Exzerpt

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Ein Exzerpt (spätlateinisch excerptum, substantiviertes Partizip II von lateinisch excerpere ‚exzerpieren‘, eigentlich: ‚herauspflücken‘) ist ein Auszug aus einem Text oder eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Gedanken eines gegebenen Textes. In ein Exzerpt gehen also Zitate (heute gern via Copy & Paste) oder Paraphrasen ein, in der Regel wird beides kombiniert.

Der Vorgang der Erstellung eines Exzerpts als Methode wissenschaftlicher Textarbeit heißt Exzerption. Die Tätigkeit des Herausschreibens aus einem Buch heißt Exzerpieren. Die Person, die ein Exzerpt herstellt oder hergestellt hat, heißt Exzerptor.

Geschichte[Bearbeiten]

Es handelt sich um eine alte literarische und wissenschaftliche Technik; bereits Sokrates soll mit Exzerpten gearbeitet haben.[1] Auch im Mittelalter war das Exzerpieren eine beliebte Methode zur Erschließung einzelner Themenbereiche oder der Kernaussagen eines umfangreichen Werks. Seit der Frühen Neuzeit gehört das Exzerpieren zu den kanonischen Praktiken wissenschaftlich gelehrten Arbeitens; andere, komplexere Aufzeichnungstechniken wie beispielsweise die Beschickung und Befragung von Zettelkästen erwachsen hieraus.[2] Zwar gerät das Exzerpt im 18. Jahrhundert – besonders im Zusammenhang der Genieära – in den Fokus einer Kritik der rhetorischen Topik, sodass mitunter selbst Lectio-Lehren, also Anweisungen zum richtigen Lesen, die Exzerpiermethode polemisch abwerten.[3] Doch bleibt das Exzerpt als intellektuelle Operation offenbar unaufgebbar.[4] Wenn der Philologe August Boeckh historisch rückblickend festgehalten hat: „Solche Zettelwerke hatten Leibniz, Kant, Jean Paul, Alex.[ander] v.[on] Humboldt – sehr verschiedene Geister“,[5] so kann man für die neuere Zeit entsprechend heterogene ‚Geister‘ wie Walter Benjamin, Niklas Luhmann, Friederike Mayröcker, Hans-Ulrich Wehler nennen.

Wissenschaftliches Exzerpieren[Bearbeiten]

Beim Exzerpieren wird der Text mit einer bestimmten Frage gelesen. Beispielsweise kann man einen Text über Erderwärmung aus dem Blickwinkel der Frage auswerten, welche Faktoren die Erderwärmung beschleunigen.

Dabei hält der Leser Textstellen fest oder auch Eindrücke, die er während des Lesens hatte. Ein Exzerpt kann also eigene Gedanken, Zweifel oder Hinweise enthalten, die sich bei der Lektüre einstellen, sofern diese streng von den Gedanken des exzerpierten Autors getrennt werden. Um die darauf folgende wissenschaftliche Arbeit zu vertiefen, hält man wichtige Literaturverweise, Ideen, Grundaussagen und Argumente des Gelesenen fest.

Dabei sind technisch vor allem zwei Dinge zu beachten:

  • erstens bei Zitaten ringsherum Anführungszeichen nicht vergessen;
  • zweitens gleich im Anschluss ans Zitierte oder Paraphrasierte die Quellenangabe notieren.

Literaturwissenschaft[Bearbeiten]

In der Literaturwissenschaft versteht man unter Exzerpten Auszüge. Eine Exzerptsammlung ist eine Zusammenstellung ausgewählter Stellen oder Passagen (Verse, Zitate, Abschnitte oder Kapitel) aus einem oder mehreren größeren schriftlichen Werken. Der Zweck einer solchen Materialsammlung ist, die für den Auswählenden bzw. sein Publikum relevanten Aussagen bequem verfügbar zu machen. Zusammenstellungen von Exzerpten aus literarischen Werken, die unter einem bestimmten Gesichtspunkt als besonders wichtig und wertvoll ausgewählt wurden, werden auch „Blütenlesen“ (Anthologien, Florilegien) genannt.

Exzerpt als Inhaltszusammenfassung[Bearbeiten]

Wenn das Wort Exzerpt heute auch synonym für „Abstract“ verwendet werden kann,[6] dann als Bezeichnung für eine sehr freie Form einer kurzen sinngemäßen Wiedergabe.

Exzerpte über Exzerpte[Bearbeiten]

„Exzerpieren isoliert und hebt eine Sache heraus.“

Jean Paul[7]

„Um meine Lebensgeschichte zu haben, brauch’ ich bloß die Bände der Exzerpte vor mir aufzuschlagen: an jedem extrahierten Buche hängt ein glimmendes Stü[c]k meiner Geschichte.“

Jean Paul[8]

„Fühle mich ausgezeichnet zur Zeit; die tägliche 10–12stündige Studiererei, die ‚Anzapferei‘ u[nd] Exzerpiererei finden mich unersättlich“. – „[S]ehr viele Exzerpte in die Kartei übertragen; das […] Arbeitssystem erweist sich als großartiges Instrument der systematischen Stoffsammlung in Form von Schlagwörtern, die durch Verbindungskarten am immerwährenden Strom des Geistes teilhaben.“

Rudi Dutschke[9]

„[W]ährend des Exzerpierens fallen mir immer so schöne Sachen ein – es ist eine Art Parallelprozeß, ich exzerpiere etwas, ich höre dann in meinem Kopf etwas Ähnliches, etwas Anklingendes, also ich werde sozusagen vom Akustischen her befruchtet, wenn ich lese, das ist auch sehr interessant, es ist beinahe wie ein VERLESEN, sich VERLESEN, ich höre etwas, schreibe, um es vom Exzerpierten später als mein eigener Einfall wiedererkennen zu können, ein großes ‚F‘ dahinter.“

Friederike Mayröcker[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Elisabeth Décultot (Hrsg.): Lesen, Kopieren, Schreiben. Lese- und Exzerpierkunst in der europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Ripperger & Kremers, Berlin 2014, ISBN 978-3-943999-33-4.
  • Konrad Ehlich: Zur Analyse der Textart „Exzerpt“. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 13 (1981), ISBN 90-6203-993-6, S. 379–401.
  • Helga Esselborn-Krumbiegel: Von der Idee zum Text. Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Schöningh, Paderborn–München / Wien / Zürich 2002, ISBN 3-8252-2334-5, S. 73–83.
  • Jean Paul: Die Taschenbibliothek. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Hrsg. von Norbert Miller. Abt. II: Jugendwerke und Vermischte Schriften, Bd. 3: Vermischte Schriften II. Hanser, München 1978, ISBN 3-446-11662-1, S. 769–773.
  • Bettine Menke: Ein-Fälle – aus „Exzerpten“. Die ‚inventio‘ des Jean Paul. In: Renate Lachmann, Riccardo Nicolosi, Susanne Strätling (Hrsg.): Rhetorik als kulturelle Praxis. Fink, München 2008, ISBN 978-3-7705-4490-5, S. 291–307.
  • Götz Müller: Jean Pauls Exzerpte. Königshausen & Neumann, Würzburg 1988, ISBN 3-88479-371-3.
  • Manuel René Theisen (unter Mitarbeit von Martin Theisen): Wissenschaftliches Arbeiten. Erfolgreich bei Bachelor- und Masterarbeit. 16., vollständig überarbeitete Auflage. Franz Valen, München 2013, ISBN 978-3-8006-4636-4, S. 137 f.
  • Helmut Zedelmaier: De ratione excerpendi: Daniel Georg Morhof und das Exzerpieren. In: Françoise Waquet (Hrsg.): Mapping the World of Learning: The „Polyhistor“ of Daniel Georg Morhof. Harrassowitz, Wiesbaden 2000, ISBN 3-447-04399-7, S. 75–92.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Exzerpt – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Laut Xenophon: Memorabilien 1,2,56 und 1,6,14; siehe dazu Jørgen Mejer: Diogenes Laertius and his Hellenistic Background. Steiner, Wiesbaden 1978 (= Hermes, Bd. 40), ISBN 3-515-02686-X, S. 16ff.
  2. Michael Cahn: Hamster: Wissenschafts- und mediengeschichtliche Grundlagen der sammelnden Lektüre. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Lesen und Schreiben im 17. und 18. Jahrhundert. Studien zu ihrer Bewertung in Deutschland, England und Frankreich. Narr, Tübingen 1994, ISBN 3-8233-4555-9, S. 63–77.
  3. Johann Georg Philipp Thiele: An die Jünglinge von der Bildung durch Lektüre. C.F. Schwan, Mannheim 1781, S. 269–274.
  4. Christoph Meiners: Anweisungen für Jünglinge zum eigenen Arbeiten[,] besonders zum Lesen, Excerpiren, und Schreiben. 2., vermehrte Auflage. Helwingsche Hofbuchhandlung, Hannover 1791, S. 85–92 (Kapitel „Ueber die Methode zu excerpieren“).
  5. August Boeckh: Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften. Hrsg. von Ernst Bratuschek. B.G. Teubner, Leipzig 1877, S. 124.
  6. Wie es das DWDS im Artikel „Exzerpt“, allerdings unbelegt, behauptet.
  7. Jean Paul: Bemerkungen über den Menschen. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Eduard Berend. 2. Abt.: Nachlaß. Bd. 5. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1936, Reprint: ISBN 3-412-01485-0, S. 97.
  8. Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Texte & Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß. Hrsg. von Thomas Wirtz, Kurt Wölfel. Eichborn, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-8218-4453-1, S. 76, Nº 361.
  9. Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963–1979. Hrsg. von Gretchen Dutschke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3-462-03224-0, S. 14f. (Berlin, 30. März 1963).
  10. [E]s ist so ein Feuerrad. Bodo Hell im Gespräch mit Friederike Mayröcker in deren Wiener Arbeitszimmer – am 28. September 1985. In: Friederike Mayröcker: Magische Blätter II. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11421-2, S. 177–198, hier S. 197.