Idschtihād

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Idschtihād (arabisch ‏اجتهاد‎, DMG iǧtihād ‚Anstrengung‘) ist ein terminus technicus der islamischen Rechtstheorie, der die Findung von Normen durch eigenständige Urteilsbemühung bezeichnet. Er steht verkürzt für den arabischen Ausdruck idschtihād ar-ra'y, "Bemühung um ein eigenes Urteil".[1] Das Gegenteil von Idschtihād ist Taqlīd ("Nachahmung"). Der Anwender des Idschtihād wird Mudschtahid genannt; zum Teil wird dieser Begriff auch auf die Personen angewendet, die nicht selbst Idschtihād ausüben, sondern nur die Befähigung dazu besitzen.

Rechtfertigung und Inhalt des Idschtihād[Bearbeiten]

Zur Rechtfertigung der Idschtihād-Anwendung wird üblicherweise ein Hadith angeführt, wonach der Prophet, als er seinen Gefährten Mu'ādh ibn Dschabal in den Jemen entsandte, fragte, wie er handele, wenn er ein Urteil fällen müsse. Mu'ādh antwortete ihm darauf, dass er sich zunächst an dem Buch Gottes orientiere; wenn er darin nichts finde, an der Sunna des Propheten; und wenn auch diese nichts enthalte, werde er sich sein eigenes Urteil bilden. Der Prophet billigte diese Antwort. Der Hadith ist unter anderem in dem Musnad von Ahmad ibn Hanbal überliefert. Zwar weist er Lücken im Isnad auf,[2] doch wird er in der sunnitischen Rechtstheorie allgemein als normative Grundlage akzeptiert.[3]

Nach der Herausbildung der verschiedenen Rechtsschulen gab es im sunnitischen Islam die Vorstellung, dass die Möglichkeit eigenständiger Urteilsbildung stark eingeschränkt sei. Gegen Vertreter dieser Auffassung wandte sich der ägyptische Gelehrte Dschalāl ad-Dīn as-Suyūṭī (st. 1505). Er erklärte in einer seiner Schriften, dass der Idschtihād in jedem Zeitalter eine kollektive Pflicht (farḍ kifāya) der Muslime sei, so dass die Umma, solange nicht einzelne Gelehrte dieser Aufgabe nachkommen, insgesamt irregehe.[4]

Frühe muslimische Rechtsgelehrte wie asch-Schāfiʿī setzten den Idschtihād noch völlig mit dem Analogieschluss (Qiyās) gleich. In diesem Fall wurde es als die Aufgabe des Mudschtahid betrachtet, die Ratio legis (ʿilla) zu bestimmen, die dem in Koran oder Sunna beschriebenen Ausgangsfall und dem zu lösenden Zielfall gemeinsam ist.[5] Später wurde angenommen, dass der Idschtihād auch verschiedene Verfahren der Textinterpretation von Koran und Sunna einschließt. Seit al-Ghazali (st. 1111) gibt es die Tendenz, auch dem Prinzip des Gemeinwohls (maṣlaḥa) große Bedeutung im Prozess der rationalen Urteilsfindung zuzumessen.[6] Heutige sunnitische Gelehrte sehen in diesem Prinzip ein unverzichtbares Mittel zur Rechtsfortbildung.[7]

Die erkenntnistheoretische Beurteilung des Idschtihād-Ergebnisses[Bearbeiten]

Angesichts der Tatsache, dass die Idschtihād-Tätigkeit verschiedener Personen Meinungsverschiedenheiten hervorbringt, stellte sich die Frage nach der Stellung der Entscheidungen der verschiedenen Idschtihād ausübenden Gelehrten: trifft ein jeder Mudschtahid die Wahrheit, oder hat nur einer Recht, während die anderen fehlgehen? Der basrische Gelehrte ʿUbaidallāh al-ʿAnbarī (st. 785) stellte den Grundsatz auf: "Wo immer jemand ein selbständiges Urteil fällt, trifft er etwas Richtiges" (kull muǧtahid muṣīb).[8] Die Gelehrten, die sich dieser Ansicht anschlossen, wurden als muṣauwiba ("Für-Richtig-Halter") bezeichnet, die Vertreter der Gegenrichtung als muchaṭṭi'a ("Für-Falsch-Halter").[9]

Unter den muṣauwiba werden allerdings genaugenommen die Vertreter zweier divergierender Auffassungen zusammengefasst. Während die einen meinten, dass es zu einer Frage, zu der ein einschlägiger Text fehlt, mehrere richtige Antworten geben könne, waren andere der Auffassung, dass es nur eine definitiv richtige Antwort gebe, diese jedoch niemand kennen könne, so dass die Urteile aller Mudschtahids für richtig gehalten werden müssten. Letztgenannte erkenntnistheoretische Position, die dem Fallibilismus nahesteht, wird von modernen arabischen Rechtstheoretikern als "muʿtazilitisches Für-Richtig-Halten" (taṣwīb muʿtazilī) bezeichnet, erstere als "aschʿarītisches Für-Richtig-Halten" (taṣwīb ašʿarī).[10]

Idschtihād im Bereich der Schia[Bearbeiten]

Das Konzept des Idschtihād wurde in der frühen Schia zunächst abgelehnt. Abū l-Hasan al-Aschʿarī berichtet in seinem Werk Maqālāt al-islāmīyīn: "Die Rāfiḍiten in ihrer Gesamtheit lehnen den idschtihād ar-raʾy bei den Rechtsbestimmungen (aḥkām) ab und erkennen ihn nicht an."[11] Im Zuge der Übernahme der Rechtsfindungsmethoden des sunnitischen Islam wurde später aber der Idschtihād von den meisten Zwölfer-Schiiten anerkannt.

Eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung des Idschtihād-Konzeptes spielte die sogenannte Schule von Hilla.[12] Die beiden Gelehrten al-Muhaqqiq al-Hillī (st. 1277) und al-ʿAllāma al-Hillī (st. 1325) integrierten das Prinzip in ihre Werke über die "Prinzipien der Rechtsfindung" (uṣūl al-fiqh) und beschrieben es inhaltlich.[13] Im Unterschied zum sunnitischen Islam ist bei den Zwölfer-Schiiten die Anwendung der Vernunft (ʿaql) die grundlegende Form des Idschtihād. Das schließt auch bestimmte Formen der Gewichtung (tardschīh) ein.[14] Allein in der Achbārīya, einer traditionalistisch ausgerichteten Minderheitengruppe innerhalb der Zwölfer-Schia, wird die Anwendung des Idschtihād noch abgelehnt.

Moderne Idschtihād-Diskussionen[Bearbeiten]

Im Verständnis moderner Reform-Muslime wie Irshad Manji oder Abdelwahab Meddeb bedeutet Idschtihad eine undogmatische, vernunftgeleitete Denkweise, die es jedem Muslim erlaube, seine religiöse Praxis im Lichte zeitgenössischer Umstände auf den neuesten Stand zu bringen: "Um Idschtihad zu praktizieren [...] müssen wir nur offen unsere Fragen an den Islam stellen"[15].

Literatur[Bearbeiten]

  • Éric Chaumont: "La Problématique Classique De L'Ijtihâd Et La Question De L'Ijtihâd Du Prophète: Ijtihâd, Waḥy Et ʿIṣma" in Studia Islamica 75 (1992) 105-139.
  • Wael Hallaq: "Was the gate of ijtihad closed?" in International Journal of Middle East Studies 16/1 (1984) 3–41.
  • Birgit Krawietz: Hierarchie der Rechtsquellen im tradierten sunnitischen Islam. Berlin 2002.
  • Rudolph Peters: "Idjtihād and taqlīd in 18th and 19th century Islam" in Die Welt des Islams 20 (1980) 131-145.
  • Abbas Poya: Anerkennung des iǧtihād - Legitimation der Toleranz. Möglichkeiten innerer und äußerer Toleranz im Islam am Beispiel der iǧtihād-Diskussion. Berlin 2003.
  • Lutz Wiederhold: "Das Manuskript Ms. orient. A 918 der Forschungsbibliothek Gotha als Ausgangspunkt für einige Überlegungen zum Begriff 'iǧtihād' in der sunnitischen Rechtswissenschaft" in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 143 (1993) 328–361.
  • Lutz Wiederhold: "Spezialisierung und geteilte Kompetenz — Sunnitische Rechtsgelehrte über die Zulässigkeit von iǧtihād" in Die Welt des Orients 28 (1997) 153–169.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Wael Hallaq: Islamic Legal Theories. An Introduction to Sunni uṣūl al-fiqh. Cambridge 1997. S. 15.
  2. Vgl. Poya 50f.
  3. Vgl. Krawietz 208-9.
  4. Vgl. E.M. Sartain: Jalāl al-Dīn al-Suyūṭī. Vol. I, Biography and background. Cambridge 1975. S. 63
  5. Vgl. Rumee Ahmed: Narratives of Islamic Legal Theory. Oxford 2012. S. 115-128.
  6. Vgl. Poya 84f
  7. Poya 103
  8. Vgl. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. Band II. Berlin-New York 1992. S. 161f.
  9. Poya 123-125.
  10. Vgl. Krawietz 344.
  11. Vgl. Abū l-Ḥasan ʿAlī Ibn Ismāʾīl al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. Istānbūl: Maṭbaʿat ad-daula 1929–1933. S. 53, Z. 4. Hier online verfügbar:http://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/ssg/content/pageview/707695
  12. Vgl. dazu Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt 1988. S. 84-90.
  13. Vgl. dazu Devin J. Stewart: Islamic Legal Orthodoxy. Twelver Shiite Responses to the Sunni Legal System. Salt Lake City 1998. S. 15f.
  14. Vgl. Poya 112-122
  15. Irshad Manji: Der Aufbruch - Plädoyer für einen aufgeklärten Islam, München 2005 (dtv), S. 75