der Endzeitgefahr zur Zukunftssicherung. Eine Übersichtsstudie zur Umweltkrise, Carolus Verlag e.K., 1998
  • Zierhofer, Wolfgang, Umweltforschung und Öffentlichkeit. Das Waldsterben und die kommunikativen Leistungen von Wissenschaft und Massenmedien, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1998

Interdisziplinäre Zugänge, wichtige Impulse[Bearbeiten]

  • Becker, Egon/ Jahn, Thomas (Hgg.), Soziale Ökologie. Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, Campus, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-593-37993-7
  • Böhme, Gernot, Natürlich Natur. Über Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992
  • Hillmann, Karl-Heinz ([1981], ²1986), Umweltkrise und Wertwandel, [1981], Königshausen und Neumann, Würzburg
  • Latour, Bruno (2001), Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Suhrkamp, Frankfurt am Main
  • Luhmann, Niklas (2004 [1986]), Ökologische Kommunikation, VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
  • Dingler, Johannes, Postmoderne und Nachhaltigkeit. Eine diskurstheoretische Analyse der sozialen Konstruktionen von nachhaltiger Entwicklung, Ökom Verlag, 2003
  • Forsyth, Tim, Critical Political Ecology. The Politics of Environmental Science, Routledge, 2003
  • Haraway, Donna J., Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature, Free Association Books, 1991
  • Holzinger, Markus, Natur als sozialer Akteur. Realismus und Konstruktivismus in der Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie, Opladen, 2004
  • Serres, Michel, Der Naturvertrag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991
  • Yearley, Steven, Sociology, Environmentalism, Globalization, Sage, 1996

Aktuelle Diskussion neuerer Ansätze, Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Voss, Martin/Peuker, Birgit (2006): Verschwindet die Natur? Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der umweltsoziologischen Diskussion. Transcript. Einleitung (PDF; 117 kB).
  • Schoenen, Rainer und Yanikomeroglu, Halim (2014): User in the loop: Spatial and Temporal Demand Shaping for Sustainable Wireless Networks. IEEE Communications Magazine, February 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl., Sabine Hofmeister und Christine Katz: Naturverhältnisse, Geschlechterverhältnisse, Nachhaltigkeit, S. 365–398, in: Groß, Matthias (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden 2011