Wolfgang Jantzen

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Wolfgang Jantzen (* 1941) ist ein seit 2006 emeritierter Bremer Hochschullehrer, Sonderpädagoge und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jantzen studierte ab 1963 in Gießen und Marburg mit den Abschlüssen „Lehramt“ und „Psychologie“. Von 1966 bis 1971 war er Lehrer an einer Sonderschule, ab 1971 dann Studienrat im Hochschuldienst (Marburg). 1972 promovierte er in Marburg zum Dr. phil. Jantzen war ab 1974 Professor für Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Bremen. Er entwickelte die Materialistische Behindertenpädagogik, zu deren Vertretern auch Georg Feuser zählt. Im Wintersemester 1987–1988 erhielt er eine Wilhelm-Wundt-Professur für Psychologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach seiner Emeritierung 2006[1] nahm er 2010 noch einmal eine Forschungsgastprofessur am Centro de Educação e Ciências Humanas/CECH/UFSCar, São Carlos, Brasilien an.

Wolfgang Jantzen war Mitbegründer und erster Vorsitzender der Luria-Gesellschaft – Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Grundlegung der Rehabilitation hirngeschädigter Menschen von 1987 bis 2008; zweiter Vorsitzender seit 2011.[2]

Wissenschaftliche Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jantzen knüpft(e) an die Traditionen der Kulturhistorische Schule und der Tätigkeitstheorie an. Er beschäftigt(e) sich mit der Philosophie, Soziologie und (Neuro)-Psychologie der Intersubjektivität. Sein Ziel war und ist, eine allgemeine Theorie sozialer, intersubjektiver Räume zu entwickeln, von denen Vygotskijs Zone der nächsten Entwicklung ein fundamentaler Spezialfall ist, dessen Aufhellung die elementare Einheit pädagogischer Prozesse zu liefern verspricht. Er trägt bei zu einer politischen Philosophie der Behinderung. Jantzen begründet eine Materialistische Behindertenpädagogik in Westeuropa.[3] Seine praxisbezogenen Arbeiten zu rehistorisierender Diagnostik und De-Institutionalisierung dokumentieren Entwicklungsfähigkeit auch bei schwerster Behinderung. Jantzen ist Gesamtherausgeber des Enzyklopädischen Handbuchs der Behindertenpädagogik „Behinderung, Bildung, Partizipation“ in 10 Bänden.

Ausgehend von dem gesellschaftlich häufig marginalisierten Fach der Behindertenpädagogik entwickelte Jantzen, zum Teil zusammen mit Georg Feuser, eine synthetische Humanwissenschaft mit universalem Anspruch. Dabei bezog und bezieht er eine in heutiger Wissenschaft selten bekannte Breite der Wissenschaften ein, von den Naturwissenschaften wie Neurologie und Genetik, Verhaltensforschung, Bindungsforschung, Kybernetik, bis hin zu Soziologie, Psychologie und Philosophie. Bei letzterer spielen Marx, Spinoza, auch Hegel und Hans Heinz Holz eine größere Rolle und in den letzten Jahren besonders Autoren des globalen Südens wie Enrique Dussel, Boaventura de Sousa Santos. Neuerdings wird die feministische Literatur, besonders aus Lateinamerika, für ihn immer bedeutsamer. Spätestens seit seiner Veröffentlichung der Allgemeinen Behindertenpädagogik ist die von ihm entwickelte synthetische Humanwissenschaft mit einer Dialektik der Natur verknüpft, wobei er die objektive Seite der Erkenntnisse derart mit intersubjektiven Zusammenhängen verbindet, dass daraus eine Theorie vom sozialen Sinn resultiert, die ebenso materialistisch ist, wie sich einer spirituellen Interpretation öffnet, welche an der Sensibilität für Ungerechtigkeit und der Möglichkeit der Befreiung geschärft ist und sich an Autoren wie Dorothee Sölle, Pablo Neruda und Walter Benjamin orientiert.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jantzen eckt im traditionellen sonderpädagogischen Bereich nicht selten an wegen der Komplexität seiner Texte, vor allem aber wegen seiner kritischen Position zu jeder Form von Exklusion.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sozialisation und Behinderung. Gießen: Focus 1974.
  • Grundriss einer allgemeinen Psychopathologie und Psychotherapie. Köln: PRV 1979.
  • Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens. München: Juventa 1982.
  • Allgemeine Behindertenpädagogik Bd. I und II. Weinheim: Beltz 1987 (1992²), 1990; Neuauflage in einem Band: Berlin: Lehmans media 2007.
  • Psychologischer Materialismus, Tätigkeitstheorie, Marxistische Anthropologie. Berlin: Argument-Verlag 1991.
  • Am Anfang war der Sinn – Zur Naturgeschichte, Philosophie und Psychologie von Tätigkeit, Sinn und Dialog. BdWi-Verlag 1994. Neuauflage: Berlin: Lehmanns Media 2012.
  • Die Zeit ist aus den Fugen. Marburg: BdWi-Verlag 1998.
  • Materialistische Anthropologie und postmoderne Ethik. Methodologische Studien. Köln: Pahl-Rugenstein-Nachfolger 2004.
  • „Es kommt darauf an, sich zu verändern …“ – Zur Methodologie und Praxis rehistorisierender Diagnostik und Intervention. Gießen: Psychosozial-Verlag 2005.
  • „Kulturhistorische Psychologie heute - Methodologische Erkundungen zu L.S. Vygotskij“. Berlin: Lehmanns Media: 2008.
  • Schriften zur kulturhistorischen Psychologie. E-Journal Tätigkeitstheorie – Journal für tätigkeitstheoretische Forschung in Deutschland. Heft 11. Berlin: Lehmanns Media 2014. Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttp%3A%2F%2Fwww.uni-potsdam.de%2Fu%2Fgrundschule%2Fgiestweb%2Fwb%2Fmedia%2Fdownload_gallery%2Fheft_11.pdf~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D (PDF)
  • Einführung in die Behindertenpädagogik. Berlin: Lehmanns Media 2016.

(Mit-)Herausgeber von:

  • (zus. mit G. Feuser): Jahrbuch für Psychopathologie und Psychotherapie. 1980 bis 1993.
  • Demokratische Erziehung 1985–1987.
  • Die neuronalen Verstrickungen des Bewußtseins. Zur Aktualität von Alexander Lurijas Neuropsychologie. Münster: Lit 1993.
  • Mitteilungen der Luria-Gesellschaft. 1994–2009; Jahrbuch der Luria-Gesellschaft. Ab 2010.
  • (mit W. Lanwer-Koppelin): Diagnostik als Rehistorisierung. Berlin: Spiess 1996; Neuauflage: Berlin: Lehmann Media 2011.
  • (mit L. Lanwer-Koppelin und Kristina Schulz): Qualitätssicherung und Deinstitutionalisierung - Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Berlin. Spiess 1999.
  • Jeder Mensch kann lernen - Perspektiven einer kulturhistorischen (Behinderten-)Pädagogik. Neuwied, Berlin (Luchterhand) 2001.
  • Alexandr R. Lurija: Kulturhistorische Humanwissenschaft. Berlin (Pro Business) 2002.
  • (zusammen mit B. Siebert): „Ein Diamant schleift den anderen“ - Evald Vasilevič Il’enkov und die Tätigkeitstheorie. Berlin (Lehmanns) 2003.
  • Gehirn, Geschichte und Gesellschaft. Die Neuropsychologie Alexandr R. Lurijas (1902 – 1977). Berlin (Lehmanns) 2004.
  • Die Schule Galperins - Tätigkeitstheoretische Beiträge zum Begriffserwerb im Vor- und Grundschulalter. Berlin (Lehmanns) 2004.
  • Kulturhistorische Didaktik. Rezeption und Weiterentwicklung in Europa und Lateinamerika. Berlin: Lehmanns Media: 2012.
  • (zus. mit T. Hoffmann und U. Stinkes): Empowerment und Exklusion: Zur Kritik der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung. Gießen: Psychosozial Verlag 2018.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vera Moser (Hrsg.) (2018): Behindertenpädagogik als Synthetische Humanwissenschaft. Eine Einführung in das Werk Wolfgang Jantzens. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bremen baut Behindertenpädagogik ab, auf der Seite der AG Friedensforschunggesehen am 10. April 2013
  2. Menno Bauman im Gespräch mit Jantzen, Thema Neuropädagogik (Memento des Originals vom 19. Mai 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ewetel.net (PDF; 355 kB)
  3. Vortrag in der Berliner Charité 2011