Eisenmangelanämie
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| D50.- | Eisenmangelanämie |
| D50.0 | Eisenmangelanämie nach Blutverlust (chronisch)
Posthämorrhagische Anämie (chronisch) |
| D50.1 | Sideropenische Dysphagie
|
| D50.8 | Sonstige Eisenmangelanämien |
| D50.9 | Eisenmangelanämie, nicht näher bezeichnet |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| 3A00 | Eisenmangelanämie |
| 3A00.0 | Erworbene Eisenmangelanämie durch Blutverlust |
| 3A00.01 | Chronische posthämorrhagische Anämie |
| 3A00.1 | Erworbene Eisenmangelanämie durch geringe Aufnahme |
| 3A00.2 | Erworbene Eisenmangelanämie durch verminderte Absorption |
| 3A00.3 | Erworbene Eisenmangelanämie durch erhöhten Bedarf |
| 3A00.Y | Sonstige näher bezeichnete Eisenmangelanämie |
| 3A00.Z | Eisenmangelanämie, nicht näher bezeichnet |
| ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion) | |
Die Eisenmangelanämie (früher in Bezug auf die Symptomatik als Chlorose[1][2] oder Bleichsucht bezeichnet)[3] ist eine durch Eisenmangel verursachte und weltweit die häufigste Form der Anämie und wahrscheinlich auch die häufigste Mangelkrankheit überhaupt. Ihre Prävalenz wird auf ca. 600 Millionen Menschen weltweit geschätzt. Durch den Eisenmangel wird die Produktion des roten Blutfarbstoffes, des Hämoglobins, gestört. Menschen mit einer Eisenmangelanämie fühlen sich oft müde und schlapp und neigen zu einer blassen Gesichtsfarbe. In der Tiermedizin tritt sie insbesondere bei Ferkeln in konventioneller Haltung auf („Ferkelanämie“), wenn ihnen die Möglichkeit fehlt, im Boden zu wühlen. Ferkel haben nur geringe Eisenreserven zur Geburt und Sauenmilch enthält nur etwa 20 % des Eisenbedarfs.[4]
Häufigste Ursachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine der häufigsten Ursachen der Eisenmangelanämie sind Eisenverluste bei chronischen Blutungen. Bei Frauen sind häufig genitale Blutungen in Form von zu starken oder zu lang andauernden Menstruationen (Menorrhagie) ursächlich und erklären u. a. den hohen Anteil von Frauen bei der Eisenmangelanämie. Weitere typische Blutungsquellen sind Blutungen im Verdauungstrakt, bspw. bei Ulzera oder einer erosiven Gastritits.
Eine andere häufige Ursache ist die mangelhafte Eisenzufuhr, besonders davon betroffen sind Säuglinge, Kinder und Vegetarier. Eine Eisenmangelanämie kann auch durch einen gesteigerten Eisenbedarf entstehen, bspw. bei Kindern in der Wachstumsphase oder bei Schwangeren, die eine höhere Eisenzufuhr als Nicht-Schwangere benötigen.
Auch eine gestörte Eisenresorption, bei der es zu einer Störung der Eisenaufnahme im Darm kommt, kann eine Eisenmangelanämie verursachen. Ein Beispiel dazu wäre die Zöliakie im Rahmen eines Malassimilationssyndrom.[5] Seltenere Gründe für eine Eisenmangelanämie sind Infektionen mit Parasiten. Im Jahr 1854 hatte Wilhelm Griesinger das Ancylostoma duodenale als Ursache der tropischen Chlorose erkannt.[6]
Laborwerte und Diagnose
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Änderung | Parameter |
|---|---|
| erniedrigt | Hämoglobin, Ferritin[7] Transferrinsättigung, MCV, MCHC |
| erhöht | Transferrin, RDW, Zink-Protoporphyrin |

Die Eisenmangelanämie ist eine mikrozytäre hypochrome Anämie, d. h. Hämoglobin ist erniedrigt (etwa Hb < 13,5 g/dl beim Mann und < 12,0 g/dl bei der Frau; die Normwerte sind je nach Quelle etwas unterschiedlich) und die Erythrozyten (roten Blutzellen) sind kleiner als normal (mikrozytär), enthalten weniger Hämoglobin als normal und sind daher im Blutausstrich schwächer gefärbt (hypochrom). Laborchemisch wird das durch die Parameter MCV (Mittleres Erythrozyteneinzelvolumen) und MCH (Mittleres Korpuskuläres Hämoglobin) ausgedrückt, die dann beide erniedrigt sind. Ein weiterer Hinweis auf eine Eisenmangelanämie ist eine deutlich erhöhte Größenvariation der roten Blutkörperchen (RDW) im Blutbild (Anisozytose). Eisen im Serum unterliegt starken ernährungsabhängigen Schwankungen und ist deshalb als alleiniger Parameter zur Diagnosesicherung ungeeignet.[9] Am Eisenwert lässt sich in der Regel jedoch erkennen, ob ein Patient die verordneten – in hoher Dosierung gelegentlich schlecht verträglichen – Eisentabletten auch tatsächlich am Tag vor der Blutabnahme eingenommen hat. Ein erniedrigter Ferritinwert dagegen zeigt immer einen Eisenmangel an. Ein normaler oder gar erhöhter Wert schließt ihn jedoch nicht aus, da Ferritin als Akute-Phase-Protein im Rahmen einer Entzündungsreaktion verstärkt freigesetzt werden kann. Zuverlässiger ist die Transferrinsättigung, die sich aus Transferrinspiegel und Eisenspiegel berechnet und die beim Eisenmangel erniedrigt ist. Eine Anämie ohne Eisenmangel deutet auf andere Ursachen hin wie beispielsweise einen Mangel an Vitamin B6, B12 oder Folsäure oder einen Erythropoetin-Mangel (renale Anämie), die für die Blutbildung notwendig sind (siehe Anämie). Insbesondere bei Menschen aus dem Mittelmeerraum und Südostasien ist auch an eine Thalassämie zu denken, die bei Mitteleuropäern nur selten vorkommt.
Symptome
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Folgende Symptome gelten als typisch:[10]
- Anfangsstadium:
- Leistungsabfall und körperliche Schwäche
- Müdigkeit
- Kopfschmerzen
- Nägel: Brüchigkeit, Rillenbildung, Koilonychie
- Mundwinkelrhagaden (ICD-10-Code: K13.0)
- Blässe der Haut und Schleimhäute
- Fortgeschrittenes Krankheitsbild:
- eingeschränkte Herzfunktionen
- Konzentrationsstörungen
- Schwindelgefühl (Vertigo)
- Gleichgewichtsstörung
- Ohnmacht
Behandlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grundsätzlich wird die Eisenmangelanämie wie ein Eisenmangel allgemein behandelt. Meistens erfolgt eine orale Substitution mit Eisentabletten über 3 bis 6 Monate, bis der Zielferritin-Wert erreicht ist. Häufige Nebenwirkungen dabei sind Magenbeschwerden und eine Schwarzfärbung des Stuhls, die mit Teerstuhl verwechselt werden kann. In Sonderfällen, beispielsweise bei einem Malabsorptionssyndrom, bei dem die Eisenaufnahme aus dem Darm beeinträchtigt ist, kann auch eine parenterale Eisensubstitution erfolgen, also direkt über die Vene.[5]
Zusätzlich zu einer medikamentösen Therapie kann auch eine Anpassung der Ernährung erfolgen. Über Lebensmittel können zwei Formen von Eisen aufgenommen werden: Häm-Eisen und Nicht-Häm-Eisen. Häm-Eisen ist die vom Körper am besten resorbierbare Form von Eisen und kommt am meisten in tierischen Produkten vor (v. a. in Innereien, aber auch Fisch, rotes Fleisch). Nicht-Häm-Eisen wird schlechter resorbiert und kommt vor allem in pflanzlichen Lebensmittel vor (v. a. in Spinat, Bohnen, Nüsse, getrocknete Früchte).[11]
Die Resorption von Eisen im Darm kann durch den zeitgleichen Verzehr von Vitamin-C-haltigen Lebensmittel verbessert werden. Sie kann hingegen auch gehemmt werden durch den zeitgleichen Verzehr von Kaffee oder Schwarztee.[12]
Da eine vegane Ernährung nur Nicht-Häm-Eisen beinhaltet, sollten vor allem Veganer auf eisenhaltige Nährstoffe achten. Unter anderem deshalb haben Veganer geringere Eisenspeicher als Nicht-Veganer.[13] Allerdings ist eine Eisenmangelanämie bei Veganern nicht häufiger als bei Nicht-Veganern.[14]
Zusätzlich besteht noch eine Möglichkeit der spezifischen Behandlung einer Eisenmangelanämie, und zwar die Gabe von Blut (genauer Erythrozytenkonzentraten). Falls eine schwere, unter Umständen lebensbedrohliche Anämie vorliegt, müssen, um eine schnelle Änderung dieses Zustandes herbeizuführen, Bluttransfusionen verabreicht werden. Grundsätzlich sollte jedoch der Eisenmangel ausgeglichen werden und es sollten so wenig wie möglich Bluttransfusionen durchgeführt werden. Ein konsequenter und rechtzeitiger Ausgleich eines Eisenmangels kann Bluttransfusionen „einsparen“.[15] Bei häufiger wiederholten Bluttransfusionen (ab etwa über 20–50) kommt es zu einer erhöhten Eisenzufuhr und dem Risiko einer Eisenüberladung, da der Körper das Eisen nur begrenzt wieder ausscheiden kann. Dadurch können Organschäden auftreten. Einer Eisenüberladung kann durch Eisenchelatoren entgegengewirkt werden. Diese binden das Eisen im Körper und führen es ab.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Die „Chlorose“ war vom 16. bis 19. Jahrhundert auch ein eigenständiges, nicht unbedingt mit der Eisenmangelanämie zusammenhängendes Krankheitsbild; vgl. etwa I. Loudon: The Diseases Called Chlorosis. In: Psychol. Med. Band 14, 1984, S. 27–36.
- ↑ Vgl. auch Johanna Bleker: Hysterie, Dysmenorrhoe, Chlorose: Diagnosen bei Frauen der unterschicht im frühen 19. Jahrhundert. In: Medizinhistorisches Journal. Band 28, 1993, S. 345–374.
- ↑ Horst Kremling: Zur Entwicklung der klinischen Diagnostik. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 233–261; hier: S. 249.
- ↑ Eisen in der Ferkelaufzucht – Die Eisenmangelanämie der Saugferkel
- 1 2 Gerd Herold: Innere Medizin. Eine vorlesungsorientierte Darstellung. Hrsg.: Gerd Herold, Heinz Beckers, Karsten Lehmann. Gerd Herold, Köln 2024, ISBN 978-3-9821166-3-1, S. 35 f.
- ↑ Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 37.
- ↑ bei Entzündungen kann Ferritin auch „falsch-normal“ sein
- ↑ Mortalität nach Schätzungen der WHO im Jahr 2002. (xls; 3,0 MB) In: World Health Organization. 2002, abgerufen am 23. Dezember 2010 (englisch).
- ↑ Lothar Thomas u. a.: Neue Parameter zur Diagnostik von Eisenmangelzuständen: Schlusswort. (PDF, 35 kB) In: Dtsch Arztebl 2005; 102 (42), S. A-2878. Bundesärztekammer, 25. August 2009, abgerufen am 11. August 2010: „der Serumeisenwert (ist) zur Diagnose der Eisenmangelanämie obsolet“
- ↑ A. Nilsson, M. Foerster: Symptome und Risiken der Anämie. 2013.
- ↑ Iron-Rich Foods. Archiviert vom am 13. März 2026; abgerufen am 27. März 2026 (englisch).
- ↑ Angela V Saunders, Winston J Craig, Surinder K Baines, Jennifer S Posen: Iron and vegetarian diets. In: Medical Journal of Australia. Band 199, S4, Juni 2013, ISSN 0025-729X, doi:10.5694/mja11.11494 (wiley.com [abgerufen am 27. März 2026]).
- ↑ Haider, L. M., Schwingshackl, L., Hoffmann, G., & Ekmekcioglu, C: The effect of vegetarian diets on iron status in adults: A systematic review and meta-analysis. In: Critical Reviews in Food Science and Nutrition. Band 58, 2018.
- ↑ Iron in the Vegan Diet -- The Vegetarian Resource Group. Abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ E. Litton, J. Xiao, K. M. Ho: Safety and efficacy of intravenous iron therapy in reducing requirement for allogeneic blood transfusion: systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. In: BMJ. Band 347, 2013, S. f4822–f4822. doi:10.1136/bmj.f4822.