Hans-Ulrich Wehler

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Hans-Ulrich Wehler (* 11. September 1931 in Freudenberg bei Siegen) ist ein deutscher Historiker. Seine fünfbändige Deutsche Gesellschaftsgeschichte zählt zu den Standardwerken[1] der deutschen Geschichtsschreibung für die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1990.

Leben[Bearbeiten]

Aufgewachsen in der Zeit des Nationalsozialismus in Gummersbach und seither mit dem zwei Jahre älteren Jürgen Habermas bekannt, mit dem er in der Hitlerjugend zusammentraf[2] und dasselbe Gymnasium besuchte, legte Wehler 1952 das Abitur ab. Er studierte Geschichte, Soziologie und Ökonomie an den Universitäten Köln, Bonn und mit einem Fulbright-Stipendium an der Ohio University in Athens, Ohio. 1960 wurde er bei Theodor Schieder mit der Arbeit Sozialdemokratie und Nationalstaat (1840–1914) promoviert und war anschließend Schieders Assistent am Historischen Seminar in Köln.

Der Unternehmensberater Gerhard Kienbaum war ein Vetter Wehlers.[3]

Hochschullehrer[Bearbeiten]

Seine erste Habilitationsschrift Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865–1900 aus dem Jahr 1964 wurde von der Fakultät der Universität Köln abgelehnt. Auch seine zweite Arbeit Bismarck und der Imperialismus (1967) stieß in der Habilitationskommission auf starken Widerstand. Nach einem Kolloquium über Clausewitz und die Entwicklung vom absoluten zum totalen Krieg wurde die Habilitation schließlich 1968 in einer knappen Abstimmung der Fakultät angenommen.

Bis 1970 blieb Wehler als Privatdozent in Köln, bevor er 1970 Professor für amerikanische Geschichte an der Freien Universität Berlin wurde. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Bielefeld. Er lehrte außerdem als Gastprofessor in Harvard, Princeton, Stanford, Yale und Bern.

Werk und wissenschaftliches Wirken[Bearbeiten]

An der Reformuniversität Bielefeld gehörte Wehler zu den Begründern der so genannten Bielefelder Schule, die sich als Vertreterin einer historischen Sozialwissenschaft verstand. Ziel war es, die bislang hauptsächlich ereignisgeschichtliche Historiographie gegenüber den Sozialwissenschaften (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften) aber auch der Psychoanalyse zu öffnen. Als Publikations- und Diskussionsorgan wurde 1975 von Wehler die Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft wesentlich mitgegründet. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seiner Emeritierung blieb er die prägende Kraft der Zeitschrift.

In den ersten Bielefelder Jahren war Wehler stark theorie- und strukturgeschichtlich orientiert. Strukturen und Prozesse erschienen bei ihm wichtiger als die Entscheidungen von Personen. Dieser Ansatz war in weiten Teilen der Geschichtswissenschaft stark umstritten. Im Laufe der Zeit setzte er sich durch, und jüngere Historiker, etwa aus dem Umfeld der Alltagsgeschichte und neuen Kulturgeschichte, begannen Wehler und seine Schule als „Bielefelder Orthodoxie“ anzugreifen.[4] In theoretischer Hinsicht stützt sich Wehler in erster Linie auf die Arbeiten von Max Weber. Dabei übernahm er nicht dessen Ergebnisse, sondern in erster Linie die Art der Fragestellung und einige Grundkonzepte.

Das Konzept fand Niederschlag in zahlreichen kleineren und größeren Arbeiten. In der Fachwelt hat das Buch Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von 1973 für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt. In diesem setzte Wehler seinen strukturgeschichtlichen Ansatz erstmals konsequent um. Neben der Hervorhebung soziökonomischer Prozesse spielte dabei die Sonderwegsthese eine erhebliche Rolle. Obwohl sie mittlerweile in wichtigen Details als widerlegt gilt, hat sie einen internationalen Forschungsboom zum Deutschen Kaiserreich ausgelöst und das Geschichtsbewusstsein in Deutschland nachhaltig geprägt.

Nach zahlreichen Arbeiten etwa zum amerikanischen Imperialismus, aber auch zu theoretischen Fragen erschien 1987 der erste Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte. Dieses Projekt, wiederum anknüpfend an Max Weber,[5] untersucht die deutsche Geschichte seit etwa 1700. Mit Erscheinen des 5. Bandes im Jahre 2008, der den Zeitraum von 1949 bis 1990 behandelt, hat Wehler die Reihe zum Abschluss bringen können. Die Bände versuchen eine Art histoire totale zu liefern und folgen dabei einem einheitlichen Schema. Nach einem Überblick über Demographie und Bevölkerungsentwicklung folgt die Analyse von Wirtschaft, den Strukturen der sozialen Ungleichheit, den Strukturen und Entwicklungen der politischen Herrschaft und der Kultur.[6] Dieses opus magnum gilt zwar mittlerweile als Standardwerk, einige Aspekte stießen jedoch auch auf heftige Kritik. Dies gilt etwa für Wehlers Versuch, den Erfolg des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers mit Hilfe des an Max Weber angelehnten Charismakonzepts zu erklären.[7][8]

Beiträge zu öffentlichen Debatten[Bearbeiten]

Neben seinen fachwissenschaftlichen Arbeiten hat sich Wehler auch immer wieder an historisch-politischen Debatten beteiligt. Dazu zählte im Jahr 1986 sein Eingreifen in den Historikerstreit, der sich an den Thesen von Ernst Nolte entzündete. Wehler war neben Jürgen Habermas einer der führenden Kritiker der von Nolte und seinen Unterstützern vertretenen Thesen. Im Jahr 1989 heizte Wehler den Streit noch einmal an. Auch 1996 bezog er in der Debatte über die Thesen von Daniel Goldhagen Position und kritisierte dessen Haltung zum deutschen Antisemitismus.[9]

In seiner Universitätsstadt schaltete er sich 1998 in die Debatte um die Kunsthalle der Stadt Bielefeld ein, und verlangte die Entfernung des Namens Richard Kaselowsky. Zur Begründung hieß es, der Namenspatron habe der NSDAP angehört und sei Förderer des „Freundeskreises des Reichsführers SS“ gewesen.

Im Jahr 2002 erregten Wehlers Thesen gegen den Beitritt der Türkei zur EU erhebliche Aufmerksamkeit.[10] Im selben Jahr äußerte er sich auch zur neu konzipierten Wehrmachtsausstellung und betonte bei seiner Rede zu deren Eröffnung die Hinterfragung gesamtgesellschaftlicher Prozesse im nationalsozialistisch regierten Deutschland zu einem weiteren Ziel der Ausstellung. Nur so könne die Reichswehr und deren Vorgehen verstanden werden.[11]

2003 kritisierte Wehler die Schulpolitik der NRW-Landesregierung. Unter anderem kritisierte er die Ökonomisierung des Schulbetriebs durch Mindestzahlen in Kursen, die Verpflichtung zu nur einer Gesellschaftswissenschaft in der Gymnasialen Oberstufe sowie deren etwaigen Ersatz durch einen Ergänzungskurs, den er als unseriös bezeichnet. Letztlich sieht Wehler hier Fundamente deutscher Politik in Gefahr.[12]

Wiederholt meldete Wehler sich in den letzten Jahren in Debatten über Einwanderung zu Wort und kritisierte die in seinen Augen falsche Einwanderungs- und Integrationspolitik sowie die mangelnde Integrationsbereitschaft türkischer und muslimischer Einwanderer: „Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. […] Man soll sich nicht freiwillig Sprengstoff ins Land holen.“[13] 2007 positionierte sich Wehler im Zusammenhang mit dem Streit um die geplante DITIB-Zentralmoschee Köln in dem Sinne, dass „endlich eine offenherzige Diskussion über die Stellung der deutschen Muslime zu führen“ sei, da die DİTİB dazu neige, „sich in einer eigenen Subkultur einzuigeln und jede Assimilation zu verweigern.“[14]

In einer Rezension für Die Zeit kritisiert Wehler die auch auf genetische Aspekte gestützte Argumentation des Buches Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin. Er meint jedoch, die Analyse, die sich auch allein aus den sozialpolitischen Erkenntnissen des Buches ableiten lasse, treffe „ins Schwarze“, und verteidigt das Werk insgesamt gegen eine „fehlgesteuerte Diskussion“, in der Wehler eine massive „Attacke gegen die Meinungsfreiheit“ erkennt.[15]

Die umstrittene Äußerung von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 2010, der Islam gehöre zu Deutschland, kritisierte Wehler im Tagesspiegel: „Der Islam ist über die Jahrhunderte hinweg immer ein Gegner dieses Europas gewesen. Der Islam ist kein Teil der Kultur oder des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland geworden, egal ob sie das Recht, die Politik oder das Verfassungsdenken ansehen.“[16]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Wehler erhielt 1997 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Er wurde mit mehreren Ehrendoktorwürden ausgezeichnet. 1999 wurde Wehler zu einem auswärtigen Ehrenmitglied der American Historical Association (AHA), dem mitgliederstärksten Historikerverband der USA, ernannt. Als Begründung wurde angegeben, kein „lebender Historiker in der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit“ mehr getan habe „für die Neuorientierung und Belebung der modernen deutschen Geschichtswissenschaft.“[17] Wehler war der achte deutsche Historiker nach Leopold von Ranke (1885), Theodor Mommsen (1900), Friedrich Meinecke (1947), Franz Schnabel (1952), Gerhard Ritter (1959), Fritz Fischer (1984) und Karl Bosl (1990), der diese Auszeichnung erhielt.[18]

2003 wurde Wehler mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet; 2004 ernannte ihn die Universität Bielefeld zum Ehrensenator; im selben Jahr erhielt er „als einer der wenigen Geisteswissenschaftler die Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.“[19] Für 2014 wurde Wehler der Lessing-Preis für Kritik zuerkannt.

Schriften[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Rezensionen
Interviews

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag zu Wehler In: whoswho.de.
  2. Andreas Zielcke: NS-Vorwürfe gegen Habermas – Verleumdung wider besseres Wissen. In: Süddeutsche Zeitung, 27. Oktober 2006.
  3. Vgl. Hans-Ulrich Wehler: «Ich hab knüppeln gelernt». In: Weltwoche, 17. September 2008 (Interview mit Philipp Gut und Peer Teuwsen).
  4. Kritisch zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der 1970/80er Jahre etwa: Hans Medick: „Missionare im Ruderboot“? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft, Heft 3, 1984, S. 295–319.
  5. Vgl. dazu etwa Hans-Ulrich Wehler: Was ist Gesellschaftsgeschichte. In: ders.: Aus der Geschichte lernen? Essays. München 1988, ISBN 3-406-33001-0.
  6. Zu den erkenntnisleitenden Interessen, genutzten Theorien und dem Aufbau des Werkes vgl. v.a.: Einleitung. In: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 1, S. 6–34.
  7. Richard J. Evans. Kursänderung. Mit dem vierten Band kommt Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte in der NS-Zeit an. Frankfurter Rundschau 8. Oktober 2003. Auch: www.buechersee.de, Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914–1949.
  8. Ludolf Herbst. Wehler, der Nationalsozialismus und die Sozialgeschichte. Rezension zu: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. München 2003. In: H-Soz-u-Kult, 23. Oktober 2003 (hsozkult.geschichte.hu-berlin.de).
  9. Hans-Ulrich Wehler: Goldhagen Debatte: Wie ein Stachel im Fleisch. DIE ZEIT, 24. Mai 1996, abgerufen am 18. März 2014.
  10. Hans-Ulrich Wehler: Das Türkenproblem. Der Westen braucht die Türkei – etwa als Frontstaat gegen den Irak. Aber in die EU darf das muslimische Land niemals. In: Die Zeit Nr. 38, 2002; Hans-Ulrich Wehler (im Gespräch mit Christian Geyer): „Wir sind nicht die Samariter für die Türken“. Plädoyer gegen den EU-Beitritt eines islamischen Landes. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. November 2002; Hans-Ulrich Wehler: Die Kluft zwischen den Kulturen. In: Kölner Stadt-Anzeiger vom 21. Dezember 2002. Vgl. das taz-Interview „Muslime sind nicht integrierbar“ vom 10. September 2002 und das Interview mit Wehler in der MDR-Sendung Radio Figaro vom 19. Februar 2004. Vgl. auch Hanno Helbling: Der Historiker und die Gründe. Hans-Ulrich Wehlers „Türkenproblem“. In: Neue Zürcher Zeitung vom 15. Oktober 2002.
  11. Wehrmacht und Nationalsozialismus. Vortrag des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler zur Eröffnung der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ am 27. Januar 2002 in der Ravensberger Spinnerei Bielefeld auf der Webseite der Universität Bielefeld.
  12. Hans-Ulrich Wehler: Jugend ohne Geschichte. Nordrhein-Westfalens üble Schulpolitik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. März 2003. Nachgedruckt und kommentiert von Rolf Brütting: Die Lehrer und ihre Pläne. Reaktion des Einzelnen und Aktion des Verbandes. In: Saskia Handro u. a. (Hrsg.): Geschichtsdidaktische Lehrplanforschung. Münster 2004, S. 251–263.
  13. „Muslime sind nicht integrierbar“, Interview mit der taz, 10. September 2002.
  14. Hans-Ulrich Wehler: Türkenprobleme ohne Ende, in: Deutschlandradio Kultur, 26. August 2007.
  15. Hans-Ulrich Wehler: „Ein Buch trifft ins Schwarze“ - DIE ZEIT Nr. 41 vom 7. Oktober 2010, S. 55.
  16. Hans-Ulrich Wehler: „Mit Zähnen und Klauen verteidigen“ - Der Tagesspiegel vom 8. Okt. 2010
  17. Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler ist zum auswärtigen Ehrenmitglied des amerikanischen Historiker-Verbandes ernannt worden. Pressemitteilung der Universität Bielefeld, 19. Januar 2000.
  18. Andreas Daum: German Historiography in Transatlantic Perspective: Interview with Hans-Ulrich Wehler. In: Bulletin of the GHI (Washington DC), Nr. 26, Frühjahr 2000.
  19. Bielefelder Universitätszeitung 217/2004, S. 7 (PDF, 1,65 MB).