Beckmesser

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Ein Beckmesser ist ein kleinlicher, pedantischer Kritiker, nach dem Nürnberger Meistersinger und Schreiber Sixtus Beckmesser in Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg von 1867.

Historisches Vorbild[Bearbeiten]

Die Figur des Beckmesser lehnt sich an den historischen Sixt Beckmesser an, der wohl (historische Zeugnisse fehlen) im 16. Jahrhundert in Nürnberg lebte. Hans Sachs erwähnt ihn in einem Meisterlied von 1527 als einen der „Zwölf Nürnberger Meister“ oder „erwählten Meistersinger“:

Der sibent war Six Beckmesser,
sein tön lieblich erhalle.

Eine Melodie von Sixt Beckmesser, der gülden Ton, war noch im 17. Jahrhundert in Nürnberg bekannt, und ein in dieser Melodie verfasstes Neujahrslied auf Maria ist erhalten.[1]

Da der Name Beckmesser ansonsten nirgendwo archivalisch nachweisbar ist, besteht Grund zu der Vermutung, der Meister habe „Sixt Beck“ geheißen, und der Namenszusatz „-messer“ sei ein Hinweis auf seinen Beruf als Messerschmied. In den Archiven der Stadt Nürnberg wird 1539 die Witwe eines Sixt Beck genannt; ferner bestand die Messerschmiede Beck bis ins 17. Jahrhundert.[2]

Die Figur des Beckmesser in Wagners Oper[Bearbeiten]

Die Figur des Sixtus Beckmesser gilt als Parodie auf den Wiener Musikschriftsteller Eduard Hanslick, der ein heftiger Kritiker der Musik Wagners war und folgerichtig auch später an den Meistersingern keinen Gefallen fand. Im zweiten Entwurf der Oper hatte Beckmesser noch den vielsagenden Namen „Veit Hanslich“. Dieser Auffassung widerspricht allerdings die Tatsache, dass Wagner die Figur in allen ihren späteren Zügen bereits in seiner ersten Skizze von 1845 angelegt hatte, als er Eduard Hanslick noch gar nicht kannte. Jedoch überlegte Wagner kurz, die Figur „Hans Lick“ zu nennen.

Wagner hat Beckmesser als streng regelkonformen, akademisch konservativen und an den Buchstaben der Vorschriften klebenden Charakter gezeichnet, der zu eigener künstlerischer Leistung und Kreativität nicht fähig ist. Er versucht, unverändert seine einmal gefundene Melodie beizubehalten, und zwingt ihr später auch den von ihm entwendeten Text seines Konkurrenten Walther von Stolzing auf, den er nicht versteht und fehlerhaft entstellt übernimmt.

In neuerer Zeit hat vor allem Walter Jens[3] versucht, die Figur des Beckmesser zu rehabilitieren, der ein notwendiges Gegengewicht zu Sachs und Stolzing verkörpere: „Der Stadtschreiber hat auf der Bühne zu bleiben, er wird noch gebraucht!“ Diese Forderung ist verschiedentlich aufgegriffen worden und hat in einigen Regiearbeiten ihren Niederschlag gefunden.[4][5]

Davon abgesehen, ist die Figur des Beckmesser deutlich verwandt mit Shakespeares Malvolio in der Komödie Was ihr wollt.[6] Beckmesser gleicht in vielem bis in Handlungsdetails Malvolio, hier wie dort wird einem Außenseiter und Sonderling übel mitgespielt.

Beckmesser - eine Judenkarikatur?[Bearbeiten]

Sixtus Beckmesser wurde und wird verschiedentlich als antisemitische Karikatur gesehen: Wagner habe versucht, in Beckmessers missglückten Liedern jüdischen Synagogengesang zu parodieren. Darüber hinaus wird Beckmesser gelegentlich mit dem Grimmschen Märchen Der Jude im Dorn in Verbindung gebracht, hauptsächlich wegen der Textzeilen

In einer Dornenhecken,
von Neid und Gram verzehrt,
musst' er sich da verstecken,
der Winter grimm-bewehrt,[7]

die sich auf Beckmesser in seiner Funktion als Merker im „Gemerk“ beziehen.

Dem steht entgegen, dass weder der Vorname Sixt(us) noch der Nachname Beckmesser noch der Beruf des Stadtschreibers als spezifisch jüdisch wahrgenommen werden. Vier ausgesprochene Sympathiefiguren der Oper - Hans Sachs, sein Lehrbube David, Magdalena sowie Eva Pogner - tragen hingegen jüdisch-biblische Vornamen, worauf das Libretto explizit hinweist[8].

Auch ist Beckmessers Gesang eher als Parodie auf die französisch-italienische Oper zu verstehen: Die textwidrige Betonung verweist auf die französische Operntradition, die ausufernden Koloraturen erinnern an die italienische Oper des Belcanto. Dazu passt, dass Hans Sachs in seiner Schlussansprache Verachtet mir die Meister nicht zwar vor welschem Dunst mit welschem Tand warnt, Juden oder Jüdisches aber mit keinem Wort erwähnt[9].

Der Vorwurf des Antisemitismus, der u. a. von Theodor W. Adorno erhoben wurde,[10] ist wiederholt Thema wissenschaftlicher Symposien auch in Bayreuth gewesen.[11]

Redensart[Bearbeiten]

Aus der Bezeichnung Beckmesser entstanden die Beckmesserei (1920er Jahre) und das Verb beckmessern (Mitte 20. Jahrhundert). Der Begriff der Beckmesserei gilt bis heute als Metapher für beflissene und engstirnige Regelgläubigkeit.[12]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ulrich Müller, Oswald Panagl: Ring und Gral. Texte, Kommentare und Interpretationen zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Parsifal“, Würzburg 2002, S. 286-288, siehe auch Google Book
  2. Hellmut Rosenfeld: Der historische Meistersänger Sixt Beckmesser und der Meistergesang. In: Euphorion, Zeitschrift für Literaturgeschichte 47 (1953), S. 271-280
  3. vgl. seine Position zum Meistersänger Bernhard Woerdehoff: National nach Noten in Die Zeit 28/1996.
  4. Beim Deutschen Sängerbund bröckelt der Putz. in: Der Standard, 27. September 2009, zur Inszenierung der Grazer Oper.
  5. Richard-Wagner-Festspiele. Buhkonzert bei Regiedebüt in Bayreuth. (zum Regiedebüt Katharina Wagners) In: Die Welt, 25. Juli 2007.
  6. Schwerpunkt Wagner und das Komische. Hrsg. von Udo Bermbach, Dieter Borchmeyer, Hermann Danuser u. a., Heft 1, Königshausen & Neumann, 2007, S. 56. ISBN 978-3-8260-3714-6
  7. Libretto 1. Akt 3. Szene, kurz vor [422]
  8. Libretto, Hans Sachs: 3. Akt 1. Szene, [459]-[460], David: 1. Akt 1. Szene, kurz hinter [403], Eva Pogner: 2. Akt 6. Szene, [442]-[443]
  9. Libretto 3. Akt 5. Szene, [491]-[492]
  10. Jan Schleusener: Ist der Beckmesser ein Jude? in: Die Welt, 26. Juli 1999.
  11. Ludger Hoffmann: Richard Wagner, Das Judentum in der Musik (PDF; 228 kB)
  12. Hellmut Rosenfeld: Beckmesser (Peckmesser, Beck messerer), Six(t). In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 729 f. (Digitalisat).