Wolfgang Jeschke

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Wolfgang Jeschke, März 2008 in München

Wolfgang Jeschke (* 19. November 1936 in Tetschen, Tschechoslowakei) ist ein deutscher Schriftsteller und Science-Fiction-Herausgeber, etwa von Science-Fiction-Reihen im Heyne-Verlag (München). Neben zahlreichen Werken gab er über 100 für die deutsche SF mitbestimmende Anthologien heraus sowie die Science-Fiction-Jahrbücher, die neben literarischen Entdeckungen vor allem sekundärliterarische Beiträge wie Essays und Interviews zur Science-Fiction enthalten.

Leben[Bearbeiten]

Wolfgang Jeschke wurde 1936 in Tetschen geboren und wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf. Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Lehre als Werkzeugmacher und arbeitete im Maschinenbau. 1959 erwarb er nachträglich das Abitur und studierte anschließend Germanistik, Anglistik und Philosophie an der Universität München. Es folgte ein Buchhändlerpraktikum bei der C. H. Beck'schen Verlagsbuchhandlung. 1969 bekam Jeschke eine Anstellung als Redaktionsassistent bei „Kindlers Literaturlexikon“, später auch als Redakteur.

Als 1970 Herbert W. Franke, ein Sachbuchautor der Verlagsgruppe, dem Haus einen Science-Fiction-Roman anbot, erinnerte man sich daran, dass Jeschke sich seit Jahren mit SF beschäftigte, und bat ihn um ein Urteil.[1] Daraus entstand die von Jeschke herausgegebene Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, in der nicht nur Frankes Roman Zone Null erschien, sondern auch Jeschkes eigene Kurzgeschichtensammlung Der Zeiter. In der Edition wurden einige bedeutende Autoren erstmals in Deutschland in vollständigen, nicht aufs Heftchenformat heruntergekürzten Ausgaben zugänglich gemacht, wie Robert Silverberg, Thomas M. Disch und Brian W. Aldiss. Als am Jahresende 1972 die Stelle des SF-Lektors und -Herausgebers im Heyne-Verlag frei wurde, übernahm Jeschke – anfangs zusammen mit Herbert W. Franke – diese Position, zunächst als freier Mitarbeiter. Der Erfolg der Reihe Heyne Science Fiction und Fantasy führte zu einer steigenden Zahl von Titeln, so dass Jeschke 1978 seinen Abschied bei Kindler nahm und ausschließlich SF-Lektor bei Heyne wurde. Nach dem Weggang Frankes 1979 war er alleinverantwortlicher SF-Redakteur bei Heyne und blieb es bis 2002, als er in den Ruhestand ging. Zurzeit lebt er in München und gibt nach wie vor das Science Fiction Jahrbuch heraus, gemeinsam mit Sascha Mamczak.

Werk[Bearbeiten]

Jeschke interessierte sich bereits seit den 1950er Jahren für Science-Fiction und gehörte zu den ersten Mitgliedern des 1955 gegründeten SFCD. Erste Kurzgeschichten erschienen in Fan-Magazinen und semiprofessionellen Publikationen, und mit Ad astra gab er, zusammen mit Peter Noga, auch ein eigenes Fanzine heraus. In den Jahren seiner Tätigkeit als Redakteur und Herausgeber kam er wenig zum Schreiben, so dass sein Werk relativ schmal blieb. Es wurde jedoch stark beachtet und etliche seiner Texte wurden ausgezeichnet. Kennzeichnend für seine SF-Texte ist die atmosphärische Dichte der geschilderten Szenarien, die psychologischen Dimensionen der Protagonisten und das Thema „Zeitreise“ in allen Variationen. Dabei verlässt er auch die Konventionen des Erzählens und montiert fiktive Dokumente zusammen (Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung) oder liefert eine Liste, die aus ebenso fiktiven geschichtlichen Ereignissen besteht (Die cusanische Acceleratio). Sein erster Roman Der letzte Tag der Schöpfung wurde mehrfach übersetzt und immer wieder nachaufgelegt; er schildert den Versuch, die Geschichte zu korrigieren, und sein grandioses Scheitern. Jeschke ist auch als Hörspielautor hervorgetreten, wobei es einige dieser Stoffe auch in einer Inkarnation als Erzählung gibt.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

Übersetzungen in fremde Sprachen:

  • Französisch
    • 1981 Le Dernier Jour de la Création (Der letzte Tag der Schöpfung)
    • 2008 Le Jeu de Cuse (Das Cusanus-Spiel) – ISBN 2-84172-416-6
  • Englisch
    • 1982 The Last Day of Creation (UK/USA) – ISBN 0-7126-0042-6 / ISBN 0-312-47061-4 (Der letzte Tag der Schöpfung)
    • 1985 The Land of Osiris (USA, in „Isaac Asimov's Science Fiction Magazine“, Mar 1985) (Osiris Land)
    • 1990 Midas (UK) – ISBN 0-450-50937-0 (Midas oder Die Auferstehung des Fleisches)
  • Ungarisch
    • 1990 A Teremtés utolsó napj (Der letzte Tag der Schöpfung)
    • 1997 Ozirisz országa (Osiris Land)
    • 1999 Midas/Meamone szeme (Midas oder Die Auferstehung des Fleisches und Meamones Auge in einem Band)
    • 2008 A Cusanus-játszma (Das Cusanus-Spiel, in zwei Bänden)

Kurzgeschichtensammlungen[Bearbeiten]

ausgewählte Kurzgeschichten in drei Bänden (Shayol Verlag)
  1. 2006 Der Zeiter, überarbeitete und erweiterte Neufassung, mit einem Vorwort von Andreas EschbachISBN 978-3-926126-65-8
  2. 2008 Partner fürs Leben, Vorwort von Franz Rottensteiner, enthält Meamones Auge und bisher nicht in Buchform publizierte Erzählungen – ISBN 978-3-926126-78-8
  3. 2011 Orte der Erinnerung, Vorwort von Herbert W. FrankeISBN 978-3-926126-91-7

Hörspiele[Bearbeiten]

  • 1975: Der König und der Puppenmacher
  • 1984: Wir kommen auf Sie zu, Mister Smith. Regie: Alexander Malachovsky, BR, 9 Min.
  • 1985: Sibyllen im Herkules, oder Instant Biester
  • 1988: Jona im Feuerofen, oder Das versehrte Leben
  • 1989: Cataract
  • 1991: Midas, oder Die Auferstehung des Fleisches
  • 1993: Der Wald schlägt zurück

Kurzgeschichten[Bearbeiten]

  • 1959 Supernova, auch Der Riß im Berg, in "Utopia Magazin", Nr. 23
  • 1957 Welt ohne Horizont, in Thomas Landfinder (Hrsg.): Welt ohne Horizont
  • 1957 Der Türmer, in Henry Bings (Hrsg.): Lockende Zukunft
  • 1958 Zwölf Minuten und einiges mehr
  • 1959 Die Anderen, in Jürgen vom Scheidt (Hrsg.): Das Monster im Park
  • 1960 Sirenen an Ufern, in: Mario Kwiat (Hrsg.): Amateur Science Fiction Stories
  • 1960 Unweit Toulouse, auch Tore zur Nacht
  • 1961 Der König und der Puppenmacher, in "Munich Round-Up", Nr. 43 (Beilage)
  • 1961 Pater Ramseys Totenmessen, in "Munich Round-Up", Nr. 56 (Beilage)
  • 1974 I Love Bombay 1980 (Gedicht)
  • 1975 Denkmodelle (Gedicht)
  • 1976 Seveso (Gedicht)
  • 1976 Sterne (Gedicht)
  • 1976 Aufbruch (Gedicht)
  • 1979 Begegnung, in Gedankenkontrolle (o. Hrsg., Das Neue Berlin, Auszug aus Unweit Toulouse)
  • 1980 Nackt zum Gipfel, auch Yeti, in "Playboy", Nr. 4/1980
  • 1980 Anachronismen, oder Die Flöte des heiligen Veit, in: Frank Flügge (Hrsg.): Utopia. SFCD-Sonderdruck 2/1980 (Auszug aus Der letzte Tag der Schöpfung)
  • 1981 Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung, in Science Fiction Story Reader 15
  • 1982 Osiris Land, in Arcane (hrsg. zus. mit Helmut Wenske)
  • 1983 Wir kommen auf Sie zu, Mr. Smith, in Dieter Hasselblatt (Hrsg)
  • 1984 Sybillen im Herkules oder Instant Biester
  • 1985 Nekyomanteion, in Science Fiction Jubiläumsband - Das Lesebuch
  • 1988 Jona im Feuerofen oder Das versehrte Leben
  • 1989 Nachrichten von Lebenden und Toten
  • 1988 The Mississippi Straightforward Society
  • 1993 Es lebe der Wald
  • 1993 Happy Birthday, dear Alice! Happy Birthday, dear Anne!
  • 1993 Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan
  • 1995 Partner fuers Leben
  • 1997 Die Reise einer Zeitmaschine
  • 1999 Die Cusanische Acceleratio[2], in Erik Simon (Hrsg.): Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod
  • 2001 Allah akhbar – And So Smart Our NLWs
  • 2004 Das Geschmeide[3], in: Andreas Eschbach (Hrsg.): Eine Trillion Euro
  • 2005 Lucia

Auch auf Englisch erschienen:

  • 1970 The King and the Dollmaker
  • 1975 A Little More Than Twelve Minutes
  • 1980 Yeti
  • 1983 Haike the Heretic's Writings
  • 1984 Loitering at Death's Door

Sachbücher[Bearbeiten]

Herausgeberschaft[Bearbeiten]

Anthologien[Bearbeiten]

Bibliothek der Science Fiction Literatur. Heyne Verlag[Bearbeiten]

weitere Reihen[Bearbeiten]

TV-Auftritte (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1999/2000 Science-Fiction und Theologie, 160 min, vierteilig, BR.
  • 2001 Perry Rhodan - Eine literarische Fiktion zukünftiger Raumfahrt, 30 min, BR Alpha.
  • 2001 Science-Fiction-Literatur - Spiegel moderner Mythen und Weltbilder (1): ...phantastisch?, 30 min, BR Alpha.
  • 2001 Science-Fiction-Literatur - Spiegel moderner Mythen und Weltbilder (2): ...irdisch?, 30 min, BR Alpha.
  • 2001 Science-Fiction-Literatur - Spiegel moderner Mythen und Weltbilder (3): ...extraterrestrisch?, 30 min, BR Alpha.
  • 2001 Science-Fiction-Literatur - Spiegel moderner Mythen und Weltbilder (4): ...neomythisch?, 30 min, BR Alpha.
  • 2002 Mene, mene tekel upharsin - Der mahnende Zeigefinger der Science-Fiction-Literatur, 15 min, BR Alpha.
  • 2006 Der dunkle Rest - Bauplan für ein Universum, 30 min, BR Alpha.
  • 2006 Rechengenie im Würfel - Bundeshöchstleistungsrechner SGI Altix 4700, 30 min, BR Alpha.
  • 2008 Extraterrestrische Physik - Forschen im unsichtbaren Licht, 30 min, BR Alpha.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Wolfgang Jeschke erhielt den Kurd-Laßwitz-Preis für:

  • Lexikon der Science Fiction Literatur. Sonderpreis 1980 mit Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs und Ronald M. Hahn
  • Der letzte Tag der Schöpfung. bester Roman 1981
  • Midas oder Die Auferstehung des Fleisches. bester Roman 1989
  • Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung. beste Erzählung 1981
  • Osiris Land. beste Erzählung 1982
  • Nekyomanteion. beste Erzählung 1984
  • Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan. beste Erzählung 1993
  • Partner fürs Leben. beste Kurzgeschichte 1996
  • Jona im Feuerofen. bestes Hörspiel 1988
  • als Förderer der deutschen SF und Herausgeber des Heyne Science Fiction Magazins. Sonderpreis 1981
  • Das Science Fiction Jahr. Sonderpreis 1987
  • die Förderung der SF-Kurzgeschichte und seine Herausgebschaft des Jahrbuchs Das Science Fiction Jahr. Sonderpreis 1996
  • Die Cusanische Acceleratio. beste Kurzgeschichte 1999
  • sein Lebenswerk und seine Verdienste um die SF in Deutschland. Sonderpreis 2001 als Autor, Herausgeber und Förderer der Science Fiction
  • Allah akbar And So Smart Our NLWs. beste Kurzgeschichte 2001
  • Das Geschmeide. beste Kurzgeschichte 2004
  • Das Cusanus-Spiel. bester Roman 2006

Den Deutschen Science Fiction Preis erhielt er für:

  • Nekyomanteion. beste Kurzgeschichte 1986
  • Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan. beste Kurzgeschichte 1993
  • Das Cusanus-Spiel. bester Roman 2006
  • Orte der Erinnerung. beste Kurzgeschichte 2011

Kritik[Bearbeiten]

„Was sich in der Inhaltsangabe wie ein gradliniger und spannungsgeladener Thriller ohne Haken und Ösen ausmacht, erweist sich in der literarischen Form als ein subtiler, nicht auf vordergründige Effekte setzender Roman mit einem humanistischen Anliegen. Wie Menschen benützt werden, wie Menschen mit Menschen umgehen, ist das eigentliche Thema. Die Frage, was eigentlich den 'echten' Menschen ausmacht, wirft Jeschke in der genialen Schlüsselszene auf...“

Thomas Tilsner über Midas oder Die Auferstehung des Fleisches[4]

„Romantisch in ihrer Mischung aus Exotik, Zivilisationsskepsis und melancholischer, gleichwohl trostverheißender Symbolik ist schließlich auch die Grundstimmung des Buches. Wolfgang Jeschke ist einer der wenigen zeitgenössischen deutschen Autoren, die den SF-spezifischen Sense of wonder zu evozieren vermögen, durchaus auch mit jener Spur Eskapismus, der doch wie mit Gummischnüren an der Wirklichkeit haftet. Ganz ähnlich wirkte seinerzeit sein – narrativ freilich anders strukturiertes und wohl auch optimistischeres – Osiris Land, desgleichen finden sich in Der letzte Tag der Schöpfung... solche visionären Entwürfe und Szenen.“

Erik Simon über Meamones Auge[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hartmut Panskus: Interview mit Wolfgang Jeschke und Rolf Heyne, in Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 37/1985.
  • Michael Matzer: Science Fiction von innen (Interview mit Wolfgang Jeschke), in Flugasche, Nr. 24, 1987.
  • Waldtraut Lewin: Der reproduzierbare Mensch, in: Berliner Lesezeichen (4) 1996, Heft 7, S. 37–39 (über Midas oder Die Auferstehung des Fleisches). ISSN 0945-0106
  • Hartmut Kasper und Alexander Seibold: Warum sollte ich es dem Leser leicht machen? Ein Gespräch mit Wolfgang Jeschke, in: Das Science Fiction Jahr 2006, München 2006, S. 735–769. – ISBN 3-453-52183-8.
  • Christina Stange-Fayos: Spécificités et difficultés de la traduction de textes de science-fiction. À l'exemple du roman de Wolfgang Jeschke, "Das Cusanus-Spiel." In: Traduire, adapter, transposer (Cahiers d'études germaniques, Nr. 56) 2009, S. 153–166 (französisch). – ISSN 0751–4239
  • Franz Rottensteiner: Wolfgang Jeschkes Kurzprosa, in: Franz Rottensteiner: Im Labor der Visionen. Anmerkungen zur phantastischen Literatur. 19 Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 2000–2012, Verlag Dieter van Reeken, Lüneburg 2013, ISBN 978-3-940679-72-7, S. 199–204.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Erhard Ringer: Interview mit Wolfgang Jeschke, in Fantasia, Nr. 1, 1978.
  2. Epilog.de: Die Cusanische Acceleratio
  3. Epilog.de: Das Geschmeide
  4. Vgl. Der Golem. Jahrbuch zur phantastischen Literatur 1989, hrsg. von Harald Junker, Udo Klotz und Gerd Rottenecker, Freiberg 1990, ISSN 0937–5880, S. 94.
  5. Vgl. Das Science Fiction Jahr 1997, Wilhelm Heyne Verlag, München, ISBN 3-453-11896-0, S. 786.

Weblinks[Bearbeiten]