Umweltgeschichte

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Die Umweltgeschichte ist eine Wissenschaft, die sich mit der langfristigen Entwicklung der Wechselwirkungen von Menschen mit ihrer natürlichen oder kultivierten Umwelt beschäftigt.

Fragestellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wesentlicher Ansatz der Umweltgeschichte besteht darin, beide Perspektiven (von Mensch und Umwelt) einzunehmen, im Gegensatz zu einem deterministischen Ansatz, der nur danach fragt, inwieweit Umweltbedingungen Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen haben. Die Umweltgeschichte fragt also durchaus auf der einen Seite nach den nicht von Menschen verursachten Umweltveränderungen (z. B. den Eiszeiten) und ihren Auswirkungen auf die menschliche Geschichte. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen jedoch auf der anderen Seite die in den verschiedenen Epochen vorhandenen gesellschaftlichen Naturbilder, die Entwicklung des menschlichen Wissens über die Natur, die gesellschaftlichen Regelungen des Naturumgangs (Umweltpolitik, Umweltrecht), die Veränderungen der Wirtschafts- und Lebensweisen, deren Folgen für die Umwelt und die Rückwirkungen auf die menschlichen Gesellschaften.

Eine wesentliche Leistung der Umweltgeschichte ist die nüchterne Betrachtung von Stärken und Schwächen des Naturumgangs früherer Kulturen, in Abgrenzung von schwärmerischer Idealisierung früherer Epochen zu „goldenen Zeitaltern“, in denen die Menschen angeblich in Harmonie mit der Natur lebten.

Nach Wolfram Siemann und Nils Freytag spricht vieles dafür, die Umweltgeschichte neben Herrschaft, Wirtschaft und Kultur als vierte Grundkategorie der Geschichtswissenschaft anzusprechen.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im Altertum und im Mittelalter wurden von verschiedenen Autoren gravierende, nicht reversible Landschafts- und Umweltveränderungen beschrieben. So beklagte Platon die Bodenerosion als Folge des Kahlschlags der Wälder in den attischen Bergen im Zuge des Athener Flottenbaus. Seit dem 16. Jahrhundert ist eine verstärkte Sensibilisierung für anhaltende Landschaftsveränderungen aufgrund des Raubbaus durch den wachsenden Brennholzbedarf in großen Teilen Europas zu beobachten, was zu ersten forstwirtschaftlichen Eingriffen führte. Vor allem in England wurden seit dem 18. Jahrhundert die langfristigen Folgen der verstärkten Nutzung fossiler Energien und des Holzeinschlags für die Bergwerke dokumentiert (z. B. der Übergang vieler Pächter zur Weidewirtschaft). Doch erst im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich eine systematische Umweltbeobachtung. So wurde seit etwa 1860 der natürliche Flechtenbewuchs als Indikator für die Belastung durch Luftverunreinigungen gewertet.[2]

Institutionalisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Institutionalisierung der Umweltgeschichte begann in den 1960er Jahren als Unterdisziplin der Geschichtswissenschaft, entwickelte sich aber bald zu einem interdisziplinären Forschungsbereich, der auf zahlreiche humanwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Disziplinen Bezug nimmt, unter anderem Philosophiegeschichte bzw. Ideengeschichte, Wissenschaftsgeschichte (z. B. Medizingeschichte) und Geschichte des volkstümlichen Erfahrungswissens, Rechtsgeschichte, politische Geschichte (z. B. Geschichte der Umweltpolitik), Wirtschaftsgeschichte, Technikgeschichte. Eng verwandte Disziplinen sind Geographie, Umweltsoziologie, Umweltpsychologie und Umweltpolitik. Trotz ihrer interdisziplinären Ausrichtung bleibt die Umweltgeschichte aber auch ein wichtiges Teilgebiet der Geschichtswissenschaft. Eigene Lehrstühle für das Fachgebiet Umweltgeschichte sind an historischen Instituten in Deutschland allerdings selten; meist wird sie daher betrieben unter anderen Lehrstuhlbezeichnungen, wie Technikgeschichte, Stadtgeschichte oder Neuere Geschichte. Bestandteil von Lehrstuhldenominationen ist das Fachgebiet an der Ruhr-Universität Bochum und an der Technischen Universität Darmstadt. Deutschsprachige Vertreter umweltgeschichtlicher Forschung sind u. a. Joachim Radkau, Rolf Peter Sieferle, Bernd Herrmann, Frank Uekötter, Franz-Josef Brüggemeier, Dieter Schott, Verena Winiwarter, Christian Pfister, Christof Mauch, Wolfram Siemann, Martin Knoll und Cornel Zwierlein.

1977 wurde die 'American Society for Environmental History' (ASEH) gegründet.[3]

1999 wurde die 'European Society for Environmental History' (ESEH) gegründet.[4] Sie gibt vierteljährlich einen Newsletter ("ESEH Notepad") heraus und veranstaltet seit 2001 in zweijährlichem Rhythmus Konferenzen (St. Andrews, Prag, Florenz, Amsterdam, Turku, München. 2015: Versailles).

ASEH und ESEH betreiben gemeinsam ein Internet-Diskussionsforum namens 'H-Environment'.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfram Siemann, Nils Freytag, Umwelt - eine geschichtswissenschaftliche Grundkategorie, in: Wolfram Siemann (Hrsg.), Umweltgeschichte. Themen und Perspektiven, München 2003, 7-20, insb.12f.
  2. Robert Guderian: Handbuch der Umweltveränderungen und Ökotoxikologie: Band 2B: Terrestrische Ökosysteme. Berlin 2013, S. 294.
  3. http://aseh.net/
  4. eseh.org
  5. https://networks.h-net.org/h-environment