Diogenes-Syndrom

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Als Diogenes- oder Vermüllungssyndrom, selten auch als Syllogomanie (von griechisch συλλογή „Sammlung“ und „-manie“) wird eine komplexe psychische Störung bezeichnet, die zunächst durch eine Vernachlässigung der eigenen Erscheinung (Körperpflege), des Wohnbereichs, sozialen Rückzug und die Ablehnung von Hilfe durch andere gekennzeichnet ist.[1] Nicht alle Betroffenen schämen sich dieses Zustands, und nicht immer sammelt sich dabei Müll in der Wohnung an.[2]

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diogenes von Sinope

Das in den USA schon seit den frühen 1970ern als Diogenes-Syndrom beschriebene Störungsbild wurde in Deutschland erstmals 1985 vom Hamburger Arzt und Psychoanalytiker Peter Dettmering als „Vermüllungssyndrom“ aufgegriffen und typologisch unterteilt.[3]

Die Benennung des Vermüllungssyndroms nach Diogenes von Sinope (um 391/399–323 v. Chr.) ist insofern problematisch, als dem kynischen Philosophen eine solche Symptomatik nicht nachgewiesen werden kann. Er ist lediglich bekannt für seine Bedürfnislosigkeit und seine skeptische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Konventionen und den Errungenschaften der Zivilisation.

Die Abgrenzung zum sogenannten Messie-Syndrom ist fachlich umstritten. Manche sehen die Unterschiede weniger in den Folgen und der Art der Auffälligkeiten Betroffener als darin, dass bei Betroffenen höheren Alters (und hier meist Frauen) häufiger vom Diogenes-Syndrom gesprochen wird.[4] Andere nehmen stattdessen eine sehr scharfe Abgrenzung vor und definieren das Messie-Syndrom (englisch compulsive hoarding) über Symptome des Hortens und Aufschiebens, jedoch in aller Regel ohne „Vermüllungs“-Phänomene.[5]

„Ob es sich bei dem ‚Messietum‘ und dem Vermüllungs-Syndrom um das Gleiche handelt oder lediglich um zwei Phänomene mit einigen Überschneidungen und Berührungspunkten, ist unter Experten strittig.“

Volker Faust[6]

Symptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die Diagnose Vermüllungssyndrom beschränkt sich auf jene extremen Fälle, bei denen die Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung in Ordnung zu halten, ein Ausmaß annehmen, dass mehr oder weniger die gesamte Wohnung des Betroffenen mit Müll und wertlosen Gegenständen gefüllt ist bzw. „zuwächst“, da nichts mehr weggeworfen wird. Menschen, die an einem Vermüllungssyndrom leiden, haben die Fähigkeit verloren, wertlose Gegenstände auch emotional als solche zu erkennen und sich von ihnen zu trennen. Vielmehr horten sie unterschiedslos nahezu alles, was einmal in die Wohnung gelangt, meistens mit dem Vorsatz, irgendwann einmal aufzuräumen. Dies gelingt ihnen jedoch nicht.

Derartige Fälle machen ein Einschreiten der Behörden erst möglich, wenn es zur objektiven Einschätzung einer Fremd- oder Selbstgefährdung kommt, beispielsweise, wenn eine Krankenhauseinweisung auch dem Betroffenen klarmacht, dass eine ausreichende Selbstversorgung ohne Annahme von Hilfe unmöglich geworden ist und eine Vertrauensbasis zu fachlich versierten Behandlern und Unterstützern aufgebaut werden konnte. Erst dies entlastet die Betroffenen wirklich, die damit aus einer für sie in der Regel beschwerlichen Situation befreit werden können.

Eine medizinisch bedeutsame Folge kann sein, dass die Zehennägel so weit auswachsen und sich dabei in Richtung Fußsohle verkrümmen, dass ein Gehen nicht mehr möglich ist. Da der angehäufte Müll Fliegen anlockt, ist in Kombination mit mangelhafter Körperhygiene das Risiko einer Myiasis erhöht.

Labormedizinisch können verschiedenste Mangelzustände nachzuweisen sein: Eisenmangel bis hin zur Eisenmangelanämie, Folsäure-, Vitamin-B12-, Vitamin-D-, Protein- und Albuminmangel, Hypokaliämie und Dehydratation.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dem Diogenes-Syndrom potenziell zu Grunde liegenden psychischen Störungen sind mannigfaltig. Es kann sich um eine Störung der exekutiven Funktionen im Rahmen einer Suchterkrankung, Zwangskrankheit, Depression, Persönlichkeitsstörung oder anderer psychischer Erkrankungen handeln. Demenz, Schizophrenie und das Prader-Willi-Syndrom sind hier zu nennen.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich richtet sich die Therapie nach der zugrundeliegenden Erkrankung oder Störung. In Fällen von Zwangs- und Impulsstörungen bietet sich u. a. eine kognitive Verhaltenstherapie an.[7] Jene Patienten, denen eine demenzbedingte Frontalhirnsymptomatik zugrunde liegt,[8] dürften davon weniger profitieren.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schriftsteller E. L. Doctorow (* 1931) beschreibt in seinem Roman Homer & Langley die wahre Begebenheit von zwei Brüdern, die 1947 in einer zugemüllten New Yorker Villa umkamen.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrés Herrán; José Luis Vázquez-Barquero: Treatment of Diogenes syndrome with risperidone. In: Aging, neuropsychology, and cognition, 6, 1999, S. 96–98.
  • Werner Hofmann: Das Diogenes-Syndrom. Leben zwischen allerlei Krimskrams. In: Geriatrie-Praxis 4 (1992), S. 59–60.
  • Manuel Montero-Odasso; Marcelo Schapira; Gustavo Duque: Is collectionism a diagnostik clue for diogenes syndrome? In: International journal of geriatric psychiatry, 20, 2005, S. 709–711.
  • Burton V. Reifler: Diogenes syndrome. Of omelettes and souffles. In: Journal of the American Geriatrics Society, 44, 1996, S. 1484–1485.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. CA. Reyes-Ortiz: Diogenes syndrome: the self-neglect elderly. In: Compr Ther., 2001, PMID 11430258
  2. AN Clark et al.: Diogenes syndrome. A clinical study of gross neglect in old age. In: Lancet, 1975, PMID 46514
  3. Messiesyndrom – Vortrag 23.09.2014 (PDF; 118 kB) smt-frankfurt.de, S. 2–3; abgerufen am 3. Oktober 2016
  4. Verena Theißen, Barbara Bojack: Messie-Syndrom – Desorganisationsproblematik.@1@2Vorlage:Toter Link/www.wi.hs-wismar.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 144 kB) S. 5; abgerufen am 3. Oktober 2016.
  5. Veronika Schröter: Messie-Welten. 1. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-89183-6.
  6. Volker Faust: Einsam unter Müll. Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit.
  7. Arnd Barocka, Dietmar Seehuber, Dieter Schone: Die Wohnung als Müllhalde. (Memento des Originals vom 17. Dezember 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.klinik-hohe-mark.com (PDF; 138 kB) In: MMW – Fortschritte der Medizin, Nr. 45, 2004
  8. O Beauchet et al.: Diogenes syndrome in the elderly: clinical form of frontal dysfunction? Report of 4 cases. In: Rev Med Interne, 2002, PMID 11876055
  9. Kiepenheuer & Witsch, 2011
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