Frömmigkeit

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Frömmigkeit bezeichnet eine respektvolle Haltung im Sinne einer Ehrfurcht vor unlösbaren Rätseln wie auch vor vorgestellten Ordnungsmustern von Leben und Kosmos. Sie ist meistens verbunden mit einem religiös eingeübten Verhalten und dieses oftmals in einer Gesinnung und Bestimmtheit zu einem Gott. In religiösen Gemeinschaften zeichnet sich der fromme Mensch dadurch aus, dass sein Denken und Tun der religiösen Organisierung entspricht. Wenn Frömmigkeit nur vorgegeben, übertrieben oder abweichend ist, spricht man von Frömmelei, Scheinheiligkeit, Bigotterie oder Sektentum.

Wortbedeutung[Bearbeiten]

Das seit dem 8. Jahrhundert bezeugte Wort ist von dem althochdeutschen Substantiv fruma, froma („Nutzen, Vorteil“; mittelhochdeutsch vrum, vrom) abgeleitet. Das Adjektiv hatte zunächst die Bedeutung „nützlich“, später auch „tüchtig“ und „rechtschaffen“.[1] Im 16. Jahrhundert wurde es noch auf Tiere und Sachen bezogen.[2]

Frum ist etymologisch bis ins Indogermanische mit entsprechenden Begriffen zu verbinden, insbesondere mit dem griechischen εὐσέβεια (eusébeia), dem lateinischen primus und somit dem Hervorstehenden, Ratgeber und Tüchtigen (vgl. ἀρετή arete). „Das althochdeutsche-gotische <frum> beinhaltet ein ethisches Verhaltensmoment [... u.a.] in der römischen pietas [...] als der Ehrfurcht vor und dem Gehorsam gegenüber den Ordnungen des Lebens.“[2] Diese Bedeutung hielt sich bis ins 16. Jahrhundert. Noch Martin Luther benutzte es in diesem Sinne. Wenn Luther „fromm“ im heute gebräuchlichen Sinn sagen wollte, benutzte er stattdessen das Wort „gottselig“.

Die ursprüngliche Wortbedeutung hat sich auch in Wörtern wie „frommen“, was soviel wie „nützen, helfen“ bedeutet, erhalten und in Formulierungen wie fromme Hände, frommer Knecht oder frommes Tier, wo es „gut, nützlich oder ehrlich“ sowie „sanft, leicht lenkbar, gehorsam“ bedeutet (vgl. den Ausdruck: „lammfromm“). Goethe hingegen verwendete ‚Frömmigkeit’ im Sinne von ‚rechtschaffen’ und als ‚wohlgemeint, aber unerfüllbar’.[3]

Ab dem 17. Jahrhundert wird ‚Frömmigkeit’ hauptsächlich in dem noch heute geläufigen Zusammenhang einer Ehrfurcht vor dem Göttlichen gebraucht, zunächst stark auf Pietisten bezogen, bei Kant positiv im Sinne eines leitenden Grundsatzes „von oben“ wie auch negativ im Sinne „einer knechtischen Gemütsart“.[3] Die Variationsbreite reicht generell von einerseits mystisch-kontemplativen Formen, auch weltabgewandter Innerlichkeit und andererseits „transzendental gebundener geistlich-religiöser Weltverantwortung bis hin zur immanent-religionslosen Welt-Frömmigkeit des atheistisch-sozialistischen Humanismus.“[2]

Antike Philosophie und Kultur[Bearbeiten]

Siehe die Tugenden bei Aischylos und Sokrates mit Frömmigkeit (εὐσέβεια, eusébeia), welche Platons Ideenlehre zum ‚Guten’ mit Klugheit (φρόνησις, phrónesis) und Weisheit (σοφία, sophía) systematisch ersetzt. Siehe auch Epikurs Haltung mit einer „materialistischen“ Verehrung der „Götter“ der Welt.

Im Alten Rom verstand man unter pietas grundsätzlich ein ehrendes, respektvolles Verhalten, das die Hierarchien achtete. pietas konnte also sowohl Gehorsam und Ehrfurcht gegenüber den Göttern bzw. (in der christlichen Spätantike) gegenüber Gott bezeichnen, als auch Respekt und Achtung gegenüber sozial höhergestellten Menschen. Insbesondere die Ehrfurcht gegenüber dem Vater bzw. der väterlichen Gewalt galt den Römern als zentrale Tugend. Erst in der lateinischen Literatur des Mittelalters wurde pietas weitgehend auf die religiöse Bedeutung eingeschränkt. Die Pietas wurde gelegentlich auch auf Rückseiten von Münzen der römischen Kaiserzeit geprägt.

Pietas auf Denar der Plautilla, Rückseite
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Frömmigkeit in Religionen[Bearbeiten]

Das Phänomen Frömmigkeit findet sich in jeder Religion. Man kann zwischen innerer mystischer und expressiver ekstatischer Frömmigkeit unterscheiden.

In der Regel drückt sich Frömmigkeit einerseits religiös in Gebet, Opfer, der (regelmäßigen) Teilnahme an religiösen (Kult-)Handlungen, und andererseits praktisch in respektvollem und barmherzigem Umgang mit den Lebenden und Toten aus. Die Stärke der religiösen Ausübung und die Anforderungen an den einzelnen Gläubigen können stark variieren.

Bereits im antiken Rom umfasst die pietas die äußere kultische Handlung und die ihr zugrunde liegende innere Gesinnung. (Cicero: De domo sua)

Judentum[Bearbeiten]

Im Tanach macht die Gottesfurcht den Kern der Frömmigkeit aus. Scheu vor dem strafenden, zürnenden Gott und Jubel über sein Erbarmen kennzeichnen die innere Haltung Israels im Tanach. Abraham gilt als der Idealtypus der israelitischen Frömmigkeit, die aus der Bewährung in der Tat gepaart mit Demut und Gottvertrauen besteht und in völlige Hingabe mündet.

Im späteren Judentum ist der Frömmigkeitsbegriff eng mit dem Begriff der Gesetzestreue verbunden, was bedeutet, dass der fromme Jude sich an die Vorschriften und Gesetze seiner Vorväter, in erster Linie, wie sie in den fünf Büchern Mose festgehalten sind, hält, z. B. den Sabbat einzuhalten, die Reinheitsgebote genau zu beachten, zu fasten, Almosen zu geben usw. Dieser Frömmigkeitsbegriff, den die Pharisäer vertraten, führte – falsch verstanden – zur Gesetzes-Frömmigkeit, die aus rein formalem Gehorsam bestand und durch deren Einhaltung sich gewisse Menschen berechtigt fühlten, Gott gegenüber auch Ansprüche zu stellen. Allerdings wird so eine Haltung von fast allen jüdischen Autoritäten abgelehnt – das Einhalten des Gesetzes ist ihnen zwar in der Tat sehr wichtig, ersetzt aber keineswegs die nötige innerliche Haltung zu Gott.

Im Ostjudentum der frühen Neuzeit entwickelte sich die ekstatische Frömmigkeit des Chassidismus.

Christentum[Bearbeiten]

Im Neuen Testament finden sich viele Belege dafür, dass Jesus sich vehement gegen eine rein äußerliche Gesetzes-Frömmigkeit aussprach, vor allem in Gesprächen, in die ihn Pharisäer oftmals verwickelten (Mt 23,28 EU). Er forderte uneingeschränkte Hingabe an den Vater, die nur durch das stete Bemühen in der sittlich-religiösen Tat verbunden mit einer tiefempfundenen Gottes- und Nächstenliebe zu verwirklichen sei.

Bereits seit der Alten Kirche galt vor allem das weltabgewandte zurückgezogene als Eremit, geweihte Jungfrau oder im Kloster als Ausdruck von Frömmigkeit. Erst im Laufe der Zeit erweiterte sich das Verständnis der Frömmigkeit dahin, dass jeder Gläubige als fromm gelten könne, ohne dass seine Frömmigkeit an bestimmte äußere Gegebenheiten gebunden sein müsse. In der katholischen Kirche wird die Frömmigkeit zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes gezählt.

Seit der Aufklärung wurde, vorwiegend im Protestantismus, immer mehr die „Innerlichkeit“ betont. Sie lebt aus dem religiösen Gefühl des einzelnen Gläubigen, der auch im „stillen Kämmerlein“ seine Frömmigkeit leben könne. Hieraus entstand im 18. Jahrhundert die große Bewegung des Pietismus, die in ihren Anfängen ganz von dieser persönlichen, privaten Frömmigkeit geprägt war. Jeder müsse vor sich selbst und seinem Schöpfer vertreten, wie intensiv und wahrhaftig er seinen Dienst für Gott und die Menschen versehe. Im 19. Jahrhundert wurde Frömmigkeit noch weiter verengt als „Bestimmtheit des Gefühls“, so Schleiermacher.

Die Frömmigkeit der einzelnen Gläubigen kann also sehr unterschiedlich sein, bezieht sich aber immer auf Gott und schließt die Teilhabe an der christlichen Gemeinschaft ein.

Islam und andere[Bearbeiten]

Siehe Sufismus u. a.

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Theologie / Religionsphilosophie[Bearbeiten]

Siehe Søren Kierkegaard u. a.

Dietrich Bonhoeffer (1964, S. 541) setzt der „Hitze der Frömmigkeit“ das „Ausharren am Wort“ entgegen.

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Humanismus und Freidenker[Bearbeiten]

Siehe Humanismus und dessen antike Vorbilder bis hin zu konfessionellen Formen.

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(Post-)Moderne Philosophie[Bearbeiten]

Friedrich Nietzsche begreift die Frömmigkeit als träumerische Hingabe, Flucht vor der Wahrheit und auch als ein Verständnis, das dem Unglauben entwächst.[3]

Herbert Schnädelbach vertritt einen „frommen Atheismus“, der ohne einen Gottesglauben dasjenige zu respektieren meint, was sich niederschlägt in religiösen Fragen, theologischen Aufklärungsleistungen und dem uneinholbaren Moment des Nichtwissens.

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Literatur[Bearbeiten]

  • Theodor Kappstein: Psychologie der Frömmigkeit. Studien und Bilder. Heinsius 1908.
  • Pierre Pourrat: La spiritualité chrétienne. Vier Bände, Paris 1947-51.
  • Werner Gruehn: Die Frömmigkeit der Gegenwart. Grundtatsachen der empirischen Psychologie. Aschendorff 1956.
  • Friedrich Schleiermacher: Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange Dargestellt. (a) Studienausgabe in zwei Bänden, de Gruyter, Berlin/New York 1984 (1. Auflage: 1821/22), ISBN 978-3-11-008837-3; (b) 1984 (2. Auflage: 1830/31), ISBN 978-3-11-020494-0; (c) Kritische Gesamtausgabe, 1. Abt., Teilbände 7/1 und 7/2, 1983 (-1821/22), ISBN 978-3-11-0085938; (d) Teilbände 13/1 und 13/2, 2003 (-1830/31), ISBN 978-3-11-016610-1.
  • Johannes Heide, Henning Schröer, Friedrich Wintzer u.a. (Hrsg.): Frömmigkeit und Freiheit. Theologische, ethische und seelsorgerliche Anfragen. Festschrift für Hans-Dieter Bastian zum 65. Geburtstag. CMZ, Rheinbach-Merzbach 1995, ISBN 3-87062-021-8.
  • Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. 2. Auflage. Primus bzw. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2000, ISBN 3-89678-172-3.
  • Arnold Angenendt: Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter. (= EDG. 68.) Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-55700-9.
  • M. Derwich/ M. Staub (Hg.)Die ›Neue Frömmigkeit‹ in Europa im Spätmittelalter, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 978-3-525-35855-9.
  • Lucian Hölscher: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland, C. H. Beck, München 2005, ISBN 978-3-406-53526-0.
  • Herbert Schnädelbach: „Der fromme Atheist“, in: Neue Rundschau 118, Heft 2, 2007, S. 112-119, ISBN 978-3108090690 (formal falsche ISBN).
  • Herbert Schnädelbach: Religion in der modernen Welt. Vorträge, Abhandlungen, Streitschriften. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009 (Rezension von Dennis Schmolk), ISBN 978-3596183609.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Herbert Schnädelbach im Interview mit Jürgen Wiebicke, „Das philosophische Radio mit Herbert Schnädelbach über Atheismus“ (mit einer Identifikation als „frommer Atheist“), 29. August 2008 [1].

Anmerkungen / Nachweise[Bearbeiten]

  1. Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, Berlin 2011, S. 320.
  2. a b c Max Keller-Hüschemenger, „Fromm, Frömmigkeit“-Abschn. I, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 1972, mit Quellenangaben zur Typesierung.
  3. a b c Udo Theissmann, „Fromm, Frömmigkeit“-Abschn. II, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 1972, mit modernen Quellennachweisen.