Walrat

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Rechts: Flasche mit Spermaceti. Links: Eine Kerze und Stücke aus Walrat
Ein Pottwal wird erlegt, sein Spermaceti abgeschöpft, sein Blubber abgeschnitten und gekocht. Aus dem Film: Down to the Sea in Ships (1922)

Der oder das Walrat, auch als Spermazeti/Spermaceti und Weißer Amber, Cetaceum, ist eine fett- und wachshaltige Substanz, welche aus der öligen Flüssigkeit – dem Spermaceti des Pottwals – hergestellt wird. Sie unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung von den Substanzen in den Melonen anderer Wale. Die Eignung von Spermaceti zur Herstellung von Walrat und Walratöl machte den Pottwal zu einem bevorzugten Objekt des industriellen Walfangs.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich ging man davon aus, dass Spermaceti das Sperma des Pottwals sei. Ceti bedeutet auf lateinisch Seeungeheuer oder Wal, wörtlich übersetzt bedeutet Spermaceti also Walsperma. Bis heute wird der Pottwal auf englisch sperm whale genannt.[1] Die deutsche Bezeichnung Walrat rührt daher, dass die Substanz als Heilmittel galt (dieweil es bald hilft und rath thut in etlichen gebrechen, Adam Lonitzer).[2] Walrat ist nicht mit Ambra zu verwechseln.

Vorkommen und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schnitt durch den Kopf eines Pottwals, Spermaceti-Organ und Junk-Melone golden markiert

Spermaceti findet sich im sogenannten Spermaceti-Organ und der Junk-Melone des Pottwals (Physeter macrocephalus auch Kaschelott, Cachelot), die im Prinzip eine überdimensionierte Melone darstellen. Dieses weiße, weiche, schwammige Gewebe befindet sich über den Kieferknochen und ist mit Spermaceti gesättigt. Sticht man einem lebendigen bzw. noch warmen Pottwal in den Vorderkopf, fließt Spermaceti aus der Wunde. Da verschiedene Bestandteile unterschiedlich im Organ verteilt sind, dient es als eine Art „akustische Linse“ für die Echoortung.[1] Die These, dass es durch Verfestigen bei niedrigen Temperaturen die Dichte erhöht und somit den Auftrieb eines tauchenden Pottwals senkt, gilt durch Messungen an tauchenden Tieren als widerlegt.[3]

In einem etwa 15 m großen Pottwal liegen durchschnittlich 3000 l (793 US.liq.gal.)[4] Spermaceti mit einem Gewicht von etwa 2650 kg vor.

Mit noch traditionellen Methoden wurden zum Beispiel 1837 insgesamt 5.349.138 US.liq.gal. Spermaceti an US-amerikanischen Häfen umgeschlagen, beim damaligen Preis von 1,2475 US-Dollar/ US.liq.gal. war das Geschäft mit Spermaceti damals 6.648.099 US-Dollar wert.[5] Die Menge entspricht etwa 6.700 15 m langen Walen. Die Erschließung von Erdöl als Ressource um 1859 machte die Jagd auf Pottwale jedoch vorerst unrentabel.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Bestände weiterhin bejagter Wale (überwiegend Bartenwale) derart reduziert, dass die Jagd auf Pottwale wieder aufgenommen wurde – gleichzeitig entdeckte die Industrie neue Einsatzgebiete für Walratöl und Walrat. Ihren Gipfel erreichte die erneute Jagd 1964, als 29.255 Exemplare[6] erlegt wurden und rund 81.000 t Spermaceti einbrachten. Die USA verboten Ende 1970 die Einfuhr von Walprodukten.[7] England verbot 1973 die Einfuhr von Walprodukten mit Ausnahme von Walratöl und Walrat.[8] Die Jagd endete weltweit 1984 mit dem allgemeinen Verbot des Walfangs durch die International Whaling Commission.

Eigenschaften und Zusammensetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walratöl

Bei Körpertemperatur ist das Spermaceti eine flüssige, dunkel-gelbe, klare Substanz. Aus dieser scheidet sich beim Erkalten eine feste Masse braunen Rohwalrats und dünnflüssiges, geruchloses, hellgelbes Walratöl (Kaschelottöl, Cachelotöl; englisch sperm oil). Wenn Rohwalrat mit Natronlauge gereinigt wird, ist es eine weißliche, beinahe geruch- und geschmacklose, leicht spröde, grobblättrige, wachsartige Masse (Walrat; englisch spermaceti wax). Dessen Schmelzpunkt liegt bei etwa 45 °C. Rohes Spermaceti liefert etwa 11 % Walrat. Walratöl kann durch Hydrieren in sogenanntes „synthetisches Walrat“ überführt werden.[9]

Walratöl hat eine Dichte von 0,8750–0,89, es ist ein sehr leichtes Öl, der Schmelzpunkt liegt bei ca. 10 °C, die Verseifungszahl beträgt 120–150, die Iodzahl 62–93. Walrat es schwerer 0,894–0,945, die Verseifungszahl ist 118–135, die Iodzahl beträgt 3–9,3.[10]

Chemisch gesehen ist Walrat ein Gemisch aus Triglyceriden, verschiedenen Diacylglycerylethern (ca. 2 %) und Wachsen. Die Wachse sind mit einer Fettsäure veresterte langkettige einwertige Alkohole, vornehmlich Cetylalkohol (C16H33OH) und Oleylalkohol (C18H35OH).[1] Daraus wurde Cetylpalmitat gewonnen.

Das Pottwal-Spermaceti unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung merklich von den Fettgemischen in den Melonen anderer Wale. Während Wachse bei den meisten Walen nur einen geringen Anteil des Gemisches ausmachen, reicht ihr Anteil beim Pottwal je nach Alter und Geschlecht von 38 % bis 98 %. Nur bei Zwergpottwalen (Kogiidae), Amazonas-Flussdelfinen (Iniidae) und Gangesdelfinen (Platanistidae) wird ein ähnlicher Wert erreicht. In den Triglyceriden und Wachsen des Pottwal-Spermaceti fehlt Isovaleriansäure – dieses Merkmal zeigen sonst nur die Fette des Amazonasdelfins (Inia geoffrensis). Auch enthalten die Wachse dieser beiden Arten überwiegend langkettige (C10-C22) Fettsäuren, während bei anderen Walen kürzerkettige Fettsäuren häufiger sind.[1]

Spermaceti wurde separat vom Blubber gelagert und verarbeitet. Aus Blubber wurde Tran für Brennstoff und Lampen gewonnen.

Tranlampe oder Walrat-Lampe des 18. Jahrhunderts. Eisenblech mit Baumwolldocht. Dithmarscher Landesmuseum

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Walrat-Raffinerie wird Walratöl in Flaschen abgefüllt. USA 1902.

Walratöl wurde besonders als Brennstoff in Öllampen (besonders in Leuchttürmen, Straßenlampen) verwendet, da es heller und sauberer verbrannte als jedes andere verfügbare Öl und keinen schlechten Geruch abgab. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch billigeres, effizienteres Paraffinöl ersetzt. Walratöl war ein beliebtes Schmiermittel für feine, leichte Maschinen wie Nähmaschinen und Uhren. Es wurde auch verwendet, um Metalle vor Rost zu schützen, weil es nicht austrocknete oder gummig wurde und das Metall nicht angreift.[11] Es wurde später wegen seiner hohen Temperaturbeständigkeit primär als Hochdruck-Schmierstoff verwendet, war aber auch Bestandteil von Hydraulikflüssigkeiten,[7] Tinten,[12] sowie als Imprägnierungsmittel. Wegen seinen Eigenschaften war Walratöl weit verbreitet in der Luft- und Raumfahrtindustrie.[13] Es wurde auch oft sulfonisiert verwendet.

Es konnte lange gelagert werden, hatte allerdings den Nachteil, dass es im Rohzustand sehr stank,[13] es musste daher separat gelagert werden. Als Ersatz für Walratöl dient heute insbesondere das Öl (Wachs) aus den Samen der Jojoba (Simmondsia chinensis), da es sehr ähnliche Eigenschaften aufweist.[1][14]

Walrat wurde zur Herstellung von feinen Kerzen verwendet; diese leuchteten heller als Bienenwachs-Kerzen und verbrannten sauber, rochen aber stark nach Talg→ unter Lichtstärke (Photometrie); Berliner Lichteinheit.[15][16] Purer Walrat ist sehr spröde und kann schlecht allein für Kerzen verwendet werden, sondern wird mit Bienenwachs, Talg und Stearinsäure vermischt.[17] Er wurde auch in Kosmetika→Cold Cream, Appreturen für Textilien und Leder, sowie als Weichmacher verwendet. Auch wurde er zum Überziehen von Trockenblumen verwendet.

Die Verwendung von Walrat in pharmazeutischen Zubereitungen (z. B. Kühlsalbe) ist mit dem Erscheinen der achten Ausgabe des Deutschen Arzneibuchs im Jahr 1978 durch künstlich hergestelltes Cetylpalmitat oder Cetylstearylalkohol ersetzt worden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Spermaceti – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e D. W. Rice: Spermaceti. In: William F. Perrin, Bernd Würsig, Johannes G. M. Thewissen (Hrsg.): Encyclopedia of Marine Mammals. 2nd Edition. Academic Press, Burlington MA u. a. 2009, ISBN 978-0-12-373553-9, S. 1098–1099.
  2. Grimms Wörterbuch. Abgerufen am 15. Mai 2011.
  3. Patrick J. O. Miller, Mark P. Johnson, Peter L. Tyack, Eugene A. Terray: Swimming gaits, passive drag and buoyancy of diving sperm whales Physeter macrocephalus. In: The Journal of Experimental Biology. Vol. 207, 2004, ISSN 0022-0949, S. 1953–1967, doi:10.1242/jeb.00993.
  4. Malcolm R. Clarke: Structure and Proportions of the Spermaceti Organ in the Sperm Whale. In: Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom. Vol. 58, Nr. 1, 1978, ISSN 0025-3154, S. 1–17, (online (Memento vom 27. Oktober 2012 im Internet Archive); PDF; 6,9 MB).
  5. A. Howard Clark: The American Whale-Fishery 1877-1886. In: Science. Vol. 9 (217): 321-324. (April, 1887), JSTOR 1764550.
  6. Gustavo Toledo, Alfredo Langguth: Data on biology and exploitation of West Atlantic sperm whales, Physeter macrocephalus (Cetacea: Physeteridae) off the coast of Paraíba, Brazil. In: Zoologia. 26 (4): 663–673, December, 2009, online (PDF; 626 kB).
  7. a b National Research Council: Jojoba: New Crop for Arid Lands, New Raw Material for Industry. The Minerva Group Inc., 2002, ISBN 978-0-89499-188-2, S. 47.
  8. New Scientist. 5. Februar 1976, S. 276.
  9. Gerhard Eisenbrand, Peter Schreier: RÖMPP Lexikon Lebensmittelchemie. 2. Auflage, 2006, ISBN 978-3-13-143462-3 , S. 1907.
  10. Hans Irion: Drogisten Lexikon. 1. Band, Springer, 1955, ISBN 978-3-642-92639-6, S. 1066.
  11. Paul Lucier: Scientists and Swindlers. Johns Hopkins University Press, 2008, ISBN 978-1-4214-0285-7, S. 152 ff.
  12. NIIR Board of Consultants & Engineers: Modern Technology of Printing & Writing Inks. 2nd. Edition, Asia Pacific Business Press, 2015, ISBN 978-81-7833-082-2, S. 315.
  13. a b Bella Bathurst: The Wreckers: A Story of Killing Seas and Plundered Shipwrecks. Houghton Mifflin, Harcourt 2013, ISBN 978-0-544-30161-0, S. 185.
  14. Brian R. Chapman, Eric G. Bolen: Ecology of North America. Second Edition, Wiley Blackwell, 2015, ISBN 978-1-118-97154-3, S. 148.
  15. Emily Irwin: The Spermaceti Candle and the American Whaling Industry. In: Historia. 21, (2012): 45-53, online (PDF; 133 kB), auf eiu.edu, abgerufen am 10. April 2017.
  16. Paul R. Wonning (Hrsg.): Brief History of Candle Making: A Short History of the Candle. Smashwords Edition, Mossy Feet Books, 2012, ISBN 978-1-311-94413-9.
  17. L. L. Lloyd: Modern soaps, candles, and glycerin. Third Edition, Crosby Lockwood & Son, 1918, ISBN 978-1-177-78382-8 (Reprint, Nabu Press, 2010), S. 498.