Virtuelles Kraftwerk

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Dieser Artikel behandelt eine Zusammenschaltung von Kraftwerken zu einem System, das sich im Idealfall wie ein konventionelles Kraftwerk verhält. Zur Simulation von Kraftwerken siehe Kraftwerkssimulator.

Ein virtuelles Kraftwerk ist eine Zusammenschaltung von dezentralen Stromerzeugungseinheiten, wie zum Beispiel Photovoltaikanlagen, Wasserkraftwerken, Biogas-, Windenergieanlagen und Blockheizkraftwerken zu einem Verbund, der elektrische Leistung verlässlich bereitstellen und damit dargebotsunabhängige Leistung aus Großkraftwerken ersetzen kann. Virtuell heißt das Kraftwerk nicht, weil es keinen Strom erzeugt, sondern weil es mehr als einen Standort besitzt. Andere gebräuchliche Begriffe sind Kombikraftwerk, Schwarmkraftwerk und DEA-Cluster (= Cluster aus Dezentralen Erzeugungsanlagen). Ein wichtiger Aspekt von virtuellen Kraftwerken ist die Vermarktung des Stroms sowie die Bereitstellung von Systemdienstleistung aus einem Verbund kleiner dezentraler Anlagen.[1]

Ein virtuelles Kraftwerk aus vielen Einzelanlagen

Virtuelle Kraftwerke sind mit Kosten für Kommunikation und den Aufwand der zentralen Steuerung verbunden. Unter dem Schlagwort virtuelles Kraftwerk werden sowohl Visionen einer künftigen Stromversorgung wie auch bereits bestehende Geschäftsmodelle verbunden.

Generatorverbund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werden Generatorverbünde und Lastverbünde zusammengeschaltet, kann eine intelligente Steuerung zunächst versuchen, Leistungsspitzen durch Laststeuerung auf der Abnehmerseite möglichst auszugleichen, um dann den verbleibenden Leistungsbedarf kostengünstig aus dem Angebot der angeschlossenen Generatorverbünde zu decken.

Virtuelle Kraftwerke nutzen Synergien, die durch die Zusammenschaltung von Einzelkraftwerken möglich werden. Zur Lastverteilung können weitere Erzeuger zugeschaltet werden, sobald Spitzenlasten auftreten, die ein einzelnes Kraftwerk überfordern würden. Nachteile, die aus einem speziellen Standort oder dem wechselhaften Wetter erwachsen, können kompensiert werden. Grundlastkraftwerke wie z. B. Kern- und Braunkohlekraftwerke fährt man aus wirtschaftlichen Gründen bei Nacht nicht herunter, deshalb ist die Zwischenspeicherung des Nachtstroms in Speicherkraftwerken heute schon Stand der Technik.

Kombiniert man beispielsweise einen Windpark, ein photovoltaisches Kraftwerk und einen Energiespeicher, etwa ein Pumpspeicherkraftwerk, zu einem virtuellen Kraftwerk, so kann das Solarkraftwerk einspringen, wenn Flaute herrscht. Scheint keine Sonne, kann das Windkraftwerk liefern. Scheint die Sonne und es weht Wind, kann überschüssige Energie im Pumpspeicher eingespeist werden. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, liefert das Pumpspeicherwerk die Energie zurück. Je mehr Kraftwerke und Kraftwerkstypen kombiniert werden, desto höher ist der Synergieeffekt und damit die Gesamteffizienz des virtuellen Kraftwerkes.

Funktionsschema einer BHKW-Anlage

In dem Maße, wie sich die Mikro-Kraft-Wärme-Kopplung (MKWK) zur Energieversorgung von Gebäuden durchsetzt, liegt auch hier das Ankoppeln an ein virtuelles Kraftwerk immer näher, weil durch koordiniertes Einspeiseverhalten etwa Spitzenlaststrom und Regelenergie erzeugt werden können, was wirtschaftliche Vorteile abwirft. Die heute verfügbaren KWK-Anlagen zur Gebäudeenergieversorgung im Verbund erfüllen bereits die technischen Anforderungen für die Bereitstellung von Regelleistung,[2] die von den Regelzonenverantwortlichen gestellt werden. So kann ein Mini-Blockheizkraftwerk den Strom vorwiegend zur Netzlastspitze produzieren und die zeitweilig überschüssige Wärme in einem Wärmespeicher puffern. Der Besitzer einer dezentralen Anlage muss aber zu diesem Zweck Eingriffe in die Steuerung seine Anlage durch den Betreiber des virtuellen Kraftwerks gestatten, was gerade von privaten Haushalten schwer akzeptiert wird.

Technische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil es bisher noch nicht ausreichend wirtschaftlich zu betreibende Energieanlagen im Kleinformat gibt und weil zwischen den Stromeinspeiseknoten und der Leitstelle auch kommuniziert werden muss, stieß das Einrichten von virtuellen Kraftwerken durch deren Verbindung zunächst auf große Hürden. Deshalb wurde in den folgenden Teilgebieten geforscht und entwickelt:

  • Kommunikationsschicht (betriebskostenminimierende WAN-Techniken wie Powerline und (Funk-)Rundsteuerung usw.)
  • Nachrichtenstandardisierung
    • Leistungsanforderungen: Energiemenge, vermutliche Dauer, spätestmögliche Lieferung;
    • Leistungsnachforderung: Energiemenge, vermutliche Dauer, höchstmögliche Ausfallzeit;
    • Leistungsangebot: Energiemenge, vermutliche Dauer, geschätzte Kosten usw.
  • Kommunikationsprotokoll (vorzugsweise ein asynchrones, asymmetrisches, ereignisgesteuertes Protokoll).

Standardisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Europäischen Union geförderte Projekte wie z. B. DISPOWER[3], FENIX[4] und MICROGRIDS[5] entwickeln Standards für eine einheitliche Informations- und Kommunikationstechnologie in diesem Bereich. Mit diesen Standards wird sowohl die internetbasierte Steuerung eines virtuellen Kraftwerkes möglich, als auch der automatisierte Handel mit Strom. Es zeichnet sich ab, dass die Erweiterung des Kommunikationsprotokolls IEC 61850-7-420[6] leittechnischer Standard für dezentrale Energieanlagen werden wird.

Seit der Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014 müssen alle Anlagen in der Direktvermarktung die Möglichkeit der Fernsteuerung bieten.[7]

Situation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Direktvermarktung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein bereits bestehendes Geschäftsmodell in diesem Sinne sind die Dienstleister für die Direktvermarktung von EEG-Anlagen d.h. von Wind-, Solar-, Geothermie-, Biomasse- und anderen Kraftwerken, die Anspruch auf eine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) haben.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regelungen des EEG sehen vor, dass solche Anlagen am Spotmarkt vermarktet werden. Die Anlagenbetreiber haben zusätzlich zu den Erlösen am Spotmarkt Anspruch auf einen Zuschlag, der die Differenz zwischen dem Spotmarkterlös einer durchschnittlichen Anlage der betreffenden Kategorie und einem festgelegten Garantiepreis für diese Anlagenkategorie ausgleicht (Marktprämie).[8] Somit werden EEG-Anlagenbetreiber zur Teilnahme am Stromhandel verpflichtet, obwohl ihre Einspeisung sehr wenig prognostizierbar ist und der Einspeisefahrplan auch bei vielen betroffenen Anlagen keine handelbaren Produktgrößen erreicht. Mit der Teilnahme am Stromhandel sind die Anlagen ebenfalls den Regelungen des Bilanzkreismanagements unterworfen, die vorsehen, dass auf dem Strommarkt verbindliche Mengen gehandelt werden und ungeplante Abweichungen mit Ausgleichsenergie verrechnet werden. Für den typischen Betreiber von EEG-Anlagen ist die Teilnahme am Stromhandel somit mit unerwünschten Risiken verbunden.

Geschäftsmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Geschäftsmodell der Direktvermarkter besteht darin, fremde EEG-Anlagen für eine Teilnahme am Stromhandel im eigenen Bilanzkreis zusammenzuführen. Die Erzeugung des zusammengeführten Portfolios von EEG-Anlagen wird dann als ein virtuelles Kraftwerk prognostiziert und am Strommarkt vermarktet. Unplanbare Abweichungen einzelner Einspeiser gleichen sich hierbei zum Teil aus. Weiterhin ist es für ein großes Portfolio wirtschaftlich, in professionelle Prognosen zu investieren. Kurzfristige Lastprognoseanpassungen aus Änderungen der Wind- oder Solarprognosen ergeben auch für ein großes Portfolio eher handelbare Größenordnungen am Intradaymarkt. Der Vermarkter schaltet über entsprechende technische Infrastrukturen Anlagen ab, wenn der Spotpreis an der EEX negativ ist. Den EEG-Betreibern wird im Rahmen des Geschäftsmodells ein Fixpreis in Euro / MWh geboten. Die Vermarkter übernehmen alle mit der Vermarktung verbundenen Risiken aus der Zufälligkeit des Einspeiseprofils, den kurzfristigen Märkten und dem Ausgleichsenergiemarkt.

Anbieter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anbieter des beschriebenen Geschäftsmodells sind beispielsweise Statkraft[9], Clean Energy Sourcing[10], Energy2Market[11] und Next Kraftwerke[12].

Regelenergiepools[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiteres bestehendes Geschäftsmodell ist der Zusammenschluss kleinerer Anlagen zur Bereitstellung von Regelleistung. Gemäß einem Beschluss der Bundesnetzagentur wurden die Übertragungsnetzbetreiber verpflichtet, auch Regelenergiepools als Anbieter an der Regelleistungsauktion zuzulassen.[13] Dieses Geschäftsmodell ist für eine breites Spektrum an Erzeugungsanlagen attraktiv, da auch die typischen KWK-Anlagen der Stadtwerke die Voraussetzungen für eine Teilnahme am Regelleistungsmarkt für sich alleine nicht erfüllen. Weiterhin können im Rahmen solcher Pools auch Flexibilitäten der Lastabnahme für die Regelmärkte erschlossen werden.[14][15] Im Rahmen des Poolmodells können verfügbare kurzfristige Flexibilitäten vieler Kraftwerke und Industrieabnehmer in einem "virtuellen Kraftwerk" gebündelt werden. Der Poolanbieter empfängt den elektronischen Aufruf des Netzbetreibers für die Bereitstellung eines definierten An- oder Abfahrprofils und setzt dieses in seinem virtuellen Kraftwerk technisch um. Die ökonomische Seite wird über Ergebnisteilungsverträge mit den Poolteilnehmern geregelt.[16]

Anbieter von Regelenergiepools sind beispielsweise MVV[17], Clens[18], Entelios, Trianel[19] und Ompex[20] in der Schweiz.

Forschungsprojekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) untersuchte zusammen mit neun Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft in dem dreijährigen Projekt „Kombikraftwerk 2“,[21] wie man Stromversorgung sicher und zuverlässig allein mit erneuerbaren Energien erreichen kann. In Modellen und Feldversuchen verknüpfte man dabei Wind- und Biogaskraftwerke sowie Solarstromanlagen und steuerte sie zentral als virtuelles Kraftwerk. Die Forscher erhofften sich davon Erkenntnisse, wie sich der steigende Anteil von Wind- und Sonnenenergie in die Stromversorgung integrieren lässt. Darüber hinaus sollte untersucht werden, welchen Beitrag erneuerbare Energien zur Versorgungsqualität leisten können. Als Ergebnis wurde im August 2014 festgestellt, dass Netzstabilität in einer vollständig erneuerbaren Stromversorgung sichergestellt werden kann. Ein Feldtest, bei dem mehrere Windparks, Biogas- und Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von über 80 MW zusammengeschlossen wurden, demonstrierte, wie ein Verbund aus Erneuerbare-Energien-Anlagen Regelleistung und so genannte Systemdienstleistungen bereitstellen und zur Stabilität der Stromversorgung beitragen kann.[22]

Studien der TU Berlin und der BTU Cottbus zeigten, dass eine intelligente Vernetzung dezentraler regenerativer Kraftwerke einen erheblichen Beitrag dazu leisten kann, große Mengen wechselhaft anfallenden Stroms optimal in das Versorgungsnetz einzuspeisen. Die Studien wiesen außerdem nach, dass sich mit Hilfe geeigneter Steuerung Strombedarf und -produktion einer Großstadt wie Berlin gut aufeinander abstimmen lassen. Dadurch kann sowohl die höhere Netzebene entlastet als auch der Bedarf an konventionellen Reservekapazitäten deutlich verringert werden.[23]

„Ein vollständiger Umstieg auf regenerative Energien ist aus Gründen des Klimaschutzes und angesichts endlicher fossiler Ressourcen unumgänglich. Die Frage ist, was das für die heutige Struktur der Stromversorgung bedeutet, für Übertragungsnetze und Energiespeicher“, sagte Dr. Kurt Rohrig, Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) am Standort Kassel. „Unser Praxistest wird zeigen, dass eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien realistisch ist und dass auch bei Flaute nicht die Lichter ausgehen“.[24]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Droste-Franke et al.: Brennstoffzellen und Virtuelle Kraftwerke. Springer-Verlag, Berlin 2009. ISBN 9783540857969
  • Fraunhofer IWES: Forschungsprojekt Kombikraftwerk 2. Abschlussbericht 2014 (Link)
  • Denne: Chancen und Möglichkeiten eines Virtuellen Kraftwerks: am Beispiel der Klimakommune Saerbeck. AkademikerVerlag, Saarbrücken 2015. ISBN 978-3-639-87282-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pilotprojekte (F&E)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Pilotprojekten werden die Wirtschaftlichkeit und die Möglichkeit geprüft, flexibel auf Lastschwankungen zu reagieren:

  1. Das regenerative Kombikraftwerk
  2. Virtual Fuel Cell Power Plant (Vaillant) (PDF; 2,2 MB)
  3. Energiepark KonWerl (PDF; 210 kB) im Projekt KonWerl 2010
  4. Das RegenerativKraftwerk Bremen
  5. Die Regenerative Modellregion Harz - RegModHarz

Produktivsysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im kommerziellen Betrieb:

  1. Virtuelles Regelenergiekraftwerk der Saar Energie (PDF; 699 kB)
  2. Virtuelles Kraftwerk „Next Pool“ der Next Kraftwerke GmbH

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. BMWi: Was ist eigentlich ein "Virtuelles Kraftwerk"? Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  2. Disponible Regelleistung von kleinen KWK-Systemen
  3. http://www.dispower.org
  4. http://www.fenix-project.org
  5. http://microgrids.power.ece.ntua.gr
  6. http://www.dispowergen.com/std/der
  7. http://www.clens.eu/direktvermarktung/virtuelles-kraftwerk
  8. EEG-Gesetz §34 Marktprämie. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  9. Germany's largest "power plant". Abgerufen am 27. August 2016 (englisch).
  10. Virtual Power Plant. Abgerufen am 27. August 2016 (englisch).
  11. Virtual Power Plant. Abgerufen am 27. August 2016 (englisch).
  12. In our Virtual Power Plant, small parts form the next big thing. Abgerufen am 27. August 2016 (englisch).
  13. Präqualifikation für die Erbringung von SRL / Umsetzung des SRL-Poolmodells. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  14. Energiewende mit Hilfe von Demand Response Management. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  15. Abschaltbare Lasten. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  16. Einbringung von Erzeugungsanlagen in Regelenergie-Pools. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  17. Regelenergie optimal vermarktet. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  18. Regelenergiepool News. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  19. Regelenergiepool. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  20. Regelenergiepool. Abgerufen am 27. August 2016 (deutsch).
  21. Offizielle Projektwebsite des Kombikraftwerk 2
  22. Abschlussbericht
  23. Pressemitteilung des BEE
  24. Pressemitteilung der Agentur für Erneuerbare Energien