Harnröhre

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die männliche Harnröhre des Menschen
(aus Gray’s Anatomy)

Die Harnröhre (lat. Urethra, von griech. Ουρήθρα) ist ein schlauchförmiges Organ des Urogenitaltrakts der Säugetiere. Sie gehört zu den ableitenden Harnwegen und beginnt am unteren Ende der im Becken lokalisierten Harnblase und mündet bei männlichen Vertretern an der Penisspitze auf der Eichel und bei weiblichen im Scheidenvorhof.

Die Harnröhre dient in erster Linie der Ausleitung des Urins aus der Harnblase, bei männlichen Säugetieren zusätzlich der Weiterleitung des Spermas bei der Begattung.

Funktion[Bearbeiten]

Urinierender Elefant: Der Harn wird über die Harnröhre ausgeleitet.

Die Harnröhre dient bei beiden Geschlechtern der Ausleitung und Ausscheidung des Urins, der sich bei den Säugetieren in der Harnblase sammelt und von dort in die Harnröhre abgegeben wird (Miktion).

Bei männlichen Säugetieren dient sie zudem der Weiterleitung der Spermien, die über den Samenleiter (Ductus deferens) in die Harnröhre geleitet werden und gemeinsam mit Sekreten der Prostata und der Bläschendrüse das Sperma bilden. Die Harnröhre des Mannes wird aus diesem Grund auch als Harn-Samen-Röhre bezeichnet.

Im Rahmen der sexuellen Stimulierung spielt die Harnröhre nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings gibt es einige Sexualpraktiken, die manuell oder durch das Einführen von Objekten der Harnröhrenstimulation dienen. Sehr selten ist der Urethralverkehr, bei dem der männliche Penis in die gedehnte weibliche Harnröhre eingeführt wird.

Anatomie[Bearbeiten]

Allgemeiner Aufbau und Muskulatur[Bearbeiten]

Die Harnröhre ist ein häutig-muskulöser Schlauch, der unterhalb der Harnblase aus dieser über das Ostium urethrae internum entspringt und von hier den Beckenboden im Bereich des Diaphragma urogenitale durchtritt. Wie alle harnableitenden Wege (Harnwege) besitzt er ein Urothel (Übergangsepithel). Unter dem Epithel befinden sich elastisches Bindegewebe und ein Blutgefäßgeflecht (Stratum spongiosum). Weiter nach außen folgt glatte Muskulatur und ganz außen wiederum Bindegewebe zur Einbettung in die Umgebung.

Neben der glatten Muskulatur wird die Harnröhre von weiteren Muskelteilen umgeben, die ihre Funktion ermöglichen. Von der Harnblase ziehen Teile der äußeren Längsmuskelschicht des Musculus detrusor vesicae, der als Austreibemuskel der Harnblase fungiert, bis zur Harnröhre und umgeben diese von vorn am Harnblasenhals gemeinsam mit Muskelbündeln des Musculus pubovesicalis, die den hinteren Bereich der Harnröhrenmündung umfassen und gemeinsam den unwillkürlichen Schließmuskel der Harnblase bilden.[1] Dieser wird häufig auch als eigener Schließmuskel der Harnblase (Musculus sphincter vesicae) betrachtet. Im Übergangsbereich von der Blase zur Harnröhre reicht zudem der untere verdickte Winkel des Harnblasendreiecks (Trigonum vesicae) als muskulöses Zäpfchen, Uvula vesicae, von hinten in die innere Harnröhrenöffnung.[2] Von der Rückseite setzen zudem Fasern des Musculus rectovesicalis an der Harnröhre und der Harnblase an.[1]

Der quergestreifte äußere willkürliche Harnröhrenschließmuskel (Musculus urethralis) umgibt mit dem Musculus sphincter urethrae membranaceae die männliche Harnröhre in Spiralschlingen aufsteigend im Bereich der Pars membranacea urethrae,[1] bei weiblichen Säugetieren entspringt er seitlich an der Vagina und bildet eine Schlinge um die Urethra. Er trägt im Zusammenspiel mit der Harnblasenmuskulatur des Harnblasendreiecks (Trigonum vesicae), dem Schließmuskel der Harnblase und dem Musculus detrusor vesicae maßgeblich zum Harnhaltevermögen (Urinkontinenz) und der Miktion bei, wobei auch der Musculus levator ani als Beckenboden beim Harnröhrenverschluß beteiligt sein kann.[1] Die Innervation des Musculus urethralis und des Musculus sphincter vesicae erfolgt durch die Nervi perineales, die dem Nervus pudendus entspringen, während der Musculus detrusor vesicae vom Nervus pelvinus innerviert wird.

Geschlechtsspezifische Anatomie der Harnröhre[Bearbeiten]

Aufgrund ihrer engen Assoziation an die geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgebildeten Genitalorgane ist auch die Harnröhre bei den Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt.

Schematische Schnittdarstellung durch den Unterleib der Frau mit der Position der weiblichen Harnröhre (6)

Die Harnröhre der weiblichen Säugetiere verläuft parallel oberhalb Vagina durch den Beckenboden und mündet an der Grenze von Scheidenvorhof und Vagina in die Vulva. Sie hat bei der Frau eine Länge von etwa 2,5 bis 4 cm. Bei weiblichen Paarhufern liegt im Bereich der Mündung eine blind endende Schleimhautbucht (Diverticulum suburethrale), die das Katheterisieren erschwert.

Schematische Schnittdarstellung durch den männlichen Unterleib mit der Position der männlichen Harnröhre

Bei allen männlichen Säugetieren verläuft die Harnröhre durch die Prostata und den Penis und mündet auf der Eichel. Bei vielen Säugetieren bildet sie auf der Eichel einen zipfelförmigen Fortsatz (Processus urethrae), der besonders beim Schaf sehr lang ist. Beim Mann ist die Harnröhre (Urethra masculina) etwa 20 bis 25 Zentimeter lang. Die Harnröhre ist beim Mann nicht vollständig mit Urothel ausgekleidet. In der Mitte der Pars prostatica, im Bereich des Colliculus seminalis, geht das Urothel in mehrschichtiges hochprismatisches Epithel über. Ein weiterer Epithelübergang findet in der Fossa navicularis zu mehrschichtigem, unverhornten Plattenepithel statt.

Die Harnröhre der männlichen Säugetiere und des Mannes wird in folgende Abschnitte unterteilt:

Bezeichnung bei Säugetieren Bezeichnung beim Mann
Pars pelvina (Beckenteil) mit Pars praeprostatica (Teil vor der Prostata) Pars praeprostatica (von der Harnblasenwand bis zur Prostata) (1–1,5 cm): Sie wird vom Musculus sphincter urethrae internus umfasst.
Pars prostatica (Prostataabschnitt) Pars prostatica (Prostataabschnitt) (3–4 cm)
Pars postprostatica mit Musculus urethralis Pars membranacea (Beckenbodenteil) (1 cm): An dieser Stelle wird sie vom Musculus urethralis umgeben. Hier befindet sich zudem der Isthmus urethrae (Engstelle vor dem Eintritt in den Penis)
Pars penina (Penisteil) Pars spongiosa (Teil im Harnröhrenschwellkörper des Penis) (ca. 20 cm): Kurz vor der Mündung erweitert sich die Harnröhre (Fossa navicularis urethrae, Schiffergrube) und verengt sich dann zur äußeren Mündung (Ostium urethrae externum) hin zu einem Spalt.

Die Geschlechtsunterschiede in der Länge der Harnröhre haben auch medizinische Konsequenzen: Die kürzere Harnröhre der weiblichen Individuen bedeutet, dass hier die Gefahr einer Blasenentzündung und einer Harninkontinenz höher ist. Dafür ist im Fall von Harninkontinenz der Einsatz von Harnröhrenstöpseln möglich. Bei männlichen Individuen erschwert die Länge der Harnröhre die Verwendung eines Katheters und begünstigt das Festsetzen von Nierensteinen.

Evolutive und ontogenetische Entwicklung[Bearbeiten]

Die Harnröhre ist ein Organ, das sich gemeinsam mit der Harnblase ausschließlich bei den Säugetieren entwickelt hat, während andere Wirbeltiere wie Vögel oder Reptilien über eine Kloake verfügen.[3]

Embryonal entstehen die Harnblase und die Harnröhre aus dem bauchseitigen Abschnitt der Kloake, dem Sinus urogenitalis. Dieser Sinus, zu deutsch „Höhle”, hat drei Etagen, aus denen sich bei männlichen und weiblichen Säugetieren die ableitenden Harnwege entwickeln. Aus dem oberen Abschnitt entsteht die Harnblase, aus dem mittleren entwickelt sich die Harnröhre der weiblichen Säugetiere. Bei männlichen Säugetieren bilden sich daraus nur die Abschnitte der Harnröhre, die in der Prostata liegen und durch die Beckenbodenmuskulatur treten. Der Abschnitt im Penis geht aus der unteren Etage des Sinus urogenitalis hervor: Während dieser bei weiblichen Säugetieren den Scheidenvorhof bildet, wächst er bei der Penisentwicklung mit und wird von den Harnröhrenschwellkörper umschlossen.[4][3]

Bei einigen Säugetieren, etwa bei Hunden, liegt oberseits der Harnröhre zudem ein Penisknochen.

Untersuchung der Harnröhre[Bearbeiten]

Zur medizinischen Untersuchung der Harnröhre gibt es unterschiedliche direkte und indirekte Methoden. Eine einfache Methode, etwa um Verletzungen zu identifizieren, ist die Abtastung (Palpation). Die Harnröhrensondierung erfolgt mittels einer Sonde oder eines Endoskops, das in die Harnröhre eingeführt wird.

Zu den bildgebenden Verfahren gehören die Urethrographie, also die Röntgenkontrastdarstellung der Harnröhre mit Hilfe eines Kontrastmittels, um Harnsteine, Fremdkörper, Verengungen, Fehlbildungen, Tumore und andere Auffälligkeiten zu identifizieren.

Indirekte Untersuchungen zum Nachweis von Infektionserregern können über einen Harnröhrenabstrich, also der Entnahme einer Tupferprobe, oder der Untersuchung des Urins erfolgen.

Fehlbildungen, Erkrankungen und Verletzungen[Bearbeiten]

Fehlbildungen, Erkrankungen und Verletzungen können die Harnröhre aller Säugetiere betreffen, wobei vor allem die Infektionen unterschiedlich sind und unterschiedliche, teilweise artspezifische, Erreger als Auslöser in Frage kommen. Die folgenden Darstellungen sind vor allem auf den Menschen bezogen, können jedoch entsprechend auf andere Säugetiere übertragen werden.

Angeborene Fehlbildungen[Bearbeiten]

Hypospadie: Harnröhre endet unterhalb der Eichel und hat eine zweite Öffnung am Penisschaft (Fistel), durch die der Urin ebenfalls läuft.

Wie bei anderen Organen können auch die ableitenden Harnwege und direkt die Harnröhre von Fehlbildungen betroffen sein, die sich während der frühkindlichen Entwicklung aufgrund verschiedener Faktoren ausbilden. Alle Fehlbildungen der Harnröhre werden, wenn sie Beschwerden bereiten, operativ behandelt und korrigiert.[5]

Bei der Obliteration der Harnröhre ist diese teilweise verengt oder auch vollständig verschlossen, wobei dies an jeder Stelle der Harnröhre vorkommen kann.[5] Auch bei der einer Stenose kommt es zu einer Verengung der Harnröhre bis zu einer Harnröhrenstriktur, die als Resultat einer nicht zurückgebildeten Kloakenmembran entsteht. Diese kann mit einer Klappenbildung (Urethralklappen) im Bereich der Epithelübergänge an der Pars prostatica, der Fossa navicularis oder der Harnröhrenöffnung (Meatusstenose) einhergehen.[5]

Bei einer nicht vollständig ausgebildeten Harnröhre in Form einer teilweise Aplasie der vorderen Harnröhre entsteht eine Harnröhrenspalte (Fissura urethrae inferior) mit einer versetzten Harnröhrenöffnung an der Unterseite des Penis in Form einer Hypospadie[5] oder auf der Oberseite in Form einer Epispadie. Ein vollständiges Fehlen der Harnröhre, eine vollständige Aplasie, ist ebenfalls möglich. Dabei bleibt durch eine Hemmungsfehlbildung der frühkindliche Urogenitalsinus erhalten und bildet sich nicht weiter zur Harnblase und Harnröhre.[5]

Als Harnröhrendivertikel werden Ausstülpungen bezeichnet, die in allen Abschnitten in der Regel an der Unterseite der Harnröhre auftreten können. Diese können angeboren und auch erworben als Reaktion auf eine Harnröhrenverengung sein und sich in dem Fall vor der Striktur ausbilden.[6] Divertikel führen zu chronischer Harnröhrenentzündung mit Dysurie sowie zu Hämaturie oder Harninkontinenz führen.[6] Als Spätfolgen chronischer Harnröhrenentzündungen sind bei Frauen auch Fisteln zur benachbarten Vagina möglich.[7]

Auch eine Verdopplung der Harnröhre oder die Ausbildung einer rudimentären Harnröhre als anhängender, akzessorischer, Ductus parauthrealis kommt vor.[5]

Entzündungen und Infektionen[Bearbeiten]

Die häufigste Erkrankung der Harnröhre ist die Entzündung der Harnröhrenschleimhaut, die Urethritis, die gegebenenfalls auch tiefere Schichten betrifft und dann als Periurethritis und Kavernitis bezeichnet wird.[8] Diese kann entweder spezifisch durch Gonokokken (Neisseria gonorrhoeae), die Erreger der Gonorrhoe (Tripper), oder unspezifisch auftreten.[8]

Die unspezifische Urethritis (Urethritis non gonorrhoica) wird durch verschiedene Bakterien wie vor allem Chlamydien wie Chlamydia trachomatis, Mykoplasmen wie Mycoplasma genitalium und Ureaplasma urealyticum, Trichomonas (Trichomoniasis) sowie Streptokokken oder von Viren oder Pilzen verursacht. Letztere sind die Erreger beispielsweise der Kandidose der Harnröhre. In dieser Form ist die Urethritis des Mannes die häufigste sexuell übertragbare Erkrankung und wird nach der Bestimmung der Erreger mit Hilfe von Antiinfektiva wie Antibiotika, Virustatika oder Antimykotika gegen die spezifische Erregergruppe behandelt.[9]

Akute und chronische Erkrankungen[Bearbeiten]

Eine Entzündung der Harnröhrenschleimhaut kann neben den genannten infektiösen Ursachen auch als Folge weiterer akuter und chronischer Allgemeinerkrankungen wie Diabetes mellitus, der Reiter-Krankheit oder Typhus abdominalis sowie als Begleiterscheinung bei Nahrungsmittel und Genussmittelallergien auftreten.[9] Auch ein Harnröhrenkatarrh kann sich ausbilden.

Auch eine Harnröhrenstriktur kann neben den bereits dargestellten sehr unterschiedliche Ursachen haben. Polypen und andere Geschwülste der Harnröhrenschleimhaut bilden sich vor allem bei Frauen nach der Menopause. Sie sind gutartige fibroepitlaiale Ausstülpungen der Harnröhrenschleimhaut.[10] Polypen können zu einer Karunkel (Vorfall der Harnröhrenschleimhaut) oder einem Schleimhautprolaps führen.[10] Die Karunkel (Caruncula) bildet sich als vaskularisierte und mit Schleimhaut überzogene Geschwulst des Bindegewebes im Bereich der Harnröhrenmündung und kann sich hier auch nach außen vorwölben.[11] Bei einem Prolaps tritt Harnröhrenschleimhaut und teilweise auch darunter liegendes Bindegewebe aus der Harnröhrenmündung hervor.[12] Dies kommt außer bei älteren Frauen vor allem bei Kindern und Personen mit Querschnittlähmung vor.[12] Polypen, Karunkeln und auch der Prolaps können zu Problemen des Harnabflusses führen und werden operativ behandelt.[10][12][11]

Das Urethrakarzinom (Harnröhrenkrebs) ist dagegen ein bösartiger Tumor der Harnröhre, der in der Regel als Plattenepithelkarzinom der Harnröhrenschleimhaut auftritt. Er kommt am häufigsten bei Frauen vor, die älter als 50 Jahre sind, und macht sich durch eine Harnröhrenverengung, Entzündung und Hämaturie bemerkbar. Im fortgeschrittenen Stadium kann der Tumor aus der Harnröhrenöffnung austreten (prolabieren).[13]

Ultraschallbild eines Harnsteins im Prostatateil der Harnröhre beim männlichen Hund. (Ur=Urethra (Harnröhre), Pr=Prostata, St= Harnstein)

Auch Harnsteine (Urolithiasis), die aus der Harnblase in die Harnröhre geschwemmt werden oder erst in der Harnröhre entstehen, kommen vor und können zu einer Verengung oder Striktur führen.[14] Dabei handelt es sich um krankhafte feste Gebilde (Konkremente), die sich aus Mineralsalzen im Urin bilden können.

Verletzungen und Fremdkörper[Bearbeiten]

Verletzungen der Harnröhre entstehen in der Regel durch Gewalteinwirkungen im Bereich des Beckens, durch Fremdkörper in der Harnröhre oder eingeführte Instrumente.[15] Sie können als offene oder geschlossene Verletzungen auftreten.[15] Bei der Frau kann auch eine urethrovaginale Fistel, also eine offene Verbindung zwischen der Harnröhre und der benachbarten Vagina, vorkommen. Ursachen hierfür können konkrete Verletzungen wie etwa ein Harnröhrenabriss in Folge einer Beckenfraktur, Verletzungen bei operativen Eingriffen sowie entzündliche Perforationen etwa durch eine chronische Entzündung eines Divertikels der Harnröhre sein. Urethrovaginale Fisteln stellen dabei etwa elf Prozent der Urogenitalfisteln dar, die Mehrheit sind vesikovaginale Fisteln zwischen der Blase und der Vagina als Folge von Geburten.[7]

Auch Fremdkörper können in der Harnröhre vorkommen. Es handelt sich um von außen durch die Harnröhrenöffnung eingeführte Gegenstände, die in der Harnröhre verbleiben und diese ganz oder teilweise verschließen. Dies kann aus unterschiedlichen Gründen erfolgen, etwa in spielerischer Absicht bei Kindern oder zur sexuellen Stimulation bei Erwachsenen.[14] Auch Harnsteine in der Harnröhre stellen Fremdkörper dar. Spätfolgen von Fremdkörpern in der Harnröhre können Dekubitalgeschwüre, Abszesse oder Fisteln sein.[14]

Intimschmuck und andere Modifikationen[Bearbeiten]

Wie bei anderen Teilen der Genitalregion kann auch die Harnröhre des Menschen in den Intimschmuck in Form verschiedener Piercings einbezogen werden, die dann mit einem Ball Closure Ring, einem Segmentring und Curved Barbell. Die bekannteste Form dieser Genitalpiercings ist dabei das Prinz-Albert-Piercing des Mannes, das von der Harnröhre ausgehend durch die untere Peniswand verläuft.[16] Abwandlungen stellen das Reverse-Prinz-Albert-Piercing mit einem Austritt an der Oberseite des Penis[16] sowie das Dolphin-Piercing mit zwei Öffnungen der unteren Harnröhre[16] dar. Der Ampallang ist ein Piercing, das horizontal durch die Eichel gestochen wird[16] und meist die Harnröhre kreuzt. Der Apadravya wird dagegen vertikal gestochen[16] und kreuzt die Harnröhre, sofern er mittig platziert wurde, was bei den meisten Apadravyas der Fall ist. Ein weiterer Piercingschmuck des Mannes ist der Prince’s Wand, der als Stift in die Harnröhre eingesetzt[16] und meist über ein Prince-Albert-Piercing, ein Ampallang oder ein Apadravya oder einen Ring um die Eichel (pinless) befestigt wird. Die weibliche Entsprechung des Prince-Albert-Piercings ist das Prinzessin-Albertina-Piercing, das von der Harnröhrenöffnung zur Vaginalöffnung verläuft.

In der medizinischen Literatur gibt es vereinzelt Hinweise auf Verletzungen oder Komplikationen, die durch Piercings mit Harnröhrendurchgang verursacht werden können. Dabei handelt es sich neben Entzündungen und allergischen Reaktionen beispielsweise um Einrisse, Fisteln oder andere Verletzungen.[17]

Neben Piercings gibt es weitere Modifikationen, die vor allem den Penis und die männliche Harnröhre betreffen. Eine Harnröhrendehnung zur sexuellen Stimulation kann dabei etwa mit Hilfe von Dilatatoren durchgeführt werden. Mittels Harnröhrenvibrator oder Harnröhrenplug kann die Harnröhre stimuliert werden. Bei der Bifurkation wird der Penis in unterschiedlichem Ausmaß von der Eichel her geteilt, wobei auch die Harnröhre betroffen ist. Im Falle der Subinzision findet diese Teilung nur an der Unterseite durch die Spaltung der Harnröhre und der Unterseite des Penis statt, dies kann jedoch bis zum Penisansatz reichen.

Intimschmuck und Modifikationen, in denen die Harnröhre einbezogen ist, dienen im Wesentlichen als Schmuck der ästhetischen Veränderung des Genitalbereichs. Darüber hinaus können sie eine Funktion zur Reizsteigerung bei der sexuellen Stimulation sowohl beim Geschlechtsverkehr wie bei der Masturbation haben.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Uwe Gille: Harnorgane. In: F.-V. Salomon u. a. (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. Enke, Stuttgart 2004, ISBN 3-8304-1007-7.
  •  Helga Fritsch, Wolfgang Kühnel: Taschenatlas Anatomie. 9. Auflage. 2, Thieme, ISBN 313492109X, S. 262.
  •  Theodor H. Schiebler (Hrsg.): Anatomie. 9. Auflage. Springer, ISBN 3540219668, S. 611–613.

Belege[Bearbeiten]

  1. a b c d W. Kahle, H. Leinhardt, W. Platzer (Hrsg.): Taschenatlas der Anatomie für Studium und Praxis. Band 2: Innere Organe. 5. Auflage, Thieme, Stuttgart 1986, ISBN 3-23-492105-7 (formal falsche ISBN), S. 268–269.
  2. W. Kahle, H. Leinhardt, W. Platzer (Hrsg.): Taschenatlas der Anatomie für Studium und Praxis. Band 2: Innere Organe. 5. Auflage, Thieme, Stuttgart 1986, ISBN 3-23-492105-7 (formal falsche ISBN), S. 266–267.
  3. a b Nadja Møbjerg: Organe der Osmoregulation und Exkretion in: W. Westheide und R. Rieger: Spezielle Zoologie. Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum Akademischer Verlag, München 2004, ISBN 3-8274-0307-3, S. 151.
  4. Thomas W. Sadler: Medizinische Embryologie. Aus dem Englischen von Ulrich Drews. 11. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2008. ISBN 9783134466119, S. 265, S. 319 f.
  5. a b c d e f Stichwort „Harnröhrenfehlbildungen“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  6. a b Stichwort „Harnröhrendivertikel“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  7. a b Stichwort „Urogenitalfistel“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 1602.
  8. a b Stichwort „Urethritis“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 1600.
  9. a b Stichwort „Urethritis non gonorrhoica“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 1600.
  10. a b c Stichwort „Harnröhrenpolyp“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  11. a b Stichwort „Harnröhrenkarunkel“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  12. a b c Stichwort „Harnröhrenschleimhautprolaps“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  13. Stichwort „Urethralkarzinom“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 1600.
  14. a b c Stichwort „Harnröhrenfehlbildungen“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  15. a b Stichwort „Harnröhrenverletzungen“ in Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 597.
  16. a b c d e f Michael Waugh: Body piercing: where and how. Clinics in Dermatology 25 (4), Juli/August 2007; S. 407–411. doi:10.1016/j.clindermatol.2007.05.018
  17. Martin Kaatz, Peter Elsner, Andrea Bauer: Body-modifying concepts and dermatologic problems: tattooing and piercing. Clinics in Dermatology 26 (1), Januar/Februar 2008; S. 35–44. doi:10.1016/j.clindermatol.2007.10.004