Bakterielle Vaginose

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Klassifikation nach ICD-10
N76.0 Bakterielle Vaginose
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als bakterielle Vaginose (BV, auch als Gardnerellen-Infektion sowie als Aminkolpitis oder Haemophilus-vaginalis-Infektion bezeichnet) wird die untypische Besiedlung der Vagina (Scheide) vor allem mit Anaerobiern bezeichnet, die zu einer Entzündung im Scheidenbereich (einer Kolpitis) führt, aber auch das weibliche äußere Genitale mitbetreffen kann und damit eine Vulvovaginitis bewirkt.

Erreger[Bearbeiten]

Die Vagina einer geschlechtsreifen, gesunden Frau wird von einer großen Anzahl von aeroben und anaeroben Keimen besiedelt. Pro Milliliter Scheidenflüssigkeit sind 100 Millionen bis 1 Milliarde dieser Keime nachweisbar. Überwiegend bestehen diese aus verschiedenen Spezies von Laktobazillen, sog. Döderlein-Bakterien, die als Kommensalen eine Vermehrung meistens in geringer Zahl auch vorhandener fakultativ pathogener, das heißt potentiell krankheitsauslösender Keime verhindern. Bei der bakteriellen Vaginose ist das Gleichgewicht jedoch gestört, so dass in vermehrtem Ausmaß eine sog. Mischflora nachweisbar ist, die aus Gardnerella vaginalis bei über 90 % und anderen Anaerobiern (wie Prevotella, früher: Bacteroides spp., bei 50–100 %, Mobiluncus spp. bei 8–85 %, Peptostreptokokkus bei ca. 30 %) sowie genitalen Mykoplasmen bei 60–90 % der untersuchten Frauen besteht. Etwa 2006 wurde ein neuer Erreger (Atopobium vaginae) beschrieben, der bei bakteriellen Vaginosen nachweisbar und gegen Metronidazol resistent ist.[1]

Epidemiologie[Bearbeiten]

Da einerseits die Hälfte der (z. B. im Rahmen einer Vorsorge) untersuchten Frauen tatsächlich beschwerdefrei ist, andererseits bestehende Symptome oft als Soorkolpitis fehldiagnostiziert und behandelt werden, ist die Anzahl der Frauen mit bakterieller Vaginose nur zu schätzen. Bei US-amerikanischen Frauen wird eine Prävalenz von 10–20 Millionen vermutet. Bei zwei Dritteln der Frauen mit verstärktem Ausfluss kann bei entsprechender Untersuchung eine bakterielle Vaginose nachgewiesen werden.

Da Gardnerella vaginalis wohl im Scheidensekret gesunder, sexuell aktiver Frauen (wenn auch in geringerem Maße) aufgefunden werden kann, andererseits kaum bei Mädchen und Jungfrauen, und auch die Harnröhre der meist symptomlosen männlichen Geschlechtspartner zu 75 % besiedelt ist, kann von einer Übertragung durch den vaginalen Geschlechtsverkehr ausgegangen werden. Die BV ist ein weltweit zu erhebender „Befund“.

Krankheitswert[Bearbeiten]

Aus dem Gesagten folgt, dass eine Besiedlung mit den entsprechenden Keimen noch keinen Krankheitswert an sich hat und die früher übliche Bezeichnung „Amin-Kolpitis“, die auf eine vaginale Entzündung verweist, tatsächlich besser durch den neutraleren Begriff der Vaginose ersetzt werden sollte. Wohl wurde bei einem Nachweis in der Schwangerschaft eine Verbindung zu vorzeitigem Blasensprung, einer erhöhten Frühgeburtenrate und einem niedrigeren Geburtsgewicht der Neugeborenen hergestellt, andererseits konnte dies durch eine prophylaktische Behandlung der BV auch nicht verhindert werden.

Zusammenhänge wurden auch mit Infektionen des oberen Genitaltrakts hergestellt. Deshalb empfiehlt es sich, vor operativen Eingriffen in diesem Bereich, wie Schwangerschaftsabbruch, Einlegen einer Spirale u. a., einen Vaginalabstrich zu veranlassen.

Symptome[Bearbeiten]

Welche Faktoren letztlich für einen Wandel der BV zur bakteriellen Kolpitis entscheidend sind, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Bakterielle Adhäsine und entsprechende Rezeptoren an der Oberfläche der Vaginalepithelzellen sind vermutlich ebenso von Bedeutung wie Art und absolute Menge der vorgefundenen atypischen Keime.

Im Falle einer Erkrankung kommt es nach einer Inkubationszeit von weniger als einer Woche zu einem dünnflüssigen Ausfluss. Seltener sind Beschwerden wie „Trockenheitsgefühl“ (trotz Ausfluss), Juckreiz oder Brennen und eine dadurch bedingte Dyspareunie zu nennen. Tatsache ist, dass der von ansonsten oft symptomarmen Frauen bemerkte „fischartige“ Geruch als äußerst störend empfunden wird.

Das äußere Genitale (die Vulva) ist selten betroffen und die Scheide selbst weist nur leichte Entzündungszeichen auf. Als (jetzt) sexuell übertragbare Erkrankung findet sich auch beim Partner eine zumeist milde und kurzanhaltende Balanoposthitis.

Diagnose[Bearbeiten]

Mit dem Mikroskop kann nach Färbung mit 1%iger Methylenblaulösung bereits bei geringer Vergrößerung (40 x) die Bakterienbesiedlung beurteilt werden. Bei der Untersuchung fallen sog. Schlüsselzellen (engl.: Clue cells) als Hinweis für eine Gardnerella-Infektion und Leukozyten (>10/Gesichtsfeld) auf. Einen Hinweis auf einen Anaerobierbefall (Mobiluncus spp.) liefern die sog. Kommazellen.

Schlüsselzellen sind Zellen der Scheidenhaut (Plattenepithelien vom Intermediärzelltyp), die von dichtgepackten kurzen basophilen Stäbchen bedeckt werden (ein sog. Bakterienrasen). Dadurch erscheinen sie bereits in der Übersichtsmikroskopie dunkelblau. Lactobacillus und Kokken können ein ähnliches Bild verursachen. Der zytologische Befund erlaubt lediglich die Verdachtsdiagnose.

Der Wert der alleinigen mikroskopischen Untersuchung ist jedoch stark in Zweifel zu ziehen.[2][3]

Therapie[Bearbeiten]

Eine symptomatische bakterielle Vaginose wird außerhalb der Schwangerschaft üblicherweise mit den Antibiotika Metronidazol (Tabletten oder Vaginalcreme) oder Clindamycin (Vaginalcreme) behandelt. In der Schwangerschaft sollte Clindamycin erst nach dem ersten Trimenon verordnet werden (dann als orale Therapie); besteht eine Behandlungsindikation im ersten Trimenon, wird Metronidazol eingesetzt.[4]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. C. S. Bradshaw, et al.: The association of Atopobium vaginae and Gardnerella vaginalis with bacterial vaginosis and recurrence after oral metronidazole therapy. In: The Journal of infectious diseases. Band 194, Nummer 6, September 2006, S. 828–836, ISSN 0022-1899. doi:10.1086/506621. PMID 16941351.
  2. A. Schwiertz, D. Taras, K. Rusch, V. Rusch: Throwing the dice for the diagnosis of vaginal complaints? In: Annals of clinical microbiology and antimicrobials. Band 5, 2006, S. 4, ISSN 1476-0711. doi:10.1186/1476-0711-5-4. PMID 16503990. PMC 1395331 (freier Volltext).
  3. W. Mendling, A. Schwiertz: Rezidivierende Infektionen und Frühgeburten durch veränderte Döderlein-Flora? in: Der Frauenarzt. München 2007, 936-939. ISSN 0016-0237
  4. S1-Leitlinie Bakterielle Vaginose in Gynäkologie und Geburtshilfe der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). In: AWMF online (Stand 2013)
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!