Biologismus

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Disambig-dark.svg Einige Veröffentlichungen verwenden den Begriff Biologismus im Sinne von Biozentrismus.

Biologismus (altgriechisch βíος bíos „Leben“ und λόγος logos „Wort“, „Lehre“ und Suffix -ismus) ist ein abwertend gebrauchter Begriff für philosophische und weltanschauliche Positionen, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vorrangig durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versuchen und von denen einige auch eine entsprechende Ausgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse anstreben.

Biologisierende Begriffe und Theorien haben ihren Ursprung in sozialphilosophischen Analogien, nach denen die Gesellschaft einen Organismus bildet, der dem menschlichen Körper ähnelt,[1] oder in der Erklärung psychologischer oder sozialer Phänomene auf ausschließlich biologischer, oft genetischer Grundlage.[2] Zum Teil wendet sich die Kritik am Biologismus auch gegen den Versuch einer umfassenden Erklärung psychischer Phänomene auf neurophysiologischer Grundlage.[3] Biologismus ist insofern eine Ausprägung einer szientizistischen oder naturwissenschaftlich-reduktionistischen Position, nach der sich alle relevanten Fragen letztlich auf naturwissenschaftliche Probleme zurückführen lassen.[2][4][5]

Begriffsgeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]

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Der Begriff ist meist mit einem negativen Beiklang behaftet. Er wird insbesondere verwendet, um bestimmte Modelle des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts zu kennzeichnen. Geistesgeschichtlich betrachtet richtet sich der Biologismus im Wesentlichen gegen den Mechanizismus, aber auch den Vitalismus.

Weil Menschen Teil der belebten Natur sind, sind ihre Wesenszüge auch Forschungsgegenstand der Biologie. Deren Erkenntnisse werden folglich als Beitrag zum fachübergreifenden Forschungsfeld der Humanwissenschaften verstanden. Dass psychische und soziale Phänomene auf einem biologischen Substrat beruhen, wird von Kritikern des Biologismus nicht bestritten.[6] Mit dem Begriff „Biologismus“ wird jedoch versucht, einem alleinigen Erklärungs­anspruch der Biologie Grenzen zu setzen, zum Beispiel durch Wissenschaftstheoretische Begründungen. Dadurch wird zugleich die Eigenständigkeit einer sozial- und geisteswissenschaftlichen Methodik sowie eines ethischen Diskurses gegenüber der Biologie verteidigt. Zugleich werden mit ihm die schwerwiegenden weltanschaulichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen betont, die aus einer unzureichend reflektierten, einseitig biologischen Betrachtungsweise erwachsen können.

Der Biologismus stellt auf politischer Ebene eine Gefahr dar, wenn beispielsweise unter Verweis auf ein vermeintlich allgemeingültiges Naturgesetz soziale Unterschiede als unveränderlich beschrieben werden. Solchen Ansätzen wird dabei die problematische Erkenntnissituation des naturwissenschaftlichen Beobachters gegenübergestellt:

  • So gehen auch dessen fachwissenschaftliche Forschungen letztlich von einer – notwendigerweise unvollständigen, nur teilweisen – Beobachtung eines bestimmten gesellschaftlichen Zustandes in einem spezifischen (zeitlichen) Zusammenhang aus. Hierzu steht im Widerspruch, dass auf dieser Grundlage allgemeine, abstrakte Gesetzmäßigkeiten hergeleitet werden sollen, die ein biologistisches Weltbild stützen.
  • Darüber hinaus sind auch die dazu eingesetzten Methoden und Fragestellungen, die das Ergebnis maßgeblich beeinflussen können, zeit- und kultur­abhängig, obgleich für das Forschungsergebnis überzeitliche Gültigkeit beansprucht wird. Ein solches Vorgehen ist jedoch aus diesen und weiteren Gründen erkenntnistheorethisch problematisch.

Der Begriff dient somit vorrangig der Abgrenzung gegenüber Gedankengut, dessen biologisch dominierte Ausrichtung bemängelt wird. Eine Verwendung ohne (mehr oder weniger ausdrücklichen) abwertenden Beiklang tritt selten auf.

Gesellschaftliche Wirkungsweise[Bearbeiten]

Viele politische Strömungen (u. a. der Faschismus) haben biologistische Erklärungsmodelle für ihre Zwecke instrumentalisiert, indem sie Biologismen zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Mord verwendeten. Diskriminierungen gehen häufig einher mit einer biologistischen Argumentationsweise, der drei Funktionen zukommen:

  • Unterscheidung: Der Unterschied zwischen der diskriminierenden und der diskriminierten Gruppe wird durch vermeintlich biologisch gegebene, also angeborene Merkmale festgeschrieben.
  • Unveränderbarkeit: Dieser Unterschied wird als unveränderbar behauptet, die Möglichkeit einer diesbezüglichen Veränderung durch sozialen Wandel wird verneint.
  • Rechtfertigung: Ein tatsächlich gegebenes oder behauptetes Faktum der Natur wird zur Rechtfertigung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse benutzt.

Biologismus wird in diesem Zusammenhang als besondere Spielart der Ontologisierung und des Essentialismus gedeutet. Der Versuch, im Rahmen des Biologismus aus den Verhältnissen in der Natur („Sein“) Werte für die menschliche Gesellschaft abzuleiten („Sollen“), wird in der modernen Ethik überwiegend als naturalistischer Fehlschluss (naturalistic fallacy) eingestuft.

Erscheinungsformen und Beispiele[Bearbeiten]

Folgende Positionen werden unter anderem als Erscheinungsformen des Biologismus genannt:

  • der Malthusianismus mit seiner speziellen Deutung der Bevölkerungsentwicklung.[7]
  • der Sozialdarwinismus, der das Darwinsche Prinzip der natürlichen Auslese im „Kampf ums Dasein“ zum Bewegungs- und Entwicklungsgesetz auch des menschlichen Gesellschaftslebens erklärt, wobei die Bereitschaft zum Führen von Kriegen häufig als immanenter Wesenszug des Menschen gedeutet wird; hierunter fallen auch geopolitische Ansätze, die die Beziehungen zwischen den Staaten und Völkern sozialdarwinistisch als „Kampf um Lebensraum“ (Karl Haushofer) interpretieren.
  • die moderne Soziobiologie und Evolutionäre Psychologie, soweit sie psychologische und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich oder ganz überwiegend auf der Grundlage genetischer Faktoren erklärt.[2][8][9]

Auch soziale Erklärungsmodelle werden von ihren Gegnern häufig als biologistisch bezeichnet, so etwa:

  • auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik vorrangig durch Verweise auf biologische Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern. Aus jenen werden vermeintlich unabdingbare gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen gezogen, wodurch sexistische Auslegungen entstehen.[10][11][12]
  • in rassistischem Gedankengut, typischerweise in Form der Unterscheidung zwischen „höher-“ und „minderwertigeren“ Menschenrassen.[13]
  • in den Lehren der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung, etwa im Werk von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, die menschliches Verhalten vielfach mit Hilfe von Analogien aus dem Tierreich zu erklären versuchen.
  • in der Kriminologie, zum Beispiel das Werk Cesare Lombrosos, wo es kriminelles Verhalten ausschließlich als Folge von Vererbung betrachtet (Verbrechergen).[2]
  • als Erklärungsmodell für den Egoismus des Menschen, wobei dieser durch eine unmittelbare Analogie aus dem Tierreich als unabänderlicher tierischer Antrieb hergeleitet wird, ohne gesellschaftliche Faktoren zu reflektieren.
  • In einem berühmten Zitat aus seinem populärwissenschaftlichen Buch Das egoistische Gen bezeichnet der Soziobiologe Richard Dawkins menschliche Organismen als „Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden“.[14] Nach Auffassung von Uwe Pörksen ging es ihm mit dieser unausgewiesenen Metapher darum, die Eigenständigkeit der Moral und der Humansphäre insgesamt zurückzuweisen.[15]
  • Edward O. Wilson vertrat in seiner Soziobiologie die Auffassung, dass psychologische Phänomene oder sogar ethische Bewertungen (nur) anhand der zugrundeliegenden biologischen Mechanismen auf der Ebene der Zelle erklärt werden könnten.[16]
  • Ähnlich argumentiert der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, der die Geisteswissenschaften als bloße „Verbalwissenschaften“ ansieht, die im Gegensatz zur Biologie keine eigenständige wissenschaftliche Leistung bringen würden, weil sie sich nicht mit „real existierenden Dingen“ befassen würden.[17] Zugespitzt formulierte Kutschera in Auseinandersetzung mit einer wissenschaftsgeschichtlichen Studie: „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt Sinn, außer im Lichte der Biologie“.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Soziologismus, eine wissenschaftliche Position, die den Einfluss des Sozialen überbewertet

Literatur[Bearbeiten]

  • Jost Herbig, Rainer Hohlfeld (Hrsg.): Die zweite Schöpfung, Geist und Ungeist in der Biologie des 20. Jahrhunderts. Hanser, München und Wien 1990, ISBN 3-446-15293-8
  • Detlev Franz: Biologismus von oben. Das Menschenbild in Biologiebüchern. DISS, Duisburg 1993, ISBN 3-927388-38-6
  • Reinhard Mocek: Biologie und soziale Befreiung. Zur Geschichte des Biologismus und der Rassenhygiene in der Arbeiterbewegung. Lang, Frankfurt/Main 2002, ISBN 3-631-38830-6 (Philosophie und Geschichte der Wissenschaften, Studien und Quellen, Band 51) (Rezension [1])
  • Steven Rose: Darwins gefährliche Erben. Biologie jenseits der egoistischen Gene. C. H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-45907-2 (Rezension [2])
  • Manfred Velden: Biologismus - Folgen einer Illusion. V & R unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-200-5 (Rezension [3])
  • Immanuel Wallerstein, Imanuel Geiss, Gero Fischer, Maria Wölflingseder (Hrsg.): Biologismus, Rassismus, Nationalismus. Rechte Ideologien im Vormarsch. Promedia, Wien 1995, ISBN 390047897X
  • Garland E. Allen: Biologismus, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 2, Argument-Verlag, Hamburg, 1995, Sp. 253-257.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Biologismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. O[tthein] R[ammstedt], in: Fuchs-Heinritz: Lexikon zur Soziologie. VS-Verlag. Wiesbaden, 1995, S. 108 "Biologismus", S. 625 "biologische Soziologie".
  2. a b c d Mario Augusto Bunge: Emergence and convergence: qualitative novelty and the unity of knowledge. University of Toronto Press, Toronto 2004, ISBN 978-0-8020-8860-4, S. 154.
  3. Manfred Velden: Biologismus – Folge Einer Illusion. V&R unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-200-5, S. 15 ff.
  4. John Scott und Gordon Marshall: A Dictionary of Sociology. Oxford University Press, Oxford 2009, ISBN 978-0-19-953300-8, S. 43.
  5. Evandro Agazzi und Jan Faye: The problem of the unity of science. World Scientific, River Edge (NJ) 2001, ISBN 978-981-02-4791-1, S. 141 f.
  6. Vgl. Manfred Velden: Biologismus – Folge Einer Illusion. V&R unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-200-5, S. 8.
  7. David Pepper: Modern Environmentalism: An Introduction. Routledge, London 1996, ISBN 0-415-05744-2, S. 113.
  8. Val Dusek: Sociobiology sanitized: Evolutionary psychology and gene selectionism. In: Science as Culture. 8, Nr. 2, 1999, S. 129–169. doi:10.1080/09505439909526539.
  9. Deborah Cameron: Sex/Gender, Language and the New Biologism. In: Applied Linguistics. 31, Nr. 2, 2010, S. 173–192. doi:10.1093/applin/amp022.
  10. Vgl. Christine Zunke: Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft und ihre scheinbare wissenschaftliche Begründung (PDF; 96 kB). In: Der Biologismus – die neue 'alte' Geisteshaltung?, Hanns-Seidel-Stiftung, 2007.
  11. Stephan Sting und Vladimir Wakounig (Hrsg.): Bildung zwischen Standardisierung, Ausgrenzung und Anerkennung von Diversität. Lit Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-643-50326-8, S. 87 f.
  12. Biological determinism and the neverending quest for gender differences. In: Psychology of Women Quarterly. 31, Nr. 3, September 2007, S. 322–323. doi:10.1111/j.1471-6402.2007.00375_1.x.
  13. Manfred Velden: Biologismus – Folge Einer Illusion. V&R unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-200-5, S. 125 f.
  14. Richard H. Jones: Reductionism: Analysis and the Fullness of Reality. University Press, 2000, ISBN 0838754392, S. 194.
  15. Uwe Pörksen: Wissenschaftssprache und Sprachkritik: Untersuchungen zu Geschichte und Gegenwart. Gunter Narr Verlag, 1994, ISBN 3823345311, S. 131, 133.
  16. Unter Verweis auf E.O. Wilson (Sociobiology: The New Synthesis. 1975, S. 575) Manfred Velden: Biologismus - Folge Einer Illusion. V&R unipress GmbH, 2005, ISBN 3899712005, S. 16.
  17. Corinna Jung: Towards more confidence: about the roles of social scientists in participatory policy making. Poiesis & Praxis, März 2009, Vol. 6, H. 1-2, S. 125-129, 125.