Venona-Papiere

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Venona-Papiere (auch Venona-Dokumente) ist der Deckname der US-amerikanischen Militärnachrichtendienste Signals Intelligence Service (SIS), National Security Agency (NSA) und Counter Intelligence Corps (CIC) sowie der Bundespolizei FBI für Unterlagen über den aufgezeichneten Funkverkehr des sowjetischen Konsulats in New York aus den Jahren 1940 bis 1945, sowie der Ende 1945 dort entwendeten Dokumente zur Verschlüsselung und Codierung dieser Nachrichten. 1946 wurde der Name Venona durch den SIS-Leiter William Friedman als Projektname bestimmt, bekannt seit 1995 als VENONA-Projekt, in welchem diese und weitergehende verschlüsselte Informationen aus den vergangenen Jahren etwa 34 Jahre lang decodiert, dechiffriert, gelesen und aufgearbeitet wurden.

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Besitz dieser Unterlagen gelangte das FBI durch einen Einbruch in das sowjetische Konsulat in New York[1], nachdem Aussagen der Überläuferin und ehemaligen Agentin Elizabeth Bentley sie auf deren Spur brachte. Weiterhin handelte es sich um Aufzeichnungen von bereits vorher getätigten Abhörmaßnahmen und Fotokopien von Kuriersendungen des Konsulats, die bei diesem Einbruch angefertigt wurden. Aufgrund des Fehlers eines sowjetischen Chiffrierers 1944 in Moskau und den Fund eines Codebuches in Finnland war man schließlich in der Lage, einen Teil des sowjetischen Verschlüsselungsverfahrens zu brechen. Hierdurch erlangte man Informationen über Maulwürfe in den USA. Außerdem war man dadurch auch in der Lage, durch das britische Government Communications Headquarters (GCHQ) aufgefangene sowjetische Radio- und Funksprüche aus den Jahren 1934 bis 1938 zu entschlüsseln. Diese beinhalteten auch Informationen über die amerikanische Kommunistische Partei (KPUSA) und die Kommunistische Internationale, die auch innerhalb der Operation-ISCOT in der Zeit von 1943 bis 1945 aufgezeichnet wurden. Hinzu kamen weitere Dechiffriercodes, die der sowjetische Überläufer Igor Gusenko bei seiner Flucht am 5. September 1945 mitbrachte. Gusenko war Leiter einer Chiffrier-Abteilung des MWD. Auf der Grundlage dieser Akten wurden zehn Spione in Kanada und den USA enttarnt und verurteilt. Darunter u. a. Allen Nunn May, Klaus Fuchs, Harry Gold und David Greenglass.[2]

Weiterhin war man mit Hilfe dieser Dokumente und der Codes erstmals in der Lage zu erkennen, dass es innerhalb der amerikanischen Atomforschung schwere Sicherheitslücken gab und detaillierte Forschungsergebnisse in die Sowjetunion gelangten. Das Manhattan-Projekt der USA hatte beispielsweise den Codenamen „enormoz“.

Aufarbeitung der Unterlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Aufarbeitung dieser brisanten Unterlagen gründete die Signal Security Agency (SSA) der U.S. Army als Vorläuferorganisation der NSA am 1. Februar 1943[3] das VENONA-Projekt, in welches sie ab 1948 auch die britischen Nachrichtendienste MI5 und MI6 einband. Ab 1947 leitete und koordinierte General Carter W. Clarke von der NSA (dem späteren Stellvertreter des CIA-Chefs Allen Welsh Dulles) die Kooperationsgemeinschaft und bezog auch offene und bislang ungeklärte Spionagefälle der Vorjahre in die Ermittlungen ein. Seine Nachfolger waren später Frank B. Rowlett und Oliver Kirby Hall. Ab Ende 1952 beteiligte sich auch die CIA am Venona-Projekt.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die vollständige Aufarbeitung dieser Papiere dauerte etwa 10 Jahre und wurde zur Grundlage für fast alle Enttarnungen sowjetischer Agenten in den 1950er Jahren.[4]

Im Laufe der Aufarbeitungen, die inklusive der Auswertungen etwa bis 1980 andauerte, wurden u. a. folgende Personen[5] als sowjetische Agenten enttarnt:

Trotz der detaillierten Informationen in diesen Papieren war J. Edgar Hoover jedoch nicht bereit, die Dokumente als Beweismittel dem Gericht zur Verfügung zu stellen. Auch veranlasste er, dass sowohl die Vernehmungsprotokolle wie auch die Anhörungen beim FBI unter Verschluss gehalten wurden. Deren Inhalte wurden erst ca. 40 Jahre später in Teilen durch das National Archive veröffentlicht.

Vorläuferaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Venona war auch der letzte innerhalb der Operationen von der National Security Agency genutzte Deckname für die geheimen Aktionen zur Aufdeckung des Funkverkehrs sowjetischer Agenten während des Zweiten Weltkrieges. Weitere Bezeichnungen für diesbezügliche und mit gleichem Ziel verlaufende Aktionen der NSA waren „Jade“ (1941), „Bride“ (1941 bis 1942) und „Drug“ (1942 bis 1945).[1] Wichtige Mitarbeiter in diesen Operationen waren führende NSA-Kryptologen in Arlington Hall (dem damaligen Sitz der U.S. Army Signal Security Agency im US-Bundesstaat Virginia), u. a. Richard Hallock und Cecil Phillips. Ab 1946 analysierte und übersetzte auch der Kryptoanalytiker Meredith Gardner die Unterlagen.

Freigabe der Akten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Teil der Unterlagen zu den Venona-Papieren wurde im Juli 1995 freigegeben und beinhaltete Informationen zu den Bemühungen der Sowjetunion, Informationen über die Atombomben-Entwicklung der USA und insbesondere zum Manhattan-Projekt zu erhalten. Es gibt dazu noch fünf weitere Teile (Release), welche inzwischen mit ihren etwa 3000 Dokumenten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.[7]

  • Release 1 – enthält Material aus der ersten Freigabe von Dokumenten (Freigabe 11. Juli 1995)
  • Release 2 – enthält Material aus Nachrichten gesendet von 1942 bis 1945 zwischen den GRU-Residenzen (Büros) in New York bzw. Washington und Moskau Center (GRU-Zentrale) (Freigabe 26. Oktober 1995)
  • Release 3 – enthält Material wie Release 2 (Freigabe März 1996)
  • Release 4 – enthält Material über rund 850 Übersetzungen zu Nachrichten des KGB in San Francisco und Mexiko-Stadt sowie des GRU in New York beinhaltet und Washington in der Zeit 1943–46 (Freigabe 17. Juli 1996)
  • Release 5 – enthält Material aus der fünften Freigabe von Dokumenten (Oktober 1996)
  • Release 6 – enthält Material von der endgültigen Freigabe von Dokumenten (September 1997)[8][9]

Einer der langjährigen Mitarbeiter am VENONA-Projekt, der amerikanische Geheimdienstexperte John Earle Haynes stellte auf der International Spy Conference 2005 in Raleigh (USA) die neuesten Ergebnisse der Puzzlearbeit und Auswertungen an diesen Dokumente vor, und beschrieb dabei, dass selbst die bekannten Informationen zu den sogenannten Cambridge Five eine völlig neue Interpretation zulassen.[10]

Sowjetische Decknamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Entschlüsselung der Depeschen wurde auch bekannt, welche Decknamen der NKWD für Länder, Institutionen und Personen gebrauchte. Die Verantwortlichen hatten „Sinn für Humor“, wie die Auswerter befanden.[11]

So war Deutschland „Kolbasnaya“ (Wurstland), Großbritannien wahlweise „Ostrov“ (Insel) oder „Kolonia“ (Kolonie), Mexiko galt als „Derevnya“ (Dorf). Für das FBI wurde der Begriff „Chata“ (Hütte) gebraucht, für den US-Geheimdienst OSSIzba“ (Holzhaus); den MGB, die sowjetische Auslandsspionage, sah man beim NKWD als „Sosedi“ (Nachbarn), den Militärgeheimdienst GRU als „Dalniye sosedi“ (entfernte Nachbarn).

Die Hauptstadt Washington D.C. wurde hinter dem Namen „Karfagen“ (Karthago) versteckt, San Francisco war „Vavilon“ (Babylon). Der US-Präsident Franklin D. Roosevelt war der „Kapitan“, sein Vize und Nachfolger Harry S. Truman dagegen nur ein „Matros“ (Matrose). Für den britischen Premier Winston Churchill erdachte die Lubjanka in Moskau die Bezeichnung „Kaban“ (Eber). Zionisten wurden in den NKWD-Papieren als „Krysy“ (Ratten) umschrieben.[12]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard J. Aldrich: The Hidden Hand: Britain, America, and Cold War Secret Intelligence, Overlook Press New York 2002, ISBN 1-58567-274-2.
  • James Bamford: Body of Secrets: Anatomy of the Ultra-Secret National Security Agency, Anchor Books, ISBN 0-385-49908-6.
  • Daniel Patrick Moynihan: Secrecy: The American Experience, Yale University Press New Haven 1998, ISBN 0-300-08079-4.
  • Robert Louis Benson: The VENONA Story. Center for Cryptologic History, NSA, Fort Meade, USA. PDF; 0,8 MB (Memento vom 19. Juli 2004 im Internet Archive)
  • John Earl Haynes und Harvey Klehr, A Tale of Two Venonas
  • Marcia Kunstel, Joseph Albright: Bombshell, The Secret Story of America’s Unknown Atomic Spy Conspiracy,New York Times Books 1997, ISBN 978-0-8129-2861-7.
  • John Earl Haynes, Harvey Klehr: Venona. Decoding Soviet Espionage in America (Annals of communism), Yale University Press 1999, ISBN 978-0-300-07771-1.
  • Robert Louis Benson, Michael Warner: Venona. Soviet espionage and the American response 1939–1957, Verlag Laguna Hills CA Aegean Park Press, 1996, ISBN 0-89412-265-7.
  • Herbert Romerstein, Eric Breindel: The Venona Secrets. Exposing Soviet Espionage and America’s Traitors, Regnery Publishing Inc.; 1. Ausgabe 2000, ISBN 978-0-89526-275-2.
  • Anja Nikles: Die Venona-Dokumente und die Spionagetätigkeit von Klaus Fuchs; Books on Demand: Norderstedt 2010; ISBN 978-3839164822
  • Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2317-9, S. 476 ff.
  • Phillip Knightley: Die Geschichte der Spionage im 20. Jahrhundert, Verlag Scherz (1989), ISBN 3-502-16384-7, S. 165 ff.
  • Wolfgang Krieger: Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck 2003, 379 S., ISBN 3-406-50248-2.
  • Daniel Patrick Moynihan: Secrecy. The American Experience, Yale University Press 1999, ISBN 978-0-300-08079-7. (inhaltlich die Personenliste)
  • James Bamford: NSA. Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt, Verlag Goldmann 2002, ISBN 3-442-15151-1, S. 35 ff.
  • Eric Breindel, Herbert Romerstein: The Venona Secrets. The Soviet Union’s World War II Espionage Campaign Against the United States and How America Fought back, Basic Books 2000, ISBN 978-0-465-09842-2.

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert; Herbig, München (2003), ISBN 3-7766-2317-9, S. 476 ff.
  2. Chronologie der Spionage im Kalten Krieg in 3sat.online
  3. http://www.nsa.gov/publications/publi00039.cfm (Memento vom 30. April 2004 im Internet Archive)
  4. Robert Louis Benson, Michael Warner: Venona. Soviet espionage and the American response 1939–1957, Verlag Laguna Hills CA Aegean Park Press, 1996, ISBN 978-0-89412-265-1.
  5. [1]
  6. Haynes, John Earl & Klehr, Harvey: Venona: Decoding Soviet Espionage in America. Yale University Press 2000, ISBN 0-300-08462-5, ff. S. 117, 118, 119, 121, 128, 163.
  7. Freigabe der Venona-Unterlagen (Memento vom 11. März 2004 im Internet Archive)
  8. Freigaben der Teile (Memento vom 27. Oktober 2004 im Internet Archive)
  9. Freigabeumfang der Venona-Papiere
  10. „Venona“-Geheimdokumente in SpiegelOnline
  11. Donal O’Sullivan, Das amerikanische Venona-Projekt,. Die Enttarnung der sowjetischen Auslandsspionage in den vierziger Jahren, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 4.2000, S. 609.
  12. Donal O’Sullivan, Das amerikanische Venona-Projekt,. Die Enttarnung der sowjetischen Auslandsspionage in den vierziger Jahren, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 4.2000, S. 609–612.