Adolfo Bioy Casares

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Adolfo Bioy Casares.

Adolfo Bioy Casares (* 15. September 1914 in Buenos Aires; † 8. März 1999 ebenda) war ein argentinischer Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Adolfo Bioy Casares, der Sohn von Adolfo Bioy Casares Ignacia Domecq und Martha Lynch, entstammte einer vermögenden Familie, die auf den erfolgreichen irischen Auswanderer Patrick Lynch zurückging und zu deren Mitgliedern auch ein chilenischer Marineadmiral, der argentinische Schriftsteller Benito Lynch und der Revolutionär Che Guevara gehörten. Bereits mit elf Jahren schrieb er seine erste Geschichte, Iris und Margarita. Er sprach früh neben Spanisch auch Französisch, Englisch und Deutsch; die Studien an der Universität – Jura, Philosophie und Literatur – langweilten ihn, und er erwarb keinen Abschluss.

Er war ein Freund von Jorge Luis Borges, den er 1932 bei Victoria Ocampo kennenlernte und mit dem er gemeinsam unter den Pseudonymen H. Bustos Domecq oder B. Suarez Lynch viele Werke verfasste. Zwei Jahre später traf er bei Ocampo deren ebenfalls schreibende Schwester Silvina Ocampo, die er 1940 heiratete. Das Paar selbst blieb kinderlos, adoptierte aber 1954 Marta, die dem Autor von einer anderen Frau geboren worden war. Marta starb 1994 bei einem Autounfall, kurz nachdem ihre Adoptivmutter gestorben war. Diesen doppelten Schicksalsschlag überlebte Bioy Casares nur um wenige Jahre; das Erbe der Eheleute wurde später von einem Gericht einem weiteren unehelichen Kind – Fabián Bioy – zugesprochen, als dieser selbst bereits im Alter von 40 Jahren gestorben war.

Werk[Bearbeiten]

Zu den herausragenden und auch international immer wieder aufgelegten Büchern des Autors gehört La invención de Morel (1940, dt. Morels Erfindung). In dem schmalen Roman wird erzählt, wie ein Mann auf der Flucht vor der Justiz auf eine abgelegene Insel gerät, deren Bewohner von seltsamen, furchterregenden Krankheiten befallen zu sein scheinen. Es stellt sich allerdings heraus, dass die anderen Menschen auf der Insel in Wirklichkeit Aufzeichnungen sind, dreidimensionale, von der Wirklichkeit ununterscheidbare Imitationen, die von Morels Erfindung erzeugt werden und teilweise sogar ihrer selbst bewusst sind. Das Buch nimmt Motive der Virtualität voraus, gilt als eines der ersten Beispiele einer genuin südamerikanischen Science-Fiction[1] und als Quelle der Inspiration für den Film Letztes Jahr in Marienbad und die erfolgreiche Fernsehserie Lost[2].

In El sueño de los héroes (1954, dt. Der Traum der Helden) beschreibt Bioy Casares eine ausufernde Karnevalsfeier, die mehrere Tage dauert und den Protagonisten danach mit der beunruhigenden Vorstellung weiterleben lässt, er sei im Laufe von trunkenen Feindseligkeiten erstochen worden. Erst als er Jahre später mit seinen Kumpanen wieder um die Häuser zieht, erfüllt sich sein Schicksal, und er kommt bei einer Messerstecherei um. Das Motiv der sich selbst erfüllenden Prophezeiung (auch im Werk seines Freundes Jorge Luis Borges häufig anzutreffen) verschränkt sich in dem Buch mit einem tief sitzenden Zweifel an dem, was Realität sei. Ebenfalls um Identität und Wirklichkeit geht es in dem Roman Dormir al Sol (1973, dt. Schlaf in der Sonne), worin ein von den Launen seiner Frau genervter und von ihrem immer unberechenbarer werdenden Wesen irritierter Mann beschließt, die Dame seines Herzens in psychiatrische Behandlung zu überstellen. Die als geheilt zurückgekehrte Frau ist sanft und rücksichtsvoll, doch der Mann stellt fest, dass es sich nicht mehr um die Person handelt, die er geliebt hat. Man hat ihre Seele ausgetauscht. Diese Erkenntnis stürzt ihn in eine doppelte Identitätskrise: Wen genau hat er geliebt? Und wer genau war es, der verliebt gewesen ist? Um seine Frau wieder lieben zu können, lässt der Protagonist die unheimlichen Ärzte auch seine eigene Seele anpassen.

Im Unterschied zu anderen argentinischen Schriftstellern sah sich Bioy Casares in den Jahren der Militärdiktatur nicht gezwungen, sein Land zu verlassen. Unter seinen Preisen und Auszeichnungen sind der Große Ehrenpreis der SADE (Argentinische Schriftstellervereinigung) 1975, die französische Ehrenlegion 1981, der Titel Berühmter Bürger von Buenos Aires 1986 und der Cervantespreis 1990 (überreicht 1991 in Alcalá de Henares). Bioy Casares ist auf dem Friedhof La Recoleta in Buenos Aires begraben.

Werke[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

Erzählungen/Kurzgeschichten[Bearbeiten]

  • Prólogo (1929)
  • 17 disparos contra el porvenir (1933)
  • La estatua casera (1936)
  • La trama celeste (1948)
  • Luis Greve, muerto (1937)
  • Las vísperas de Fausto (1949)
  • Historia prodigiosa (1956)
  • Guirnalda con amores (1959)
  • El lado de la sombra (1962)
  • El gran serafín (1967)
  • Liebesgeschichten (1972 im Original: Historias de amor) ISBN 3-518-38201-2
  • Die fremde Dienerin (1972 im Original: Historias fantásticas) ISBN 3-518-37462-1
  • El héroe de las mujeres (1978)
  • Historias desaforadas (1986)

Briefe[Bearbeiten]

  • En viaje (1996), Briefe an Silvina

Werke in Zusammenarbeit mit Jorge Luis Borges[Bearbeiten]

  • Sechs Aufgaben für Don Isidro Parodi (1942 im Original: Seis problemas para don Isidro Parodi)
  • Dos fantasías memorables (1946)
  • Mord nach Modell (1946 im Original: Un modelo para la muerte) ISBN 3-596-10595-1
  • Chroniken von Bustos Domecq (1967 im Original: Crónicas de Bustos Domecq)
  • Das Buch von Himmel und Hölle (1960 im Original: Libro del cielo y del infierno) ISBN 3-596-10587-0
  • Neue Geschichten von Bustos Domecq (1977 im Original: Nuevos cuentos de Bustos Domecq)

Dos fantasías memorables und Mord nach Modell waren ursprünglich auf eigene Kosten in einer Auflage von 300 Stück gedruckt worden. Erste kommerzielle Auflagen gab es 1970.

Werke in Zusammenarbeit mit Silvina Ocampo[Bearbeiten]

  • Der Hass der Liebenden (1946 im Original: Los que aman, odian)

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Rössner: Am Anfang war die phantastische Idee. Interview mit Adolfo Bioy Casares, in: Wiener Journal, Nr. 141, Juni 1992.
  • Jorge L. Borges, Adolfo Bioy Casares, Hugo Santiago, Gilles Deleuze, Jean-Pierre Faye, Jacques Roubaud: Die Anderen. (Drehbuch), Internationaler Merve Diskurs Bd. 138, Merve Verlag, Berlin 1987. ISBN 3-88396-058-6
  • Kian-Harald Karimi: 'La gente no mata por buenas razones' - Die metaphysische Phantastik als Ausdeutung der modernen Biomacht in Romanen von Bioy Casares. In: Claudia Leitner, Christopher F. Laferl (Hg.): Über die Grenzen des natürlichen Lebens. Inszenierungsformen des Mensch-Tier-Maschine-Verhältnisses in der Iberoromania, Lit Verlag, Münster 2009, S. 123-141. ISBN 978-3-8258-0289-9
  • Karsten Kruschel: Morels Erfinfung, in: Das Science Fiction Jahr 2004, herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke, Wilhelm Heyne Verlag, München 2004, ISBN 3-453-87896-5, S. 861–866.
  • Wolfram Nitsch: Die Insel der Reproduktionen. Medium und Spiel in Bioy Casares' Erzählung "La invención de Morel". In: Iberoromania - Zeitschrift für die iberoromanischen Sprachen und Literaturen in Europa und Amerika, 2004, Band 60, Heft 2, Seiten 102–117. ISSN 0019-0993
  • Alfonso de Toro; Susanna Regazzoni (Hrsg.): Homenaje a Adolfo Bioy Casares. Una retrospectiva de su obra. Literatura - ensayo - filosofía - teoría de la cultura - crítica literaria, Theorie und Kritik der Kultur und Literatur. Vervuert, Frankfurt/Main 2002. ISBN 3-8935-4223-X

Kritik[Bearbeiten]

  • Karsten Kruschel über die Neuausgabe von Morels Erfindung: "Daß Adolfo Bioy Cesares schon 1940 über Virtualität nachgedacht hat, ist denn doch ein starkes Stück. Zumal einige seiner Schlußfolgerungen denjenigen nah verwandt scheinen, die Stanislaw Lem aufwarf, als er 1964 „Summa Technologiae“ veröffentlichte... Aber Bioys kleiner Roman ist zudem – und das hebt ihn aus den ähnlich gelagerten Geschichten der SF heraus – ein Gleichnis auf die Existenz des Verfolgten, der sich in seiner Bedrohung in ein anderes Dasein hinübersehnt, eines, in das ihm seine Verfolger nicht folgen können, wie auch immer es aussehen mag. Insofern läßt sich das Buch auf mindestens zweierlei grundlegend unterschiedliche Weisen lesen. Die ebenso klare wie verspielte, knappe Prosa, in der das alles geschrieben ist, macht das Lesen dabei zu einem besonderen Vergnügen ... Ein Lesetip für alle, die jenseits der ausgelatschten Pfade der Science Fiction an den weitverzweigten Ufern des Phantastischen nach Lesenswertem suchen."[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Ingrid Kreksch: Who is Who in der lateinamerikanischen Science Fiction – ein Überblick. In: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 1999, Wilhelm Heyne Verlag, München, ISBN 3-453-14984-X, S. 367.
  2. In der vierten Folge der vierten Staffel liest der Seriencharakter Sawyer am Strand Morel's Invention.
  3. Vgl. Das Science Fiction Jahr 2004. Ein Jahrbuch für den Science Fiction Leser. Wilhelm Heyne Verlag, herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke, München 2004, S. 865f.

Weblinks[Bearbeiten]