Ambiguitätstoleranz

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Ambiguitätstoleranz (v. lat. ambiguitas „Zweideutigkeit“, „Doppelsinn“), teilweise auch als Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz bezeichnet, ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen ohne darauf agressiv zu reagieren oder diese einseitig negativ oder – häufig bei kulturell bedingten Unterschieden – vorbehaltlos positiv zu bewerten. Der Begriff spielt in unterschiedlichen psychologischen und pädagogischen Theorien eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Persönlichkeitsentwicklung (siehe auch: Identitätsentwicklung) und dem sozialen Lernen. Ambiguitätstoleranz ist auch eine Voraussetzung für die interkulturelle Kompetenz eines Menschen. Studien zufolge korreliert sie nicht mit seinem formalen Bildungsniveau.

Je nach Autor wird die Ambiguitätstoleranz als Persönlichkeitseigenschaft oder als kognitiver und perzeptueller Prozess angesehen.[1]

Wenn Situationen oder Menschen unberechenbar und unkontrollierbar erscheinen, empfinden Menschen mit kaum vorhandener Ambiguitätstoleranz Stress und Unbehagen und tendieren dazu, mit einfachen und unreflektierten Ideen oder Regelsystemen und einer lineareren Denkweise wieder Ordnung und Struktur in ihrem Umfeld herzustellen.

Psychologie und Rollentheorie[Bearbeiten]

Die Psychoanalytikerin und Psychologin Else Frenkel-Brunswik definierte die Ambiguitätstoleranz als eine Fähigkeit eines Individuums, die Koexistenz von positiven und negativen Eigenschaften in ein und demselben Objekt erkennen zu können, und führte das Konzept der Ambiguitätstoleranz als „Basisvariablen in der emotionalen und kognitiven Orientierung eines Individuums gegenüber dem Leben“ ein. Bei ihren Forschungen zur autoritären Persönlichkeit bemerkte sie eine ethnozentrische Voreingenommenheit bei Kindern und stellte außerdem fest, „dass manche Individuen eher dazu befähigt sind, positive und negative Eigenschaften ihrer Eltern zu sehen und Gefühle von Liebe und Hass ein und derselben Person gegenüber ohne allzu große Angst oder Konflikte zu akzeptieren, während andere das Bild der Eltern entweder als ganz und gar gut oder schlecht dramatisierten“. Ihr zufolge ist die Fähigkeit, diese Koexistenz zu erkennen, eine wichtige, emotional-kognitive Persönlichkeitsvariable. Das „Schwarz-Weiß-Denken“ ist nach Frenkel-Brunswik ein Extrem der Ambiguitätsintoleranz.[2] Die Aufrechterhaltung dieses Denkens erfordert ein Verschließen des Individuums gegenüber Realitätsaspekten, die für diese „Lösung“ von Widersprüchlichkeiten eine Bedrohung darstellen. Die Ambiguitätstoleranz dürfe jedoch nicht mit dem weiter gefassten Feld der emotionalen Ambivalenz verwechselt werden, die sie als das gleichzeitige Vorhandensein von auf ein und dasselbe Objekt bezogene liebevolle und hasserfüllte Impulse im Individuum definiert.[3]

Ambiguitätstoleranz als hypothetisches Konstrukt einer Persönlichkeitseigenschaft liegt dann vor, wenn eine Person ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Rollenerwartung und Rollenentwurf gefunden hat und somit Rollenkonflikte tolerieren kann. Für die Person ist es die Fähigkeit, „Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können“.[4] Das setzt jedoch nicht voraus, dass alle Widersprüche aufgelöst wurden (dann wäre ja keine Ambiguitätstoleranz mehr erforderlich). Ambiguitätstoleranz ist somit ein Persönlichkeitskonstrukt, um Widersprüchlichkeiten, Inkonsistenzen oder mehrdeutige Informationslagen in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen und positiv zu bewerten. Nach Stanley Budner[5] ist eine ambiguitive Situation definiert durch das Fehlen von ausreichenden Hinweisen und charakterisiert durch Neuheit, Komplexität und Unlösbarkeit.

Unter dem Gesichtspunkt einer homogenen, globalen Dimension bezieht sich die Ambiguitätstoleranz im Rollenkonzept auf das Verhältnis von gegenseitigen Rollenerwartungen und wechselseitiger Bedürfnisbefriedigung.

Laut Budner sowie MacDonald[6] reagieren ambiguitätsintolerante Personen auf ambiguitive Reize mit psychischem Unwohlsein. Ambiguitätstolerante Personen hingegen tolerieren diese Reize nicht nur passiv, sondern haben sogar ein Bedürfnis danach.

Das Inventar zur Messung der Ambiguitätstoleranz (IMA-40) unterscheidet faktorenanalytisch fünf Dimensionen der Ambiguitätstoleranz bzw. -intoleranz gegenüber unlösbar erscheinenden Problemen, sozialen Konflikten und Rollenstereotypien sowie des Elternbildes und der Offenheit für neue Erfahrungen (Erfahrungswissen). Ist bei einem Menschen die Ambiguitätstoleranz deutlich geschwächt bis nicht vorhanden, spricht man vom so genannten Ambiguitätstoleranz-Defizit-Syndrom (ATDS). Dies betrifft beispielsweise Menschen, die, wenn Reize (Sinne und Empfindungen) nicht richtig gedeutet und durch adäquate Reaktionen beantwortet werden können, unreflektierte Ideen ohne Umsicht und geordnete Planung vorschnell in die Tat umsetzen.

In der Kognitionspsychologie wird das Konstrukt der Ambiguitätstoleranz nicht als ein generelles Persönlichkeitsmerkmal, sondern mehr als ein inhaltliches oder bereichsspezifisches Konstrukt gesehen. Es ist hier mehr ein steuerndes Regulativ der Aufnahme-, Verarbeitungs- und Speicherungsprozesse von Informationen in widersprüchlichen Situationen, um logische Bewältigungsformen von Widersprüchen situationsadäquat einzusetzen. Aus der Toleranz gegenüber einer Ambivalenz kann nicht generell auf eine Toleranz gegenüber allen Gegensätzlichkeiten geschlossen werden. Das heißt, dass aus einer Toleranz von ambivalenten Gefühlen gegenüber Personen nicht unbedingt auch darauf geschlossen werden darf, dass ein Individuum auch tolerant gegenüber ambivalenten Logiken von Organisationsprinzipien ist. Dies betrifft zum Beispiel die Personalentwicklung von Führungskräften. Es wird jedoch vermutet, dass eine Übertragung der Toleranzen von verschiedenen Ambivalenzebenen erlernbar ist.

Transkultureller Kontext[Bearbeiten]

Im transkulturellen Kontext wird unter Ambiguitätstoleranz das Aushalten von Widersprüchlichkeiten und gegensätzlichen Erwartungen verstanden, welche durch kulturell bedingte Unterschiede und mehrdeutige Informationen auftreten können. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz sind auch in neuen, unstrukturierten und schwer kontrollierbaren Situationen fähig, „Abweichungen von gewohnter Normalität oder unerwartete Reaktionen und Handlungen zu akzeptieren, statt als Bedrohung zu empfinden“ und bleiben dadurch handlungsfähig.[7]

Bei Anpassungsprozessen an eine fremde kulturelle Situation kann eine Ambiguitätsintoleranz zu Konfusionen führen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Else Frenkel-Brunswik: Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Perceptual Personality Variable. In: Journal of Personality. 18, 1949, S. 108–143.
  • Jack Reis: Ambiguitätstoleranz. Beiträge zur Entwicklung eines Persönlichkeitskonstruktes. Heidelberg, 1997.
  • Lothar Krappmann: Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen. Stuttgart, 1969.
  • Georg Müller-Christ und Gudrun Weßling: Widerspruchsbewältigung, Ambivalenz- und Ambiguitätstoleranz. Eine modellhafte Verknüpfung. In: Georg Müller-Christ, Lars Arndt und Ina Ehnert (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Widersprüche: Eine Managementperspektive. Lit Verlag, Juli 2007, ISBN 978-3-8258-0614-9, S. 180–197. (PDF; 373 kB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adrian Furnham und Tracy Ribchester: Tolerance of Ambiguity: A Review of the Concept, Its Measurement and Applications. In: Current Psychology: Developmental, Learning, Personality, Social. 14, 1995, S. 179–199.
  2. Frenkel-Brunswik, 1949, S. 115.
  3. Georg Müller-Christ und Gudrun Weßling: Widerspruchsbewältigung, Ambivalenz- und Ambiguitätstoleranz. S. 185.
  4. Friedrich Dorsch: Dorsch Psychologisches Wörterbuch, S. 31.
  5. Stanley Budner: Intolerance of ambiguity as a personality variable. In: Journal of Personality. 30, 1962, S. 29–50. doi:10.1111/j.1467-6494.1962.tb02303.x
  6. A. P. MacDonald: Revised Scale for Ambiguity Tolerance: Reliability and Validity. In: Psychological Reports. 26, 1970, S. 791–798.
  7. Barbara Hatzer und Gabriel Layers: Interkulturelle Handlungskompetenz. In: Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast und Sylvia Schroll-Machl (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation, Band 1: Grundlagen und Praxisfelder. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005, S. 138–148.

Weblinks[Bearbeiten]