Wurzacher Ried

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Naturschutzgebiet Wurzacher Ried

IUCN-Kategorie IV − Habitat-/Species Management Area

Fruchtstände des Wollgras (Eriophorum sp.) Ende Mai

Fruchtstände des Wollgras (Eriophorum sp.) Ende Mai

Lage Deutschland, Baden-Württemberg, Landkreis Ravensburg, Bad Wurzach
Fläche 17,988 km²
Kennung 4035
WDPA-ID 6979
Geographische Lage 47° 55′ N, 9° 53′ OKoordinaten: 47° 55′ 14″ N, 9° 53′ 8″ O
Wurzacher Ried (Baden-Württemberg)
Wurzacher Ried
Einrichtungsdatum 28. Mai 1963
Verwaltung Regierungspräsidium Tübingen

Das Wurzacher Ried ist eines der größten Naturschutzgebiete, eines der bedeutendsten Moorgebiete Süddeutschlands und wurde von der EU als europäisches Vogelschutz- und FFH-Gebiet („Natura 2000“) mit einer Prämie ausgezeichnet. Der Rückgang der Gletscher der „Riß“-Zeit und erneut, der „Würm“-Zeit, hinterließen ein großes Seebecken, das ab ca. 10 Tsd allmählich zu einer Moorlandschaft wurde. Der Mensch hat in den letzten rund 300 Jahren anfänglich durch Trockenlegen und später durch Torfstechen das große Biotop Moor gefährdet. Seit einiger Zeit werden zur Sicherung des ökologischen Kleinods Renaturierungen getätigt und erneute Vernässung gewollt. Entlang der in allen Randbereichen vorhandenen Fließ- und Grundgewässer gedeiht ein Niedermoor. Das Wurzacher Ried ist jedoch ganz überwiegend ein nur durch Regen genässtes weiter wachsendes Hochmoor. Der weithin noch unberührte Kernbereich, etwa ein Drittel der Moorgesamtheit, ist das größte zusammenhängende und noch intakte Hochmoor Mitteleuropas.

Das Moorgebiet liegt nördlich der Gemeinde Bad Wurzach in Baden-Württemberg.

Ausdehnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Moorfläche bildet ein sich von Nordost nach Südwest erstreckendes, unregelmäßiges Viereck von ungefähr 8 × 4 Kilometer, insgesamt ca. 18 km². Es lassen sich im Wesentlichen drei Abschnitte unterscheiden:

  • Der Großteil des „Haidgauer Rieds“ (auch Haidgauer Hochmoorschild genannt) und größtenteils auch das östliche, „Alberser Ried“ bilden den weithin noch unberührten Kernbereich des Hochmoors (Regenmoor).[1]
  • Die Fließ- und Grundgewässerbereiche bilden Niedermoorbereiche. Hier schlängeln sich die „Haidgauer Ach“, die „Dietmannser Ach“ und mehrere randständige Bäche als natürliche Bachläufe durch das Ried.
  • Der ca. 200 ha große, ehemalige Torfstichbereich, ein westlicher Ausläufer des Hochmoors, wurde zum Zweck der planvollen Renaturierung in den letzten 20 Jahren wieder vernässt, indem die Funktion der Trockenlegungskanäle aufgehoben wurde. Das „Dietmannser Ried“ im äußersten Nordosten, Wassergräben, Moortümpel, verlandende Torfstiche, Moorwälder, sowie die extensiv-landwirtschaftlich bewirtschafteten „Riedwiesen“ an allen Rändern sind die vom Menschen in den letzten 300 Jahren veränderten Landschaftselemente.

Etwa acht Kilometer südlich-westlich, durch zwei Endmoränen des Würm-Gletschers vom Moorgebiet Wurzacher Ried getrennt, liegt der vor allem ornithologisch stark beachtete Rohrsee.

Quartäre Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Längsschnitt Wolfegg-Rot a.d. Rot, glaziale Entwicklungsstufen
Wurzacher Ried, glaziale Vorgeschichte: Vorlandgletscher

Die Entstehungsgeschichte des Moorgebietes reicht in die letzten drei Eiszeiten zurück, als sich der Rheingletscher jedes Mal aus den Alpen weit in das Vorland bewegte. Diese Eiszeiten des Pleistozäns umfassen das letzte Fünftel des ca. 2,6 Mio. Jahre umfassenden Quartärs, eine durch stark schwankende Klimata und durchweg von großen Eiszeiten geprägte geologische Epoche.[2] Vor allem der zweite Vorstoß des Rheingletschers der Riß-Eiszeit schürfte ein tiefes Zungenbecken zwischen den schon vorher vorhandenen, alten Hügelketten (Grabener Höhe, Ziegelberg) aus. Beim mehrfachen Vorstoß der Eismassen des Riß-Komplexes wurden zwei Endmoränen (Außenwall und Innenwall) gebildet, die das Zungenbecken im Nordosten abriegelten, so dass sich vor der Spitze der Gletscherzunge ein Eisrand-Stausee bildete. Beim jeweiligen Abschmelzen der Eismassen lagerten Schmelzwässer aber auch immer wieder Schotter und andere Sedimente ab, die das Becken aufschütteten, so dass dieses erheblich an Tiefe verlor.

Bei der nächsten großen Eiszeit, der Würm-Eiszeit, drang der Rheingletscher wieder weit ins Alpenvorland vor, sein größter Vorstoß und später ein erneuter Vorstoß, kamen jedoch vor dem Wurzacher Zungenbecken (also südlich des Zungenbeckens) zum Stehen. Beide Vorstöße bildeten wieder Endmoränen (Außenwall und Innenwall). Zwischen dem Außenwall des Würm-Gletschers und dem Innenwall des Riß-Gletschers war nunmehr eine komplett eingeschlossene Senke entstanden. Der Seewasserstand konnte nur noch durch die Abflussrinne der Wurzacher Ach reguliert werden. Aus dem Eisrand-Stausee der Riß-Eiszeit war in der Würmzeit ein Endmoränen-Stausee geworden.[3] Schließlich drangen Schwimmblattpflanzen und Röhrichtpflanzen immer weiter in den See vor. Der verlandete und verkrautete postglazial (in der Warmzeit ab ca. 8 Tsd.) immer mehr und wurde dabei noch flacher und sauerstoffärmer.

Biologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blühende Besenheide und Glockenheide. Typischer Moorwald: Birke, Waldkiefer, Spirke und Fichte
Torfmoormoose können Wasser speichern

Infolge hoher Niederschläge siedelten im entstehenden Niedermoor (Grundwassermoor) verschiedene Torfmoose. Diese können viel Niederschlagswasser aufnehmen und speichern und auf ihren Zerfallsprodukten weiterwachsen. So häufte sich Schicht auf Schicht; das Niedermoor erhöhte und wölbte sich, die unteren Schichten wurden fester. Die verdichteten Schichten verwitterten unter Sauerstoffmangel. Das oberflächennahe Wasser wurde für die Pflanzendecke wichtiger als das Grundwasser, ihr Wachstum wurde allmählich nur noch von Niederschlägen gesteuert. Bei der Aufnahme von Nährsalzen aus dem gespeicherten Wasser, säuern Moose das Wasser an, so dass sie saure und nährstoffarme Bodenverhältnisse und immer mehr Torf produzierten. Auf diesen Böden können nur noch dafür spezialisierte Pflanzengesellschaften gedeihen. Das Grundwasser blieb unter einer immer dicker werdenden, dichten Torfschicht getrennt und isolierte schließlich die Pflanzendecke gänzlich vom Grundwasser. Gehölze und auf hohe Nährstoffangebote angewiesene Pflanzen konnten sich im Hochmoorbereich nicht halten. Im Lauf der letzten 5Tsd Jahre sind durchschnittlich 5 bis 6 m Torf entstanden. In den ehemaligen Torfstichgebieten finden sich auf kleinstem Raum offene Wasserflächen, verlandende Torfstiche mit „Schwingrasen“ und nasse Bruchwälder. Torf war lange ein regional verfügbarer, wichtiger Brennstoff. Der anfänglich manuelle, später mechanisch-industrielle, Abbau veränderte ca. ein Drittel des riesigen Moorgebiets drastisch. Abbau direkt vor dem Ort Wurzach ließ den ca. 10 ha großen „Riedsee“ entstehen. Der Abbau von Torf als Brennmaterial wurde Anfang der 60er Jahre, der Abbau jedweder Art, endgültig 1995 eingestellt.

Renaturierung durch Wiedervernässung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historischer Torfstich am Torfstecherweg
Verlandende Torfstiche mit Schwingrasen

Der mechanische Torfstich fand überwiegend zwischen 1920 (wegen Nachkriegsknappheit von Brennmaterial) bis 1962 statt.[4] Das von Wechseln von nicht abgetorften Moorrücken und von breiten Torfstichen geprägte Gebiet wurde von einem Hauptvorfluter, dem so genannten „Torfwerkskanal“, 12 breiten, vertikalen Sammelgräben und einer Unmenge von querverbindenden Schlitzdrainagen entwässert. Das Renaturierungsziel für die Moorrücken war, die Wasserstände so hoch wie möglich, in den abgetorften Bereichen bis zur Oberfläche anzuheben. Dafür wurden Holzspundwände und Torfdämme errichtet, um alle Entwässerungsgräben abzudichten. In vielen Fällen konnte Bunkerde[5] gefunden werden, die, wenn wieder aufgetragen und vernässt, die Neuentwicklung einer typischen Hochmoor-Pflanzendecke in Gang setzten konnte. Seit 1996 ist das Haidgauer Torfstichgebiet (ca. 250 ha) systematisch wieder vernässt worden. Erfolgskontrollen konnten gute Erfolge, aber auch weiterhin offene Fragen der Renaturierung feststellen.

Lebensräume[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hochmoor-Spezialisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt mit 6,8o C unter dem Bundesdurchschnitt, die Niederschlagsmenge mit ca. 1090 mm über den Bundesdurchschnitt. Diese relativ extremen Klimawerte sind für Hochmoore ideal. Mikroklimata in der Moorsenke sind noch extremer. Deswegen tritt Nebel hier auch häufiger auf als sonst in Oberschwaben.[6] Das Wurzacher Ried bietet sehr unterschiedlich strukturierte, vielfältige Lebensräume. Die Hochmoorflächen sind weitgehend baumlos und nur von wenigen Spezialisten besiedelt, die in der sauren und nährstoffarmen Umgebung gedeihen können; typisch sind das Wollgras, der Sumpfrosmarin, die Moosbeere, sowie vor allem verschiedene Torfmoose (vgl. Bilder von Torfmoos-Unterarten). Auch Heidelbeere und Preiselbeere kommen hier vor. Vereinzelt tritt auch der Sonnentau auf. In den Randbereichen können die Moorbirke und Rotföhren gedeihen, häufig ist auch der Faulbaum.

Nährstoffreiches Niedermoor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Niedermoor-und Übergangsmoorflächen - Moorbereiche, die ja nicht von Fließ- und Grundgewässern getrennt sind - gibt es dagegen eine große Artenvielfalt. An den Gewässerrändern überwiegen verschiedene Seggenarten, während in den weniger feuchten Gebieten eine Fülle von Blütenpflanzen und Orchideen gedeihen kann. Die Randbereiche des Moorgebiets werden zum Teil noch immer extensiv landwirtschaftlich genutzt; für diese „Streuwiesen“ ist das Pfeifengras typisch und bestandsbildend. Die Artenvielfalt an Insekten, Amphibien, Reptilien und Vögeln (darunter z. B. Kiebitz, Wachtelkönig und Bekassine) ist in diesem Lebensraum sehr groß.

An der südwestlichen Ecke des Naturschutzgebietes im Niedermoorbereich liegen die „Haidgauer Quellseen“. Hierbei handelt es sich um die für Quelltöpfe typischen kalk- und mineralreichen Karstquellen bzw. Quellseen von einigen wenigen bis ca. 20 m Durchmesser, deren Wasser ist – im Gegensatz zu den dunklen Moorgewässern – sehr klar und bläulich-grün.

Aufgrund dieser großen Strukturvielfalt beherbergt das Ried eine Tier- und Pflanzenwelt mit einem hohen Anteil seltener, oder sogar entsprechend den „Roten Listen“ gefährdeter Arten.

Europäisches Vogelschutzgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Brut- und Rastgebiet zahlreicher Vogelarten vergleiche: Wurzacher Ried (Vogelschutzgebiet)

Besondere Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1989 wurde das Wurzacher Ried als eines der größten noch intakten Hochmoorgebiete Mitteleuropas erstmals mit dem Europadiplom ausgezeichnet. Eine Würdigung, welche die internationale Bedeutung dieses Naturschutzgebietes unterstreicht. Das wurde mit der Auflage verbunden, einen Management-Plan für ein ökologisches Entwicklungskonzept (Wiedervernässung) zu erstellen.

Über das „Naturschutzzentrum Wurzacher Ried“ werden alle Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen koordiniert und betreut. Die Finanzierung teilen sich das Land Baden-Württemberg, der Landkreis Ravensburg und die Stadt Bad Wurzach. Eine multimediale-Erlebnisausstellung zeigt viele ökologische Details, die dem ungeschulten Auge beim Riedbesuch verborgen bleiben würden. Der aufwändige, multimediale Einsatz und die spezielle, akustische Kommentierung für Kinder, sind ausgesprochen gelungen!

Natur erleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute ist das Wurzacher Ried ein vielbesuchtes Ziel für Ausflügler und Wissbegierige. Gern genutzt wird das "Torfbähnle", welches an bestimmten Wochenenden durch das Ried fährt und von einem Moderator mit Erklärungen über Geschichte und Nutzung des Rieds begleitet wird. Ein Torf-Lehrpfad ermöglicht exemplarische Einblicke.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Leider wurde der weithin unberührte Teil schon seit dem 17. Jahrhundert durch einen schmalen, trocken gelegten Streifen mit einem Weg (heute die Bundesstraße 452) vom südlichen Ort Wurzach nach Norden durchschnitten.
  2. Es handelt sich um die Mittel- bis Oberpleistozänen Eiszeiten Hoßkirch-Komplex, Riß-Komplex, sowie Würm-Komplex.
  3. Die bei Vorstößen und Rückgängen der Würm-Eiszeiten entstehenden erheblichen glazialen Akkumulations- und Erosionsformen – Eisstaubeckensediment, Endmoräne, Grundmoräne, Toteisloch, Niederterassenschotter und anderen typischen Erscheinungen – sind in der Landschaft noch deutlich nachweisbar, weil dies die letzte Eiszeit vor unserer Zeit war. Die faziellen und morphologischen Formen der älteren Eiszeiten sind dabei großflächig überdeckt worden.
  4. Dieter Gremer: Renaturierungsprojekt Wurzacher Ried 1989–1993. 1995, S. 92.
  5. Peter Poschlod u. a.: Langzeitbeobachtungen und Erfolgskontrolle in Regenmooren des Alpenvorlandes nach Torfabbau und Wiedervernässung. 2009, S. 49: „Die so genannte Bunkerde, der obere durchwurzelte und nicht stechbare Horizont, Diasporen (Sporen, „vertorfte“ Stämmchen oder Ästchen) des Haupttorfbildners im Alpenvorland, aber auch anderer Torfmoose“, können - auch wenn sie nicht mehr in der Vegetation vorhanden waren - unter geeigneten Bedingungen in der Lage sein, zu keimen, beziehungsweise wieder auszutreiben und damit das Torfwachstum wieder einleiten.
  6. Dieter Gremer: Renaturierungsprojekt Wurzacher Ried 1989–1993. 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bildmaterial zum Ried – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • O. F. Geyer, M. P. Gwinner: Geologie von Baden-Württemberg. 3. Auflage. Stuttgart 1986, ISBN 3-510-65126-X.
  • Dieter Gremer: Renaturierungsprojekt Wurzacher Ried 1989–1993. 1995. (PDF)
  • J. Eberle, B. Eitel, D. Blümel, P. Wittmann: Deutschlands Süden vom Erdmittelalter zur Gegenwart. Spectrum Akad. Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-8274-1506-6.
  • Peter Poschlod, Udo Herkommer, Christina Meindl, Ulrike Schuckert, Andreas Seemann, Anja Ullmann, Teresa Wallner: Langzeitbeobachtungen und Erfolgskontrolle in Regenmooren des Alpenvorlandes nach Torfabbau und Wiedervernässung. In: Vegetationsmanagement und Renaturierung. (= Laufener Spezialbeiträge. 2/09). Bayrische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege, Laufen a.d. Salzach 2009, ISBN 978-3-931175-87-0.