Bolus Armenicus

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Der Name Bolus armenicus[1], häufig als terra armena oder terra armenia bezeichnet, wurde im Laufe des Mittelalters zum Synonym für medizinisch angewandte Tonheilerde.

Bolus Armenicus und andere Tonheilerden in einer Vitrine aus dem Bestand des Deutschen Apothekenmuseums

Beschaffenheit der Tonerden[Bearbeiten]

Diese ist von teigiger Konsistenz, dabei homogener und reiner als die eher sandige Heilerde. Bereits vor 1000 Jahren also wurde sie zu einem in ganz Europa bekannten Arzneimittel; schließlich belegte man nahezu jede medizinisch angewandte Tonerde mit diesem Namen. Im Universallexikon von Johann Heinrich Zedler aus dem Jahre 1733 ist Bolus jede fette oder tonartige Erde, die glänzt, die sich sanft anfühlt, also zart und glatt ist, die eine rote, blassrote oder gelbe Farbe hat und im Wasser bzw. im Mund wie Butter zergeht; sie ist eng verwandt mit den Siegelerden. Zu finden war dieser Bolus nach Zedler ehemals in der Levante (Libanon) und in Armenien, seit dem ausgehenden Mittelalter (um 1500) wurde er dann auch in Mitteleuropa abgebaut. Bis heute finden sich in der pharmazeutischen Literatur Namen wie Bolus Armenia oder Armenischer Ton: Damit wird natürlich vorkommender durch Eisenoxid rötlich gefärbter Ton bezeichnet, auch Rötel genannt. Noch im 20. Jahrhundert galten Bolus Armenia oder Terra Armenia als Qualitätsbegriffe. In Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis wurde 1938 darunter Folgendes beschrieben: Ein Ton, der Eisenoxid enthält und aus einer lebhaft roten, erdigen Masse besteht, die sich fettig anfühlt, leicht zerreiben lässt und gegen Wasser wie der weiße Ton verhält; dieser Ton kommt in Armenien sowie teilweise in Deutschland natürlich vor. Er wird unterschieden von Bolus rubra, dem Roten Ton der in der Zusammensetzung ähnlich, aber meist weniger rein und dunkler ist. Heute wird nun der weiße Ton Bolus alba medizinisch verwendet: Hierbei handelt es sich um Kaolin, ein natürliches, kristallines, wasserhaltiges Aluminiumsilikat; es wird aus Rohkaolin, einem Schichtsilikat gewonnen. Dieser Ton zeichnet sich durch eine hohe Saugfähigkeit für Wasser und – weniger stark – Öle aus. Innerlich wird es wie Kohle genutzt bei Darmerkrankungen und äußerlich als Puder (meist vermischt mit Stärke oder Talk) bei Hauterkrankungen.

Geschichte der medizinisch angewandten Tonerde[Bearbeiten]

Bereits in der griechisch-römischen Antike war die Produktion von solchen Erden, die sich durch eine hohe Oberfläche ihrer Pulverteilchen auszeichnen und dadurch entgiftend wirken, hoch organisiert: Diese Tonerden wurden an bestimmten Tonlagerstätten abgebaut, gereinigt, gepresst, konfektioniert und auf Schiffe verladen; da jede Charge der Tonerde einzeln gestempelt wurde, heißt sie bis heute auch Terra sigillata (gesiegelte Erde). An diesen Stempeln lässt sich auch die Herkunft ablesen; die im Mittelalter berühmteste Tonerde stammte wie oben beschrieben aus Armenien – der Bolus armenicus, die Terra armena oder das Lutum armenicum. Bereits die griechischen Ärzte der Antike rühmten diese Tonerde als Schutz vor Vergiftungen, wobei sowohl die äußerliche (Paste, Wickel) als auch die innere Anwendung als entgiftend beschrieben wurde. Im „Gart der Gesundheit“, der 1485 gedruckt wurde, werden viele Indikationen genannt, bei denen Bolus armenicus helfen soll: als Pulver bei jeder Wunde eine große Arznei, bei Keuchen (Asthma), als Trank bei Blutspeien oder Schwindsucht, bei blutendem Durchfall (Dissentericis), bei übermäßiger Menstruationsblutung und gegen Fieber in Seuchenzeiten, bei bösen Bläschen und Geschwüren – besonders wenn die Pestilenz herrscht, in Wein und Rosenwasser ausgelöst ein hervorragender Schutz gegen die Pestilenz. Zum Schluss meint der Verfasser des „Gart“ Wonnecke: Wenn in einer der Krankheiten, die oben angeführt wurden, der Bolus armenicus nicht helfe, dann helfe auch selten eine andere Arznei. Aus heutiger Sicht basiert das Wirkungsprinzip der inneren Anwendung von Tonheilerde auf der hohen Oberfläche der Pulverteilchen, die Giftstoffe binden können; somit wirken sie säureregulierend, bei Durchfall und zur Darmsanierung. Diese Anwendungsbereiche entsprechen weitgehend der Heilerde.

Schriftliche Quellen[Bearbeiten]

im Mittelalter[Bearbeiten]

vor 1037 – Avicenna: Canon medicinae

  • bolus Armenus, lapis Armenus, lutum Armenum

vor 1037 – Avicenna: Cantica

  • lutum Armenicum vel terra

vor 1066 – (Pseudo)Serapion / Ibn Wafid: Aggregator

  • bolus Armenus, lutum Armenum, Ten Armeni

vor 1087 – Constantinus Africanus: Liber graduum

  • Bolus Armenicus, Terra sigillata

2. Viertel des 12. Jh. Johannes Platearius: Curae

  • Bolus Armenicus

vor 1150 in Salerno: Circa instans

  • Bolus Armenicus, Terra sigillata

um 1170 – Übersetzung Avicennas Canon medicinae durch Guido von Cremona ins Lateinische

  • Lutum Armenum

1290 – Übersetzung des Aggregator durch Simon von Genua ins Lateinische

  • Terra sigillata

an der Wende zur Neuzeit[Bearbeiten]

1. Mainz 1485 – Johann Wonnecke von Kaub: Gart der Gesundheit

  • Bolus Armenicus, Lutum Armenum, Rötelstein; Terra sigillata, kieseliche Materie

Frankfurt am Main 1557 – Adam Lonitzer: Kräuterbuch

  • Weißer Bolus, versiegelte weiße Erde,Terra sigillata, in Deutschland an vielen Orten, Terra Hispanica, Terra Lemnia, Roter Bolus, Bolus Armen(ic)us, Lutum Armenum

im 17. und 18. Jh.[Bearbeiten]

Nürnberg 1685 – Dr.Johann Schröders trefflich versehene Medicin. Chymische Apotheke oder höchstlöblicher Arzneischatz

im 19. Jh.[Bearbeiten]

Paris 1805–34 – Alexander von Humboldt: Voyage aux régions équinoxiales du nouveau continent. (36 Lieferungen). – Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804. Verfasst von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland. Erster Theil: Stuttgart und Tübingen 1815, zweiter Theil: das. 1818, dritter Theil: das. 1820, vierter Theil: das. 1823, fünfter Theil: das. 1826, sechster Theil: das. 1829. Buch VIII Kapitel XXIV S.555-558

  • verschiedene Erden, die von der indigenen Bevölkerung Südamerikas mit unterschiedlicher Wirkung gegessen werden
  • Lemnische Erde: Bekanntlich wird im Orient auch heutzutage noch viel Gebrauch von den Bolar- und Sicillar-Erden aus Lemnos gemacht, die ein mit Eisen-Oxid vermengter Ton sind. (S.558)
  • deutsche Tonerde: In Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteingruben des Kiffhäuser Berges auf ihr Brod, statt der Butter, einen feinen Thon, welchen sie Steinbutter nennen. Sie halten ihn für sehr sättigend und leicht verdaulich. (S.558)

Jena 1853 – Amalius Weisenberg: Handwörterbuch der gesamten Arzneimittel von der ältesten bis auf die neueste Zeit für Ärzte und studierte Wundärzte

  • Roter Bolus, Terra sigillata rubra, weißer Bolus, Terra sigillata alba, gelber Bolus, grüner Bolus

Schriftliche Quellen zur Lemnischen u. a. gestempelten Erden[Bearbeiten]

um 800 v. Chr. – Homer: Ilias

  • Lemnische Erde mit Siegel des Philoktet; terra sigillata

um 300 v. Chr. – Theophrast

  • Tonerde von der Insel Keios (Balearen)

1. Jh. n. Chr. – Dioskurides: Materia medica

  • Lemnische Erde mit Siegel einer Ziege; terra sigillata
  • Rötel bzw. Tonerde aus Sinob am Schwarzen Meer; Ton für Handwerker

1. Jh. n. Chr. – Plinius: Naturalis historia

  • zinnoberrote Lemnische Erde

2. Jh. n. Chr. – Galen

  • Lemnische Erde
  • Tonerde aus Arezzo und Malta (Italien)

vor 800 – Lorscher Arzneibuch

  • Bolus

Gedruckte Quellen zu Erden an der Wende zur Neuzeit[Bearbeiten]

1560 – Bernhard von Oschatz

  • Tongefäße aus Laubacher Tonerde (Laubach in Hessen), Terra sigillata Strigonii (Striegau in Schlesien)

Quellen des 19. Jh. Zu Erden[Bearbeiten]

  1. Sebastian Kneipp
  2. Emanuel Felke

Literatur[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. vgl. hierzu Jörg Mildenberger: Anton Trutmanns „Arzneibuch“. Teil 2: Wörterbuch. Band 1: A–D. Königshausen und Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1398-0, S. 242–244 (Würzburger medizinhistorische Forschungen 56).