Elsbeth Schragmüller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Elsbeth Schragmüller, eigentlich Elisabeth; alias Mademoiselle Docteur, Fräulein Doktor, Fair Lady, La Baronne, Mlle Schwartz (* 7. August 1887 in Schlüsselburg, Nordrhein-Westfalen; † 24. Februar 1940 in München) war eine deutsche Spionin und während des Ersten Weltkrieges die Leiterin der deutschen Spionageabteilung gegen Frankreich im Nachrichtendienst der Obersten Heeresleitung.

Leben[Bearbeiten]

Schragmüller war das älteste von vier Kindern des preußischen Offiziers und Amtmanns Carl Anton Schragmüller und seiner Gattin Valesca, geborene von Cramer von Clausbruch. Ihr jüngerer Bruder war der spätere SA-Führer und Polizeipräsident von Magdeburg Konrad Schragmüller.

Ihre Kindheit verbrachte Schragmüller zunächst in Schlüsselburg um dann von ihrem zweiten bis neunten Lebensjahr bei ihrer Großmutter in Münster zu leben, wo sie die Volksschule besuchte. Anschließend wurde sie an einem Mädchenpensionat in Weimar unterrichtet und schließlich auf das 1893 gegründete erste Mädchengymnasium Deutschlands in Karlsruhe geschickt, wo sie 1908 ihr Abitur ablegte. Von 1910 bis 1914 studierte Schragmüller Staatswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie beendete ihr Studium 1913 mit der Promotion über die Bruderschaft der Borer und Balierer von Freiburg. Damit war sie eine der ersten Frauen in Deutschland, die einen Universitätsabschluss erwarben. Nach ihrem Studium war sie für den Berliner Lette-Verein als Dozentin für Staatsbürgerkunde tätig und arbeitet bei der Volkswohlfahrt.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 traf Schragmüller im besetzten Brüssel den deutschen Generalgouverneur Colmar von der Goltz und wurde von ihm in der Sektion VII der Kommandantur der Garnison Brüssel, die beschlagnahmte Briefe belgischer Soldaten auswertete, eingesetzt. Sie wechselte später zur Nachrichtensammelstelle und arbeitete, nach kurzer Anlernzeit in der Abteilung III b (militärischer Nachrichtendienst) des Generalstabs, in Lille. 1915 setzte Walter Nicolai sie als Leiterin der Sektion der 'Kriegsnachrichtenstelle Antwerpen' ein. Bei Kriegsende hatte sie den Rang eines Oberleutnants und war Trägerin des Eisernen Kreuzes I. Klasse.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918 nahm Schragmüller ihre akademische Laufbahn wieder auf und wurde die erste weibliche Lehrstuhlassistentin in Freiburg. Wenige Jahre später siedelte sie mit ihrer Familie nach München über. Bald nachdem ihr Vater und ihr Bruder Konrad, der während der Röhm-Affäre erschossen wurde, 1934 starben, brach auch ihre berufliche Karriere aus unbekannten Gründen abrupt ab. Ein Grund könnte Geldmangel gewesen sein.

Schragmüller starb 1940 im Alter von 52 Jahren an Knochentuberkulose in ihrer Münchener Wohnung. Nach Ansicht von Walter Nicolai, mit dem sie eine Freundschaft verband, wäre sie vermutlich im Zweiten Weltkrieg wieder vom Geheimdienst eingesetzt worden.

Spekulationen[Bearbeiten]

In der damaligen Zeit war eine Frau in einer solchen leitenden Position und noch dazu im Geheimdienst ein solches Novum, dass zahlreiche Mythen um sie gesponnen wurden. Bereits im Krieg kursierten auf der Seite der Alliierten verschiedene Legenden um „Mademoiselle Docteur“, deren Identität die Alliierten Geheimdienste nicht kannten. Entsprechend dünn ist die Quellenlage.

Nach Ende des ersten Weltkrieges wurde die Spionin anonym zur Fahndung ausgeschrieben. Ihre Identifizierung gelang erst 1945, als der amerikanischen Besatzung ein Dossier des Generalmajors Friedrich Gempp für die frühere Reichswehr in die Hände fiel. (Der Bericht lagerte danach, bis zu seiner Rückführung nach Deutschland Mitte der 1970er Jahre, bei der National Archives and Records Administration (NARA) in Washington, D.C. und befindet sich heute im Freiburger Militärarchiv.)

Zahlreiche Gerüchte über ihr Leben fasste Hans Rudolf Berndorff 1929 in einem frei erfundenen Roman zusammen, der auch zum Plot für mehrere Filme und ein Theaterstück wurde. Danach soll sie als Geliebte eines Offiziers mit 16 Jahren ein totes Kind geboren haben und von den Eltern aus dem Haus geworfen worden sein, später unter anderem Morphinistin gewesen sein, um nach Kriegsende in einer Irrenanstalt zu enden. Dazwischen habe sie, als junge Studentin getarnt oder als Putzfrau verkleidet reihenweise erotische Abenteuer erlebt und die Alliierten ausspioniert. Als 'Dr. Anne-Marie Lesser' erschien sie in der englischen Verfilmung Under Secret Orders.

Nach Magnus Hirschfeld (siehe Literatur) soll sie mit fingierten Papieren über Paris an die belgische Front gegangen sein, um die alliierte Zusammenarbeit und den Festungsring Lüttich zu erkunden. Als Bäuerin verkleidet querte sie dann die Front zur Rückreise. Demnach richtete sie auch 1916 den Spionagedienst in Paris neu ein und entkam dann über die Schweizer Grenze. Weiter reiste sie 1918 als 'südamerikanische Krankenschwester' erneut nach Frankreich und sammelte Informationen hinter der Frontlinie. In einem Lazarett erkannt, gelang ihr in französischer Uniform die Flucht.

Filme[Bearbeiten]

  • Stamboul Quest, MGM Studios, R: Sam G. Wood, 1934
  • Mademoiselle Docteur, französ. Produktion, R:Georg Wilhelm Pabst, 1936 (US-Titel Street of Shadows)
  • Mademoiselle Doctor, engl. Produktion, R:Edmund T. Greville, 1937 (US-Titel Under Secret Orders)
  • Fräulein Doktor, jugoslawisch-italienische Coproduktion, P:Dino de Laurentiis 1968
  • Annemarie Lesser, deutscher Fernsehfilm, R:Rudolf Jugert, 1971

Schriften[Bearbeiten]

  • „Die Bruderschaft der Borer und Balierer von Freiburg und Waldkirche“, in: Beiträge zur Gewerbegeschichte des Oberrheins Braun, Karlsruhe i. B. 1914.
  • Das Problem der Goldwerte, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Lucius & Lucius, 1922.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gert Buchheit: Der Deutsche Geheimdienst List, München 1966.
  • Friedrich Felger: Was wir vom Weltkrieg nicht wissen, Andermann, Berlin o.J. (1929).
  • Hanne Hieber:" 'Mademoiselle Docteur' : The Life and Service of Imperial Germany’s Only Female Intelligence Officer." In: The Journal of Intelligence History. 5, Winter 2005, S. 91-108.
  • Magnus Hirschfeld: Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges, Dausien Werner, 1980. ISBN 3-7833-8841-4.
  • David Kahn: Fräulein Doktor Revisited, National Intelligence Study Center Washington DC. Foreign Intelligence Literary Scene 11.4, 1992.
  • Janusz Piekałkiewicz: Weltgeschichte der Spionage, Südwest, München 1988.

Weblinks[Bearbeiten]