Westrum

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum gleichnamigen Ort in der Gemeinde Herzlake siehe Herzlake. Zu Personen dieses Namens siehe Westrum (Begriffsklärung).
Westrumer Dorfmitte: Ehemaliges Pfarrhaus und Kirche
Westrumer Kirche (Südseite)
Westrumer Kirche (Nordseite)

Westrum ist ein Warfendorf in Wangerland, Landkreis Friesland. Seine Anfänge reichen in das 7. Jahrhundert zurück.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende ehemals selbständige Gemeinden grenzen an die frühere Gemeinde Westrum: im Westen Wiefels, im Norden Tettens und Oldorf und im Osten Waddewarden. In südlicher Richtung stößt Westrum an die Grenze der Kreisstadt Jever. Diese Gemeindegrenzen orientieren sich weitgehend an den natürlichen Gegebenheiten, die die friesischen Siedler im 7. Jahrhundert vorfanden. Im Osten und Norden befand sich ein Arm der Crildumer Bucht, die infolge von Meereseinbrüchen in der Zeit um Christi Geburt entstanden war[1]. An diese Bucht erinnert heute noch das Crildumer Tief, ein Wasserlauf, der bei Crildumersiel in die Nordsee floss. Ein weiterer alter Wasserlauf, das Nenndorfer Tief, befindet sich an der Westgrenze der ehemaligen Gemeinde Westrums. Im Süden war der Geestvorsprung, auf dem die Stadt Jever liegt, natürliche Grenzlinie.

Die Westrumer Dorfwarf erhebt sich zirka 4,30 m über den Meeresspiegel. Sie wurde durch einen Kirchhügel nochmals um einen Meter erhöht. Die Warf umfasst insgesamt eine Fläche von drei Hektar bei einem Durchmesser von knapp 200 Metern[2].

An das wangerländische Straßennetz ist Westrum über die niedersächsische Landesstraße 812 angebunden. Sie führt von Jever über Waddewarden nach Hohenkirchen. In Höhe des Westrumer Siedlungsplatzes Brakerei zweigt eine Gemeindestraße ab, die zur Dorfwarf führt, diese südwestlich umrundet, weitere, westlich von Westrum gelegene Siedlungsplätze miteinander verbindet und zwischen Wiefels und Wichtens in die L 808 einmündet. In Höhe des Landesstraße befindet sich auch die Haltestelle eines öffentlichen Nahverkehrsbusses, der mehrmals täglich die Strecke Jever - Hohenkirchen und Jever - Hooksiel in beide Richtungen bedient. In Jever befindet sich auch der nächstgelegene Bahnhof.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1990 wurden östlich der Kirchenwarf zwei geologische Bohrungen durchgeführt, deren Ergebnisse durch eine kleinere archäologische Grabung im Bereich des Kerndorfes 1999 ergänzt wurden. Anhand dieser und anderer Untersuchungen in der Nachbarschaft lassen sich die Anfänge des Westrumer Warfenbaus auf das 7. Jahrhundert schätzen[3]. Funde von importierten und einheimischen Keramikgefäßen verweisen auf das 11. und 12. Jahrhundert. Einige der archäologischen Funde lassen auf Handelsbeziehungen zum Rheinland sowie zum Ostseeraum schließen und sind Indizien für den Wohlstand der damaligen Westrumer Bauernschaft.

Im 11. Jahrhundert begann auch der Deichbau, der die bis dahin erfolgte permanent Erhöhung der Dorfwarf überflüssig machte. Der Deich wurde zunächst als Ringdeich angelegt und umschloss das Marschenland zwischen den Warfensiedlungen Reisenburg, Herzhausen, Strakens, Schreiersort, Rickelhausen und Westrum. Eine geschlossene Bedeichung des Küstenraumes zwischen Harle und Jade erfolgte im 13. Jahrhundert. Bei der Weihnachtsflut 1717, bei der an vielen Stellen die Deiche brachen und allein im Jeverland über 1300 Menschen den Tod fanden, blieb Westrum verschont.

Älteste Zeugnisse christlichen Lebens in Westrum lassen sich auf die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend datieren. Ein Steinsarkophag, der in jüngerer Zeit bei Ausschachtungsarbeiten in Kirchennähe entdeckt worden und heute in der Kirche zu besichtigen ist, lässt sich auf das 11. Jahrhundert datieren. Ein ebenfalls gefundene steinerner Sargdeckel, der nicht zum Sarkophag gehört, ist älter und trägt christliche Insignien, unter anderem ein Vortragskreuz und Hirtenstäbe.

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prospekt der Führer-Orgel

Im Zentrum des Ortes steht die evangelisch-lutherische St.-Elisabeth-Kirche. Sie stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und ist eine einschiffige romanischer Saalkirche mit einer nach Osten ausgerichteten Apsis. Das Äußere der Kirche wurde bei der Renovierung 1912 stark verändert und zeigt sich als modern verblendeter Backsteinbau. Bei archäologischen Grabungen im Zusammenhang der letzten Restaurierung, die in den Jahren von 1986 bis 1988 stattfand, wurden in den Heizungsschächten hoch- und spätmittelalterliche Gräber gefunden. Auch kamen alte Fundamentreste zum Vorschein. Diese Funde geben zu der Vermutung Anlass, dass auf der Kirchenwurt mindestens zwei Vorgängerbauten gestanden haben, eine Holzkirche aus dem 11. Jahrhundert und eine mit Granitquadern und Backsteinen errichtete Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert. Das ursprüngliche Patrozinium der Kirche ist unbekannt. Der jetzige Name Elisabeth-Kirche, der an Elisabeth von Thüringen erinnert, wurde dem Gotteshaus im Jahr 1988 zugeeignet. Die beiden Glocken, die in einem sich an die Westwand anlehnenden Glockenturm befinden, wurden 1761 und 1798 gegossen. Sie stammen aus der Werkstatt der ursprünglich aus Lothringen stammenden Glockengießerfamilie Fremy, die als hugenottische Flüchtlinge über die Niederlande nach Ostfriesland gekommen waren und im 18. und 19. Jahrhundert bei Burhafe lebten.[4] Ebenfalls an der Westwand der Kirche befindet sich ein mittelalterliches Weihwasserbecken.

Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten im Inneren der Kirche gehört der Altar, dessen Aufbau den gekreuzigten Christus sowie rechts und links vom Gekreuzigten jeweils zwei der neutestamentlichen Evangelisten zeigt. Er wurde 1910 von Wilhelm Larsen im Jugendstil erbaut.[5] Ein früherer Altaufsatz, auf dem die Einsetzungsworte des Abendmahls zu lesen sind, befindet sich an der nördlichen Längsseite des Kirchenraumes. Die rechteckige Taufe entstand 1648. Er ist aus Eichenholz gefertigt und steht auf der Bodenplatte eines romanischen Taufbeckens. Die Kanzel, bestehend aus Kanzelkorb und einem achteckigen Schalldeckel, ist mit neugotischem Stabfüllwerk verziert. Das Gestühl mit durch Schnitzereien verzierten Wangen und Türen stammt aus dem 17.  und 18.  Jahrhundert. Die Kirchenorgel wurde 1938 in der Wilhelmshavener Orgelwerkstatt Führer gebaut. Sie ist das Meisterstück Alfred Führers.

Siedlungsplätze rund um Westrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Ort gehören die Wohnplätze Höfe Auskündigerei, Berg, Bohneterei, Brakerei, Domäne (Westrum/Rickelhausen), Förriesdorf, Friedrichseck, Herzhausen, Kattens, Neuenkrug, Reiseburg, Rickelhausen, Sorgenfrei, Schreiersort, Strakens und Stummhausen.[6]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Chronikgemeinschaft Westrum (Hrsg.): Westrum - einst die kleinste Gemeinde im Jeverland, Jever 2008.
  • Rolf Schäfer (Hrsg.): Wegweiser durch die Kirchen von Waddewarden und Westrum, Oldenburg o.J. (hrsg. in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft Kunst der Oldenburgischen Landschaft)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Historisch-geographische Untersuchungen zur frühen Deichgeschichte im Wangerland, Ldkr. Friesland; eingesehen am 22. Mai 2009.
  2. Chronikgemeinschaft Westrum (Hrsg.): Westrum - einst die kleinste Gemeinde im Jeverland, Jever 2008, S. 5 f.
  3. Chronikgemeinschaft Westrum (Hrsg.): Westrum - einst die kleinste Gemeinde im Jeverland, Jever 2008, S. 7.
  4. Zur Glockengießerei Fremy siehe Die Glocke (der Fulkumer Kirche), Fulkum.de, abgerufen am 8. Januar 2016.
  5. Rolf Schäfer (Hrsg.): Wegweiser durch die Kirchen von Waddewarden und Westrum, Oldenburg o.J., S. 21 f.
  6. Archive.is: Westrum (Memento vom 10. Juli 2012 im Webarchiv archive.is); eingesehen am 27. Januar 2014.

Koordinaten: 53° 36′ N, 7° 55′ O