Mehrdeutigkeit

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Wer begeht hier Straftaten? (Schild in Limburg a. d. Lahn)
Unfreiwillig mehrdeutige Zeitungsschlagzeile:
Wer trägt die Clownskostüme?

Von Mehrdeutigkeit oder Ambiguität, die (von lat. ambo: beide, ambiguus: doppeldeutig, mehrdeutig, uneindeutig) spricht man, wenn ein Zeichen mehrere Bedeutungen hat. Bei nur zwei Bedeutungen spricht man auch von Doppeldeutigkeit oder von Zweideutigkeit. Ein Vexierbild zum Beispiel ist mehrdeutig, wenn es als mindestens zwei verschiedene Bilder gedeutet werden kann. Zu den Mehrdeutigkeiten gehören auch die Anspielungen, darunter die Frivolität oder Anzüglichkeit.

Mehrdeutigkeit ist ein Charakteristikum von Zeichen, vor allem von sprachlichen Zeichen. Sie entsteht, wenn ein sprachliches Zeichen auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Sprachliche Zeichen unterschiedlicher Komplexität können mehrdeutig sein: Wortteil (wie die Vorsilbe in Untiefe), Wort, Ausdruck, Wendung, Satz, Äußerung.

Auch soziale Situationen können mehrdeutig oder ambivalent sein (siehe Konflikt). Es ist schwierig, in solchen Situationen Verhalten zu planen oder zu realisieren, da jeder Beteiligte die Situation anders deuten kann. Man kann aber lernen, in ambivalenten Situationen angemessener zu handeln (Verbesserung der Handlungskompetenz).

Sprachliche Mehrdeutigkeit[Bearbeiten]

Bewertung und Schwierigkeiten[Bearbeiten]

Die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen kann ein Mangel sein, den es zu vermeiden oder zu korrigieren gilt. Dies gilt zum Beispiel für Gesetzestexte, wissenschaftliche Arbeiten oder Anwendungen formaler Sprachen.

Sie kann aber auch ein gewollter Effekt und als solcher ein Stilelement sein. Dies gilt zum Beispiel für lyrische Texte, für satirische Texte und für bestimmte psychologische Interventionen. Viele Witze, Kalauer und witzige Äußerungen basieren auf mehrdeutigen Ausdrücken, oft mit sexuell anzüglicher Konnotation. Der Lacher entsteht durch die Auflösung der Ambiguität.

Eines der schwierigsten Probleme bei der automatischen Verarbeitung natürlicher Sprachen ist es, die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen auf eine Interpretation hin aufzulösen. Menschen gelingt dies – ebenso wie die Unterscheidung zwischen gewollter und ungewollter Mehrdeutigkeit – leicht. Sprachverarbeitende Programme der heutigen Generation scheitern oft daran.

Absichtlich mehrdeutige Texte und Äußerungen (Lyrik, Witze, psychotherapeutische Interventionen) lassen sich oft nicht adäquat übersetzen, wenn die Wörter und Satzkonstruktionen in der Zielsprache keine oder andere Mehrdeutigkeiten enthalten als in der Ausgangssprache.

Mehrdeutigkeit lexikalischer Zeichen[Bearbeiten]

Die Mehrdeutigkeit lexikalischer Zeichen korrespondiert mit ihrer Polysemie oder ihrer Vagheit:

  • Durch Ausdifferenzierung im Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks entstehen mehrere Bedeutungen oder Lesarten, z. B. Schimmel (Pferd oder Pilz). Man spricht davon, dass dieser Ausdruck polysem ist.
  • Einige Ausdrücke haben eine Bedeutung, die einer Vielzahl von Interpretationen zulässt. Sprecher, die diese verwenden, müssen sich hierdurch nicht auf eine Bedeutung oder Interpretation festlegen. Beispiele hierfür sind gleich, ein paar. Man spricht davon, dass die durch diese Ausdrücke benannten Begriffe vage sind.

Während die Polysemie von sprachlichen Ausdrücken aufgelöst wird, wenn eine Äußerung vom Adressaten interpretiert wird, ist dies bei Vagheit sprachlicher Ausdrücke nicht unbedingt der Fall.

Mehrdeutigkeiten durch Vagheit sind oft Artefakt der Schriftsprache, da in der gesprochenen Sprache über Intonation eine zusätzliche Strukturinformation transportiert werden kann. Zum Auflösen der lexikalischen Mehrdeutigkeit ist die Syntax oder die Semantik erforderlich. Manche lexikalischen Mehrdeutigkeiten lassen sich nur mit Hinzunahme der Pragmatik auflösen.

Es kann auch soweit gehen, dass zwei Bedeutungen Gegenteiliges aussagen: Das Auto wird das Hindernis umfahren. (Mehrdeutigkeit des lexikalischen Zeichens umfahren)

  1. Das Auto weicht aus und fährt um das Hindernis herum.
  2. Das Auto weicht nicht aus und fährt das Hindernis um.

1916 erkrankte Ravel an der Ruhr. (Mehrdeutigkeit des lexikalischen Zeichens Ruhr)

Da Ruhr sowohl eine Krankheit als auch einen Fluss bezeichnet, wären folgende Möglichkeiten denkbar:

  1. Ravel litt an einer Durchfallerkrankung namens Ruhr.
  2. Ravel erkrankte an einem nicht näher bestimmten Leiden; dies geschah am Fluss Ruhr.

Hier wird jedoch die richtige Bedeutung durch den historischen Zusammenhang geklärt werden, da sich Ravel 1916 an der Front befand, die weit entfernt von der Ruhr lag. Für dieses Beispiel erfolgt die Auflösung der lexikalischen Mehrdeutigkeit Ruhr mittels der Pragmatik.

In die Kategorie "Vagheit" gehören manche absichtlich mehrdeutigen Aussagen vom Typ „Ich gehe davon aus, dass ...“: Wer diese Wendung wählt, lässt offen, ob er befürchtet, behauptet, denkt, den Eindruck gewonnen hat, empfiehlt, erbittet, erwartet oder in solcher Erwartung handelt, feststellt, folgert (schließt), gefasst ist auf, sich gefasst macht auf, handelt als ob, hofft, rechnet mit, schätzt, sich verlässt auf, unterstellt, vermutet, vertraut auf, voraussetzt, für wahrscheinlich hält – oder ähnlich.

Bei der Mehrdeutigkeit von Wörtern wird herkömmlich eine Polysemie von einer Homonymie unterschieden.

Syntaktische Mehrdeutigkeit komplexer Zeichen[Bearbeiten]

Komplexe sprachliche Zeichen sind syntaktisch mehrdeutig, wenn ihnen mehr als eine syntaktische Interpretation zugeschrieben werden kann.

Die Überschrift Eisprinzessin verzaubert lässt die folgenden Interpretationen zu: a) die Eisprinzessin verzaubert andere Personen, zum Beispiel das Publikum; b) die Eisprinzessin ist es, die von einer anderen Person verzaubert wurde. Diese Mehrdeutigkeit lässt sich ohne weitere kontextuelle Hinweise, die zum Beispiel im nachfolgenden Text gegeben werden können, nicht auflösen.

Menschen können meist leicht aus den inhaltlichen Bedeutungen folgern, welche der Möglichkeiten gemeint ist (Schluss von der Semantik auf die Syntax). Sprachverarbeitende Programme scheitern aber oft an dieser Aufgabe. Bei komplexeren Sätzen liefert die syntaktische Analyse oft mehrere Hundert Analysen. Die meisten von ihnen sind höchst unwahrscheinlich, werden aber durch die zugrunde liegende Grammatik gedeckt.

Eine syntaktische Mehrdeutigkeit ergibt sich auch aus der Form „Nominalisierung + Bezug + Substantiv“.

  • Das Fühlen der Hand…
    1. Das Gefühl des Menschen für seine Hand
    2. Das Gefühl, das die Hand empfindet
  • Das Riechen des Hundes… (bzw. Der Geruch des Hundes…)
  • Das Feiern der Mannschaft…
  • Das Fahren des Autos…

Alternativ geht die Konstruktion „Substantiv im Plural + Verb im Infinitiv“:

  • wilde Tiere jagen (Jagen hier Jäger wilde Tiere oder jagen wilde Tiere ihre Beute?)
  • Plakate kleben (Kleben Plakatkleber Plakate an Plakatsäulen oder kleben Plakate durch die Kraft von Plakatkleber an der Säule?)
  • manche Tiere riechen gut
  • Flugzeuge fliegen, Schiffe segeln, Autos fahren

Spezifisch deutsch sind zusammengesetzte Substantive, wobei das erste manchmal im Plural steht und das zweite ein nominalisiertes Verb ist. Dabei bleibt unklar, ob das Verb aktiv oder passiv gebraucht ist.

  • Das Bauernopfer (Wird der Bauer geopfert oder bringt er ein Opfer?)
  • Der Mauerfall (Fällt die Mauer oder fällt etwas oder jemand von der Mauer?)
  • Der Fenstersturz (Stürzt ein Fenster oder stürzt etwas oder jemand aus einem Fenster?)
  • Der Bocksprung (Springt jemand über den Bock oder springt der Bock selbst?)

Eine weitere Konstruktion ist ein Substantiv und noch ein anderes, das es ergänzt, ergänzt um ein geeignetes Verb. Das funktioniert mit sächlichen und weiblichen Substantiven (immer beide gleich!) und mit Substantiven im Plural.

  • Die Entdeckungen, die die Erfindungen bewirken.

Geeignete Verben sind beispielsweise (sich) mögen, lieben oder hassen, (sich) stärken oder schwächen und (das Andere) erweitern, beschränken oder ergänzen.

Semantische Mehrdeutigkeit komplexer Zeichen[Bearbeiten]

Manchen komplexen Zeichen können mehrere Bedeutungen zugeordnet werden. Der Unterschied in der Bedeutung kann mit der Mehrdeutigkeit einzelner lexikalischer Zeichen oder mit der syntaktischen Mehrdeutigkeit des Satzes korrespondieren (Beispiel 2), muss dies aber nicht (Beispiel 1)

  1. Jeder Mann liebt eine Frau.
    1. Jeder Mann liebt mindestens eine Frau. (Übliches Verständnis des obigen Satzes durch Mathematiker)
    2. Jeder Mann liebt genau eine Frau. (Sonderfall des vorigen Falles)
    3. Alle Männer lieben dieselbe Frau. (Sonderfall des vorigen Falles)
    4. Es gibt genau eine Frau, und alle Männer lieben sie. (Sonderfall des vorigen Falles)
  2. Ein Junggeselle ist ein Mann, dem zum Glück noch die Frau fehlt.
    1. Er wäre glücklich, wenn er eine Frau hätte.
    2. Er kann sich freuen, dass er noch keine Frau hat.

Im zweiten Beispiel liegt die syntaktische Mehrdeutigkeit darin begründet, dass das Adverbial zum Glück entweder die Verbalphrase (erste Lesart) oder den ganzen Satz (zweite Lesart) modifiziert. – Man kann (viel einfacher) die Doppeldeutigkeit der Wendung „zum Glück“ („glücklicherweise“ oder „zum Glücklichsein“) als ursächlich ansehen.

Phonologische Mehrdeutigkeit[Bearbeiten]

Von phonologischer Mehrdeutigkeit (Homophonie) spricht man, wenn Wörter oder Wortfolgen mündlich ausgesprochen gleich klingen.

Beispiele:

  • Der Tänzer soll die Tänzerin fair führen. / Der Tänzer soll die Tänzerin verführen.
  • Sicherheitsventil / Sicherheizventil
  • Frucht-Bar / fruchtbar
  • Ich bin neugierig und gefräßig. / Ich bin neu, gierig und gefräßig.
  • Er hat in Havanna liebe Genossen,… / Er hat in Havanna Liebe genossen.
  • Der Gefangene floh. / Der gefangene Floh / Der Gefangene [namens] Floh

Phonologische Ambiguitäten gibt es nicht nur in der Standardsprache:

Bereichsmehrdeutigkeit[Bearbeiten]

Von einer Bereichsmehrdeutigkeit (Skopusambiguität) spricht man, wenn man aus dem linguistischen Zusammenhang nicht schließen kann, auf welchen Bereich sich ein Wort oder eine Wortfolge bezieht.

Beispiele:

  • Zeichnen Sie ein Bild von sich, nackt.
    1. Der Zeichner soll beim Zeichnen nackt sein.
    2. Der Zeichner soll auf der Zeichnung nackt gezeichnet werden.
  • Betrachte dich als Kind.
  • Alte Männer und Frauen…
  • Peter fuhr seinen Freund sturzbetrunken nach Hause.
  • Ich traf den Sohn des Nachbarn mit dem Gewehr.

Interpunktionsambiguität[Bearbeiten]

Setzt man zwei syntaktisch und semantisch korrekte Sätze in der Form xy + yz ⇒ xyz zusammen, so ergibt sich eine syntaktisch fehlgeformte Satzkonstruktion, die man als Interpunktionsambiguität bezeichnet, obwohl hier gar keine Mehrdeutigkeit vorliegt. Solche Anakoluthen eignen sich hervorragend zur Induktion von Trancephänomenen.

Beispiele:

  • (xyz) Richte deine Aufmerksamkeit auf die Decke dich gut zu.
    zusammengesetzt aus
    1. (xy) Richte deine Aufmerksamkeit auf die Decke.
    2. (yz) Decke dich gut zu.
  • Dabei spürst du die Wärme unter der Decke entspannt dich weiter.
  • Unsere Zeit wird heute sicher reichen Sie mir bitte das Glas.
  • Sie werden dieses Kapitel abschließen Sie langsam die Augen.

Solche nicht mehrdeutigen Zusammensetzungen gibt es auch als Wörter: Gemeindevorsteherdrüsenentzündung.

Orthografische Ambiguität[Bearbeiten]

Manche Buchstabenfolgen können als unterschiedliche Wörter verstanden werden. Ohne gesprochenes Äquivalent und ohne den Kontext eines Satzes ist unklar, was gemeint ist:

Beispiele:

  • Wachstube: die Stube einer Wache oder eine Tube, in der Wachs aufbewahrt wird; (Bei Benutzung des ſ entsteht Eindeutigkeit)
  • Gelbrand: gelber Rand oder Brand eines Gels;
  • Tonerkennung: die Kennung eines Toners oder das Erkennen von Tönen;
  • Lachen: mehrere Pfützen oder eine menschliche Lautäußerung wie Gelächter;
  • Druckerzeugnis: Gedrucktes oder Zeugnis für einen Drucker.
  • in Massen: mäßig oder massenhaft (nur in der Schweiz, mit ß entsteht Eindeutigkeit)

Solche Mehrdeutigkeiten werden gerne für Kreuzworträtsel und ähnliche Rätsel genutzt. (Dieser Satz ist selbst syntaktisch mehrdeutig; die Mehrdeutigkeiten könnten es gern haben, genutzt zu werden.)

Pseudoambiguität[Bearbeiten]

Während der Analyse eines Satzes eröffnen sich mehrere Möglichkeiten der Interpretation, die am Ende des Satzes aber auf eine einzige reduziert werden.

… dass der Entdecker von Amerika erst im Jahre 1850 erfuhr.

Am Ende des Satzes wird klar, dass das Verb erfahren ein Objekt benötigt. Der einzige noch in Frage kommende Satzteil ist Amerika. Also muss die bisher aufgebaute grammatische Struktur umgeworfen und neu aufgebaut werden. Solche Mehrdeutigkeiten führen die Rezipienten in die Irre und sollten vermieden werden, wenn sie nicht Teil eines Sprachspiels sind. Sie heißen Holzwegsätze, Ludwig Reiners spricht von falschem Zwischensinn. (Im Englischen nennt man sie garden path sentences.)

Pragmatische Mehrdeutigkeit[Bearbeiten]

Einer Äußerung, die syntaktisch und semantisch eindeutig ist, können in einem Sprechakt mehrere Bedeutungen zugeordnet werden. So kann die Äußerung:

Das ist aber kalt hier.

mit den folgenden Sprechakten verbunden sein:

  • Feststellung: Der Sprecher sagt etwas über die relative Temperatur am Ort aus.
  • Aufforderung: Der Sprecher möchte, dass ein Zuhörer ein Fenster schließt, die Heizung anstellt, etc.
  • Klage über einen als negativ empfundenen, aber nicht zu ändernden Zustand.

Mehrdeutigkeiten dieser Art werden in der Sprechakttheorie betrachtet, insbesondere im Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun, wonach jede Aussage vier Aspekte hat:

  • Sachseite: Aussage über exakte Fakten, frei von Wertungen;
  • Selbstoffenbarung: Aussage über eine subjektive Interpretation der Aussage bezüglich der aussagenden Person;
  • Beziehungsseite: Aussage bezüglich des Gesprächspartners und der Beziehung zu ihm;
  • Appell: Aufforderung.

Die vier Seiten anhand des obigen Beispiels:

  • Sachseite: Die Temperatur wird von der aussagenden Person als kühl empfunden.
  • Selbstoffenbarung: „Ich bin sensibel.“
  • Beziehungsseite: „Du siehst ja nicht einmal, dass ich friere!“
  • Appell: „Bitte drehe die Heizung etwas höher.“

Narrative (literarische) Ambiguität[Bearbeiten]

In ihrer Dissertation The Concept of Ambiguity, the Example of James (1977) definiert Shlomith Rimmon Ambiguität als Konjunktion exklusiver Disjunktionen – einfacher gesagt: das Nebeneinander von Möglichkeiten, die einander ausschließen. Sie unterscheidet dabei zwischen verbaler und narrativer Ambiguität. Wenn ein sprachlicher Ausdruck unterschiedliche Bedeutungen umfasst, die einander ausschließen, spricht sie von verbaler Ambiguität. Auf höherer Ebene ist die narrative Ambiguität angesiedelt. Der Prozess des Lesens, so Rimmon, umfasst das Sammeln von Daten und das Bilden von Hypothesen. Wenn beim Lesen mehr als eine Hypothese entsteht und diese einander ausschließen, handelt es sich um einen Fall narrativer Ambiguität. – In ihrer Analyse von Erzählungen wie „The Figure in the Carpet“ oder „The Turn of the Screw“ arbeitet Rimmon heraus, wie James die Fährten für zwei gleichwertige, einander widersprechende Leseweisen ausgelegt hat (Gibt es das Muster im Teppich oder den Schlüssel im Werk? Gibt es Geister oder gibt es sie nicht?).

Eine anschauliche Analogie zur literarischen Ambiguität sind Vexierbilder wie der Necker-Würfel: Bilder, die zwar mehr als eine Perspektive enthalten, welche aber nicht gleichzeitig, sondern immer nur alternierend betrachtet werden können.

Doppeldeutigkeit im Sinne einer Koexistenz von Antinomien ist der Kern von Thomas Manns Kunstauffassung. Am 13. Oktober 1953 hält er im Tagebuch fest: «Heitere Ambiguität im Grunde mein Element.» Sein heiterer Ironiebegriff toleriert Konflikte und versöhnt das Entweder-oder zu einem Sowohl-als auch. Dieses Geltenlassen bedeutete ihm Objektivität: «Ironie aber ist immer Ironie nach beiden Seiten hin».[1]

Mehrdeutigkeit in sozialen und psychologischen Situationen[Bearbeiten]

Soziale Situationen können mehrdeutig sein. Man spricht dann z. B. von einer Konfliktsituation, die Betroffene (für sich) lösen müssen. Konfliktsituationen können mehr oder weniger komplex sein, d. h. auch: Der Schwierigkeitsgrad kann unterschiedlich ausgeprägt sein. In mehrdeutigen Situationen zu handeln, muss erlernt werden. Die Mehrdeutigkeit ergibt sich aus Anreizen, die entgegengesetzt (widersprüchlich) wirken. Das Individuum ist dann oft nicht in der Lage, Anreize so zu deuten oder zu bewerten, dass sich ein sinnvolles und für das Individuum vorteilhaftes Handeln ergibt. Die unreife oder wenig professionelle Variante zu handeln ist, aus der Situation zu fliehen, etwa vor einem (oder jedem) Konflikt wegzulaufen. Die kompetente Handlungsweise wäre demnach, die Bedingungen der Situation zu reflektieren und den Konflikt zu bearbeiten.

Zur angemessenen Lösung solcher Situationen muss vorausgegangen sein, dass die Situation möglichst präzise wahrgenommen und bewertet worden ist (kognitiver Aspekt). Betroffene müssen solche Situationen auch aushalten können, wenn sie den Anspruch haben, eine befriedigende Lösung zu finden (emotionaler oder affektiver Aspekt). Fluchtverhalten z. B. wäre keine angemessene Lösung. Ferner erwartet man ein gewisses Ausmaß an Kompetenz, um eine Situation bewältigen zu können (Handlungsaspekt). Untrainierte Beteiligte neigen zu Verhaltensweisen, die der Situation nicht gerecht werden.

Personen, die sich beruflich mit sozialen Situationen auseinandersetzen müssen (Erzieherin, Lehrer, Berater, Ausbilder usw.), kann man empfehlen, entsprechende Kompetenzen zu entwickeln (Ausbildung, Fortbildung), die es ihnen ermöglichen, soziale Situationen so zu gestalten, dass sie für alle Beteiligten erfolgreich werden. Das heißt in der Regel: Gestaltung sozialer Situationen, um gesellschaftlich relevante Lernprozesse in Gang zu setzen oder zu erhalten. Die Regulierung ambivalenter Gruppenprozesse erfordert eine Kompetenz, die man lernen kann, wenn man z. B. in Gruppen entsprechend und reflektierend tätig ist.

Bei bestimmten psychologischen Interventionen können mehrdeutige Formulierungen helfen. Hier ist ein Beispiel für eine Tranceinduktion mit zwei Bereichsambiguitäten:

  • „…wie bald werden Sie vollständig erkennen, dass Sie hier bequem sitzen, den Klang meiner Stimme hören (,) und in eine tiefe Trance gehen, gerade so schnell, wie Ihr Unterbewusstsein das will.“ (Bereichsambiguitäten: Worauf bezieht sich „vollständig erkennen?“ Und worauf „gerade so schnell…“?)

Humorige Mehrdeutigkeit, manchmal unfreiwillig[Bearbeiten]

(Die Erläuterungen sind für Leser mit Deutsch als Fremdsprache bestimmt.)

Syntaktisch mehrdeutige Sätze und Komposita[Bearbeiten]

Doppeldeutige Bezüge[Bearbeiten]

  • Man kann Wasser trinken, man kann es auch lassen.
    (man kann Wasser lassen oder das Trinken bleiben lassen)
  • „China lässt die meisten Menschen hinrichten“[2]
    (die meisten Menschen im Lande oder mehr Menschen, als andere Regierungen hinrichten lassen?)
  • Alte Mönchsregel: Wenn deine Augen eine Frau erblicken, schlage sie nieder.
    (Das Wort „sie“ bezieht sich syntaktisch auf das Subjekt des Satzes, also „die Augen“, nach der üblichen Betonung aber auf „die Frau“; diese syntaktische Doppeldeutigkeit ist nur möglich, weil das Wort „sie“ semantisch ein Femininum im Singular oder einen Plural bezeichnen kann.)
  • „Frankreich fragt sich, ob Hollande vom Schwarzgeld seines Haushaltsministers nichts gewusst haben kann“[3]
    War es unmöglich, dass er etwas wusste, oder war es möglich, dass er nichts wusste?

Dasselbe Wort in verschiedenen Wortarten[Bearbeiten]

  • „Alleen sind nicht gefährlich – Rasen ist gefährlich“[4] (Grünfläche oder schnelles Fahren?)
  • Ist das sicher genug? (Reicht die Menge ganz bestimmt aus? oder Ist kein Unfall möglich?)
  • „Wohl aber geben Honeckers Zeilen [...] Einblick in die Beurteilungswelt, in der sich der lange erste Mann der DDR [...] eingerichtet hatte.“ („lange“: langjährig oder körperlich groß?)[5]

Dasselbe Wort in verschiedenen Kasus[Bearbeiten]

Der Bezug des Verbs zu Subjekt und Objekt ist doppeldeutig: Subjekt, Prädikat, Objekt oder Objekt, Prädikat, Subjekt? Wer wen?

Verschiedene Zusammenfassung ergibt verschiedenen Sinn[Bearbeiten]

Die deutsche Sprache ist nicht assoziativ.
  • „Der brave Mann denkt an sich
    selbst zuletzt.“
    (Schiller, Wilhelm Tell: erst zuletzt an sich selbst oder sogar zuletzt [nur] noch an sich selbst?)
  • „Debatte über die Jugendkriminalität im Bundestag. Hamburgs Justizsenator verteidigt sich!“[8]
    (Jugendkriminalität im Bundestag oder Debatte im Bundestag?)
  • Mädchenhandelsschule (Mädchenhandel?)
  • Bauernleberwurst (Bauernleber?)

Doppeldeutigkeit durch Ellipse[Bearbeiten]

  • „Zwar scheiterte er bereits an einer Grundvoraussetzung, nämlich die für die Kandidatur notwendigen 6000 Unterstützungserklärungen beizubringen – doch hätte er sie vorweisen können, wäre sein Wahlvorschlag von der Wahlbehörde gewiss unter Berufung auf die seit 1919 geltenden ‚Habsburger-Gesetze‘ abgelehnt worden.“[9]
    (gemeint sein dürfte „doch wenn er sie hätte vorweisen können, dann wäre sein Wahlvorschlag ...“,
    aber möglich ist auch: „doch hätte er sie dann vorweisen können, wenn sein Wahlvorschlag [...] abgelehnt worden wäre“.)

Doppeldeutigkeiten wegen der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996[Bearbeiten]

  • Viele Menschen fürchten nicht geliebt zu werden.
    (Man darf jetzt das klärende Komma vor oder hinter „nicht“ weglassen. Vergleiche „Eats, Shoots & Leaves“ für das Englische.)

Phonetisch mehrdeutige Sätze[Bearbeiten]

Bei jedem dieser Beispiele hängt nicht nur die Schreibung, sondern auch die syntaktische Struktur von der Deutung ab.
  • Lieber ARM dran als Arm ab. (Arm dran oder arm dran)
  • Er hat in Havanna LIEBE GENOSSEN. (liebe Genossen oder Liebe genossen)
  • Hast du schon einmal TOTE FLIEGEN gesehen? (tote Fliegen oder Tote fliegen)
  • Männer standen an den Hängen und PIS(S)TEN.

Semantisch mehrdeutige Sätze[Bearbeiten]

Bildliche Bedeutung neben wörtlicher[Bearbeiten]

  • Ein Chirurg zum anderen: „Ich schneide bei meinen Patientinnen ganz gut ab.“[10]
    (ich bin beliebt oder ich schneide viel weg)
  • UNHCR lässt Roma und Sinti hängen“[11]
    (lässt warten oder lässt aufhängen)
  • Wer anderen allzu tief in den Hintern kriecht, muss sich nicht wundern, wenn er ihnen zum Halse heraushängt.
    (Übertragene Bedeutung: Wer dienert, wird leicht lästig.)
  • Was ist der Unterschied zwischen Knete und Kohle? Kohle ist das, was man braucht, damit der Schornstein raucht, aber mit Knete kann man gestalten.
    (Knete und Kohle stehen umgangssprachlich für Geld, und der Schornstein raucht, wenn man das Nötige zum Leben hat.)

Doppeldeutigkeiten wegen der Rechtschreibreformen ab Juli 1996[Bearbeiten]

Durch neu zugelassene, wahlfreie Getrenntschreibungen, die z.T. vorher als veraltet galten, entsteht das Gegenteil der phonetischen Mehrdeutigkeit: Manche Sätze werden schriftlich mehrdeutig und sind nur gesprochen – durch Betonung – eindeutig. Die möglichen Bedeutungen werden also nicht mehr durch die Schreibweise unterschieden. Das mag geringfügig bequemer für den Schreiber sein, ist aber eine Erschwerung fürs Lesen. Wer vorliest, muss nun erst aus dem Zusammenhang die Bedeutung erschließen und danach die Betonung bestimmen. „Einer muss sich quälen, der Schreiber oder der Leser“, sagt Wolf Schneider. In der Praxis wird diese Schwierigkeit noch dadurch verschärft, dass Laien nach einem Blick in den Duden die Schreibweisen als synonym und äquivalent oder gar die getrennte Schreibung als alleingültige missverstehen.
  • Eine Hand voll Teeblätter mit kochendem Wasser übergießen.
    (Wer möchte dafür seine Hand hinhalten? – „Eine Handvoll“ als ungefähre Mengenangabe wird auf Hand betont. „Eine Hand voll“ mit der Bedeutung Hand mit Inhalt hat etwa gleichen Ton auf Hand und voll.)
  • Er ist ein viel versprechender junger Politiker.[12]
    (Früher schrieb man für Hoffnung weckend nur „vielversprechend“, „viel versprechend“ dagegen nur für viele Versprechungen machend.)
  • „Die finanzielle Situation von Langzeitarbeitslosen soll verbessert werden. [...] Selbst genutzte Immobilien sollen nicht mehr angerechnet werden.“[13]
    (Selber genutzt oder Sogar?)
  • Er hat das Radio kaputt gekriegt.
    (Hat er es kaputtgekriegt [durch Fummeln beschädigt, Ad-hoc-Kompositum nach Bedarf] oder schon in defektem Zustand bekommen?)
  • "Hallo, Chefchen!" - Der so genannte General verließ wutschnaubend den Raum.
    (Ist es der sogenannte General, der eigentlich keiner ist, oder verläßt der General den Raum, weil so so, nämlich "Chefchen", genannt wurde?)
  • Ich möchte wissen, wie viele Leute hier leben.
    (Möchte ich wissen, wie sie leben, die vielen Leute, oder möchte ich wissen, wieviele Menschen hier leben, d.h. ihre Anzahl?)
  • Das dürfte allen wohl bekannt sein.
    (Ist es allen „wohlbekannt“, d.h. sehr bekannt, oder „vermutlich bekannt“?)

Weitere Mehrdeutigkeiten ergeben sich aus der Abschaffung früherer Schreibungen sowie aus der Einführung der Großschreibung einiger Nicht-Nomen:

  • Schillers berühmtes Gedicht wurde amtlicherseits geändert in: „Es lagerten sich die gräulichen Katzen“.
    (Schiller meint die greulichen [= gräßlichen] Katzen, nicht die gräulichen [graufarbigen] Katzen. Das Wort mit „eu“ ist amtlicherseits verboten, wird aber z.B. von F.A.Z. noch verwendet. In Schuldiktaten gilt es als Fehler.)
  • Im Allgemeinen sind wir weitergekommen, aber an den Einzelheiten müssen wir noch arbeiten.
    (Sind wir allgemein [adverbial] weitergekommen, oder sind wir mit dem Allgemeinen weitergekommen? Unreformiert wird die erste Variante klein geschrieben, da es sich nicht um ein substantiviertes Adjektiv handelt. Die Kleinschreibung ist amtlich verboten, wird jedoch von der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) empfohlen.)
  • Wir haben den Haufen fast sortiert, aber im Übrigen ist noch Essbares zu finden.
    (Ist übrigens [adverbial] noch etwas zu finden, oder ist in dem Übrigen noch etwas? Unreformiert wird die erste Variante klein geschrieben, da es sich nicht um ein substantiviertes Adjektiv handelt. Die Kleinschreibung beim adverbialen Gebrauch ist amtlich verboten, wird jedoch von der SOK empfohlen.)
  • Soll ich ihn als Nächsten ansehen?
    (Ist er der nächste in der Reihe der anzusehenden Personen, oder soll ich ihn im neutestamentlichen Sinne als „meinen Nächsten“ ansehen? Unreformiert ist dies problemlos unterscheidbar, da „als nächster“ als Reihenfolge klein geschrieben wird.)

Mehrdeutige Wörter oder Wendungen sonst[Bearbeiten]

Diese ist das Mittel der meisten Satiren, Witze und Kalauer. – Hierher gehören auch Sätze mit Wörtern, die entgegengesetzte Bedeutungen haben können, darunter „bedingen“ (voraussetzen oder zur Folge haben), „sanktionieren“ (billigen oder mit Strafe belegen). Siehe auch Juristische_Fachsprache#Abweichungen_von_der_Standardsprache.
  • Ein Fräulein ist eine Frau, der zum Glück der Mann fehlt.
    (zum Glück kann zum Glücklichsein oder glücklicherweise bedeuten)
  • Fluggäste ärgern sich über Gebühr.
    (über eine neue Gebühr oder mehr, als sich gebührt?)

Eine Bedeutung beabsichtigt, eine andere steht da[Bearbeiten]

Dieser Abschnitt ist eine Zugabe; die Sätze sind nicht im engeren Sinne mehrdeutig.
  • „Wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung darf ein Abgeordneter nur mit Genehmigung des Bundestages zur Verantwortung gezogen oder verhaftet werden, es sei denn, daß er bei Begehung der Tat oder im Laufe des folgenden Tages festgenommen wird.“
    (Artikel 46 Absatz 2 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Darf ein Abgeordneter am Abend des Tattages etwa nicht festgenommen werden?)
  • Überschrift: „Bis 2015 soll niemand mehr an Malaria sterben“; Textbeginn: „Jede Minute stirbt in Afrika ein Kind an Malaria.“ [14]
    (Gemeint ist: Bis 2015 soll erreicht werden, dass danach niemand mehr an Malaria stirbt.)
  • „Hier dürfen Sie Ihren Hund frei laufen lassen. Alle anderen Wege und Flächen dürfen nur mit kurz angeleinten Hunden betreten werden.“
    (Schild an der Hundewiese in der Rheinaue Bonn zur Bundesgartenschau 1979: Darf man ohne Hund in die Rheinaue?)
  • „Er starb an vergifteten Feigen, die er besonders gerne aß.“[15]
    (Er aß Feigen gern, natürlich keine vergifteten.)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Matthias Bauer, Joachim Knape, Peter Koch, Susanne Winkler: Dimensionen der Ambiguität. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 158 (2010), S. 7-75 (mit ausführlichen Literaturangaben)
  • René Ziegler: Ambiguität und Ambivalenz in der Psychologie. Begriffsverständnis und Begriffsverwendung. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 158 (2010), S. 125-171

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mehrdeutigkeit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Ambiguität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Mehrdeutigkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Betrachtungen eines Unpolitischen (1918), S. 592
  2. Überschrift im General-Anzeiger (Bonn) am 24. März 2009
  3. Michaela Wiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. April 2013, Seite 2, Untertitel
  4. Warnschild an Landstraßen im Land Brandenburg; dort steht „rasen“ regelwidrig mit kleinem r, damit die Aussage eindeutig wird
  5. Ulrich Lüke, General-Anzeiger (Bonn), 16. Februar 2012, Seite 4
  6. Dachzeile in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 22. Januar 2008, Seite 33
  7. Frage laut Focus 51/2009 Seite 21 an Philipp Rösler, Jahrgang 1973: Hat dieser schon 1989–1990 die Weltpolitik mitbestimmt?
  8. Untertitel in der FAZ vom 17. Januar 2008, aufgespießt von Professor Eugen N. Miller, Uljanowsk an der Wolga, Russland
  9. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Juni 2011, Seite 6
  10. Gefunden in der Psychosozialen Umschau
  11. die tageszeitung (taz), Überschrift am 13. November 1990
  12. Gefunden in der Deutschen Sprachwelt
  13. General-Anzeiger (Bonn) vom 15. Oktober 2009 Seite 1
  14. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. April 2012, Seite 7
  15. Plakat mit Bildern aller Päpste mit Kurzbiographien, deutsche Fassung (die italienische Fassung ist in Ordnung), etwa 1987, Verlag Memmo Caporilli, Rom, über Benedikt XI., gestorben 1304