Querfront

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Als Querfront im historischen Sinn bezeichnet man antidemokratische Strategien, die gegensätzlichen Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus zu verbinden, um die politische Macht in der Weimarer Republik zu übernehmen. Solche Bündnisse strebten Vertreter der Konservativen Revolution seit etwa 1920 theoretisch, der damalige Reichskanzler Kurt von Schleicher 1932 praktisch an.

Als Querfront im weiteren Sinn bezeichnet man Versuche, die Zustimmung für anti-emanzipatorische Positionen zu vergrößern und lagerübergreifende Aktionsbündnisse „quer“ zu bestehender „links“- und „rechts“-gerichteter Politik herzustellen. Das versuchen Teile des deutschen Neonazismus, aber auch manche linksgerichtete Gruppen und Parteien mit nationalistischen Tendenzen.

Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit anti-emanzipatorischen „inhaltlichen Schnittmengen“ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen.[1] Die Extremismusforschung erklärt solche Bündnisse auch aus übereinstimmenden „autoritären Dispositionen, kollektivistischen Freund-Feind-Konstruktionen und verschwörungstheoretischen antisemitischen Welterklärungen“ bei rechts- und linksgerichteten Bevölkerungsteilen.[2]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichskanzler Kurt von Schleicher (1932)

Querfrontkonzepte kamen historisch nach der Novemberrevolution 1918 und Gründung der Weimarer Republik 1919 in Deutschland auf. Sie waren Bestandteil von antidemokratischen, rechtsgerichteten Theorien des Nationalen Sozialismus. Vertreter dieser Theorien wollten den Sozialismus vom Marxismus lösen, um ihn zu einer nationalen Volksgemeinschaft umdeuten zu können, die als autoritärer und elitärer Führerstaat verfasst sein sollte. Vertreter solcher Theorien waren Oswald Spengler (Preußentum und Sozialismus 1920), Arthur Moeller van den Bruck (Das dritte Reich 1923), der Juniklub, das Politische Kolleg,[3] der Tat-Kreis und andere. Sie propagierten einen autoritären deutschen Staat, der die Weimarer Demokratie beseitigen, sich der Sowjetunion öffnen und eine Ausrichtung auf westliche Werte und besonders auf die USA ablehnen sollte.

Nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg General Kurt von Schleicher zum Reichskanzler ernannt hatte, strebte Schleicher eine Zusammenarbeit der Reichswehr mit rechtsgerichteten Sozialdemokraten, dem ADGB und dem „linken“ Flügel der NSDAP um die Brüder Otto und Gregor Strasser an, um seine autoritäre Führung zu stabilisieren. Kontakte dieser Gruppen sind belegt; ob dabei eine politische Koalition besprochen wurde, ist umstritten. Schleichers Versuch scheiterte vor allem an seiner Isolierung in der DNVP und am Führungsanspruch Adolf Hitlers in der NSDAP. Dieser einigte sich im Januar 1933 mit Schleichers Konkurrenten Franz von Papen (DNVP) auf ein Bündnis unter Hitlers Führung.[4]

Der rechtsgerichtete Hofgeismarer Kreis der SPD, nationalistische Gewerkschafter wie Walter Pahl und die Zeitschrift Neue Blätter für den Sozialismus hatten ihrerseits seit Jahren eine Annäherung an den deutschnationalen Konservatismus und an den linken Flügel der NSDAP verlangt und gefördert. Sie vertraten Parolen wie „Durch Sozialismus zur Nation“, definierten die Aufgabe der Gewerkschaften als „Dienst an der Volksgemeinschaft“ und bevorzugten eine nationalkorporative Wirtschaftsordnung zur „Überwindung der liberalkapitalistischen Klassengesellschaft“. Auf diesem Hintergrund begrüßten die Neuen Blätter Hitlers Kanzlerschaft und diktatorische Maßnahmen noch im Juni 1933 als historische Möglichkeit, diese Ziele zu verwirklichen und die Orientierung der Arbeiterbewegung an den „Ideen von 1789“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zu beenden.[5]

Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gregor Strasser (1928)

Die NSDAP verstand sich seit ihrer Gründung 1920 als Sammlungsbewegung „nationaler Sozialisten“, vertrat also die Verknüpfung dieser Richtungen schon im Namen und im Programm. Den antikapitalistischen Flügel der NSDAP vertraten vor allem der SA-Gründer Ernst Röhm und die Brüder Strasser. Sie verloren den innerparteilichen Machtkampf gegen Adolf Hitler und dessen Anhänger, die den Antikapitalismus antisemitisch interpretierten bzw. durch einen radikalen Antisemitismus ersetzten, ohne die kapitalistischen Produktionsverhältnisse anzutasten. Otto Strasser trat deshalb am 4. Juli 1930 gemeinsam mit einigen seiner Anhänger aus der NSDAP aus. Mit seinem Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ hoffte er vergeblich, die NSDAP spalten zu können.[6]

Nach der Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933 verloren die verbliebenen nationalen Sozialisten in der NSDAP rasch an Einfluss. Hitler setzte seine Alleinherrschaft Schritt um Schritt durch und ließ die Organisationen der Arbeiterbewegung (Gewerkschaften und Linksparteien) verbieten, auflösen und ihre Führungskader ermorden. 1934 in der „Nacht der langen Messer“ ließ er schließlich auch seine möglichen inner- und außerparteilichen Konkurrenten (darunter Ernst Röhm, Kurt von Schleicher, Gregor Strasser und andere) ermorden.[7]

Neonazismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1970 verfolgen Teile des deutschen Neonazismus gezielt Querfrontstrategien. Die von Michael Kühnen gegründeten und inspirierten Gruppen wie die Aktionsfront Nationaler Sozialisten (1975-1982) bezogen sich dabei positiv auf den Nationalsozialismus. So antwortete Kühnen 1989 auf eine Interviewfrage: Linke Autonome und Neonazis verbinde der Kampf gegen die bürgerliche Ordnung, die Dekadenz und die Demokratie. Daher könnten sie durchaus gemeinsam dagegen kämpfen. „Wenn wir das Schweinesystem“ (ein von der linksterroristischen RAF benutzter Ausdruck) „beseitigt haben, können wir immer noch untereinander ausschießen, welche Ordnung besser ist.“[8]

Nationalrevolutionäre, Nationalbolschewisten und Autonome Nationalisten grenzen sich dagegen schon mit ihren Selbstbezeichnungen vom Nationalsozialismus ab. Sie versuchen so ein rechtsextremes Weltbild aufrechtzuerhalten, ohne mit den mörderischen Folgen der NS-Zeit in Verbindung gebracht zu werden. Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber. Es entstanden Gruppen wie „Sache des Volkes“ und der „Nationalrevolutionäre Koordinationsausschuß“ mit den Zeitschriften Rebell, neue zeit, laser oder wir selbst. Sie verurteilten das „Dritte Reich“ der Nationalsozialisten als „antinational“ und lobten dagegen das von deutschnationalen Ideen getragene Attentat vom 20. Juli 1944. Ihr Befreiungsnationalismus, Regionalismus, Kampf gegen die „Supermächte“ in Ost und West verband sie mit Gruppen der „Neuen Linken“. Das Konzept des Ethnopluralismus dagegen trennte sie vom Universalismus. Sie propagierten einen „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus oder Liberalismus und unterstützten Separatisten in Nordirland, auf Korsika, im Baskenland und Palästinensergruppen als „Befreiungsbewegungen“ im Rahmen eines nationalistischen Antiimperialismus. Einige nationalrevolutionäre Gruppen orientierten sich stark an progressiv-linken Bewegungen. Die Gruppen um Eichberg lösten sich parallel zur Gründung der Grünen ab 1980 auf oder stellten ihre Arbeit ein. Eichberg ist seit 1982 in Dänemark in der rotgrünen Socialistisk Folkeparti tätig.

Autonome Nationalisten im Schwarzen Block mit antikapitalistischen und nationalsozialistischen Parolen

Die Autonomen Nationalisten werden von gewaltbereiten, aktionistischen jungen Rechtsextremisten getragen. Sie übernehmen gezielt Ideen und Symbole der linken Szene, um diese zu unterwandern und dort Zustimmung zu finden. Sie treten auf Demonstrationen mit „linken“ Kleidungsmerkmalen wie Palästinensertüchern und Che Guevara-T-Shirts auf. Laut dem sächsischen Verfassungsschutz gehen solche „lagerüberschreitende strategische Überlegungen […] von einem kleinen, innerhalb der Szene noch marginalen Teil von Rechtsextremisten aus“. Auch das Auftreten von Neonazis auf den Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau 2004 sei in diesem Kontext zu sehen. Antiamerikanismus und teilweise Antizionismus von Teilen der Friedensbewegung gegen den Irakkrieg und internationale Einsätze der Bundeswehr böten Anknüpfungspunkte für Rechtsextremisten.[9]

Auf einer Demonstration der NPD 2004 in Berlin formierte sich ein „schwarzer Block“ mit dem von Autonomen bekannten Erscheinungsbild. Dort rief man Parolen wie „Kein Fußbreit den Faschisten – für nationalen Sozialismus“, lieferte sich körperliche Auseinandersetzungen mit NPD-Ordnern und Polizei, stellte sich gegen die übrigen Teilnehmer desselben Aufmarschs. Geplant wurde auch eine eigene Kampagne für einen „revolutionären, rechtsradikalen schwarzen Block“. Daraufhin boten NPD-Vertreter „Schulungen“ zur Bekämpfung dieser Vorbereitungen an. Nach Informationen des Bundeskriminalamts wollten sich auch vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 Neonazis in die linken Massenproteste einreihen.[10] Als angeblich gemeinsamer ideologischer Nenner werde dabei die Bekämpfung der Marktwirtschaft und der Globalisierung angesehen. Die Kapitalismuskritik der „Autonomen Nationalen Sozialisten“ verurteilt das internationale Kapital, das sie im Sinne klassischer antisemitischer Verschwörungstheorien als von „den Juden“ gelenkt betrachtet, zu Gunsten des nationalen Kapitals. Die Globalisierungspolitik der Autonomen Rechten ist auf den Kampf für „nationales Bewusstsein“ und „nationalen Fortschritt“ gegen die „internationale Solidarität“ begrenzt.

Vom „Nationalbolschewismus“ sprechen vor allem neonazistische Freie Kameradschaften wie „Die Kommenden“, die „Dritte Front“ und die Zeitschrift Fahnenträger. Ein besonders aktiver Querfrontstratege ist der Thüringer Neonazi Patrick Wieschke. Er benutzt nach Eigenaussage für rechtsextreme Schulungen „fast nur noch linke Quellen“, um eine Deutungshoheit der Neonazis in sozialen Fragen zu gewinnen. Dazu beteiligten sich die von ihm geführten Gruppen an den ersten Hartz-IV-Demonstrationen 2004.[11] Der 1999 gegründete Kampfbund Deutscher Sozialisten löste sich wegen anhaltender Erfolglosigkeit jedoch im Juli 2008 selbst auf und erklärte die Querfrontidee für gescheitert.

Die NPD betreibt besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihrerseits eine gezielte Querfront-Propaganda, um auch Linksextremisten und Islamisten für ihre Aktionen zu mobilisieren. Dazu übernimmt sie deren Parolen wie „Gegen den US-Imperialismus“, „Hoch die internationale Solidarität“ und „Kampf dem Zionismus“. Lars Rensmann erklärt die Deckungsgleichheit dieser Parolen auch aus der Interaktion von Rechts- und Linksextremen sowie Islamisten, die sich auf gemeinsame anti-israelische, antisemitische und anti-amerikanische Positionen verständigt hätten.[12]

Andere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Gründung der Bundespartei Die Grünen (1979-1980) grenzten sich viele regionale „grüne Listen“ mit der Parole „Nicht links, nicht rechts, sondern vorn“ vom bestehenden Links-Rechts-Schema der Politik ab und beanspruchten eine lagerübergreifende Relevanz des Ökologiethemas.[13] Einige dieser Listen wurden von organisierten Neonazis mit aufgebaut und unterstützt. Konservative Ökologen wie Herbert Gruhl grenzten sich zwar gegen neonazistische Unterwanderungsversuche ab, vertraten jedoch inhaltlich einen ähnlichen völkischen Naturbegriff.[14] Aus sozialemanzipatorischen Traditionen kommende Grüne stuften diese Richtungen als Ökofaschismus ein. Eine Mehrheit der Grünen schloss diese Richtung 1980 aus der Bundespartei aus.[15]

Die 2006 gegründete Piratenpartei Deutschland zog Anhänger sehr verschiedener politischer Richtungen an. Sie lehnten es überwiegend ab, die Partei in das Schema von links und rechts einzuordnen. Ihr Bundesvorsitzender Sebastian Nerz betrachtete dieses Schema als historisch überholt. Viele Mitglieder verstanden die Partei als „unideologische“, nur an „sachbezogenen“ Vernunftargumenten orientierte „Über-Partei“. Einzelne Mitglieder folgerten daraus, die Partei solle sich gegen keine herkömmliche, auch keine rechts- oder linksextreme Partei abgrenzen. Wegen dieser Tendenz zu einem Querfrontprojekt fanden auch Maskulisten und Zinskritiker Teilzustimmung bei den Piraten. Demgegenüber forderten linksgerichtete Mitglieder eine klare Orientierung der Partei am Feminismus und Antirassismus. Weil diese Positionierung mehrheitlich abgelehnt wurde, traten die meisten Vertreter des linken Parteiflügels bis 2014 aus. Damit war der Versuch einer flügelübergreifenden Querfront bei den Piraten gescheitert.[16]

Rechtspopulismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute werden Querfront-Bestrebungen besonders im deutschen Rechtspopulismus sichtbar. Dazu zählt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Storz die Zeitschrift Compact von Jürgen Elsässer seit 2010, das Internetportal KenFM von Ken Jebsen seit 2011, die Partei Alternative für Deutschland seit 2013, die Mahnwachen für den Frieden, das islamfeindliche Demonstrationsbündnis Pegida und seinen Ableger Legida seit 2014. Kennzeichnend für diese neue Querfront seien eine leistungsfähige eigenständige Gegenöffentlichkeit und einfache populistische Fronten: „Volk gegen Eliten, Wahrheit gegen Lügenpresse“. Die Anhänger dieses Netzwerks bejahen laut Umfragen zwar die Idee der Demokratie, schenken den demokratischen Institutionen jedoch fast gar kein Vertrauen.[17] Zu diesem Netzwerk gehört auch der ehemalige Deutsche Burschenschaft-Sprecher Michael Vogt, der mit eigenen Internetmedien und Kongressen unter dem Motto Quer-Denken Verschwörungstheorien verbreitet. Er behauptet etwa, die USA hätten die Massenflucht aus Kriegsgebieten gezielt zur Zerstörung des als Blutsgemeinschaft verstandenen deutschen Volkes in Gang gesetzt.[18]

Die Ziele dieser „Querfront“ formulierte Jürgen Elsässer in der Erstausgabe von Compact wie folgt: Man wolle eine „Volksfront“ aus der Gesamtbevölkerung aufbauen, damit diese fehlende Souveränität erkämpfe. Die Linke müsse mit der Rechten einen „offenen Dialog“ führen und umgekehrt, um „Dogmen“ zu überwinden und „Tabus“ zu brechen und so einen gemeinsamen „Widerstand“ gegen jene Mächte zu ermöglichen, die das deutsche Volk beherrschten. Als Beispiel für einen solchen Tabubruch verwies Elsässer auf den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab). Die herrschenden Fremdmächte verortet er im Sinne des sekundären Antisemitismus bei den angeblich vom Zionismus bestimmten USA und dem dort beheimateten, angeblich von wenigen Personen gelenkten Kapital der „Ostküste“. Damit versucht er Compact als wesentliches „alternatives Medium“ gegen die Mainstreammedien für den deutschen Rechtspopulismus zu etablieren.[19] Laut Patrick Gensing benutzen deutsche Rechtspopulisten auch soziale Netzwerke verstärkt dazu, um die politische Debatte zu verrohen, Gewaltaufrufe und Verachtung für Minderheiten weit über die eigene Anhängerschaft hinaus zu verbreiten. Ziel dieser Querfront-Propaganda sei ein enges Bündnis mit dem von Putin beherrschten Russland, um ein autoritäres nationalistisches System durchzusetzen.[20]

In einem Doppelinterview mit Sahra Wagenknecht und Frauke Petry, das am 2. Oktober 2016 veröffentlicht wurde, ergaben sich in vielen Positionen überraschende Gemeinsamkeiten. [21]

Außerhalb Deutschlands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Griechenland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 2015 bildete die sozialistische Partei Syriza mit der rechtspopulistischen Anexartiti Ellines eine Regierungskoalition. Diese Zusammenarbeit kritisierten andere europäische Sozialisten als Querfront mit negativen Folgen für die Linke in Europa.[22]

Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die italienischen Neofaschisten Roberto Fiore, Gabriele Adinolfi und Peppe Di Mitri propagierten als „Terza Posizione“ oder „Third Position“ eine Bewegung, die sich ähnlich wie bei früheren deutschen Querfronttheorien grundsätzlich von Kommunismus und Kapitalismus abzusetzen versucht beziehungsweise dies vorgibt. Third Position propagiert einen soldatisch-bäuerlich-ökologisch korrekten Lebensstil weitgehend autonomer neuer beziehungsweise wilder Männer im Sinne des charismatischen rumänischen Rechtsextremen Corneliu Zelea Codreanu, kombiniert mit einem radikalen Ethnopluralismus, Elementen der katholischen Soziallehre und der Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen. Die von Fiore und seinen Gesinnungsgenossen 1979 begründete Bewegung benutzt das Keltische Kreuz und in Italien die Wolfsangel als Symbole. Nachdem Roberto Fiore im Zusammenhang mit dem Anschlag von Bologna 1980 in Italien zu einer Haftstrafe verurteilt wurde und zeitweise untertauchte beziehungsweise das Land verlassen musste, trieb er Third Position in Großbritannien und Frankreich mit voran und ist mittlerweile Generalsekretär der Europäischen Nationalen Front.

Logo der Nationalbolschewistischen Partei Russlands

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Russland arbeiten sowohl die Nationalbolschewistische Partei Russlands[23] als auch die ehemalige Partei Rodina mit einem ideologischen Hintergrund, der sich sowohl bei links- als auch bei rechtsextremistischem Gedankengut bedient. In Russland stehen hinter der Verbindung von links- und rechtsextremen Ideen auch mehrere prominente Schriftsteller wie Eduard Limonow und Alexander Prochanow.

Iran und Venezuela[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 bildeten Mahmud Ahmadinedschad, damals Staatspräsident des Iran, und Hugo Chavez, damals Staatspräsident Venezuelas, eine bilaterale „Allianz gegen das Imperium der USA“. Unter diesem anti-imperialistischen Motto vereinbarten sie eine enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit. Dabei zeigten sich inhaltliche Schnittmengen der jeweiligen Staatsideologien eines Klerikalfaschismus im Iran und eines Staatssozialismus in Venezuela, von der Unterstützung des iranischen Atomprogramms bis zum gemeinsamen Antizionismus im Zeichen der „Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ gegen Israel. Diese „Querfront“ zweier ideologisch an sich gegensätzlicher Regimes dauerte auch unter den Nachfolgern beider Präsidenten an, etwa indem Nicolás Maduro dem Iran einen Beobachterstatus im Wirtschaftsbündnis Bolivarianische Allianz für Amerika (ALBA) verlieh.[24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kevin Culina, Jonas Fedders: Querfront. In: Dieselben: Im Feindbild vereint. Zur Relevanz des Antisemitismus in der Querfront-Zeitschrift Compact. edition assemblage, Münster 2016, ISBN 978-3-96042-004-0, S. 11–20.
  • Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Markus Liske, Manja Präkels (Hrsg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn? Verbrecher Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-95732-121-3, S. 101–110.
  • Regina Wamper, Helmut Kellershohn, Martin Dietzsch: Rechte Diskurspiraterien: Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen (= Edition DISS. Edition des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. Bd. 28). Unrast, 2010, ISBN 3-89771-757-3.
  • Stefan Breuer: Anatomie der Konservativen Revolution. 2. durchgesehene und korrigierte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-11802-2.
  • Kurt Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des Nationalismus zwischen 1918 und 1933. 4. Auflage, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1994, ISBN 3-423-04312-1.
  • Axel Schildt: Militärische Ratio und Integration der Gewerkschaften. Zur Querfrontkonzeption der Reichswehrführung am Ende der Weimarer Republik. In: Richard Saage (Hrsg.): Solidargemeinschaft und Klassenkampf. Politische Konzeptionen der Sozialdemokratie zwischen den Weltkriegen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-11363-1, S. 346–364.
  • Axel Schildt: Militärdiktatur mit Massenbasis? Die Querfrontkonzeption der Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende der Weimarer Republik. Campus, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-593-32958-1.
  • Karl Otto Paetel: Nationalbolschewismus und nationalrevolutionäre Bewegungen in Deutschland. Geschichte, Ideologie, Personen. (1965) Siegfried Bublies, Schnellbach 1999, ISBN 3-926584-49-1.
  • Otto-Ernst Schüddekopf: Linke Leute von Rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus in der Weimarer Republik. Kohlhammer, Stuttgart 1960, ISBN 3-548-02996-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!, 2016, S. 102–104
  2. Lars Rensmann: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-322-80454-9, S. 103
  3. Kevin Culina, Jonas Fedders: Querfront. In: Dieselben: Im Feindbild vereint, Münster 2016, S. 11 f.
  4. Volker Weiß: Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 3506771469, S. 251
  5. Arno Klönne: Rechtsextremismus in der „zivilen“ Gesellschaft. „Kein Spuk von gestern“. LIT, Münster 2000, ISBN 3825851230, S. 99
  6. Reinhard Kühnl: Die Nationalsozialistische Linke 1925-1930. Hain, Mannheim 1966, S. 64–67, 79-81, 248-261.
  7. Otto Gritschneder: „Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt...“: Hitlers „Röhm-Putsch“-Morde vor Gericht. Beck, München 1993, ISBN 3406376517
  8. Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!, 2016, S. 101
  9. Querfront – was ist das? verfassungsschutz.sachsen.de, 16. Mai 2006
  10. Die Welt, 25. Januar 2007: In Heiligendamm drohen Anschläge von Islamisten
  11. Holger Witzel: Braun-Rote Kungelei. stern.de, 23. Mai 2007
  12. Lars Rensmann: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2004, S. 257 f.
  13. Silke Mende: „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“: eine Geschichte der Gründungsgrünen. Oldenbourg, München 2011, ISBN 3486598112 (Vorwort)
  14. Jan Peters: Nationaler „Sozialismus“ von rechts. Dokumente und Programme der grünbraunen Reaktionäre. Berlin 1980, ISBN 3882203056, S. 56–61
  15. Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei. Konkret Literatur Verlag, 1996, S. 207; Kevin Culina, Jonas Fedders: Im Feindbild vereint, Münster 2016, S. 17.
  16. Kevin Culina, Jonas Fedders: Im Feindbild vereint, Münster 2016, S. 17 f.
  17. Wolfgang Storz: „Querfront“ – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks. Otto Brenner Stiftung, 1. April 2015 (PDF), S. 24
  18. Jörg Schindler: Panikmache: Wie wir vor lauter Angst unser Leben verpassen. Fischer, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-403567-3, S. 72
  19. Kevin Culina, Jonas Fedders: Im Feindbild vereint, Münster 2016, S. 5–8
  20. Patrick Gensing: Rechte Hetze im Netz - eine unterschätzte Gefahr. Rowohlt, 2016, S. 2
  21. Lechts und Rinks kann man verwechseln [1]
  22. Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!, 2016, S. 102
  23. Grenzenloses Eurasien (Memento vom 15. März 2008 im Internet Archive) In: jungle world, Nr. 45/2002, 30. Oktober 2002
  24. Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!, 2016, S. 107 f.