Villa Kolbe

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Die Villa Kolbe, später auch „Kohlmannvilla“[1] beziehungsweise „Schramm-Klinik“ genannt, ist ein seit 1980 unter Denkmalschutz stehender „Villenbau im Stil eines deutschen Renaissanceschlosses“[2] in der Zinzendorfstraße 16 im Stadtteil Alt-Radebeul der sächsischen Stadt Radebeul. Das 1890/1891 nach Entwürfen des Berliner Architekten Otto March erbaute Landhaus Dr. Kolbe im Stil der Neorenaissance ist „eine der aufwendigsten und architektonisch qualitätsvollsten Villen von Radebeul und seiner weiteren Umgebung“,[2] jedoch durch jahrelangen Leerstand im März 2016 verwahrlost. Der Bau erfolgte für den Chemiker Carl Kolbe (1855–1909), alleinzeichnungsberechtigter Generaldirektor der nahegelegenen Chemischen Fabrik von Heyden.

Villa Kolbe 1897

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Villa Kolbe, von Nordwesten
Villa Kolbe, von Südwesten
Villa Kolbe inmitten des denkmalgeschützten Parks

Die große, aufwändige Villa im Stil eines deutschen Renaissanceschlosses, als schönes Beispiel dieser Stilrichtung auch im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler aufgeführt,[3] steht in einem weitläufigen Grundstück, das als Englischer Landschaftsgarten konzipiert wurde und dessen Baumbestand inzwischen ausgewachsen, jedoch verwildert ist. Das Gebäude hat ein hohes Sockelgeschoss, zwei Vollgeschosse sowie ein leicht ausgebautes, hohes Walmdach. Die Fassaden bestehen aus roten Verblendziegeln mit Gliederungen aus Sandstein.

Die Hauptansicht zur Rathenaustraße zeigt auf der linken Seite einen Seitenrisaliten mit einem Volutengiebel und auf der rechten Seite einen Turmvorbau mit geschweifter Haube und Spitze. Davor befindet sich eine Terrasse zum Garten. Die Ansicht zur Meißner Straße zeigt ebenfalls einen Volutengiebel, einen polygonalen Turm mit Haube sowie einen Söller mit einer Brüstung aus Maßwerk. Die Eingangsseite zur Zinzendorfstraße zeigt zwei Krüppelwalmgiebel und mehrere Vorbauten im Erdgeschoss.

Das Gebäude hat im Inneren eine zentrale, fast 60 Quadratmeter große und über beide Hauptgeschosse reichende Halle mit der Haupttreppe. Darum herum sind die Wohnräume gelegen, die „mit Vertäfelungen, aufwändig verzierten Decken, Bleiglasfenstern, vielfältigen Einbauten und Ornamenten malerisch ausgestaltet[…]“[4] sind. In der Halle, im Herrenzimmer und im Damensalon gab es offene Kamine. Dazu gab es ein „Grünhaus“, ein Billardzimmer mit Zugang zum Park und einen zweigeschossigen Weinkeller mit Probierstube.

Die technische Ausstattung des Hauses bestand aus einer Warmwasserheizung des Dresdner Ingenieurs Emil Kelling (Vater des Internisten Georg Kelling) sowie aus einer elektrischen Lichtanlage, die von Akkumulatoren im Keller des nahegelegenen Stalls gespeist wurde. Diese Akkumulatoren wurden über ein Kabel aus der in der 800 Meter entfernten Fabrik aufgestellten Dynamomaschine geladen. Vermutlich war die Direktorenvilla das erste Radebeuler Wohnhaus mit elektrischem Licht, da das Kummer'sche Elektrizitätswerk erst vier Jahre später im Lößnitzgrund seinen Betrieb aufnahm (1896). Die im Keller befindliche Waschküche war über einen Fahrstuhl mit dem Trockenboden verbunden.

Die Hausangestellten wohnten im teilweise ausgebauten Dach und die Gärtnerfamilie im Souterrain.

Der umgebende Park gilt als Werk der Landschafts- und Gartengestaltung, er ist im März 2016 mangels Pflege in schlechtem Zustand.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundriss, 1890
Villa Kolbe, Herrenzimmer, Zeichnung von O. March
Villa Kolbe, Halle, Zeichnung von O. March

Bauherr des Hauses war der Chemiker Carl Kolbe, Generaldirektor der Chemischen Fabrik von Heyden. Der Architekt des Landhauses war der Berliner Regierungsbaumeister und königliche Baurat Otto March, dessen Entwurf unter den Eindrücken eines längeren Englandaufenthalts 1888 entstanden war. Die Ausführung der Maurerarbeiten übernahm das örtliche Baugeschäft Gebrüder Ziller. Die innere Gestaltung des Hauses wurde 1891 auf der Berliner Architekturausstellung als Landhaus Dr. Kolbe präsentiert; sie orientierte sich stark an der als vorbildlich geltenden englischen Landhausarchitektur jener Zeit.[4]

1893 entstand, ebenfalls von Otto March entworfen, das dazugehörige Gärtnerhaus auf der nördlichen Straßenseite der Meißner Straße.

Von 1910 bis 1919 war das Anwesen im Besitz von Selma D. Freifrau von Milkau aus Dresden, die ab 1915 in Darmstadt lebte und der auch die abgetrennten Grundstücke Nr. 12 und 14 gehörten. Ab 1915 bildete die Villa die Sommerwohnung des Direktors Dr. Carl Tichy.[5]

Von 1920 bis 1933 war die Villa im Besitz des Fabrikanten Louis Paul (1841–1923) von der nahegelegenen (Sidonienstraße 20) gleichnamigen Eisengießerei und Maschinenfabrik beziehungsweise seiner Familie. Während seine Firma 1931 infolge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs ging und 1933 als mitarbeitergeführte GmbH wiedereröffnet wurde,[6] ging die Villa nach 1933 an die Öffentliche Versicherungsanstalt der Sächsischen Sparkassen in Dresden, die sie 1939/1940 an den Chirurgen Kohlmann als Eigentümer abgab.[5]

Der Chirurg Anton Johannes Kohlmann (1886–1949) war bereits ab etwa 1920 im 1. Stock als Einmieter und übernahm die gesamten Räumlichkeiten für seine Klinik ab um 1933,[5] die ab da auch „Kohlmannsche Villa“ genannt wurde. Er war seit 1921 mit Brunhilde geb. Weich (1897–1984) verheiratet und hatte zwei Kinder. Kohlmanns Ehefrau wurde es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten untersagt, die Praxis zu betreten, da die Ehe als „Mischehe“ mit einer jüdischen Ehefrau galt. Auch wenn Frau und Kinder aufgrund der damaligen Gesetze keinen Judenstern tragen mussten, wurde Brunhilde Kohlmann im März 1941 wegen der eingeführten Zwangsarbeitspflicht dazu gezwungen, in einer Kartonagenfabrik zu arbeiten, wohin sie nicht mit öffentlichen Verkehrsmittel fahren durfte. Ihrer beider Sohn kam 1944 mit 19 Jahren zur Zwangsarbeit. Johannes Kohlmann verstarb 1949 in Radebeul, seine Frau Brunhilde überlebte den Holocaust und starb 1984 in Altbach in Baden-Württemberg.[7] Mindestens bis in die 1970er Jahre war die Familie Kohlmann Besitzer der Villa, während sie z. B. 1972 als Außenstelle des Kreiskrankenhauses Radebeul genutzt wurde.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Chirurg Schramm darin eine Klinik eingerichtet. Später waren dort ein Orthopäde und bis 1995 eine Behindertenwerkstatt des Vereins Lebenshilfe Deutschland untergebracht.[4] Seit deren Auszug im Februar 1995 ist die sanierungsbedürftige Villa mit 66 Zimmern ungenutzt.

Im Frühjahr 2016 stritt die Eigentümergemeinschaft Zinsendorfstraße 16 GbR mit der Stadt Radebeul um die Bebauung mit einem nicht-denkmalgerechten 12 Wohneinheiten-Neubau.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Villa Kolbe – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Große Kreisstadt Radebeul (Hrsg.): Verzeichnis der Kulturdenkmale der Stadt Radebeul. Radebeul 24. Mai 2012, S. 40 (Letzte von der Stadt Radebeul veröffentlichte Denkmalliste. Die seit 2012 beim Landkreis Meißen angesiedelte Untere Denkmalschutzbehörde hat noch keine Denkmalliste für Radebeul veröffentlicht.).
  2. a b Volker Helas (Bearb.): Stadt Radebeul. Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Große Kreisstadt Radebeul (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Sachsen). SAX-Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-004-3, S. 18, 319, 320.
  3. Barbara Bechter, Wiebke Fastenrath u. a. (Bearb.): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen I, Regierungsbezirk Dresden. Deutscher Kunstverlag, München 1996, ISBN 3-422-03043-3, S. 730–739.
  4. a b c Frank Andert: Im Archiv gestöbert: Das Landhaus Kolbe in Radebeul. In: Vorschau & Rückblick; Monatsheft für Radebeul und Umgebung. Radebeuler Monatshefte e.V., Juli 2007, abgerufen am 6. Februar 2011.
  5. a b c d Information des Stadtarchivs Radebeul aus der Häuserkartei an Benutzer:Jbergner vom 18. Juli 2011.
  6. Frank Andert (Red.): Stadtlexikon Radebeul. Historisches Handbuch für die Lößnitz. Herausgegeben vom Stadtarchiv Radebeul. 2., leicht geänderte Auflage. Stadtarchiv, Radebeul 2006, ISBN 3-938460-05-9, S. 126 f.
  7. Ingrid Lewek; Wolfgang Tarnowski: Juden in Radebeul 1933–1945. Erweiterte und überarbeitete Ausgabe. Große Kreisstadt Radebeul/ Stadtarchiv, Radebeul 2008. S. 47 f.
  8. Wochenmagazin von "Radebeul TV" vom 28. März 2016.

Koordinaten: 51° 6′ 3″ N, 13° 41′ 2″ O