Wärmedämmverbundsystem

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Temperaturverlauf in einer außen gedämmten Kalksandsteinwand im WDV-System

Ein Wärmedämmverbundsystem (abgekürzt WDVS oder WDV-System) ist ein System zum Dämmen von Gebäudeaußenwänden. Der geregelte Aufbau besteht aus der Befestigungsart (geklebt und/oder gedübelt oder einem Schienensystem), einem Dämmstoff, einer Putzträgerschicht (armierter Unterputz) und einer Oberflächenschicht (Oberputz oder Flachverblender). Als Alternative bzw. Konkurrenzmodell gilt u.a. die vorgehängte hinterlüftete Fassade.

Umgangssprachlich werden für Wärmedämmverbundsysteme auch Bezeichnungen wie Thermohaut und Vollwärmeschutz verwendet, die aber irreführend sind und vermieden werden sollten, da ein WDVS zwar ein Vollwärmeschutz (gedämmte Fassade) ist, aber ein Vollwärmeschutz auch eine vorgehängte Fassade sein kann, was wiederum kein WDVS ist.

Wärmedämmverbundsysteme stehen vielfach in der Kritik, u. a. wegen der Verwendung potentiell gesundheitsschädlicher bzw. brandgefährlicher Materialien (wie etwa Bioziden oder Polystyrol, welches als Sondermüll teuer entsorgt werden muss) und wegen der durchgreifenden Änderung des Erscheinungsbildes bestehender Bausubstanz (vor allem bei verzierten Altbauten).[1]

Geschichte des WDVS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Berlin wurde 1957 zum ersten Mal ein Wärmedämmverbundsystem eingesetzt. Als Dämmstoff wurde ein Polystyrolhartschaum verwendet, der von BASF unter dem Markennamen Styropor® vertrieben wird. Die ersten Dämmstoffe mit einer Dicke von 20–50 mm waren noch weit von dem heutigen Standard entfernt, sorgten aber für eine bis dahin nicht gekannte Heizenergieersparnis. Ab Mitte der sechziger Jahre wurde dieses System in größerem Umfang eingesetzt.

In Süddeutschland verarbeitete man zu Beginn der 1960er Jahre im Industriebau (Zuckersilo in Regensburg) und im Wohnungsbau (als „Dryvit“-Verfahren) Polystyrol-Dämmplatten mit armiertem Kunststoffputz. Dabei setzte man verschiedene Techniken der Armierung mit Metallfäden, Metallgewebe, Glasfasergewebe und – aus USA eingeführt – auch Kunststoffgewebe ein. Die Dämmstoffplatten wurden punkt- und randförmig (Wulstverfahren) mit Klebstoff versehen und durch starken Handdruck auf die Wand geklebt. Probleme gab es bei diesem Verfahren durch die „Aufschüsselung“ der Polystyrolplatten bedingt durch nicht ausreichend abgelagerte Platten, die Feuchteaufnahme des Glasseidengewebes und eine dadurch verursachte Volumenvergrößerung sowie durch die statische Aufladung der Kunststoffputzoberfläche und eine damit verbundene Staubanreicherung. Als erste Mauersteinindustrie empfahl damals die Kalksandsteinindustrie ein solches System als „KS-Thermohaut“ – die ersten Wohngebäude damit wurden in Nürnberg gebaut. Auf der Suche nach Alternativen verwendete man ab etwa 1977 auch Mineralfaserplatten, wobei hier eine modifizierte Arbeitstechnik angewandt wurde (modifizierte mineralische Putze, Kunststoffputze, Kalk- und Silikatputze). Seit etwa 1990 kamen darüber hinaus die unten genannten Dämmstoffe zum Einsatz.

Aufbau und Montage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Altbau wurde zur Hälfte mit WDVS gedämmt. Der stärkere Wandaufbau durch das WDVS ist am Dachüberstand und an den Fensteröffnungen auf der rechten Fassadenseite zu erkennen. Die helle Fläche ist Teil der farblichen Gestaltung der WDVS-Fassade.

Untergrundvoraussetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich sind alle Untergründe (z.B. Ziegel, Kalksandstein, Beton, verputzte Bestandsfassaden) geeignet. Bei ausreichender Tragfähigkeit des Untergrundes können die Dämmplatten direkt aufgeklebt werden. Je nach Festigkeit des Dämmstoffes oder bei nicht ausreichender Tragfähigkeit des Untergrundes müssen die Platten zusätzlich mit Tellerdübeln rückverankert werden. Bei sehr unebenen Untergründen werden Schienensysteme eingesetzt, an denen die Platten befestigt werden.

Befestigung der Dämmplatten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt verschiedene Arten der Befestigung von Dämmplatten eines WDVS. Die Dämmplatten oder Lamellen können verklebt, verdübelt, verklebt und zusätzlich verdübelt oder mit einem Schienensystem montiert werden. In den häufigsten Fällen wird das Dämmmaterial (Dämmstoff) einfach in Form von Platten oder Lamellen durch Kleben und/oder Dübeln (Tellerdübel) auf dem bestehenden Wanduntergrund aus Ziegel, Kalksandstein oder Beton befestigt.

Auf ebenem Untergrund werden die Dämmplatten, die weniger als zehn Kilogramm pro Quadratmeter wiegen, in der Regel mit einem speziellen Klebemörtel direkt auf den vorhandenen Außenputz geklebt. Der Kleber wird in diesem Fall vollflächig aufgetragen. Bei Unebenheiten im Untergrund wendet man hingegen die Wulst-Punkt-Methode an. Die Klebemasse wird dabei entlang der Plattenränder umlaufend mit zusätzlichen Klebepunkten in der Plattenfläche aufgetragen. Der Flächenanteil der Verklebung hängt vom verwendeten System ab und sollte zwischen 40 und 100 Prozent betragen.

Eine Verdübelung des Wärmedämmverbundsystems ist besonders in Regionen mit hohen Windlasten und entsprechenden Wetterextremen üblich und ab einer gewissen Gebäudehöhe vorgeschrieben. Ob und wie viele Dübel verwendet werden müssen, wird vom verwendeten Hersteller in der „Bauaufsichtlichen Zulassung“ vorgeschrieben. Je nach Hersteller und Dämmstoffart unterscheiden sich die zu verwendenden Dübel in ihrem Durchmesser. Die Dübel verhindern durch die zusätzliche mechanische Befestigung das Ausbrechen der Dämmung bei Windsog.

Eine duale Lösung aus Verdübeln und Verkleben kommt aus statisch relevanter Sicht z. B. bei der Dämmung von Altbauten zum Einsatz. Dann also, wenn der Untergrund uneben, beschädigt oder die Zugfestigkeit des Bestandsuntergrundes für Verklebungen zu gering ist. Mineralische Dämmstoffe größeren Formats und Gewichts müssen aus statisch relevanter Sicht immer geklebt und gedübelt werden.

Bei besonders starken Unebenheiten erfolgt die Verankerung linienförmig über Metallschienen an der Bestandsfassade. Eine Verklebung entfällt hier komplett, da die Dämmplatten an den Schienen befestigt werden. Diese Schienenbefestigung wird nur bei starken Unebenheiten des Untergrunds eingesetzt, weil sie die teuerste Art der Befestigung ist.

Dämmstoffe für Wärmedämmverbundsysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Einsatz im WDVS müssen Dämmstoffe höhere Ansprüche als im Innenausbau erfüllen, solche mit guter Brennbarkeit und hohem Wasseraufnahmevermögen sind nur bedingt geeignet.

Synthetische Anorganische

Synthetische Organische

Synthetische Verbundmaterialien

Natürliche Organische

Armierungsmörtel, Unterputz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf den Dämmstoff kommt ein Armierungsmörtel oder Unterputz. Je nach gewünschtem Oberputz werden entweder mineralische oder organische Armierungsmörtel eingesetzt. Die Armierungsschicht besteht aus einem Armierungsmörtel (Unterputz), in den ein Gewebe (Glasfasergewebe) eingebettet wird, das als Armierungsgewebe im oberen Drittel der Armierungsschicht liegt.

Oberputz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Abschluss des Systems bildet ein Außen- oder Oberputz, der noch angestrichen werden kann. Folgende Oberputze werden in Verbindung mit WDV-Systemen angeboten:

Anorganische Putze:

organische Putze:

Grundsätzlich sind mineralische Putze ökologisch und bauphysikalisch besser als organische. Bei den mineralischen Putzen sind besonders die Strukturputze (Kratzputze) vorteilhafter. Sie benötigen keinen Anstrich und sind als vorbeugender Schutz gegen Algenbewuchs besonders gut geeignet. Bei mineralischen Putzen ist darauf zu achten, dass sie nicht kunststoffvergütet sind und dadurch die gute Ökobilanz der mineralischen Putze verschlechtern.

Der bauphysikalische Vorteil von mineralischen (anorganischen) gegenüber den organischen Putzen ist, dass sie eine höhere Dichte haben und damit auch eine höhere Wärmespeicherfähigkeit. Dadurch verlangsamt sich die Abkühlung in der Nacht und somit auch der Wasserausfall auf der Oberfläche (Algenbefall).

Mineralische Putze mit Bindemittel aus Kalk oder Zement nehmen nur wenig Wasser auf und geben es schnell wieder ab. Organische Putze trocknen dagegen sehr langsam.

Der höhere pH-Wert bei den mineralischen Putzen vermindert Algen- und Pilzwachstum. Er nimmt allerdings mit der Zeit durch die Karbonatisierung ab. Aufgrund dieser bauphysikalischen Eigenschaften werden organische Putze schneller von Algen und Pilzen befallen, außerdem verschmutzen sie schneller als mineralische Putze.

Der ökologische Nachteil organischer Putze ist, dass sie hauptsächlich aus Kunststoffen (Erdölprodukt) bestehen. Außerdem sind sie schlechter zu entsorgen, da sie aufgrund der neuen Deponieverordnung vor der Deponierung thermisch vorbehandelt werden müssen: hoher Energieverbrauch bei der Entsorgung.

Anstrich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei mineralischen Oberputzen wird grundsätzlich ein einmaliger Egalisationsanstrich empfohlen, denn dadurch verbessert sich:

  • die Vorsorge vor Farbtonveränderungen bei eingefärbten Putzen
  • die Verzögerung unschädlicher Bewitterungserscheinungen
  • die wasserabweisende Funktion des Putzsystems
  • und es steigt die Beständigkeit der Schutz vor Algenbildung und Pilzbefall

Aber auch bei organischen Putzsystemen wird ein Anstrich empfohlen, aufgrund der oben genannten Veralgungsprobleme.

Als Anstrich kommen z.B. Dispersions-Silikat- oder Silikonharzanstriche mit Bioziden zum Einsatz. Biozide sind human- und ökotoxische Stoffe, deswegen sollte grundsätzlich auf einen Anstrich, nur zur Vermeidung von Algenwachstum verzichtet werden. Grund ist der, dass der Anstrich und die Biozide bei Regen ausgewaschen werden und im angrenzenden Untergrund landen. Die ökologischen Folgen sind noch nicht untersucht worden.

Bauphysikalisch ist der hohe Wasserdampfdiffusionswiderstand des Anstrichs problematisch. Es muss darauf geachtet werden, dass die Wasserdampfdiffusion der Wand nicht zu stark beeinträchtigt wird. Mit jedem erneuten Anstrich steigt der Wasserdampfdiffusionswiderstand der Wand und dadurch der Tauwasseranfall im System, wodurch die Langlebigkeit negativ beeinflusst wird.

Architektonische Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es kommen Putze in unterschiedlichen Dicken, Strukturen (Kratz-, Rillen- oder Modellierputz) und Farben zum Einsatz. Bei der Farbgebung sind hellere Farben zu bevorzugen, um Spannungsrisse durch große Temperaturschwankungen zu vermeiden. Bisher wurde die Helligkeit einer Farbe mit dem Hellbezugswert (HBW) gekennzeichnet. Der HBW beschreibt den Anteil des auf eine Oberfläche auftreffenden sichtbaren Lichts, der von dieser Oberfläche reflektiert wird, und bewegt sich zwischen 0 (= schwarz) und 100 (= weiß). Es wird empfohlen, nur Farben mit einem HBW größer als 20 (Deutschland) bzw. 25 (Österreich) zu verwenden. Abweichen kann man von dieser Empfehlung zum Beispiel an Nordfassaden oder beschatteten Flächen. Künftig soll das Reflexionsverhalten von Putzen und Farben mit dem TSR-Wert beurteilt werden, da er das gesamte elektromagnetische Wellenlängenspektrum der Solarstrahlung berücksichtigt.[2]

Zur Strukturierung und Gestaltung der Fassade können entsprechende Profile der Systemhalter verwendet werden. Diese werden auf das WDVS aufgeklebt und ebenfalls endbeschichtet. Es stehen z. B. Gesimse, Fensterumrahmungen oder Bossensteine zur Verfügung.

Bauphysikalischer Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel für eine grafische Berechnung des Tauwasserausfalls nach Glaser

Wichtig für den Zweck und die Verwendbarkeit eines WDVS ist neben einer guten Dämmung die Vermeidung von Tauwasserausfall in der Wand (siehe dazu auch: Glaser-Verfahren). Besonders im Winter sind Wasserdampfdruck und Temperatur innen hoch und außen niedrig. Abhängig von ihrer Temperatur kann Luft nur eine bestimmte maximale Feuchtigkeitsmenge aufnehmen, was mit dem Sättigungsdampfdruck beziehungsweise der Taupunkttemperatur angegeben wird. Durch den jeweiligen Aufbau der Wand werden Bedingungen sowohl für den Verlauf der Temperatur und damit des Sättigungsdampfdrucks als auch für den Verlauf des Dampfdrucks vorgegeben. Nur wenn im Wandquerschnitt der Dampfdruck stets unter dem Sättigungsdampfdruck liegt, kommt es nie zum Ausfall von Tauwasser; die gültigen Normen lassen allerdings einen zeitweise geringen Ausfall zu.

Bei mehrschichtigen Außenbauteilen wird deshalb die Tauwasserfreiheit grundsätzlich gesichert, wenn die Wärmedämmfähigkeit nach außen hin zunimmt und der Wasserdampfdiffusionswiderstand nach außen hin abnimmt.

Bei umgekehrtem Wandaufbau, also der Wärmedämmung von innen her, kann der Dampfdruck örtlich den Sättigungsdampfdruck erreichen und die überschüssige Feuchtigkeit fällt abhängig vom Taupunkt als Tauwasser aus. Das kann kritisch werden, wo das anfallende Tauwasser nur schlecht wieder verdunsten kann.

Der Wasserdampfdiffusionswiderstand sollte nach außen hin abnehmen, damit die anfallende Feuchte während der Verdunstungsperiode gut nach außen hin verdunsten kann. Die Hauptursache für Schäden an WDV-Systemen ist der Ausfall von Tauwasser zwischen der Dämmung und dem Außenputz. Wenn dieses Tauwasser aufgrund des hohen Wasserdampfdiffusionswiderstands des Außenputzes und Anstrichs nicht vollständig verdunstet, kann es zu Abplatzungen durch gefrierendes Wasser und zur allmählichen Durchfeuchtung des Dämmstoffs kommen. Die Folgen sind eine Abnahme des Wärmedämmvermögens und Standsicherheitsprobleme, was einen vollständigen Abriss und Neuaufbau des WDVS erfordern kann.

Um die Gefahr der Algenbildung auf WDV-Systemen zu verringern, sollten am besten Wärmedämmungen mit hoher Wärmespeicherfähigkeit und/oder mineralischen Dickputzen verwendet werden. Dadurch wird erreicht, dass die Außenseiten der Wände möglichst langsam abkühlen. Durch die langsame Nachtabkühlung verringert sich die Zeit, in der die Temperatur der Bauteiloberfläche unter die der Umgebungstemperatur fällt und sich Kondensat auf der Putzoberfläche bilden kann. Algen wachsen, je nach Gattung, ab einer Feuchte von 70 %. Die Algenbildung kann auch unterbunden werden, indem das WDVS mit einer Endbeschichtung versehen wird, die eine verzögernde und/oder vorbeugenden Wirkung gegenüber Algen- und Pilzbefall hat.

Solange geheizt oder gekühlt wird, hat die Masse der Außenwand keinen Einfluss auf den Heiz- bzw. Kühlenergiebedarf – dieser wird nur vom Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert) der Wand bestimmt. Gleiches gilt auch für das Innenraumklima. Lediglich der zeitliche Verlauf der Heiz- bzw. Kühlleistung hängt von der Speicherfähigkeit der Wand ab. Anders in Zeiten ohne Heizung oder Kühlung. Je größer die Speicherfähigkeit, umso langsamer beeinflusst das Außenwetter das Innenraumklima: Hohe Außentemperaturen müssen erst die Wand aufheizen, ehe diese ihrerseits den Innenraum aufheizt.

Beim Aufeinandertreffen verschiedener Materialien sollten unterschiedliche Wärmedehnzahlen berücksichtigt werden, um Spannungsrisse und Abplatzungen (vor allem bei sonnenbeschienenen Wänden) zu vermeiden.[3]

Brandverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Detaillierte Informationen zum Brandverhalten von Polystyrolschaumstoffen siehe Polystyrol#Brandschutz im Bauwesen.

Stoßfestigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stoßfestigkeit wird mit dem Kugelschlagtest gemäß ISO 7892 überprüft. Dabei gibt es einerseits den Versuch mit einer Stahlkugel von 1 kg Gewicht und mit einer Fallhöhe von 1,02 m (entspricht 10 Joules) und andererseits den Versuch mit einer Stahlkugel von 0,5 kg Gewicht und mit einer Fallhöhe von 0,61 m (entspricht 3 Joules). Auf Grundlage der Versuchsergebnisse wird das WDVS in die Kategorien I, II oder III eingestuft.

Definition der Nutzungskategorien:

  • Kategorie I: Ein der Öffentlichkeit leicht zugänglicher und gegen Stöße mit harten Körpern ungeschützter Bereich in Erdbodennähe, der jedoch keiner abnorm starken Nutzung ausgesetzt ist.
  • Kategorie II: Ein Bereich, der Stößen durch geworfene oder mit dem Fuß gestoßene Gegenstände ausgesetzt ist, sich jedoch an öffentlich zugänglichen Stellen befindet, wo die Höhe des Systems die Größe des Stoßes begrenzt; oder in niedrigeren Bereichen, wo ein Zugang zum Gebäude in erster Linie durch Personen erfolgt, die einen Grund haben, Sorgfalt walten zu lassen.
  • Kategorie III: Ein Bereich, in dem Beschädigungen durch Personen oder geworfene oder mit dem Fuß gestoßene Gegenstände unwahrscheinlich sind.

Generell gilt, dass weichere Platten bessere Ergebnisse erzielen. In Österreich dürfen nur Systeme mit einer Stoßfestigkeit der Kategorie I und II eingesetzt werden, weil nur diese dem zu berücksichtigenden Hagelschlag mit ausreichender Sicherheit widerstehen.[4]

Langzeitverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wärmedämmverbundsysteme kommen seit Anfang der sechziger Jahre zur Anwendung. Seit den siebziger Jahren beurteilt das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP regelmäßig das Langzeitverhalten von WDVS an ausgeführten Bauten. Ende 2014 wurde der Zustand von elf Fassaden mit einem Alter zwischen 29 und 45 Jahren überprüft. In zehn Fällen wurde der Zustand als praktisch ohne Mängel eingestuft. Rein optische Beeinträchtigungen durch Verunreinigungen oder mikrobiellem Bewuchs wurden hierbei nicht berücksichtigt. Lediglich bei einer, mit einem neuen Anstrich überarbeiteten Fassade traten stellenweise geringe bis größere Mängel auf. Laut IBP sind das Alterungsverhalten und der Wartungsaufwand bei Fassaden mit WDV-Systemen ähnlich zu bewerten wie bei konventionell verputzten Außenwänden.[5]

Aufdoppelung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufdoppelung ist ein Verfahren zur Sanierung von WDVS und dient der Erfüllung energetischer Anforderungen. Dabei wird auf das bestehende WDVS ein weiteres komplettes System aufgebracht, d.h. der Materialverbund wird nicht rückgebaut, sondern durch eine zusätzliche Lage aus Kleber, Dämmstoff, Dübeln, Armierungsputz mit Armierungsgewebe und Deckputz ergänzt. Die Nutzungsdauer des WDVS wird dadurch deutlich ausgedehnt.[6]

Rückbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Rückbau eines WDVS ist erforderlich, wenn dieses neu hergestellt oder das Gebäude abgerissen wird. Er kann selektiv oder konventionell erfolgen.

Die favorisierte Vorgehensweise ist der selektive Rückbau. Hierbei werden die einzelnen Materiallagen Schicht für Schicht abgetragen. Der Vorteil besteht darin, dass die einzelnen Materialfraktionen bereits auf der Baustelle getrennt werden. Als Verfahren zur Trennung der einzelnen Komponenten kommen das manuelle, maschinelle oder thermische Entschichten in Betracht.

Beim konventionellen Rückbau wird das WDVS in einem Zug abgetragen. Das hierbei anfallende Abbruchmaterial ist ein heterogenes Gemisch. Die Vermischung der Materialfraktionen ist im Hinblick auf die Entsorgung ungünstig. Für die weitere Verwertung wird das Materialgemisch in einer Sortieranlage getrennt. Eine hochwertige Verwertung der Abbruchmaterialien ist nur bedingt möglich.[6]

Verwertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Dämmstoff EPS, der in ca. 80 % der WDVS Verwendung findet.[6]

Werkstoffliche Verwertung (Mechanisches Recycling)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei diesem Verfahren werden zunächst die rückgebauten Materialien eines WDVS von groben Verschmutzungen wie Putz, Mörtel und Sand gereinigt. Anschließend wird die EPS-Fraktion in einer Mühle gemahlen und das daraus entstandene Mahlgut entstaubt. Das EPS-Granulat wird z.B. für gebundene EPS-Schüttungen, EPS-Recyclingplatten, als Leichtzuschlag für Beton oder zur Porosierung von Mauerziegeln verwendet.[6]

Rohstoffliche Verwertung (Chemisches Recycling)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die selektive Extraktion von expandiertem Polystyrol mit dem CreaSolv®-Verfahren ist zurzeit noch kein kommerzielles Verfahren. Die Technikumsanlage des Fraunhofer IVV zeigt jedoch, wie künftig EPS im Stoffkreislauf behalten werden kann. Dabei wird das EPS mit einem selektiven Lösemittel aufgelöst. In weiterer Folge können Fremdstoffe aus der Polymerlösung abgetrennt werden. Das aus der Lösung rückgewonnene Polystyrol kann wieder als Rohstoff für die Herstellung von neuen Produkten eingesetzt werden, was einem Recycling im ursprünglichen Sinne entspricht.[6]

Energetische Verwertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der energetischen Verwertung wird EPS durch Verbrennung zur Energieerzeugung genutzt.[6]

Gesetzliche Bestimmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im europäischen Binnenmarkt ist für den grenzüberschreitenden Warenverkehr von Bauprodukten die CE-Kennzeichnung erforderlich. Grundlage für das Inverkehrbringen von Wärmedämm-Verbundsystemen mit CE-Zeichen ist eine Europäische Technische Zulassung (ETZ) auf Basis der Leitlinie ETAG 004, seit 1. Juli 2013 eine Europäische Technische Bewertung (ETB) auf Basis eines Europäischen Bewertungsdokuments. Als Europäisches Bewertungsdokument für WDVS mit Putzbeschichtung zur Anbringung auf Beton und Mauerwerk gilt weiterhin die ETAG 004. Für dort nicht beschriebene Systemausführungen wie Untergründe aus Holz oder Oberflächenbekleidungen aus Keramik können separate Bewertungsdokumente beantragt werden.

Parallel können in verschiedenen EU-Mitgliedstaaten nationale Zulassungen verwendet werden. Diese regeln die Anwendungen im jeweiligen Mitgliedstaat, erlauben aber keine CE-Kennzeichnung als Grundlage für den grenzüberschreitenden Warenverkehr. Zudem können EU-Mitgliedstaaten nationale Anforderungen an die Verwendung im Sinne von Mindestanforderungen stellen.

In Österreich sind die Leistungsanforderungen und Verwendungsbestimmungen der Baustoffliste ÖE des Österreichischen Instituts für Bautechnik (OIB) zu erfüllen.

In Deutschland ist die Verwendbarkeit durch eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ) oder in Kombination mit einer ETZ bzw. ETB über eine Verwendungszulassung nachzuweisen. Die Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) beschreibt sämtliche vom Systemhalter vorgesehenen und im Gesamtsystem geprüften Komponenten (Kleber, Dübel, Dämmung, Armierungsschicht, Außenputz) sowie z. B. die brandschutztechnisch relevanten Eigenschaften und die ggf. einzubauenden Schutzmaßnahmen.

Objektspezifische Abweichungen bedürfen einer Zustimmung im Einzelfall (ZiE) durch die oberste Baubehörde des jeweiligen Bundeslandes.

Zur Erlangung einer Europäischen Technischen Bewertung und/oder einer abZ werden die erforderlichen Systemprüfungen vom Hersteller (Systemhalter) durchgeführt. Nur so kann die im Zusammenwirken der Komponenten geforderte Funktionalität, Sicherheit und Dauerhaftigkeit eines WDVS sichergestellt werden. Für die Einhaltung der wesentlichen Eigenschaften eines WDVS zeichnet der Systemhalter verantwortlich. Er stellt dies über eine laufende Eigen- und Fremdüberwachung der Produktion sicher. Daher dürfen auch nur die vom Systemhalter vorgesehenen Systembestandteile verwendet werden.

Normen, sonstige Regelwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • ETAG 004 Leitlinie für die europäische technische Zulassung für Außenseitige Wärmedämm-Verbundsysteme mit Putzschicht (PDF; 3,01 MB)
  • ISO 7892 Vertikale Bauwerksteile; Prüfung der Stoßfestigkeit; Stoßkörper und allgemeine Prüfverfahren
  • DIN 18345 VOB Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen – Teil C: Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) – Wärmedämm-Verbundsysteme
  • DIN 55699 Verarbeitung von Wärmedämm-Verbundsystemen
  • ÖNORM B 6400 Außenwand-Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) – Planung
  • ÖNORM B 6410 Außenwand-Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) – Verarbeitung

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurt Stukenberg: Hinter der Fassade, greenpeace magazin 5.13, abgerufen am 8. April 2016
  2. TSR - ersetzt den HBW?, Sachverständigenbüro Grundner, abgerufen am 25. Jänner 2016
  3. Temperaturdehnung / Linearer Ausdehnungskoeffizient von Baustoffen
  4. Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) - Vermeidung von Verarbeitungsmängeln, Bautechnische Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg, abgerufen am 23. März 2016
  5. IBP-Mitteilung 539 „Beurteilung des Langzeitverhaltens ausgeführter Wärmedämmverbundsysteme“, Fraunhofer Institut für Bauphysik, 2015
  6. a b c d e f IBP-Bericht BBHB 019/2014/281 „Rückbau, Recycling und Verwertung von WDVS“, Fraunhofer Institut für Bauphysik, 12. November 2014

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Riedel, Heribert Oberhaus, Frank Frössel, Wolfgang Haegele: Wärmedämm-Verbundsysteme. 1. Aufl. Baulino, 2007, ISBN 978-3-938537-01-5.
  • Frank Frössel: Risse in Gebäuden. 1. Auflage. Baulino Verlag, 2009, ISBN 978-3-938537-22-0.
  • Technisches Handbuch Putz – Stuck – Trockenbau – Wärmedämmung 3. Auflage. Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade und Schweizerischer Maler- und Gipserunternehmer-Verband (SMGV), 2010.
  • Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Wärmedämmung von Außenwänden mit dem Wärmedämmverbundsystem. Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-89274-298-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]