Fanzine (Rechtsextremismus)

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Rechte Fanzines sind Publikationen über Subkultur und Politik der rechtsnationalistischen Szene.

Inhalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Fanzine“ setzt sich aus den Worten „Fan“ und „Magazine“ zusammen und bezeichnet meist subkulturelle Publikationen. „In der rechtsextremistischen Szene informieren diese Publikationen über Musikgruppen, Tonträger, Konzerte sowie sonstige Szeneveranstaltungen. Aktivisten und rechtsextremistische Gruppierungen erhalten in Interviews Gelegenheit zur Selbstdarstellung und zur Verbreitung ihres Gedankengutes.“ erklärt der Bundesverfassungsschutz in seinem Lexikon.[1] Inhalte der rechten Fanzines sind Berichte über rechte Bands und politische Berichte über nationalistische Gruppen, Bewegungen und Netzwerke. Teilweise finden sich auch Kommentare zu politischen Entwicklungen in den Publikationen. Rechtsextreme Inhalte werden zunehmend auch über Musikrichtungen wie Schlager, Volksmusik, Heavy Metal, Black Metal, Gabber, Hardcore, Rock oder Dark Wave transportiert, die ebenfalls aufgegriffen werden.[2] Auch eine kleine rechte Hip-Hop-Szene konnte sich etablieren.

Lange unbeachtet blieb, dass rechte Fanzines zur Kommunikation untereinander und mit „Kameraden“ im Untergrund verwendet werden. Auch über Strategien des nationalistischen Kampfes wird in den Magazinen diskutiert. Die Szenegröße Carsten Szczepanski war vor seiner Inhaftierung 1992 als Fanzine-Macher aktiv. In den von ihm mitgestalteten Blättern wurde über den bewaffneten Kampf diskutiert. Eine Idee war, Zellen zu bilden, so wie es der Nationalsozialistische Untergrund realisierte.[3]

Bei Recherchen stießen Mitarbeiter des Apabiz auf ein Fanzine, in dem bereits 2002 auf den Nationalsozialistischen Untergrund hingewiesen wurde. In der Ausgabe Nr. 18 des Neonazi-Fanzines Der Weiße Wolf, mit vielen Lesern aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, ist unter dem Vorwort fett gedruckt: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen.“ Es folgen ein zwinkernder Smiley und die an den Jargon der RAF angelehnte Parole: „Der Kampf geht weiter...“[4]

Urheber und Vertrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1990er Jahren waren die meisten Magazine noch sehr amateurhaft hergestellt und entstanden an der Schreibmaschine und mit der Schere. Heute sind die gedruckten Magazine mittlerweile zu professionell gestalteten Publikationen weiter entwickelt worden.[5] Während einige rechte Fanzines redaktionelle Ansprechpartner haben, erschienen viele ohne einen Verantwortlichen im Sinne des Presserechtes und sind nicht im ISSN verzeichnet. Teilweise haben die Magazine einen regionalen Bezug. Zu den Vertriebswegen gehört die Bestellungen über das Internet, der Verkauf bei Rechtsrock-Konzerten und anderen Veranstaltungen sowie der Vertrieb in Szeneladengeschäften. Viele Fanzines stehen in Verbindung zu rechten Musikvertrieben, dem rechten Versandhandel und Labeln. Neben dem Erscheinen in Papierformen hat sich insbesondere mit der Verbreitung des Internets auch die elektronische Verbreitung als E-Zines etabliert. Dabei werden die Inhalte als HTML oder PDF veröffentlicht.

Entwicklung und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fanzines gelten als Informationsquelle und zugleich Ideologieverbreiter der rechtsradikalen Szene.[5] Nach Einschätzungen von Landeverfassungsämtern Mitte der 2000 Jahre nimmt die Bedeutung von Fanzines als Kommunikationsmittel der rechten Szene gegenüber Internetmöglichkeiten ab.[6] Internetangebote sind meist kostengünstiger und der Zugang für die Szene ist leichter.

Heute haben professionell gemachte Medienportale (Homepage, App, Store und ähnliche) im Internet die klassischen Fanzines weitgehend abgelöst.

Deutschsprachige Fanzines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die meisten Magazine unregelmäßig erscheinen, ist teilweise unklar, ob manche Fanzines noch existieren. Wenn möglich ist der Erscheinungszeitraum angegeben.

  • Sleipnir, Berlin, bundesweite Verbreitung
  • Ostara, Sachsen-Anhalt, bundesweite Verbreitung (Hrsg. Enrico Marx)
  • Stahlhelm, bundesweit (2002 bis 2009)
  • Rufe ins Reich, bundesweit
  • Foier Frei, bundesweit, erscheint nicht mehr (Stand 2016)
  • Nordwind, Ludwigshafen
  • Stahlgewitter, Pirna
  • Der Förderturm, Mülheim an der Ruhr, wichtigstes und beliebtestes Organ der Szene von 2000 bis mindestens 2003. Konnte über das Postfach der "Blood and Honour Sektion Finnland", dann über Postfächer in Duisburg, Bottrop und Mülheim/Ruhr bezogen werden.
  • Violence, Braunschweig
  • Der Weiße Wolf, für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg (Hrsg. David Petereit)
  • Der Bruchpilot
  • Feindkontakt
  • Viva Saxonia, Zwickau (Hrsg. Ronny Görner)[7]
  • Sarra Zine
  • Paranoia
  • Love of Oi[8]
  • Bewährungshelfer
  • Für immer und ewig
  • Heimwärts
  • Stolz & Stil
  • Volkswille
  • Die Schwarze Fahne
  • Amok (KKK). Texte für terminale Täter (1995–1997)

Die beiden Fanzines mit Zielgruppe rechtsorientierter Skinheads „Feindkontakt“ und „Viva Saxonia“ taten sich 2016 in einer Gemeinschaftsausgabe mit dem Titel „Waffenbrüder“ zusammen.[9]

Ostara[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ostara wird von dem NPD-Aktivisten Enrico Marx herausgegeben. Laut Einschätzung des Verfassungsschutzes ist eines der das bekannteste rechtsextremistische Fanzine aus Sachsen-Anhalt mit überregionaler Verbreitung.[4] Daneben betrieb Marx den Barbarossa-Versand, damals einen der größten Versandhandel für Rechtsrock im mitteldeutschen Raum, der auch als Sponsor von Neonazi-Großveranstaltungen wie dem Fest der Völker in Jena auftrat. Marx war Gründer der rechten Kameradschaft Ostara im Harz.[10]

Sleipnir[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sleipnir ist eines der ältesten und bekanntesten Magazine aus der rechten Subkultur. Es verfolgte mit Beiträgen auch linksextremer Autoren eine Querfront-Strategie und wird der Neuen Rechten zugeordnet. Die Zeitschrift erscheint seit 1995 zweimonatlich mit einem Umfang von ca. 50 Seiten. Gegründet wurde sie von Peter Töpfer und Andreas Röhler, die seit 1993 unter dem Logo Nationale Linke aktiv wurden und später den „Verlag der Freunde“ (VdF) gründeten. Hier erschienen auch Titel rechter Autoren und Auschwitz-leugnende, internationale Literatur wurde vertrieben. Dies führte zu einer Hausdurchsuchung am 15. November 1995 in den Verlags- und Privaträumen von Töpfer wegen des Verdachts auf Volksverhetzung.

Die Zeitschrift versucht mit Bezug auf nationalrevolutionäre Akteure wie Jean Thiriart ein Bündnis von nationalistischen „Kommunisten“ mit Rechtsextremisten und Neonazis zu begründen[11]

Der Weiße Wolf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei dem Weißen Wolf handelt es sich um eines der ältesten durchgängig existierenden Neonazi-Fanzines. Es wurde 1996 in der JVA Brandenburg/Havel von einer Gruppe inhaftierter Neonazis gegründet. Die kriminellen Neonazis erhielten Papier und Kopierer zur Verfügung gestellt und konnten zunächst eine, als Rundbrief für Gefangene herausgegebene Publikation vervielfältigen und verbreiten. Der Titel war Der Weiße Wolf. Maßgeblich an der Gründung war Carsten Szczepanski beteiligt, der 1992 einen Asylbewerber fast totgeprügelt hatte. 1994 wurde er als V-Mann (Deckname „Piato“ oder auch „Piatto“) vom Verfassungsschutz angeworben.[3][12]

2001 veröffentlichte der Weiße Wolf einen aus dem Hamburger Abendblatt geklauten Artikel, der sich mit „Ausländervierteln“ in Hamburg beschäftigte. Dort war er allerdings bereits 1999 abgedruckt worden. Der Artikel passte in keiner Hinsicht zum sonstigen Stil der Publikation. Die Seite Publikativ wies darauf hin, dass im gleichen Jahr der NSU Süleyman Taşköprü in Altona erschoss.[3]

2002, neun Jahre vor seinem Auffliegen veröffentlichte das Magazin einen Hinweis auf den Nationalsozialistischen Untergrund. In der Ausgabe Nr. 18 ist unter dem Vorwort Fett gedruckt: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen.“ Es folgen ein zwinkernder Smiley und die an den Jargon der RAF angelehnte Parole: „Der Kampf geht weiter...“[4][13]

Zentralorgan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Zentralorgan erschien von 1997 bis 2002 und hatte besonders großer Bedeutung in der Szene der Freien Kameradschaften. Das Magazin wurde von Klaus Bärthel aus Ludwigslust im „Wolf-Verlag“ mit einer Auflage von 2.000 bis 4.000 Stück herausgegeben. Hinter dem Medium steckte ein Kreis zu dem die Protagonisten der Freien Kameradschaftsszene Christian Worch und Thomas Wulff gehörten.[14]

2001 titelte das Magazin National Befreite Zonen! Kameraden, schafft sie euch!“[15] und verstärkte den Charakter als Kampfbegriffes in der Szene. Bärthel und zwei weitere Magazinmacher mussten sich daraufhin wegen Volksverhetzung vor dem Amtsgericht Ludwigslust verantworten. Sie wurden von Jürgen Rieger anwaltlich vertreten. Die Amtsrichterin sprach 2003 alle drei von dem Vorwurf der Volksverhetzung frei.[16]

Deutschsprachige Web-Portale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Inhalte der Fanzines werden auf Web-Portalen verbreitet, die de facto die Funktion der gedruckten Publikationen in vielen Fällen abgelöst haben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kurt Möller und Nils Schumacher (2007): Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge - Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads ISBN 9783531906034
  • Christian Dornbusch und Jan Raabe (Hg) (2002): RechtsRock, Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Unrast Verlag.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundesamt für Verfassungsschutz - Glossar. In: www.verfassungsschutz.de. Abgerufen am 14. November 2016.
  2. IDA-NRW :: RechtsRock. In: www.ida-nrw.de. Abgerufen am 10. November 2016.
  3. a b c Weisser Wolf |. In: publikative.org. Abgerufen am 10. November 2016.
  4. a b SPIEGEL ONLINE, Hamburg Germany: Rechtsterrorismus: Wusste die Neonazi-Szene schon 2002 von den NSU-Morden? In: SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 10. November 2016.
  5. a b memoria et conscientia: Skinhead-Fanzines. In: denktag2006.denktag-archiv.de. Abgerufen am 10. November 2016.
  6. Kurt Möller, Nils Schuhmacher: Rechte Glatzen: Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge - Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads. Springer-Verlag, 2008, ISBN 978-3-531-90603-4 (google.de [abgerufen am 10. November 2016]).
  7. antifa: Reiko Schmiedel – rechter Hetzer und Brandstifter | Antifa in Leipzig. In: www.inventati.org. Abgerufen am 10. November 2016.
  8. Rechtsoffene Skinhead-Musikszene | Blick nach Rechts. In: www.bnr.de. 26. Mai 2016; abgerufen am 10. November 2016.
  9. http://www.bnr.de/artikel/aktuelle-meldungen/skin-fanzines-ben-schulterschluss
  10. Enrico Marx: Rechtsextremer Würstchenverkäufer. In: Mitteldeutsche Zeitung. (mz-web.de [abgerufen am 13. November 2016]).
  11. Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.: apabiz.de - Profil - Sleipnir. In: www.apabiz.de. Abgerufen am 10. November 2016.
  12. Toralf Staud: Nazi-Propaganda: Ministerium verharmloste rechte Propaganda aus dem Knast. In: Die Zeit. 3. März 2016, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 10. November 2016]).
  13. Verdacht gegen NPD-Abgeordneten. (tagesspiegel.de [abgerufen am 10. November 2016]).
  14. Thomas Grumke, Bernd Wagner: Handbuch Rechtsradikalismus: Personen — Organisationen — Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-322-97559-1 (google.de [abgerufen am 10. November 2016]).
  15. Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster: Strategien der extremen Rechten: Hintergründe - Analysen - Antworten. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-531-15911-9 (google.de [abgerufen am 10. November 2016]).
  16. Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster: Strategien der extremen Rechten: Hintergründe - Analysen - Antworten. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-531-15911-9 (google.de [abgerufen am 10. November 2016]).