Government Communications Headquarters

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Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Government Communications Headquarters
— GCHQ —
Government Communications Headquarters logo.svg
Bestehen seit 1919 als Government Code and Cypher School
Hauptsitz Cheltenham
Behördenleitung Sir Iain Lobban
Website www.gchq.gov.uk

Das Government Communications Headquarters (GCHQ, deutsch Regierungskommunikationshauptquartier) ist eine britische Regierungsbehörde (Nachrichtendienst und Sicherheitsdienst), die sich mit Kryptographie, Verfahren zur Datenübertragung und mit der Fernmeldeaufklärung befasst.

Die anderen Nachrichtendienste Großbritanniens MI5 (Inlandsnachrichtendienst) und MI6 (Auslandsnachrichtendienst) benutzen vorwiegend nichttechnische Methoden (HUMINT) zur Nachrichtengewinnung. Eine sehr enge Kooperation von Polizei, GCHQ, MI5, MI6 sowie den Streitkräften ist anzunehmen. Allerdings hat lediglich die Polizei (eingeschränkt auch die British Army) eine Exekutivfunktion im Inneren. Zudem ist die Polizei an die Entscheidungen (zum Beispiel bezüglich Haftbefehlen und längerer Inhaftierung) der Justiz gebunden.

Laut dem ehemaligen Außenminister David Miliband ist GCHQ „eine der wichtigsten Organisationen zur Verteidigung britischer Interessen“.[1] Ein ähnliches Zitat des ehemaligen Regierungschefs Tony Blair war lange Zeit auf der Startseite der Internetpräsenz des GCHQ zu lesen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Vorläufer von GCHQ war die Government Code and Cypher School (GC&CS). GC&CS war von enormer Bedeutung für die alliierten Kriegsanstrengungen, da praktisch alle wichtigen deutschen Chiffren (ENIGMA und T52) von ihr gebrochen und die damit verschlüsselten Nachrichten gelesen werden konnten. Der für die Informatik bedeutende Theoretiker Alan Turing arbeitete während des Zweiten Weltkrieges für GC&CS und war federführend beim Brechen der ENIGMA-Chiffrierung. 1952 musste er die Einrichtung verlassen, nachdem ihm wegen seiner - damals noch strafbaren - Homosexualität die Sicherheitseinstufung entzogen worden war. Er starb 1954, höchstwahrscheinlich durch Suizid, im Alter von 42 Jahren.[2]

Auftrag[Bearbeiten]

GCHQ (im Speziellen die Unterorganisation Communications Electronics Security Group, CESG) hat die Aufgabe der Sicherung der elektronischen Kommunikation und Computersysteme des Vereinigten Königreichs. Dies wird durch die Entwicklung eigener Chiffren (auch Kryptoalgorithmen genannt) sichergestellt. CESG erfand in den 1970er Jahren die Public-Key-Kryptographie, hielt dies aber bis ins Jahr 1997 geheim. Später wurde dieses Verfahren unter dem Namen RSA von Ronald L. Rivest, Adi Shamir und Leonard Adleman nochmals entdeckt.

GCHQ betreibt in engster Zusammenarbeit mit der amerikanischen National Security Agency und anderen angelsächsischen Organisationen (sogenannte UK/USA/CA/AU/NZ-Allianz) ein weltumspannendes System zur technischen Nachrichtengewinnung. Eine Komponente sind z.B. die Satelliten-Horchstationen „RAF Menwith Hill“ (bei Harrogate), Ascension Island (Südatlantik) oder Diego Garcia (Indischer Ozean). Zudem wird angenommen, dass GCHQ auch Horchstationen der anderen Länder der Allianz nutzen darf. GCHQ versucht, verschlüsselte Kommunikation von „Gegnern“ durch mathematische Methoden (Kryptoanalyse) zu dechiffrieren.

Der Erfolg dieser Anstrengungen unterliegt höchster Geheimhaltung („Top Secret Codeword“[3]). Entschlüsselte Nachrichten werden nur an einen eng begrenzten, genau definierten Personenkreis verteilt.

Die Länder der Allianz arbeiten im Bereich Nachrichtengewinnung und (Informations-)Sicherheit generell engstens zusammen und tauschen Nachrichten und Methoden aus.

Organisation[Bearbeiten]

Hauptsitz des GCHQ in Cheltenham

Der Hauptsitz des GCHQ befindet sich in Cheltenham. Im Jahr 2003 wurde ein neues Gebäude („Doughnut“[4]) für GCHQ fertiggestellt. Die Baukosten für das markante Bauwerk beliefen sich auf ca. 450 Millionen Euro.

Laut dem renommierten Wochenmagazin Economist gab Großbritannien im Jahr 2005 1,3 Mrd. Pfund (ca. 2 Mrd. Euro) für die drei Nachrichtendienste GCHQ, MI5 und MI6 aus.[5]

Großbritannien gibt für die geheime Nachrichtengewinnung deutlich mehr aus als für den nichtgeheimen diplomatischen Dienst.

Im Jahr 1984 hatte das GCHQ laut dem Magazin New Scientist 6 Abhörstationen in Großbritannien:[6]

zusätzlich gab es 3 Stationen in Übersee:

  • Washington DC
  • Hong Kong
  • Insel Ascension im Atlantik

Das Office of Cyber Security und das Cyber Security Operations Centre[Bearbeiten]

Wie Premierminister Gordon Brown am 25. Juni 2009 bekanntgab, wird unter der Ägide der Government Communications Headquarters das Office of Cyber Security (OCS) eingerichtet.

Grundlage ist die Neufassung der National Security Strategy des Vereinigten Königreichs, in der im Jahr 2009 erstmals auch eine Cyber Security Strategy[7] formuliert wurde. Dem OCS, für das ein mehrere Regierungsstellen umfassendes Arbeitsprogramm nach amerikanischem Vorbild entworfen wurde, ist das Cyber Security Operations Centre (CSOC) mit Sitz in Cheltenham angegliedert. Das CSOC soll den Schutz vitaler Netzinfrastrukturen und Computersysteme gewährleisten.

Das OCS soll ausdrücklich auch die Fähigkeit und die Kompetenz zu Cyberattacken besitzen. In diesem Zusammenhang wird seitens der Regierung in London betont, dass man diese Fähigkeiten nicht zu Aktivitäten wie Industriespionage nutzen werde. Den Meldungen zufolge beläuft sich die Personalstärke des OCS zunächst auf 16 bis 20 Mitarbeiter, die des CSOC auf 20 bis 25.[8]

Die Tory-Schattenministerin für Sicherheit, Pauline Neville-Jones, kritisierte das Vorhaben der Labour-Regierung im BBC-Fernsehen als „überfällig“ und „unangemessen“.[9]

Öffentliche Kontroversen[Bearbeiten]

Abhöraktion von Politikern auf den G20-Gipfeln[Bearbeiten]

Nach Dokumenten, die von Edward Snowden an den Guardian weitergegeben wurden, hat das GCHQ beim G20-Treffen 2009 in London systematisch Politiker anderer Nationen ausspioniert und abgehört und plant dies auch für zukünftige G20- und G8-Treffen. So wurden unter anderem Mobilfunkverbindungen, E-Mails und Computer ausspioniert, mittels Keyloggern Daten teilweise auch nach dem G20-Gipfel noch weiter gewonnen und an britische Politiker weitergegeben.[10]

Anzapfen von Überseekabeln[Bearbeiten]

Aus Dokumenten von Edward Snowden geht hervor, dass das GCHQ unter anderem das Glasfaserkabel TAT-14 ausgespäht hat, über den ein großer Teil der deutschen Übersee-Kommunikation geht.[11] Das Glasfaserkabel TAT-14 geht von der ostfriesischen Stadt Norden über die britische Stadt Bude in Cornwall bis in die USA.[12] Das GCHQ, welches dort Anlagen des Echelon Netzwerkes betreibt, wurde hierbei von Vodafone und BT unterstützt.[13] Insgesamt soll sich das GCHQ Zugang zu mehr als 200 Glasfaserkabeln weltweit verschafft haben, die insgesamt von mehr als 500 Analysten der NSA und des GCHQ zusammen überwacht werden[11][14]

Das GCHQ unterhält im Nahen Osten eine geheime Internet-Monitoring-Station, welche mehrere dortige Unterwasser-Glasfaserkabel abhört und die Daten an das Hauptquartier des GCHQ weiterleitet. Dort erhält dann auch die NSA Zugriff auf die Daten.[15]

Die Überwachung des weltweiten Telekommunikations- und Internet-Datenverkehrs läuft unter dem Codenamen Tempora.

Überwachung von Webcams[Bearbeiten]

Dokumente von Edward Snowden belegen, dass der GCHQ über Jahre hinweg wahllos Millionen von Webcams überwacht. Erfasst wurden laut "Guardian" Standbilder aus Videochats über die Plattform von Yahoo. Es wurden ohne einen Verdacht Millionen von Nutzern überwacht. Es gab auch keine Möglichkeit Briten und Amerikaner auszuschließen. Es wurden auch Bilder sexueller Natur erfasst. Aus einem Dokument wird zitiert: "Unglücklicherweise (...) scheint es, dass eine erstaunliche Anzahl von Menschen Webcam-Gespräche nutzt, um ihrem Gegenüber intime Körperteile zu zeigen. Die Tatsache, dass die Yahoo-Software es gestattet, dass mehr als eine Person einen Webcam-Stream verfolgt, ohne dass notwendigerweise ein Signal in die entgegengesetzte Richtung gesandt wird, führt dazu, dass sie offenbar manchmal benutzt wird, um Pornografie zu versenden."[16][17]

Einschüchterungsversuche beim britischen Guardian[Bearbeiten]

In den Fokus der Öffentlichkeit geriet der GCHQ im August 2013, als bekannt wurde, dass mehrere GCHQ-Mitarbeiter in direktem Auftrag des britischen Premierministers, David Cameron,[18][19] über Wochen telefonischen und persönlichen Kontakt zu Alan Rusbridger, dem Chef-Redakteur der britischen Zeitung The Guardian, aufnahmen.[20] Rusbridger gab an, dass die GCHQ-Mitarbeiter ihn mit den Worten „You've had your fun. Now we want the stuff back.“[21] (dt.: „Ihr hattet Euren Spaß. Jetzt wollen wir das Zeug zurück.“[22]) dazu bringen wollten, die Daten, die der Guardian im Rahmen der Überwachungs- und Spionageaffäre 2013 vom US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden erhalten hatte, zu vernichten oder an den GCHQ zu übergeben. Die Versuche des GCHQ gipfelten schließlich im August 2013 darin, dass zwei GCHQ-Mitarbeiter die Redaktionsräume des Guardian aufsuchten und Rusbridger sowie zwei weitere Guardian-Mitarbeiter unter Androhung strafrechtlicher Maßnahmen dazu zwangen, die Festplatte mit den von Snowden übermittelten Daten unter ihrer Aufsicht in den Kellerräumen des Gebäudes mit Bohr- und Schleifmaschinen zu zerstören. Rusbridger gab an, er habe diesen Aufforderungen schließlich Folge geleistet, da der Guardian über weitere Kopien der Daten in den USA und Brasilien verfügt und er zudem verhindern wollte, dass die Festplatte mitsamt der Daten in die Hände des GCHQ fällt und dieser somit erfahren würde, um welche konkreten Daten es sich dabei handelt.[20] Da auch dem GCHQ und David Cameron bekannt sein musste, dass der Guardian noch über weitere Kopien der Daten in anderen Teilen der Welt verfügt und die Vernichtung dieser einen Festplatte die Berichterstattung des Guardian nicht verhindern könnte, vermuten Rusbridger und andere Beteiligte und Beobachter, dass es sich bei der GCHQ-Aktion um eine gezielte Einschüchterungs- und Schikane-Maßnahme durch die britische Regierung und den GCHQ handelte.[20][18][19][22]

Verweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Government Communications Headquarters – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Quelle? Google findet nichts (mehr?)
  2. BBC News: Thousands call for Turing apology. Abgerufen am 31. August 2009.
  3. Beispiel: excerpt from a 17-page declassified ex-parte in camera NSA declaration
  4. GCHQ - a Look Inside
  5. Britains intelligence services: Cats' eyes in the dark auf economist.com (vom 17. März 2005)
  6. New Scientist, Ausgabe 1404 vom 5. April 1984, Seite 8, Artikel "How Cheltenham entered America's back yard" (Online auf Google Books)
  7. Großbritannien legt Strategie zur Cybersicherheit vor (heise online, 29. Juni 2009)
  8. Tom Espiner und Jan Kaden: Großbritannien richtet Amt für Cybersecurity ein (ZDNet.de, 26. Juni 2009)
  9. Cyber crime plan 'inadequate' (BBC, 25. Juni 2009 – Videostream, 3:03 Min.)
  10. The Guardian: GCHQ intercepted foreign politicians' communications at G20 summits (16 June 2013), abgerufen am 16 Juni 2013
  11. a b Süddeutsche Zeitung vom 24. Juni 2013: Nachrichtendienst GCHQ: Briten schöpfen deutsches Internet ab
  12. Tagesschau vom 24. Juni 2013: Offenbar Glasfaserkabel angezapft: Briten spähen deutsche Daten aus
  13. Heise Online vom 24. Juni 2013: Bericht: GCHQ schöpft deutsches Internet am Überseekabel ab
  14. news.com.au vom 22. Juni 2013: UK 'biggest spy' among the Five Eyes
  15. The Independent vom 23. August 2013: Exclusive: UK’s secret Mid-East internet surveillance base is revealed in Edward Snowden leaks
  16. Spencer Ackerman, James Ball: Yahoo webcam images from millions of users intercepted by GCHQ (Englisch) In: The Guardian. 27. Februar 2014. Archiviert vom Original am 27. Februar 2014. Abgerufen am 1. März 2014.
  17. Kilian Froitzhuber: GCHQ hat 1,8 Millionen Yahoo-Nutzer durch ihre Webcams angeschaut. In: Netzpolitik.org. 27. Februar 2014. Archiviert vom Original am 27. Februar 2014. Abgerufen am 1. März 2014.
  18. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJames Cusick, Oliver Wright: David Cameron told Cabinet Secretary Sir Jeremy Heywood to 'warn' Guardian over Edward Snowden documents. The Independent, 20. August 2013, abgerufen am 21. August 2013.
  19. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDruck auf den "Guardian": Cameron soll Schikanen angeordnet haben. spiegel.de, 21. August 2013, abgerufen am 21. August 2013.
  20. a b c Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJulian Borger: NSA files: why the Guardian in London destroyed hard drives of leaked files. The Guardian, 20. August 2013, abgerufen am 21. August 2013.
  21. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAlan Rusbridger: David Miranda, schedule 7 and the danger that all reporters now face. The Guardian, 29. August 2013, abgerufen am 21. August 2013.
  22. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMartin Holland: Guardian: Britischer Geheimdienst ließ Festplatten mit Snowden-Material zerstören. heise.de, 20. August 2013, abgerufen am 21. August 2013.

51.8995-2.1245Koordinaten: 51° 53′ 58″ N, 2° 7′ 28″ W